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Ex oriente lux?[1]

Kommt aus dem Osten eine neue Haltung zum Können in der bildenden Kunst?


Leistungsnachweis Modul 13

«Kunst lehren? Doppelrolle von Künstler und Kunstpädagoge»

Leitung: Prof. Dr. Peter Schneemann


Master of Advanced Studies (MAS) in Fachdidaktik Kunst und Gestaltung

Institut für Erziehungswissenschaften

Universität Bern


Bernhard Chiquet

*****

*****

Juli 2008

Inhalt


1. Deskilling – eine Strategie der Moderne 3

2. Gekonnt: Hyungkoo Lees Animatus 6

3. Wem gefällt Lees Können? . 7

4. Kommt aus Asien eine neue Haltung zu Können und Deskilling? . 8

5. Anmerkungen 12

6. Literaturverzeichnis . 15

7. Abbildungsverzeichnis 17

8. Abbildungen . 18


1. Deskilling – eine Strategie der Moderne

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert setzte in der europäischen Malerei eine Entwicklung ein, die man als Zerfall jahrhundertealter handwerklicher Traditionen bezeichnen kann: Leinwände und Farben wurden zunehmend beim Händler gekauft, die Maler wussten nicht mehr, womit sie malten.

Sie bauten ihre Bilder technologisch falsch auf Ölgründen auf, malten à la prima direkt auf die Leinwand und liessen oft Partien des später nachdunkelnden Stoffes frei. Sie überliessen damit ihre Werke einem schnellen Zerfall und bereiteten kommenden Generationen von Restauratoren viel Kummer, aber auch regelmässige Arbeit.[2] Schon um die Jahrhundertwende sollte ein Künstler wie Edvard Munch (1863 - 1944) seine Bilder sogar absichtlich schlecht behandeln, sie während des Malens mehrfach wieder abwaschen und zerkratzen, sie zum Fenster hinaus werfen oder in Regen und Schnee stehen lassen.

Munch nannte dieses künstlerische Verfahren "die Rosskur" ("hestekur")[3] und verdankte den Skandalen, die er damit auslöste, eine scharfe Trennung des Publikums in glühende Verehrer und hasserfüllte Gegner. In der Geschichte der Kunst des 20. Jahrhunderts gibt es einen Strang, den man die Geschichte der Dekonstruktion des Handwerks nennen könnte.

Künstler entwickeln einen grossen Ideenreichtum, um jede Virtuosität aus den handwerklichen Prozessen zu verbannen: sie zeichnen mit der linken Hand, stellen ihre Bilder während des Malens auf den Kopf, lassen Maschinen für sich zeichnen, schnitzen mit der Kettensäge, lassen die Farbe aus durchlöcherten Gefässen tropfen und werkeln herum mit Klebeband, Heissleimpistole und Tacker.

Oft wird sogar das Kunstwerk als Objekt einer Dekonstruktion unterzogen, indem es, wie schon bei Munch, misshandelt (zersägt, erschossen, zerquetscht, geschleift, in die Luft gejagt, aufgelöst etc.) wird. In der zeitgenössischen Kunst wirken Handfertigkeit, technisches und sogar gestalterisches Können - wenn es zu offensichtlich ist - in den Augen der Kunstkenner geradezu verdächtig.[4] Dies stellt Künstlern, die noch immer unter dem Druck der Erwartung an eine Avantgarde stehen, eine Falle, in die viele tappen.

Das Nicht-Können wird zum Selbstzweck, die Proteste des halb gebildeten Publikums werden als Trophäen gesammelt,[5] und es braucht eine starke Persönlichkeit - oder die Sicherheit kommerziellen Erfolges - um sich aus diesem Teufelskreis wieder zu befreien. Nicht immer wollen Künstler mit dem "billig und schlecht Machen" (Giezendanner) allerdings provozieren.

Es geht auch um Assoziationsketten, die damit angestossen werden sollen: zum Beispiel erinnert Thomas Hirschhorn mit seiner jüngsten Arbeit an die prekären Basteleien der Alternativszene. Auch wenn er hier nicht, wie öfter schon, mit randständigen Menschen sondern mit Kunststudenten zusammen gearbeitet hat, unterstreicht der Künstler den Zusammenhang mit dem Prekären noch, indem er über seine Installation mit dem Titel Holzweg im Arbeitslosenmagazin Surprise Auskunft gibt.

