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Die Kant-Krise und die Kleistforschung: Auswirkungen auf
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German studies

University, School

Albert-Ludwigsuniversität Freiburg

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2011

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Die Kant-Krise und die Kleistforschung

Inhalt
1. Einleitung

2. Die Kant-Krise und die Kleistforschung

3. Prämissen und Konsequenzen der Kantkrise für Kleist

4. Der Status von Wahrheit und die Möglichkeit von Erkenntnis -Auswirkungen der Kant-Krise auf „Der zerbrochne Krug“

4.1 Das Verhältnis von Wahrheit und Sprache als unterlegte Grundproblematik

4.2 Analyse der Lügenkonstruktionen des Dorfrichter Adams

4.3 Irrwege der Erkenntnis – oder die Unzulänglichkeiten der Protagonisten Marthe, Ruprecht und Eve

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Lektüre der Philosophie Immanuel Kants löste in Heinrich von Kleist große Bestürzung aus. Die Erkenntnis, dass der Mensch nur Erscheinungen kennt zeitigte in ihm „das Bewusstsein und die schmerzliche, schockartige Erfahrung von der Unmöglichkeit der Erkenntnis und der Wahrheit;“.[1] Diese „Perspektivierung der Wahrheit“ der sich Kleist nun gegenüber sah, verarbeitete er auch in seinem Lustspiel „Der zerbrochne Krug“.[2],[3]Die Szenerie des Stückes stellt einen Strafprozess dar, in dem die Wahrheit über einen nächtlichen Vorfall herausgefunden werden soll, jedoch ist hier der Richter der Schuldige in dem von ihm zu untersuchenden Fall.

Die Figuren des Stückes sind somit auf Wahrheitssuche, die von der Person des Richters behindert wird. Doch nicht nur der schuldige Richter verdunkelt die Erkenntnis dessen, was in der Vornacht geschehen ist, auch die übrigen Personen sind in ihrem Erkenntnisvermögen beschränkt und erleichtern es dadurch dem Richter mit seinen Täuschungsmanövern fortzufahren.[4] Im Folgenden soll zunächst ein kurzer Überblick über den Umgang der Forschung mit der Kant-Krise Kleists gegeben werden.

Danach wird es darum gehen zu zeigen, welch tiefgreifendes Erlebnis die Begegnung mit der kantischen Philosophie für Kleist darstellte und wie sich die Frage nach dem Status von Wahrheit und Erkenntnis auf ihn auswirkte. Danach soll sich der Blick auf das Stück „Der zerbrochne Krug“ richten und anhand der Suche der Figuren nach der Wahrheit gezeigt werden, dass Kleist hier die eigene Krise produktiv zu verarbeiten sucht.

Hierbei wird insbesondere auch der Aspekt der Sprache beleuchtet, die von Kleist als potenziell sehr ungeeigneter Träger von verlässlicher Information dargestellt wird. Durch die von den Lügen des Richters irregeleiteten Protagonisten macht Kleist auf den problematischen Zusammenhang zwischen Sprache und Wirklichkeit und allgemein auf menschliche Irrwege bei der Suche nach Erkenntnis aufmerksam.[5]

2. Die Kant-Krise und die Kleistforschung

Die sogenannte „Kantkrise“ Kleists hat ganze Generationen von Forschern mit der Frage befasst, wessen Philosophie es war, die in Kleist eine tiefe Umwälzung bewirkte und die seine gesamte literarische Laufbahn beeinflussen sollte.[6] Immer wieder ist in Zweifel gezogen worden, dass sich Kleist direkt mit Kant beschäftigte und es ist versucht worden zu belegen, dass auch andere Autoren als Auslöser in Frage kämen.

Jedoch besteht innerhalb der Kleistforschung mittlerweile ein relativ breiter Konsens darüber, dass die Auseinandersetzung mit Kant für ein Verständnis von Kleists Werk von großer Bedeutung ist.[7]

Allerdings mag nicht zweifelsfrei feststehen, welche kantischen Werke Kleist gelesen hat, jedoch spricht er in einem Brief an Wilhelmine von Zenge von der „neueren sogenannten Kantischen Philosophie“ und wie aus diesem und anderen Briefen hervorgeht, entwickelte sich bei Kleist innerhalb weniger Tage eine tiefe psychische Krise.

