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Homework
Applied Linguistics

University, School

Georg-August-Universität Göttingen

Grade, Teacher, Year

2003, Joachim Grage

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Lars Gustafssons Roman „En biodlares död“


  1. Einleitung

Lars Gustafssons Roman „En biodlares död“ erzählt die Geschichte des krebskranken Volksschullehrers Lars Lennart Westin. Dieser verbringt seine letzten Tage in einer einsamen Hütte im schwedischen Västmanland, der Heimat des Autors.

Gepeinigt und gequält von zeitweise starken Schmerzen, beginnt Westin auf sein bisheriges Leben zurückzuschauen und es zu analysieren. Immer weiter entfernt er sich dabei von seiner eigentlichen Vergangenheit, denn Schmerz und Hoffnung sind von nun an seine ständigen Wegbegleiter. Schmerzempfinden und die Beschreibung seiner körperlichen Schmerzen sind das zentrale Thema des Romans, an dessen Ende unweigerlich der Tod wartet.

Westin beschreibt die Veränderungen, die in seinem Körper vorgehen so eindringlich, dass die Verbindung, die zwischen Körper und Geist besteht, deutlich hervortritt.

Gustafsson widmet sich somit in diesem Werk einem Thema, dass in der Literatur bis zu diesem Zeitpunkt eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat. Zwar sind Liebesschmerzen, Sehnsuchtsqualen und der körperliche Schmerz als Mittel der Bestrafung häufig verwendete Motive, doch ist der körperliche Schmerz an sich ein in der Literatur selten dargestelltes Thema.

Und obwohl Gustafsson als Literat sowohl in Skandinavien, Deutschland und den USA vielbesprochen ist, so behandelten dennoch nur wenige Rezensionen die Schmerzdarstellung in seinem Roman „En biodlares död“ umfassend.

Auch wenn dieser Roman sicher zu einer Vielzahl verschiedener Analysen einlädt und der Leser geradezu gestoßen wird, seinen eigenen Weg zu gehen, oder wie Lars Grahn meint: „Det är precis som om man i hans böcker inbjuds till att precis här och nu uppfinna både tänkandet och talandet på nytt.“[1] – so liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit dennoch auf der Bedeutung und der Darstellung der Schmerzen im vorliegenden Roman.

Analysiert werden in einem ersten Schritt die formale Darstellung sowie die Probleme und Grenzen der Schmerzdarstellung. Im weiteren geht es um die Bedeutung der Schmerzen im physiologischen Sinn und um die Auswirkungen dieser auf Westins Psyche. Es wird auf die Frage eingegangen, was die Schmerzen für Lars selbst bedeuten und wie er im Verlauf der Erzählung damit umgeht.

Vorrangig ist es somit das Schmerzmotiv, welches näher beleuchtet werden soll. Dennoch sollen auch andere formale Besonderheiten und kritische Ansätze des Romans ebenso mit einfließen.

  1. En biodlares död – Einordnung in das Gesamtwerk Gustafsson

Der Roman „En biodlares död“ bildet das abschließende Werk in Gustafsson Pentalogie „Sprickorna i muren“. 1978 erscheint das Buch und wird genau wie auch die vier vorhergehenden Romane von dem Leitsatz „Vi börjar om igen. Vi ger oss inte.“[2] geprägt. Dennoch stellt der Roman laut Ulrike Christine Sander eher eine Ausnahme innerhalb dieses Romanzyklus dar, denn anders als in den vorausgegangenen Werken, seien hier die biographischen Parallelen nicht so stark ausgeprägt.