Beim Ortstermin mit der Journalistin bestätigt ein zufällig vorbeikommender Biker die beabsichtigte Wirkung indem er bekennt, er habe das Kunstwerk zuerst für eine neue Niederlassung der Zaffarayaner (Berner Autonomen-Szene) gehalten.[6] Auch in "ordentlich aussehender" Kunst gibt es das "billig und schlecht Gemachte". Eine spezielle Art von Aura baut zum Beispiel Andrea Zittel um ihr Werk auf.

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Ihre Installationen besitzen den industriell anmutenden Trash-Charme von Ikea-Möbeln, die schnell und billig gefertigt sind und deshalb auch nicht lange halten. Dafür wirken sie irgendwie heutig.[7] Immer mehr jüngere Künstler drücken sich multimedial aus, grasen dabei auch über den Zaun der Kunst hinaus in anderen Gefilden. Sie gründen zum Beispiel eine Indie-Popband oder realisieren mit Theaterleuten zusammen ein Bühnenprojekt.

Zu solcher Offenheit werden diejenigen, welche eine Ausbildung an einer Kunstschule absolvieren, schon durch die Leitbilder, Ausbildungsziele und Programme ermuntert[8]. Logischerweise können sie dabei nicht in allen Sparten und Medien eine hohe handwerkliche Kompetenz aufbauen.[9] Man lässt sich gerade so viel beibringen, wie für das geplante Projekt eben nötig ist und macht aus der Not der eingeschränkten technischen Möglichkeiten die Tugend der Reduktion auf das Wesentliche.[10] Etwas irritiert stellt der Theoretiker der Kunstausbildung fest, dass paradoxerweise via Multimedia-Kunst und spartenübergreifende Projekte das Technisch-Handwerkliche wieder einen dominanten Stellenwert an den Kunstschulen erhalte und dass gewisse Ausbildungsstätten mit dem Aufbau von aufwändiger Infrastruktur (zum Beispiel von Tonstudios) und der Anstellung von Profis aus dem kommerziellen Medienbereich auf diese Bedürfnisse überreagierten.[11] Es gibt auch immer noch den Künstler, zumindest als Mythos, der in seinem Atelier sitzt und nicht weiss, was er machen soll, dabei aber einen moralischen Druck auf sich selbst aufbaut.

Denn was immer er im Atelier macht, ist Kunst, da er ja einmal beschlossen hat, Künstler zu sein. Dieser Künstler steht immer wieder am Anfang und ergründet neu, was er tun soll. So beginnt er schliesslich zu arbeiten, mit dem, was halt so herum liegt. Bruce Nauman (*1941) sagt dies über sich selbst[12] und bei vielen seiner Werke, vor allem bei den frühen Videos oder bei der Arbeit Mapping the studio von 2001, ist seine Haltung gut nachvollziehbar.

Allerdings erweist sich das "billig und schlecht gemacht" Aussehende bei Nauman auf den zweiten Blick als erstaunlich sorgfältig und präzise aufgebaut. Das Chaos wird durch mathematisch genaue Ordnung gebändigt. Mehr als für die Umsetzung einer Idee nötig ist, wird handwerklich eben nicht getan – aber auch nicht weniger. Nauman gehört so gesehen, in seiner Haltung, zur Minimal Art, auch wenn dieser Kunstrichtung üblicherweise nur die Künstler zugezählt werden, welche mit geometrischen Reduktionen arbeiten.

Seit Künstler sich selber wie Popstars als Kunstwerk inszenieren, gibt es auch hier eine Form des Deskilling: die Demontage aller Projektionen, die je auf Künstler geworfen wurden. Der Kunststar Terence Koh gehört sicher zu dieser Gattung, da er traditionelle Erwartungen an eine Künstlerpersönlichkeit nicht nur durchkreuzt, sondern regelrecht verhöhnt.[13]

Und Deskilling kann immer noch der Abschreckung bürgerlicher Laien und akademischer Traditionalisten dienen, deren Erwartungen an sauber und gekonnt gemachte Kunst oder an den Künstler als besonders begabten Menschen durchkreuzt werden sollen. Damit verschaffen sich Künstler einen Freiraum, oft aber auch einfach Exklusivität und Anerkennung in einem elitären Kreis von Kennern und Sammlern.

