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Glauben mit Verstand?

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Reflection
Philosophy

University, School

Johannes Gutenberg-Universität Mainz - JGU

Grade, Teacher, Year

Dr. phil. 1992

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Resümee David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand: Kapitel VIII (Teil 1 und Teil 2) - Über Freiheit und Notwendigkeit Wenn Menschen sich dazu durchringen, über Fragen nachzudenken, die das humane Denken übersteigen, die Frage nach dem Ursprung zum Beispiel, dann werden sie lange Zeit Ergebnislos bleiben und auch niemals zu einem befriedigenden Ergebnis kommen. Wenn sich die Frage, aber auf einen Gegenstand des alltäglichen Lebens und der menschlichen Erfahrung bezieht, dann kann man von der Annahme ausgehen, dass solange Diskutiert wird, bis keine Gegensätze mehr da sind. Jede Wirkung, die in der Natur geschieht, ist genau durch eine Ursache bestimmt. Es kann unter den betreffenden Umständen also keine andere Wirkung außer der Entstehenden geben. Wir haben keinen anderen Begriff von Notwendigkeit oder Verknüpfung der über die ständige Verbindung gleichartiger Gegenstände hinausgeht. Die Handlungen der Menschen sind in allen Völkern und zu jeder Zeit immer gleich. Die Prinzipien und die Handlungsweisen der menschlichen Natur bleiben konstant. Wenn man wissen will, wie die Griechen oder Römer leben, dann braucht man sich eigentlich nur die Franzosen und Engländer anschauen. Menschen sind immer und überall gleich. Wenn uns ein Reisender sagen würde, dass es in dem Land, aus dem er gerade kommt, Menschen gibt, die weder gierig noch süchtig nach Ruhm oder rachsüchtig sind, würden
Unterrichtsentw­urf zum 1. beratenden Unterrichtsbesu­ch im Fach ev. Religionslehre für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen Thema: „Die Säulen des Islam – Einander mit Verstand und Respekt begegnen“ Inhaltsverzeich­nis 1.     Beschreibung der Lerngruppe  3 1.1.       Die Schule  3 1.2.       Die Lerngruppe – Entwicklungs- und Leistungsstand  4 1.2.1.         Fachliche Ebene  4 1.2.2.         Methodische Ebene  5 1.2.3.         Soziale Ebene  7 2.     Klärungen und Begründungen   7 2.1.       Fachliche Wissensbasis  7 2.1.1.         Eigener Zugang zum Thema  11 2.2.       Kompetenzvorgab­en  11 2.3.       Mögliche Methoden und Zugangsweisen  12 2.3.1.         Bedeutung für die Schüler in Gegenwart und Zukunft 12 2.3.2.         Bezug zur Erfahrungswelt der Kinder  13 2.3.3.         Auswahl und Begrenzung des Stundeninhalts  13 3.     Einbettung der Sequenz in die Planungseinheit­   13 4.     Zielbestimmunge­n   14 5.     Verlaufsplanung­   15 5.1.       Didaktischer Kommentar/ Planungsalterna­tiv­en  15 5.2.       Strukturskizze  18 6.     Medien und Material  20 7.     Anhang   21 8.     Literaturverzei­chn­is  25 1. Beschreibung der Lerngruppe 1.1. Die Schule Die XXXX Grundschule besuchen derzeit etwa Schüler[1],  die von ca. XX Lehrern[2] unterrichtet werden und auf XX Klassen verteilt sind. Die Schule ist somit fast durchgängig fünfzügig. Dies liegt daran,

Glauben mit Verstand?

Gedanken zum Sinn von Religion heute


Ambivalente frühe Erfahrungen

Für viele Kinder war, zumal wenn sie auf dem Land großgeworden sind, das Schauspiel der Heiligen Messe die erste ästhetische Erfahrung überhaupt. In Zeiten, in denen es nur drei Fernsehprogramme gab, hatten die beträchtlichen Inszenierungsmöglichkeiten zumal der katholischen Kirche noch Gewicht.