Diese schockartige Verunsicherung, die von der Beschäftigung mit der Philosophie Kants herrührte, brachte Kleist schließlich zu dem Vorhaben, sich ganz der Kunst zu widmen und Schriftsteller zu werden.[8] Zwar findet sich in einem Kommentar zum ersten Band der im Deutschen Klassiker-Verlag erschienenen „Sämtlichen Werke und Briefe“ Kleists die Aussage, dass „der biographische Drehpunkt des Kleistverständnisses ( .) die Kantlektüre ist,“ , jedoch gab und gibt es immer wieder Autoren, die anzweifeln, dass Kleist sich direkt mit Kant beschäftigte oder warnen vor einer Überbewertung des Themas.[9] Eine der frühen Thesen in diese Richtung stammt von Ernst Cassirer, der in seiner Studie über „Heinrich von Kleist und die Kantische Philosophie“ davon ausging, Kleist habe sich nicht mit der kantischen Philosophie beschäftigt, sondern dass er sich mit der Berufung auf die „neuere Philosophie“ auf die damals sehr aktuelle Fichtesche Philosophie der Identität und des Ichs berief.[10]

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Wissenschaftliche Vorsicht muss als Gebot nicht dazu führen, das Thema ad acta zu legen. So schlägt Mehigan beispielsweise vor, gerade wenn man voreilige Hypothesen vermeiden wolle, das gesamte geistige Umfeld Kleists einer „vollständigen Erörterung“ zu unterziehen, aber auch die Struktur und Themen der Primärtexte „um so gewissenhafter“ fortzusetzen, dann ließen sich mit guter Fundierung sehr wohl Aussagen zum Thema machen, selbst wenn eine absolute Gewissheit wohl nicht erreichbar ist.

Dies gelte insbesondere für die Briefe Kleists, in denen er selbst auf die „Krise“ verweist. Auch der Vorwurf Kleist habe sich in seinen Briefen, in denen er seine seelische Verfasstheit beschreibt lediglich selbst stilisiert, wird von Mehigan entkräftet. Mit Verweis auf andere Autoren, wie bspw. Mäller-Salget und Ormanns schreibt er, dass die Tatsache, dass Kleist eventuell Anlass gehabt hat „sich als Opfer einer Erkenntniskrise zu stilisieren“ noch keinerlei Indiz dafür ist, dass der Krise selbst nicht höchste Bedeutung zukommt. [17]

3.Prämissen undKonsequenzen der Kantkrise für Heinrich von Kleist

Im Folgenden soll skizziert werden, worin die Kantkrise Kleists bestanden hat, wo dies in seinen Briefen Ausdruck findet und inwiefern eine Übereinstimmung mit der Philosophie Kants gegeben ist. Im Jahr 1801 bricht die kantische Philosophie in Kleists Leben ein. Er selbst beschreibt das dort Erfahrene als schmerzhaft und schockauslösend, da ihm zu Bewusstsein kommt, dass es für den Menschen unmöglich ist, zu entscheiden, ob eine teleologische Naturbetrachtung (die Natur wird dann als zweckmäßig verstanden, die letztlich zu der Vorstellung eines Schöpfergottes führt) die Struktur der Welt erfasst, oder nicht.

Diesen Glauben an die Teleologie der Schöpfung, die seinem bisherigen Leben Halt gegeben hatte, muss Kleist angesichts der Erkenntnisphilosophie Kants aufgeben.[18] Drei Briefe vom März 1801 zeigen deutlich seinen Zusammenbruch. In dem Brief vom 22. März 1801 an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge heißt es:


Vor kurzem ward ich mit der neueren sogenannten Kantischen Philosophie bekannt- und Dir muß ich jetzt daraus einen Gedanken mitteilen, indem ich nicht fürchten darf, daß er Dich so tief, so schmerzhaft erschüttern wird, als mich. Auch kennst Du das Ganze nicht hinlänglich, um sein Interesse vollständig zu begreifen.