Dies werde auch darin deutlich, dass sich das primäre Verfasser-Ich bereits auf den ersten Seiten des Buches von seinem Leser verabschiedet und sich auf diese Weise deutlich von seiner fiktiven Romanfigur abgrenzt, um so die größtmögliche Distanz zwischen sich selbst und der Hauptfigur Lars Lennart Westin zu schaffen.[3]

Trotz dieses Bruches innerhalb dieser Romanfolge sind auch in diesem Werk Gustafssons eine Reihe biographischer Züge wiederzuentdecken. So heißt auch hier die Hauptfigur Lars und ist ebenso wie ihr Schöpfer am 17. Mai 1936 in Västmanland, Schweden geboren.[4]

Doch in diesem Buch herrscht, wie Lothar Baier es ausdrückt, „strengste Erzähldisziplin“, denn bereits im Prolog „ .zieht Gustafsson zwischen sich und der Figur Lars Lennart Westin einen dicken Trennungsstrich. Er will nur als Herausgeber der Aufzeichnungen auftreten, die Westin hinterlassen hat.“[5]

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Lars Gustafssons Roman En biodlares död
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Gerade diese „Herausgeberfiktion“[6], wie Sander es nennt, ist der große Unterschied gegenüber den vorhergehenden Romanen. Gustafsson versucht hier anhand fiktiver Notizbuchaufzeichnungen, die genau benannt, datiert und teilweise auch charakterisiert sind, sich als Autor vollkommen zurücktreten zu lassen, um von nun an die Regie in die Hand seiner Romanfigur Lars Lennart Westin zu legen: „Den röst ni kommer att få höra från och med nu är hans, inte min, och därför tar jag avsked av er här.“[7]

Der Autor verabschiedet sich also bereits an dieser Stelle von seinem Leser, will sich von dem weiteren Verlauf der Erzählung abgrenzen und den Leser sich selbst überlassen. Und dies gelingt Gustafsson insofern, als dass er in der Rolle des Autors und Verfassers während der gesamten Handlung tatsächlich nicht wieder auftaucht und den Leser somit immer mehr in diese Herausgeberfiktion hineingleiten lässt, so dass er zeitweise vergisst, dass der eigentliche Autor trotz allem noch Gustafsson selbst ist.

  1. Darstellung der Schmerzen

3.1.  formale Darstellung der Schmerzen

Am häufigsten bedient sich Gustafsson bei der Darstellung der Schmerzen ganz einfach dem Mittel der Beschreibung. Zum ersten mal konkret taucht der Schmerz auf, als Lars Lennart Westin mit seinen Kindern, die ihn in den Sommerferien besuchen, Badminton spielt. Zunächst glaubt er, dass es sich um einen Hexenschuss handelt, doch die Schmerzen sind so intensiv, dass er im sich im gleichen Augenblick fragt: „Men finns det ryggskott som gör så djävla ont att man får blodsmak i munnen?“[8]

An dieser Stelle charakterisiert er die Schmerzen bereits in einer sehr heftigen Art und Weise und mit einem durchaus sehr starken Wort wie „djävla“, dass in der Umgangssprache häufig im Zusammenhang mit Flüchen und Schimpfwörtern gebraucht wird.

Etwas später beschreibt er seinen Schmerz als taub und an einigen Tagen auch brennend oder pulsierend. Detailgenau geht er darauf ein, an welcher Stelle des Körpers er einsetzt und wie er sich fortsetzt.

Besonders kennzeichnend ist auch die gleich zu Beginn beschriebene Episode, als Westin beschreibt, wie sein eigener Hund ihn nicht erkennt. Der Leser ahnt bereits an dieser Stelle, dass das Verhalten des Hundes in einem Zusammenhang mit der Krankheit Westins stehen könnte, doch der Bienenzüchter selbst spekuliert in eine ganz andere Richtung.

Er glaubt, der Hund sei ganz einfach zu alt geworden und könne ihn aufgrund des schlechter werdenden Geruchssinns nicht mehr erkennen. Dennoch hat man als Leser das Gefühl, dass Westin sich an dieser Stelle selbst gegenüber nicht ganz ehrlich ist und ganz tief in seinem Innersten auch hier schon davon überzeugt ist, dass das Verhalten des Tieres doch etwas mit seiner Erkrankung zu tun hat.

Denn schließlich gibt er zuletzt eine Erklärung, die ihm zwar vollkommen wiedersinnig vorkommt, die er aber trotz dessen erwähnt: „Det finns naturligtvis en förklaring till men den är så stollig att jag inte kann tro på den. Att jag helt plötsligt börjar lukta annorlunda, på något jädrans subtilt sätt som bara hunden kan känna.“[9] Er scheint also dennoch zu glauben, dass der Hund auf irgendeine Art und Weise spürt, dass es mit der Gesundheit seines Herrn nicht zum besten steht.