Das Repertoire konnte sich sehen lassen: Wenn zu Fronleichnam die Fahnen aus dem Fenster hingen und Kinder Straße für Straße Blumen streuten, wenn zu Weihnachten oder Ostern mindestens zweistündige Messen die ganze kirchliche Dramaturgie in Szene setzte, verfehlte das seine Wirkung nicht. Selbst die Fastnacht konnte da nicht mithalten. Die Rituale der Liturgie, ihre Mischung aus Erhabenheit und Melancholie, die Kirchenlieder mit ihrer traurigen Feierlichkeit vermittelten früh ein Gefühl für das, was nicht von dieser Welt ist, für Vergänglichkeit und Sünde.

Ein unbestimmtes Schuldgefühl kam auf, als habe man Christum persönlich ans Kreuz geschlagen. Beklommen prüfte man sich und fand, wenn man lange genug in der Seele wühlte, auch Verfehlungen. Andererseits wurde das Vademecum gleich mitgeliefert: Mit zwei Vaterunser und gegebenenfalls einem Schmerzensreichen Rosenkranz war die Welt nach der Beichte wieder in Ordnung.

Sei es, dass die Ausführung der Rituale durch die ernsten Büßermienen reihum in den Kirchenbänken immer schon monoton und freudlos vollzogen wurden, sei es, dass sie zunehmend so empfunden wurden, jedenfalls erschienen sie mit der Zeit als inhaltsleere Tradition. Zur Bedrückung gesellte sich die Langeweile.

Es dauert eine Weile und bedarf eines gewissen Abstraktionsvermögens, bis man imstande ist, die Frage nach dem grundsätzlichen Sinn dieser Rituale von ihrer geistlosen Ausführung abzutrennen und neu zu bewerten.


Ein Urbedürfnis gleich hinter dem linken Ohr

Religion ist als „Rückbindung“ an eine außerweltliche sinnstiftende Macht eine Konstante seit der Frühzeit des Menschen. Sie ist zu einem eine Weise der ganzheitlichen Weltdeutung, mit deren Hilfe man verstehen will, wie Erde und Himmel zusammenhängen und wo der eigene Platz ist. Zum anderen ist sie die eschatologische Antwort auf die menschliche Unerlöstheit, auf das „Kreuz“, mit dem sich hienieden mehr oder weniger jeder plagt, und natürlich auf den Tod.

Es ist kein Gottesbeweis, aber in der Tat ein seltsamer Gedanke, dass all dieser unvorstellbare Aufwand an Schöpfung, von der Ebene der Quanten bis zu den Galaxien, und der Mensch mit seinen kulturellen Leistungen mittendrin, ohne irgendeine höhere Absicht sein sollte.

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Religionen vermitteln Sicherheit in einer beliebig und zufällig scheinenden Welt und bedienen damit ein Grundbedürfnis. Sie strukturieren durch ihre Feste, Gebete und Rituale den Tag und das Jahr. Ihre Symbolsprachen fördern die Unterscheidungsfähigkeit: Gott und Mensch, Endliches und Unendliches, Ewigkeit und Zeit, Gut und Böse. Sie integrieren den Tod ins Leben, vermögen ihm Tiefe zu geben.

Neuerdings ist der Sinn für Religion gewissermaßen a posteriori auch wissenschaftlich belegt. Die Hirnforschung, die neue Leitwissenschaft, hat ihn lokalisiert. Er liegt gleich hinter dem linken Ohr und kann mit elektromagnetischen Strahlungen beeinflusst werden. Friedrich Schleiermacher, von dem noch die Rede sein wird, sagte vor über 200 Jahren, die Religion habe „eine eigne Provinz im Gemüte“. Empirie braucht eben meistens etwas länger.

Das menschliche Bedürfnis nach Religion wird aktuell bis zum Überdruss durch zahllose, meist mediengesteuerte „Events“ und Debatten im Umkreis des Religiösen bezeugt. Es scheint auch für Intellektuelle schick geworden zu sein, sich religiös zu nennen.