Deskilling kann so zum erkennbaren Merkmal eines Künstlers werden wie ein Stil.


2. Gekonnt: Hyungkoo Lees 'Animatus'

Hyungkoo Lee (*1969) ist ein südkoreanischer Künstler, dem zurzeit (31. 05. bis 31. 08. 2008) eine Ausstellung im Naturhistorischen Museum in Basel gewidmet ist. Die Ausstellung zeigt - in einem white cube - etwa fünfzehn Skelette berühmter Comicfiguren, die Lee in akribisch forschender, handwerklich gekonnter Arbeit "rekonstruiert" hat.

Der Naturalismus ist perfekt gemacht: die aus Kunstharz gefertigten Knochen sind patiniert, Knorpelteile wirken vergilbt wie bei originalen Skeletten, die Elemente wurden mit den in wissenschaftlichen Präparaten üblichen Drähten und Stützen miteinander verbunden. Wie es dem expressiven Stil der Präparationskunst des 19. Jahrhunderts entspricht, sind die Skelette "in voller Aktion" gezeigt, das heisst in Posen und Gruppierungen, die man aus ihrem "richtigen Leben", hier eben aus den Comic-Heften oder von den Animationsfilmen kennt: Donald Duck eilt hell entsetzt zu seinen unschuldig tuenden Neffen, der Roadrunner hat seine Höchstgeschwindigkeit gerade eben erreicht, Tom jagt Jerry über den weissen Sockel.

Weitere Elemente kommen dazu: Hyungkoo Lee hat ein historisch-altmodisch wirkendes Präparator-Atelier eingerichtet, hinter Glas, aber so, als sei der Schöpfer des noch in Arbeit befindlichen Homunkulus gerade mal Kaffee trinken gegangen (Abb. 1). Dezent wird hier eine Brücke geschlagen vom naturaliste zum Alchemisten, zu Goethes Faust und zu Shelley's Frankenstein.

Grosse weisse Tafeln an den Wänden und ein Handzettel erklären in klar verständlicher Sprache, wie der Künstler das wissenschaftliche Prinzip der Rekonstruktion – anhand fossiler Knochenfunde werden Hypothesen entwickelt, daraus wiederum Modelle ausgestorbener Tiere – auf den Kopf stellt, indem er zweidimensionalen imaginären Figuren durch erneute Imagination und mit wissenschaftlicher Technik ein Skelett verleiht.

Schliesslich runden einige wenige grosse, auf Tafeln aufgezogene Zeichnungen Lees die Schau ab. Hier erweist er sich als schmissiger Comic-Zeichner (Abb. 3). Es fällt auf, dass auf allen Publikationen des Museums die Figuren ausgeschnitten vor schwarzem Hintergrund gezeigt werden, während sie in der Ausstellung in einem weissen Raum aufgebaut sind und effektvolle Schatten werfen.

Der Stil der Publikationen evoziert eher den Zusammenhang "Naturhistorisches Museum" als die Ausstellung in den weissen Räumen, die mehr den Kunstkontext betont (vergleiche Abb. 4 und 5).

Ob Hyungkoo Lee selber auf die Idee der fiktiven Rekonstruktion von Comic-Figuren gekommen ist, bleibt unklar. Es gibt mindestens einen Vorläufer von Animatus in Gestalt von Pac-Man, deren Skelett der französischen Künstler le gentil garçon (*1974) im Jahr 2004 in Zusammenarbeit mit einem Paläontologen konstruiert hat (Abb. 6).

Obwohl ursprünglich eine sehr simple zweidimensionale Figur war Pac-Man das erste animierte Wesen in einem Videospiel überhaupt und hat daher eine ähnliche Bedeutung für das Medium wie Micky Mouse für den Trickfilm.


3. Wem gefällt Lees Können?

Trotz Fussball-Event (Euro 2008) und dem schönen Wetter in Basel ist die Ausstellung laut Auskunft des Museums bisher sehr rege besucht worden. Die Werbung sei ausserordentlich gut und breit: es gibt Flyers und Prospekte, in der Basler Zeitung erschienen gleich zwei Artikel, dazu einer in der Migros-Zeitung.