Fast ebenso oft wie die Beschreibung taucht in Zusammenhang mit dem Schmerz der Vergleich auf. Seine tiefe Verbundenheit mit der Natur und die Verwurzelung in seiner Heimat lassen Westin die Schmerzen mit einer Landschaft vergleichen: „Smärtan är som ett landskap.“[10] Man könnte nahezu von einer Synästhesie sprechen als er beschreibt, wie er auf seinen Spaziergängen bemerkt, wie die Landschaft um ihn herum eine seltsame Farbe durch diesen Schmerz bekommen hat und wie bestimmte Bäume, die er passiert, besonders wehtun.[11]

Etwas später vergleicht er seine Schmerzen mit Metall, wie zum Beispiel Gold: „Sedan fortsätter den upp mot naveln ut mot höften, mot benets baksida, det ligger en solfjäder av dova ekon av det där lysande guldet upp mot mellangärdet.“[12] Er empfindet den Schmerz als etwas Fremdes in seinem Körper, etwas, was genau wie Metall in einem funktionierenden Köper nichts zu suchen hat.

Worte wie „ton“, „frekvenser“, „svängningstal“, „ackord“[13] lassen den Schmerz als etwas technisches, unnatürliches erscheinen, so dass dem Leser bewusst wird, wie automatisiert das Schmerzempfinden an dieser Stelle der Krankheit bereits ist und wie sehr er sich bemühen muss, dem Leser verständlich zu machen, wie heftig er doch diesen Schmerz empfindet.

An anderer Stelle verwendet er dazu das Bild des Wasserfalls. Nach einer sehr intensiven Schmerzattacke „strömt“ der Schmerz jetzt nur noch dahin: „Det är som om den hade passerat något slags förfärligt vattenfall och nu är vi i bakvattnet, i de svarta långsamma virvlarna på andra sidan igen.“[14] Hier gelingt es Gustafsson förmlich dem Leser ein Aufatmen, fast eine Erleichterung zu entlocken, denn mit Hilfe dieses Vergleichs veranschaulicht er, wie stark doch der Schmerz gewesen sein muss, wenn er jetzt, nur noch dahindümpelnd, Westin eine solche Befreiung beschafft.

Am kraftvollsten, beeindruckendsten – vielleicht aber auch am hoffnungslosesten wirkt die Liste, in der Lars die Kunstarten nach deren Schwierigkeitsgraden sortiert. Angefangen von Erotik über Musik, Lyrik, Dramatik und vieles mehr, ordnet er insgesamt 28 verschiedene Künste in diese Aufzählung ein.

Es gelingt Gustafsson mit einer Vielzahl von Bildern, Vergleichen und Beschreibungen den Schmerz für den Leser in einer Form darzustellen, dass es eindringlicher fast nicht mehr geht. Er vermeidet dabei jedoch, dass auf irgendeine Art und Weise Mitleid entsteht. Ebenso wenig handelt es sich um das Jammern und Winseln eines alten Mannes, der am Ende seines Lebens mit Schmerzen kämpft – es ist schlichtweg eine einfache, nüchterne und ganz besonders anschauliche Art, dem Leser den Schmerz deutlich zu machen: „Die Beschreibung der zunehmenden und nachlassenden Schmerzen ist überzeugend und zeigt noch, wo sie sich bis ins Unerträgliche steigern, einen Willen zu Proportion und Analyse.“[17]

3.2.  Probleme der Schmerzdarstellung


Gustafsson versucht, wie im vorhergehenden Kapitel verdeutlich, den Schmerz mit Hilfe von Beschreibungen, Metaphern und Vergleichen darzustellen. Dennoch stoßen sowohl Autor als auch Leser unweigerlich auf das Sprachproblem, denn Sprache kann trotz allem den Schmerz nicht darstellen. Schließlich fühlen wir keinen körperlichen Schmerz beim Lesen des Buches.