Dreierlei Atheismus

Doch die Zahl derer, die auf Religion verzichten, ist in der westlichen Welt seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert immer weiter gestiegen. Religion gibt es im Prinzip zwar also immer, aber ihre Anhänger schwinden. Die Zahl bekennender Atheisten steigt. Doch Atheist ist nicht gleich Atheist. Genauso wie es einen Glauben aus Denkfaulheit gibt, der Tradiertes gedankenlos übernimmt, gibt es einen Atheismus aus Denkfaulheit, von Kant „aufgeklärter Defätismus des Unglaubens“ genannt, der, gerne unter dem Vorwand der Entideologisierung, jede Form von Religiosität als Tarnung eigener Interessen denunziert.

Der Atheismus aus Resignation hingegen ist Ergebnis rechtschaffenen, aber fruchtlosen Bemühens um die letzten Fragen und Dinge. Der fröhliche Vanitas-Atheismus, frei nach dem Goethe-Vers „Ich hab’ mein Sach’ auf nichts gestellt, juche“, schließlich folgert aus der Bindungslosigkeit einen Freibrief für alles, das heißt ein Atheist dieses Schlages konvertiert im Grunde zum Narzissmus.

Viele, die Religion nicht persönlich brauchen, räumen gern ein, dass sie nützt, nämlich als Trost der Trauernden, als soziale Organisation, die zum Beispiel Kindergärten betreibt oder allgemein als Institution, die partiell in der Lage ist, darauf hinzuwirken, dass es materiell gerechter und – in nichtfundamentalistischer Ausprägung – auch friedlicher zugeht in der Welt.


Jenseits des Nutzeffektes

Es gibt wohl keine Religionskritik, die die Theologen nicht schon selbst erledigt hätten. Weder kriminelle Vergangenheiten noch problematische Lehrmeinungen sollen daher Gegenstand dieser Gedanken sein. Auch der Glaube selbst entzieht sich strenggenommen dem Diskurs, weil er eine subjektive Erfahrung, eine seelische Gewissheit ist.

Ein Glaubender kann vielleicht schildern, wie er sich fühlt, aber mit Argumenten wird er hinter den Glauben zurückfallen, sogar angreifbar werden.

Es bleibt die Frage, welchen Sinn Religion heute in einer säkularisierten Welt haben kann. Damit ist nicht ein konkreter, berechenbarer Nutzwert gemeint. Eine nur „nützliche“ Religion stammt historisch aus dem Geist der Aufklärung, die nach der Zerstörung der als ideologisch entlarvten Funktionen nur noch Nutzeffekte übrig ließ und sich heute im Umkreis von Psychotherapie und Sozialpolitik bewegt.

Wer glaubt, fühlt sich offenbar besser. Und wer aus diesem Impetus heraus Anderen soziale Werte vermittelt und karitativ tätig ist, Religion und Moral also gleichsetzt, handelt offenbar ganz im Sinne religiöser Überzeugungen und ist eine Stütze der Gesellschaft. Zweifellos.

Die hermetische Seinsweise des Glaubens macht es ohnehin schwierig, zu bestimmen, was überhaupt eine religiöse Erfahrung auszeichnet. Wo als Religion getarnter Hokuspokus oder Menschenfänger, die beispielsweise die Evolution leugnen, ihr Unwesen treiben, dürfte es ratsam sein, mit dem ungläubigen Thomas den Finger in die Wunde zu legen und nach Beweisen zu fragen, statt seinen Verstand auf dem Altar irgendeiner kopflosen Innerlichkeit zu opfern.

Der verständliche intellektuelle Stolz, der diese Skepsis fordert, mag zugleich das Hindernis jeder tieferen Spiritualität sein.


„Alles mit Religion, nichts aus Religion“

Gehen wir einen Schritt zurück und begeben uns in die Zeit der Romantik. Friedrich Schleiermacher, einer ihrer bedeutendsten Köpfe, fand nichts so abscheulich, wie Religion von ihrem Nutzen aus zu betrachten. In „Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ von 1799 will er mit ihr „ein Gegengewicht halten gegen die schwerfällige Anhänglichkeit des Zeitalters an den gröberen Stoff“.