Reich ist auch das vom Museum angebotene Rahmenprogramm zur Ausstellung: da gibt es einen Stand im Museumsshop mit vielerlei Artikeln vom Plastikskelett bis zum Aufklärungsbuch Mein Körper. Es werden Workshops für Kinder und geistig behinderte Menschen, eine Matinée, und sogar eine Übernachtung für Kinder "zu Füssen der Skelette" veranstaltet. Nur ein Angebot widmet sich dem Kunst-Kontext: der Direktor des Naturhistorischen Museums diskutiert mit dem Kollegen vom Tinguley-Museum unter dem Titel Fakt oder Fiktion? über "Kreativität, Spekulation, Absurdität und [ .] die Grenzen von Kunst und Wissenschaft."[15]

Für Wissenschaftler scheint diese hybride Mischung aus Kunst und Wissenschaft attraktiv zu sein. Lees Biennale-Schau wurde sogar mit einem Artikel in der Onlineversion von Nature anerkennend kommentiert.[16] Das Rahmenprogramm in Basel richtet sich an ein ungewöhnlich breites Publikum, wobei die Kunstkenner erst am Schluss angesprochen werden. Wird Hyungkoo Lees Können in Kunstkreisen als Kunst akzeptiert?

In der Künstlerausbildung der Basler Hochschule wurde die Ausstellung Animatus bisher nicht besprochen. Der Theoriedozent Reinhard Storz kann sich aber vorstellen, dass sich daran Themen diskutieren liessen, die für junge Künstler relevant sind. Über die künstlerische Qualität will er sich nicht auslassen, auch weil der Künstler aus dem asiatischen Raum komme und sich daher der Kontext sehr komplex darstelle.

Er weist aber, wie einer seiner Schüler, auf eine generelle Entwicklung in der Gegenwartskunst zum Event, zur populären Ansprache breiter Bevölkerungskreise hin, indem er an die Grossinstallationen von Olafur Eliasson (*1967) in London (The Weather Project, 2004) und New York (Waterfalls in Eastriver, 2008) erinnert. Er plädiert, anstelle von Bewertung, für eine genaue Beobachtung der Phänomene und zeigt damit wohl eine Grundhaltung, die für die ganze Ausbildung typisch ist.[17] Was bei den Artikeln in der Basler Zeitung auffällt: der Autor ist kein Fachmann für Kunst, sondern Redaktor der Wochenend-Beilage.

Vielleicht ist Hyungkoo Lees Inszenierung für Kunstfachleute eine Spur zu durchsichtig, zu einfach. Gleichzeitig bietet sie unbestreitbar ästhetischen Reiz und Unterhaltungswert. Henrike Schultes Würdigung des Biennale-Beitrags von Lee zeigt diese Ambivalenz mit exemplarischer Deutlichkeit.[18]


4. Kommt aus Asien eine neue Haltung zu Können und Deskilling?

Über Hyungkoo Lees Hintergrund lassen sich einige Hinweise zusammentragen. Er machte 1998 seinen B.F.A. am College of Fine Art der Hong-Ik University in Seoul. Das Programm weist das College als sehr akademisch aufgebaute Institution aus, die der Asiatischen Malerei, der Keramik, dem Möbeldesign oder der Metallbearbeitung eigene Studienrichtungen zugesteht.

Im Department for Sculpture, dessen Lehrveranstaltungen Lee besucht hat, konnte er sich erst im dritten und vierten Jahr mit Mixed Media, Study of New Form oder mit Theory of Modern Sculpture auseinandersetzen, mit Themengebieten also, die eine Basis für seine jetzigen Grenzüberschreitungen gelegt haben könnten. So gibt er als Wurzeln für seine Kunst auch eher traditionelle Wurzeln an, nämlich die Begeisterung für Auguste Rodin (1840 - 1917) und Alberto Giacometti (1901 - 1966), und Howard Rutkowski bekundet in seinem Katalogtext zur ersten Ausstellung der Animatus-Serie auch einige Mühe, den Zusammenhang zwischen den genannten Wurzeln und dem aktuellen Werk herzustellen.[19] Sicher lernte Lee in Korea einen akademischen Zeichenstil, den er, etwas angepasst an den Stil von Animationsfilm-Zeichnern à la Disney, bis jetzt beibehalten hat.