Da Worte nicht in der Lage sind, angemessen zu verdeutlichen, was ein Mensch empfindet, wenn er Schmerzen hat, ist unmöglich sie umfassend zu beschreiben, einordnen zu können oder gar mit denen eines anderen Menschen vergleichen zu können: „och där detta ´ha ont´ kan betyda vad som helst på en skala mellan milt obehag och brännande smärtor.“[18]

Zwar gibt es Worte, um den Schmerz zu beschreiben, dennoch kann man sich nie vollkommen sicher sein, dass die mit Worten gesendete Botschaft beim Empfänger 1:1 ankommt. Weiterhin fragt sich Lars Lennart Westin sogar: „Kanske är det för att två människor kan se samma färg, men två människor omöjligt kan känna samma smärta?“[19] Besonders deutlich tritt das Sprachproblem in der kleinen, in der Erzählung integrierten Geschichte „En värld där sanning härskar“ hervor.

Vill man t. ex. säga ´en solvarm sten´ finns det bara ett sätt. Det är att lägga en solvarm sten i handen, eller rättare sagt, i klon på den person man talar med.“[20]

Die Vorstellung, dass man das, was man seinen Mitmenschen mitteilen möchte, ausführen muss, um es ihnen zu verdeutlichen, ist beeindruckend. Auch Gustafsson führt die Idee weiter aus und stellt fest, dass Lügen somit in dieser Welt eine vollkommene Unmöglichkeit sind. Auch der Begriff Planet ist dann natürlich undenkbar und ein lyrisches Gedicht zu verfassen wird nahezu eine Unmöglichkeit.

Kurz charakterisiert Gustafsson diese Idee als: „ .en värld där symbolen hela tiden sammanfaller med tinget .“[21]

In einer solchen Welt wie der Autor sie hier beschreibt, gäbe es wohl keine Probleme bei der Darstellung der Schmerzen, es gäbe keine Missverständnisse und jedem wäre vollkommen klar, wie dieser Schmerz, dem Westin ausgesetzt ist sich anfühlt. Ganz deutlich ist an diesem Beispiel spürbar, dass der Mensch sich mit Hilfe seiner Sprache nicht so intensiv mitteilen kann und immer etwas im verborgenen bleibt.

Ganz im Gegensatz dazu scheint Gustafssons früheres Werk „Die Maschinen“ zu stehen, denn hier kommt er zu der Auffassung, „[ .]daß die Sprache etwas vollkommen Durchsichtiges ist, das unsere Gedanken ohne Rest ausschöpft.“[22] Und obwohl dies in absolutem Widerspruch mit der zuvor beschriebenen Geschichte „En värld där sanning härskar“ steht, kommt Gustafsson laut Lothar Baier am Ende dennoch zu der Einsicht, dass die Sprache als Apparat zwar durchsichtig und erklärbar sein mag, ihre Bedeutung aber ein Geheimnis bleibt.[23]

Es ist das gleiche Problem, dass Lars Gustafsson auch in „En biodlares död“ beschäftigt. Sprache kann nur in begrenztem Maße wiedergeben, was der Autor eigentlich ausdrücken möchte und auch wenn man vielleicht der Meinung ist, etwas unmissverständlich ausgedrückt zu haben, so kann man dennoch nicht sicher sein, dass Signifikant und Signifikat übereinstimmen, denn die Zuordnung von Signifikant und Signifikat ist lediglich eine psychische Operation des jeweiligen Empfängers der Botschaft.

  1. Bedeutung der Schmerzen

4.1.  physiologische Bedeutung von Schmerz


Schmerz ist eine Empfindung des Körpers, die mehr oder weniger heftig und quälend erlebt wird. Sie soll den eigenen Körper bei Schädigungen des Organismus warnen. Dennoch scheint diese Alarmfunktion unvollkommen zu sein, da gerade lebensbedrohliche Organveränderungen wie zum Beispiel Krebs erst in fortgeschrittenem Zustand Schmerz verursachen.[25]

In früheren Zeiten wurde „ . der Körper lange Zeit als natürlich, biologisch konstant und mithin geschichtslos [ .]“[26] betrachtet, doch allein die Tatsache, dass man mit einer Reihe typischer Adjektive versucht, Schmerzen zu charakterisieren und zu beschreiben, beweist, dass der im Gegenteil ein sehr instabiles System sein kann. Im allgemeinen unterscheidet man dann zum Beispiel brennende, stechende, krampfende, ziehende oder drückende Schmerzen.