Nach Schleiermacher vermag die menschliche Seele nichts so sehr zu berühren wie Religion. Sie ist für ihn, wie es in der berühmten Wendung heißt, „der Geschmack für das Unendliche“, ein Gefühl dafür, was es heißt, in der Welt zu sein und in ihren Fragmenten das Ganze, nicht zu „erkennen“, sondern „anzuschauen“.

Das „Anschauen“ ist nicht etwa aktivisch zu verstehen, – der religiöse Mensch wird als antriebsarm und dem „müßigen Beschauen“ hingegeben beschrieben, was keineswegs negativ gemeint ist - sondern die Dinge selbst „handeln“. Die Menschen erfahren nur die sinnlichen Auswirkungen zum Beispiel des Lichts oder der Schwerkraft.

Doch selbst, wer den Lauf der Welt, ihr Werden hin zum Vollkommenen beobachtet, hat Voraussetzungen zu erfüllen: „Um die Welt anzuschauen und um Religion zu haben, muss der Mensch erst die Menschheit gefunden haben, und er findet sie nur in Liebe und durch die Liebe.“ Wessen Seele sich in Ehrfurcht danach sehnt, die Schönheit der Welt auf diese Weise „anzuschauen“, der sieht überall Wunder und der ist wahrhaft religiös.

Die Aufklärung habe die Religion bloß von ihrem Nutzen für einen bestimmten Zweck wie Moral und Sittlichkeit her gedacht: „Welche Erniedrigung!“ Religionskriege hätten ihre Ursache darin, dass man über Moral gestritten habe, und eben diese gehöre gar nicht zur Religion. Für ihn ist Religion Wert an sich.

Es habe auch keinen Sinn, „in der Wut des Verstehens“ alles analytisch zu zergliedern und dann wieder in ein System zu zwingen, weil Religion sich dadurch auszeichne, dass das „Ganze des Universums angeschaut“ werde. Dieses Ganze kann in jedem Einzelnen „im Endlichen“, also zum Beispiel in jeder Erscheinungsform der Natur „beseelt angeschaut“ werden, vorausgesetzt, es geschieht in kindlicher Andacht.

Der Mensch soll „alles mit Religion tun, nichts aus Religion.“ Religion ist also ein Modus der innerlichen Aneignung des Universums, weniger ein Glaube an bestimmte Inhalte. „Das Universum ist in einer ununterbrochenen Tätigkeit und offenbart sich uns jeden Augenblick. Jede Form, die es hervorbringt, jedes Wesen, dem es nach der Fülle des Lebens ein abgesondertes Dasein gibt, jede Begebenheit, die es aus seinem reichen, immer fruchtbaren Schoße herausschüttet, ist ein Handeln derselben auf uns; und so alles Einzelne als einen Teil des Ganzen, alles Beschränkte als eine Darstellung des Unendlichen hinnehmen, das ist Religion.“ Man könne nicht die Naturkräfte bezwingen wollen und gleichzeitig ihre Gesetze freudig und hingebungsvoll betrachten.


Abstand zur Welt

Auch heute ist Religion eine Antithese zur Gesellschaft. Kaum etwas anderes verhält sich so asynchron zur gegenwärtigen Alltagswirklichkeit. Sie fügt sich nicht in das Paradigma des Schnellen, Kurzlebigen, Wirkungsheischenden. Das ist ihre Stärke, denn damit ist sie geeignet, Distanz zum Bestehenden herzustellen, wenn auch in anderer Weise als durch Reflexion.

Man kann mit ihr souveränen Abstand zur Welt und zum eigenen, ach so wichtigen Ich gewinnen. Die materiellen Bindungen des Alltags können sich relativieren. Religion gibt Raum für Gelassenheit und Gelegenheit, die Angst vor den Menschen und die um sich selbst zu verringern. Diese Gelassenheit als Form innerer Souveränität ist ein existenzielles Bedürfnis, nicht nur ein Instrument, um Zwecke effizienter zu erreichen.

Indem so Religion den Abstand zur Welt fördert, hilft sie, sie besser zu ertragen und vielleicht sogar zu gestalten. Daraus ergibt sich eine unverhoffte Parallele zur sich selbst in Frage stellenden transzendentalen Vernunft, die gleichfalls einen Abstand durch reflektierende Kritik herstellt. Abstand, gleichwie hergeleitet, ist erste Voraussetzung, um die aktuellen existentiellen Probleme der Menschheit zu lösen, vor deren Last auch die meisten Streitigkeiten in und zwischen den Religionen verzwergen.