Ich will indessen so deutlich sprechen, als möglich. Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken sind grün- und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört.

So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr- und alles Bestreben, ein Eigentum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich-

Ach, Wilhelmine, wenn die Spitze dieses Gedankens Dein Herz nicht trifft, so lächle nicht über einen andern, der sich tief in seinem heiligsten Innern davon verwundet fühlt. Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und ich habe nun keines mehr-[19].....

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Die andere Stelle lautet: „( .) Geschmack und Farben sind gar nicht notwendige Bedingungen, unter welchen die Gegenstände allein für uns Objekte der Sinne werden können. Sie sind nur als zufällig beigefügte Wirkungen der besonderen Organisation mit der Erscheinung verbunden.“ Gerade der aufklaffende Kontrast zu Kleists bis dato teleologischen Naturverständnis und seiner damit verbundenen Annahme, dass empirische und moralische Welt einander entsprechen, müssen ihn hart getroffen haben.[22] Der sich aus der Kantischen Lehre ergebende „Objektivitätsverlust“, dass wir nichts darüber sagen können, wie die Welt an sich und ohne unser wahrnehmendes Zutun ist, mündet bei Kleist schließlich in der Abwendung von der Wissenschaft (er wollte zunächst eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen) und einer Hinwendung zur Kunst.[23]

Kleists in der Aufklärung verwurzeltes Denken umschreibt er in oben genanntem Zitat mit den Worten „mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und ich habe keines mehr“. Dieses Ziel hatte wohl mit Kleists Moralvorstellungen zu tun, die sich am frühaufklärerischen Bildungsideal orientierten. Diesem zufolge gehen Natur und Moral ineinander über, in der Natur lässt sich die Bestimmung des Menschen ablesen, dazu ist lediglich eine „gute“ Seele vonnöten, die die Zielrichtung der Natur erkennen kann.[24] Diese Wahrheits- und Erkenntnissuche scheint für Kleist nun sinnlos geworden zu sein.

Am Ende seines Briefes an Wilhelmine schreibt er noch: „Seit diese Überzeugung, nämlich, daß hienieden keine Wahrheit zu finden ist, vor meine Seele trat, habe ich nicht wieder ein Buch angerührt.“ Kleist stellt also die Wahrheit an sich in Frage.

Jedoch und das ist Kleist unter Anderen auch von Greiner vorgeworfen worden, meint Kant nur, dass wir die Wahrheit nicht erkennen können. Dem Wahrheitsgehalt der Welt tut unser nicht- erkennen-können keinen Abbruch. Die „agnostizistischen Folgerungen“ die Kleist zieht, stimmen also nicht mit der Lehre Kants überein.[25] Tatsächlich überspannt Kleist den interpretatorischen Rahmen, wenn er davon ausgeht, es gebe keine Wahrheit mehr.

Jedoch genauso wie ein Blinder die Farben nicht sehen und er deshalb nicht behaupten kann diese existierten nicht, macht es für diesen keinen praktischen Unterschied, ob diese nun vorhanden sind oder nicht. Indem der Blinde sie nicht wahrnehmen kann, sind sie für diesen von keinerlei praktischer Relevanz. Insofern ist Kleists radikale These gerade auch angesichts seiner vorherigen Suche nach „Objektivität“ verständlich.

An diesem Punkt sieht Kleist nicht, dass gerade durch die Tatsache, dass es die „objektive Wahrheit“ nicht gibt, echte Handlungsfreiheit für den Menschen erst möglich wird. Er schließt aus seiner Interpretation Kants Philosophie, dass in Zukunft das Handeln das Primat über dem Wissen einnehmen solle: „Wissen kann unmöglich das Höchste sein- handeln ist besser als wissen.“[26]





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Sie wollen vor Gericht die Aufklärung über einen in der vorherigen Nacht zu Bruch gegangenen Krug erreichen, der sich in der Kammer von Eve befand. Die Mutter bezichtigt den Verlobten Ruprecht unerlaubt in Evchens Schlafkammer gedrungen zu sein und gleichermaßen die Jungfräulichkeit Eves, sowie den Krug auf dem Gewissen zu haben. Adam, der eigentlich Schuldige versucht in der folgenden Gerichtsverhandlung die sichtbaren Zeichen seines nächtlichen Fehltritts (Kopfwunden, seine abhanden gekommene Amtsperücke) durch immer höher sich auftürmende Lügenkonstrukte zu vertuschen um sich so aus der Affäre zu ziehen.