Schmerz ist jedoch nicht nur als Schutzmechanismus des Körpers anzusehen, sondern durch ihn wird auch die Verbindung zur Umwelt aufrechterhalten. Im übertragenden Sinne gilt dies auch für Lars Lennart Westin. Er selbst verachtet zu Beginn die älteren Menschen und Patienten im Wartesaal des Krankenhauses, weil sie erst durch ihre Krankheit eine Identität erhalten: „Deras sjukdom ger dem en identitet.“[27] Er versteht nicht, warum diese Menschen nicht protestieren und sich widersetzen, gegen ihre Schmerzen und gegen das System, gegen die „Abfertigung“ im Krankenhaus.

Er beginnt, sein Leben von Kindheit an zu analysieren und wird immer tiefer in diesen Sog hineingezogen. Sein eigener Schmerz überlistet ihn sozusagen und zwingt ihn, sich auch mit der Umwelt in welcher er lebt zu beschäftigen.

4.2.  psychische Auswirkungen des Schmerzes auf Lars Lennart Westin

Wie auch die Hauptfigur des Buches so gelangt ebenso der Kritiker Per Qvale zu der Einsicht, dass das Schmerzerlebnis selbst die Voraussetzung dafür ist, dass wir das Nichtvorhandensein oder das Frei sein von Schmerz als das Paradies empfinden.[28]

Lars Westin selbst stellt sich nach seinem intensiven Schmerzempfinden das Paradies als eine „schmerzfreie“ Zone vor, wobei bei ihm nicht bloß das Nichtvorhandensein von Schmerz dieses Paradies charakterisiert, sondern vielmehr das Erlebnis des nachlassenden Schmerzes für ihn zum absoluten Glückserlebnis wird. Aufgrund seiner Krankheit erkennt Westin, dass diese intensiven Schmerzen für ihn zur Voraussetzung wurden, sein „ursprüngliches“ Paradies wiederherzustellen.

Es scheint somit zuerst, als habe der Schmerz eine Reihe sehr positiver Auswirkungen auf die Hauptfigur, doch indem Westin erkennt, dass das Frei sein von Schmerzen ein so befreiendes Gefühl ist, lebt er in der ständigen Angst, sie könnten wiederkehren. Er fürchtet, bangt und ahnt. Er hofft darauf, dass die Schmerzen verschwunden bleiben und beobachtet seinen eigenen Körper genau.

Diese ständige Furcht jedoch vor der Wiederkehr der Schmerzen wird zur Belastung, so dass tagtäglich für ihn nur noch die Frage zählt, wann der Schmerz wieder einsetzen wird.

Dennoch bleiben die aus den Schmerzen resultierenden positiven Auswirkungen vordergründig, da Westin sich ausführlich mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzt, sie analysiert, um die eigenen Handlungen zu verstehen und nachvollziehen zu können. „An seiner Krankheit [Westins] reflektiert Gustafsson mit Gleichmut die Wiedergewinnung einer verlorengegangenen Ursprünglichkeit der Empfindung und Wahrnehmung.“[30] schreibt Klaus Reitz.

Dem ist zuzustimmen, denn tatsächlich handelt ein beträchtlicher Teil des Buches von Westins Wiederentdeckung der eigenen Kindheit und Jugend. Er scheint sich teilweise regelrecht in seinen Erinnerungen zu verlieren, um dann schlagartig zur Wirklichkeit zurückzukehren und sich mit seiner Krankheit auseinanderzusetzen und ihr zu begegnen.

Dennoch stellt die Tatsache, dass er den Brief nicht geöffnet hat eine Art Widerstand, ein sich Widersetzen gegen die Krankheit dar. Mit dieser Handlung hält er anfangs die Hoffnung aufrecht, es könne sich um eine harmlose Sache wie Nierensteine o.ä. handeln. Doch im Verlauf der Handlung und mit dem Zunehmen der Schmerzen schwindet diese Überzeugung.