Nicht jede Botschaft Benedikts XVI. ist so hörenswert wie diese. Möge sie deshalb nicht auf taube Ohren stoßen. Man wird in der Tat den Verdacht nicht los, dass dem modernen Menschen ein wichtiger Sinn abhanden gekommen ist. Als ob ein Organ fehlte! Aber welches? Nennen wir es versuchsweise Organ für Spiritualität. Die zivilisationsgeschädigten Menschen klagen über latente Unzufriedenheit, mentale Erschöpfung, Freud- und Ruhelosigkeit, Gereiztheit, Depression.

Ihr Leben erschöpft sich buchstäblich, weil kein Raum für spirituelle Seinstiefe da ist. Mit anderen Worten: Es ist wahrscheinlich, dass der Verlust von Religion ein Defizit, die berühmte metaphysische Obdachlosigkeit erzeugt, die nicht deshalb schon leichter zu verkraften ist, weil sie oft gar nicht erkannt wird. Wie sonst käme es zu den vielen Ersatzreligionen?


Liebe statt Äquivalenz

Die erfolgreichste aller Ersatzreligionen heißt Kapitalismus und beherrscht den Großteil der Welt. Das ist nicht neu. Geld und Warenwelt sind als materialisierte Heilsversprechen so hochgradig dafür geeignet, als Surrogat zu dienen, dass es viele nicht mehr merken. Die Terminologie bedarf praktischerweise kaum einer Änderung: aus Erlösung wird Erlös, aus Credo wird Kredit, aus Glauben wird Gläubiger.

Logos und Marken sind nicht nur symbolische Orientierungshilfen in einer unübersichtlichen Warenwelt, sie versprechen auch Sinn, sind „Kult“. Daraus entstehen Botschaften an die Gesellschaft, die alles ausgrenzen, was nicht in einem ökonomischen Sinne funktioniert, vor allem natürlich den Tod.

Durch den pseudosakralen Pomp weiter Bereiche der Werbung entsteht ein permanenter Kult um den Konsum, der sich damit anschickt, den Platz des Sakralen, den die Religion einst innehatte, einzunehmen.

Und doch könnte es jenseits der symbolischen Ebene kaum einen größeren Unterschied geben: Grundprinzip des Kapitalismus ist, falls die Geschäfte ordnungsgemäß ablaufen, was ja keineswegs immer der Fall ist, das Äquivalenzprinzip: Ware gegen Ware bzw. gegen Warenwert. Wenn es aber heißt: Liebe deine Feinde.

Tu Gutes denen, die dich hassen, so lässt sich kein größerer Gegensatz dazu denken! Doch offenbar ist das kapitalistische Talent des Menschen weit größer als das altruistische. Vielleicht wäre es gut für eine Gesellschaft, wenn ab und an etwas getan würde, ohne einen Gegenwert zu erwarten. - Aber wir reden von der Theorie.


Aufklärung nützt auch der Religion

Aufklärung nur über den Nützlichkeitsgedanken zu definieren, käme einer Denunziation gleich. Gleichwohl hat das ihr eigene Gedankengut natürlich auch nützliche Auswirkungen, sogar auf die Religion: „Welche Religion ich bekenne? Keine von allen,/die Du mir nennst. Und warum nicht? Aus Religion.“ Damit nimmt Friedrich Schiller, von dem das Distichon stammt, das Eigentümliche der Religion, das als Religiosität sich von den Glaubenssätzen der Einzelreligionen unterscheidet, ernst, ohne sich zum Parteigänger zu machen.

Das ist, wenn man so will, aufklärerisch. Eine Position, die respektvoll und tolerant ist, aber Wert auf Unabhängigkeit legt. Bei allen Unterschieden - Schiller war den Göttern Griechenlands weit gewogener als dem Christentum - teilt Schiller mit Schleiermacher also den Respekt vor der Religion.