Die Knochen der Figuren aus Animatus zeigte Lee dort noch nicht zusammengesetzt, sondern in Vitrinen ausgelegt. Die Objectuals sind provozierender, gruseliger, aber auch vielschichtiger und rätselhafter als Animatus. Lee hat dort prothesenartige Körperverlängerungen gebaut, die sowohl die visuelle Wahrnehmung des Trägers als auch sein Aussehen für den Betrachter verändern.

Dass die Verzerrungen oft lustig aussehen und an Comic-Figuren erinnern, ändert nichts daran, dass man nachhaltig irritiert wird durch den Effekt der gleichzeitigen Veränderung von Eigen- und Fremdwahrnehmung eines Menschen (Abb. 7). Die Animatus-Ausstellung in Basel dagegen ist jugendfrei und wird als Familien-Event verkauft. Diese Arbeit unterscheidet sich scharf von Werken anderer asiatischer Künstler wie die Unknown Creatures (2004) von Shen Shaomin (*1956) oder die Serie Ruan (1999) von Xiao Yu (*1965), an welche Lees Skelette erinnern.

Während Shen in der gleichen Technik, die auch Lee verwendet, Mischwesen aus Insekten und Wirbeltieren baut, die an Kafkas Verwandlung denken lassen, so näht Xiao richtige Teile verschiedener Tiere (einmal auch von einem menschlichen Fötus) zusammen und legt sie in Formaldehyd ein (Abb. 8). Aus westlicher Sicht gehören diese Arbeiten in die Kategorie von Kunstwerken, die auf den Schock setzen, um das Publikum aufzurütteln.[20] In China scheinen solche Positionen ganz anders wahrgenommen zu werden, denn laut Uli Sigg gelten die rohe Behandlung von Tieren oder selbst die künstlerische Verwendung von Leichen den Chinesen nicht als Tabubruch.

Nun ist Hyungkoo Lee ja Koreaner und nicht Chinese. Aber auch wenn man die Bildergalerien der einschlägigen Galerien koreanischer Gegenwartskunst durchgeht, muss man die Installationen von Nam June Paik (1932 - 2006) als die unaufgeräumtesten und "am schlechtesten gemachten" bezeichnen, die man finden kann, wobei Paik mehr als eine Generation älter ist als Lee und zudem eine durch und durch europäische Kunstausbildung genossen hat.

Wäre dann also das "billig und schlecht Gemachte" ein Merkmal, das sowohl der chinesischen als auch der koreanischen Gegenwartskunst fehlt? Ist umgekehrt Hyungkoo Lees künstlerische Haltung "typisch koreanisch", haben seine Inhalte, die handwerkliche Perfektion oder die Art seiner Inszenierung des Kontextes etwas mit seiner koreanischen Herkunft zu tun? Die Comicfiguren sind Teil seiner Sozialisierung durch amerikanisches Fernsehen,[21] wobei diese Sendungen auf ihn sicher exotischer gewirkt haben dürften als auf ein amerikanisches Kind und ihm damit die für eine künstlerische Auseinandersetzung nötige Distanz sicher leicht fiel.

Wir sind versucht, diesen Stil als ironisch gebrochen zu lesen, aber ob das auch so gemeint ist, scheint fraglich (siehe Abb. 3).

Den ersten Teil seiner künstlerischen Ausbildung hat Lee an einer Institution verbracht, die dem traditionellen Handwerk einen hohen Stellenwert einräumt. Den zweiten Teil absolvierte er in Amerika und hat sicher dort die Beschäftigung der Kunst mit ihren eigenen Referenzrahmen und ihrem Kontext kennen gelernt.

Diese bewusst gesuchte Auseinandersetzung mit europäischer und amerikanischer Kunst ist für koreanische Gegenwartskünstler typisch - im Gegensatz zu den chinesischen, welche diese Möglichkeit bisher nicht hatten und deshalb auch kaum "selbstreferenzielle" Kunst produzieren.[23] Gekonnt instrumentiert Lee in Basel das Naturhistorische Museum mitsamt wissenschaftlichem Personal und Stammkundschaft für die Inszenierung seiner Figuren.

Inwieweit er selber vom Museum für dessen Zwecke instrumentiert wurde, bleibt unklar, ebenso wie die Beurteilung der Ausstellung durch Kenner und Kritiker der Kunst. Die Begegnung von westlicher und asiatischer Kunst, die Konkurrenz und Allianzen der beiden Systeme inklusive der Märkte werden aber jedenfalls aufmerksam beobachtet.[24] Ob sich durch diese Begegnung eine neue Haltung gegenüber dem Können und seinem Gegenstück, dem Deskilling, herausbilden wird, bleibt abzuwarten.