Schließlich leidet er unter der Angst vor der Wiederkehr der Schmerzen fast genauso, wie von den eigentlichen, tatsächlichen Schmerzen: „Nu lider jag precis lika mycket av rädslan för smärtan.“[32] Er beobachtet sich selbst, seinen Körper. Täglich wartet er darauf, das die Schmerzen abermals einsetzen könnten und diesmal noch schlimmer sein könnten.

Er beginnt zu philosophieren, so dass der Leser sich teilweise dazu verleitet fühlen könnte zu glauben, dass Westin im Wahn der Schmerzen redet. Rikard Schönström sieht den Grund für diese Fantasiereisen der Hauptfigur folgendermaßen: „Gustafsson tycks alltså i sista hand [ .] vilja visa på det faktum att verkligheten trotsar varje beskrivning eller gestaltning.

Die Beschreibung der Erlebnisse und Ereignisse lässt einen jedoch keinen Augenblick daran zweifeln, dass es sich hier um die Beschreibung der Realität handelt. Bis zu dem Punkt an dem Westin schlagartig der Erkenntnis trifft: „MEN HERREGUD JAG HAR ALDRIG HAFT NÅGON BARNDOM I STOCKHOLM.“[34]

Damit hat Gustafsson seinen Lesern deutlich vor Augen geführt, dass die Wirklichkeit tatsächlich immer eine andere ist, als man glaubt.

Ebenso beginnt Westin, dass Wort „Ich“ zu hinterfragen. Er ist auf der Suche nach seiner eigenen Identität und begibt sich auf diesem Selbstfindungsprozess immer wieder in die eigene Vergangenheit. Todesahnung und Hoffnung konkurrieren in seinem Inneren miteinander und der Schmerz lässt ihn sich selbst als Körper erfahren – er wird sich dessen bewusst, einen Körper zu besitzen.

Sander ist jedoch der Auffassung, dass Gustafsson in diesem Roman die Suche nach der Identität aufgibt, um sich ganz dem Mysterium auszuliefern. Immer wieder beschreibt der Autor das menschliche Bewusstsein mit Hilfe eines Bienenschwarms: „Das alles sind bestenfalls Umschreibungen des Problems, Versuche, `sich das Unbekannte mit Hilfe des Bekannten` zurechtzulegen, Erklärungen von `Rätseln mit Rätseln`, ohne jede Aussicht, zum Kern des Mysteriums der Persönlichkeit vorzustoßen: [ .] `Nur als Rätsel wird der Mensch groß und deutlich`.“[35]

4.3.  Bedeutung der Schmerzen für Westin

Gustafsson selbst beschreibt seine Romanfolge „Sprickorna i muren“ als „Ein Versuch, eine individuelle Freiheit und eine individuelle Perspektive aufrechtzuerhalten und zu formulieren .“.[36] Genau das ist es auch, was Lars Lennart Westin mit seinem Schmerz tut. Er versucht, den Schmerzen einen Sinn zu geben und sieht sie als eine Möglichkeit, sich als „ich“ zu empfinden.

Durch diesen Schmerz kann er frei sein. Er hat die Wahl dagegen zu kämpfen und sich die Hoffnung zu bewahren oder aber einfach aufzugeben. Westin kämpft – er kämpft jedoch nicht, um die Krankheit zu besiegen, sondern er kämpft gegen sein eigenes Bewusstsein und für seine Unabhängigkeit. Er widersetzt sich den Zwängen der Gesellschaft und ist lange Zeit nicht bereit, in ein Krankenhaus zu gehen.

Der Schmerz setzt bei ihm Prozesse innerhalb seines Bewusstseins in Gang, er setzt sich mit diesem Schmerz auseinander und versucht gleichzeitig ihn in sein Leben zu integrieren. Dennoch versucht er, sich nicht von der Krankheit beherrschen zu lassen und die eigene Freiheit zu bewahren. Als seine Verwandten ihn besuchen, versteckt er seinen Schmerz und will sich nicht verraten.


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