Eine respektvolle Position macht es unmöglich, Gott für jeden Unsinn verantwortlich zu machen, vom Stoßgebet des Elfmeterschützen bis zum Retter des Vaterlandes. Wer Respekt vor Religion hat, stört sich an der Gedanken- und Kritiklosigkeit ihrer Anhänger sogar dann, wenn er ihre Inhalte gar nicht teilt.


Mit Gottes Hilfe und der Wissenschaft

Auch wenn die Glaubenserfahrung wohl sui generis eine außerhalb des Denkens ist, schließt das nicht aus, über den Sinn des Glaubens nachzudenken. Ein Hinweis darauf, dass Religion und Logik nicht in jedem Fall zu verschiedenen Gebieten gehören, ist der etymologische Zusammenhang von „Religion“ mit „intellegere“ (= verstehen, erkennen).

Wer also heute vom Glauben spricht, kann trotz der fundamentalen Unterschiede dieser Seinsweisen auch vom Denken reden. Eine Religion, die aus den Menschen nur passive Empfänger des Weltgeschehens macht, bedarf eines aufklärerischen Impulses, um überhaupt in der Lage zu sein, Ungerechtigkeiten und Not in der Welt nicht nur zu beklagen, sondern sie abzuschaffen.

Ist es nicht so, dass – mit Schleiermacher - sich Religion zwar keineswegs in Moral erschöpft, aber deshalb nicht notwenig ein Gegner von Moral zu sein hat?

Die Fronten sind in diesem prekären Spannungsfeld nicht immer eindeutig: Selbst Schleiermacher hat einen klaren Blick auf die Wirklichkeit, wenn er die Arbeitsverhältnisse der frühen Industrialisierung als „größtes Hindernis der Religion“ beklagt: „Jetzt seufzen Millionen von Menschen beider Geschlechter und aller Stände unter dem Druck mechanischer und unwürdiger Arbeiten.“ Von der „Vollendung der Wissenschaften“ erhofft er sich die Abschaffung dieses Zustands, damit jeder „in Ruhe und Muße in sich die Welt betrachten kann“.


Eine Frage der richtigen Balance

Wenn also einerseits heute Aufklärung, etwa durch den Vollzug wissenschaftlicher Methoden oder die Anerkennung der Menschenrechte, dem Prinzip nach in den westlich geprägten Ländern selbstverständlich ist, und andererseits ein von der Aufklärung nicht bedienbares Bedürfnis nach Religion oder Spiritualität als vorhanden akzeptiert wird, wäre dann nicht der Zeitpunkt gekommen, beide in großem Stil miteinander zu versöhnen und nicht länger Vernunft und Glauben, Wissenschaft und Spiritualität gegeneinander auszuspielen?

Die Erfahrung zeigt, dass Religionen durch ihre Emotionalisierungspotenz menschliche Verhaltensweisen im Guten wie im Bösen verstärken. Religion schützt sich vor sich selbst, wenn sie den Filter des Denkens durchläuft. Mit eingeschalteter Vernunft wird es unwahrscheinlicher, dass sie ideologisiert wird.

Summa summarum: Religion auf ihre moralisch-aufklärerische Wirkung zu beschränken, macht aus ihr einen humanistischen Sozialverein. Religion ganz ohne Aufklärung hingegen wird weltfremd, dogmatisch und fanatisch. Sie bedarf also der Aufklärung, ohne sich ihr zu verschreiben. Je nachdem, wohin sich die Waagschale neigt, ergeben sich gute oder schlechte Wirkungen.

Wir müssen das Vollkommene wollen, sonst verblöden wir.“

Das hört man gern. - Einerseits. Leider ist Verblödungsangst kein Massenphänomen. - Oder Gott sei Dank.

Denn vielleicht müssen wir die Vollkommenheit nicht unbedingt erreichen. Das wäre wieder sehr zwanghaft und freudlos. Zu wissen, dass es sie gibt, ist als erster Schritt auch schon etwas. Außerdem kann eine gut dosierte Einfalt sogar lebensdienlich sein. Und Intelligenz in ihrer eher unterschwelligen Variante behindert zumindest nicht den Eintritt ins Himmelreich.



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