Anmerkungen


1 anonym (lat.): ex oriente lux [lat.]: aus dem Osten (kommt) das Licht (zunächst auf die Sonne bezogen, dann übertragen auf Christentum und Kultur) Duden, Fremdwörterbuch, 5. Aufl. Mannheim,1990


2 Dörner 1971, S. 3: "Worin liegt nun die Ursache all dieses Unheils? Die Künstler kauften in den Farbgeschäften die fertigen Materialien [ .] Die Handelsware wurde kritiklos hingenommen, wie sie eben angeboten wurde."


3 Bierke 2007, S. 26: "Ihren radikalsten Ausdruck fanden Munchs Experimente mit der materiellen Erscheinungsform der Werke in der so genannten Rosskur, bei der er seine Bilder Wind, Wetter und mechanischer Abnutzung sowie mehr oder weniger zufälligen Missgeschicken aussetzte [ .]."


4 Giezendanner 2007, S. 54: "[ .] das Wissen darum, dass sich die zeitgenössische Kunst gerade nicht durch Handfertigkeit oder gestalterisches Können auszeichnet, gehört mittlerweile zum Standardwissen - [ .] In Kunstkreisen hat sich diese Erkenntnis derart verinnerlicht, dass der Kunststatus einer sich trotz allem durch handfertige Geschicklichkeit auszeichnenden künstlerischen Arbeit gerade deshalb automatisch angezweifelt wird.



6 Windlin 2008, S. 10 - 12: Interview von Sabine Windlin (freie Mitarbeiterin bei Surprise) mit Tomas Hirschhorn und Aufzeichnung eines Gesprächs des Künstlers mit einem vorbeikommenden Biker.


7 Rautenberg 2007, S. 128: "Es fehlt ihm [dem Ikea-Tisch, Anm. B. Ch.] an Feinheit in der Proportion, es mangelt an Haltbarkeit, Eigenheit, Finesse. Dennoch verschreiben sich viele Künstler der Ikea-Logik, einem industrialisierten Begriff von Kunst, mit minimierten Produktionszeiten und knappen Haltbarkeitsfristen.

Das mögen manche für besonders heutig halten, ist doch die Gegenwart voller Produkte, die nur gemacht werden, um wenig später auf den Müll zu wandern."


8 HGK Basel 2008, Yale SoA 2008, Leitbild und Ausbildungsziele 2008 auf der Website des Instituts Kunst der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel und Ausbildungsprogramm 2008 auf der Website der Yale University School of Art.


9 Ullrich 2008, S. 5: "So wird dort [an Kunstakademien, Anm. B. Ch.], anders als in früheren Jahrhunderten, kaum noch ein Set an nachprüfbaren Fertigkeiten oder Richtlinien vermittelt, die das künstlerische Arbeiten erlauben und verbessern."



11 Storz 2008: Aus Notizen eines Telefongesprächs mit B. Chiquet. Reinhard Storz ist Theoriedozent in der Ausbildung von Künstlern am Institut Kunst der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel. Seine Beobachtung bezieht sich auf die Frage nach seiner Haltung gegenüber dem Erlernen von Techniken und Fertigkeiten in der Ausbildung.


12 Rautenberg 2004: In einem Interview in DIE ZEIT mit Bruce Nauman.


13 Barshee 2008, S. 32: Barshee: "Was ist Ihrer Meinung nach lächerlich?" Koh: "Nichts, ich bin Künstler." - S.34: Barshee: "Das Bild da hinten haben Sie noch gar nicht berührt." Koh: "Nein?" – Terence Koh erbricht ein kindliches Gelächter. Dann hüpft er zum Bild, schmiert etwas Farbe drauf. Koh: "Ach, Malerei langweilt mich."


14 Naturhistorisches Museum Basel 2008a, Handzettel und Texttafeln in der Ausstellung Animatus im Naturhistorischen Museum Basel, 31. 05. - 31. 08. 2008


15 Naturhistorisches Museum Basel 2008b, Faltprospekt und Website der Ausstellung Animatus im Naturhistorischen Museum Basel, 31. 05. - 31. 08. 2008



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