Der zufällig angereiste Gerichtsrat Walter, der eine Amtsinspektion durchführen will, sitzt der Verhandlung bei, in der die nach Aufklärung und Wahrheit Suchenden in verschiedener Weise auf Adams Sabotageversuche reagieren.

4.1 Das Verhältnis von Wahrheit und Sprache als unterlegte Grundproblematik

Ausgangspunkt der Betrachtung soll zunächst die dem Stück unterlegte Grundproblematik des Verhältnisses von Sprache und Wirklichkeit sein. Wie auch in seinen anderen Werken ist die Wahrheit in „Der zerbrochne Krug“ verstellt und die Protagonisten haben größte Schwierigkeiten aufgrund ihrer falschen Annahmen, fehlenden Informationen, Fehlinterpretationen und daraus resultierenden Fehlentscheidungen der Wahrheit auf den Grund zu kommen.[27] Der zu klärende Vorfall der im Stück verhandelt wird, stellt eigentlich einen recht simplen Sachverhalt dar.

Jedoch kann durch die sprachlichen Bemühungen eines Einzelnen der Tatbestand so verunklart werden, dass Wahrheit von Lüge nur schwer zu unterscheiden ist. Da das Wirkliche, in diesem Fall die Geschehnisse der letzten Nacht, in der Vergangenheit liegt, muss sich die Erkenntnissuche auf Spuren und Erinnerungen der Beteiligten verlassen. Das heißt, die Wahrheitsfindung kann nur vermittelt über die Sprache geschehen.

Gerade dies eröffnet für Adam die Möglichkeit der Lüge. Er hat für die vielen Indizien, die auf seine Schuld hinweisen (Wunden, Perücke, Spur) von der Wahrheit abweichende Narrative erfunden. Die Zeichen zeigen von sich aus in keine eindeutige Richtung, sie sind mehrdeutig: „ (…) sie geben ohne weiteres keinen Aufschluss über die Realität. (…) Mit anderen Worten: das Wirkliche kommt – wieder oder überhaupt erst!- zur ´Erscheinung´ in der es sich in das Gedächtnis zurückrufenden oder die verschiedenen Spuren in einen sinnvollen Zusammenhang bringenden Sprache.“[28] Gerade die Sprache aber ist aus verschiedenen Gründen ein sehr unzureichendes Erkenntniswerkzeug, „alles `Faktische´ist schon `Theorie`.“[29] Das durch Sprache wiedergegebene Geschehen ist dadurch immer ein von dem jeweils Sprechenden gedeutetes und je nachdem ob eine Deutung gewählt wird, die die Wahrheit verdecken soll, eröffnet sich die .....

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Wie Michelsen zeigt, bereitet Adam sowohl den anderen Protagonisten aber auch dem Zuschauer bzw. Leser Probleme den Wahrheitsgehalt seiner Rede zu erkennen. Im siebten Auftritt beispielsweise wendet sich Adam heimlich an Eve, da er vermutet, dass die folgende Verhandlungen die Wahrheit und damit seine Schuld ans Licht bringen könnten. Der Gerichtsrat Walter bemerkt jedoch die Heimlichkeit und fragt Adam: „Was fehlt Euch?“, worauf Adam ausweicht:

Auf Ehr! Verzeiht. Es hat ein Perlhuhn mir,

Das ich von einem Indienfahrer kaufte,

Den Pips: ich soll es nudeln, und verstehs nicht,

Und fragte dort die Jungfer bloß um Rat.

Ich bin ein Narr in solchen Dingen, seht,

Und meine Hühner nenn ich meine Kinder. (V.558-63)

Für den Zuschauer ist deutlich, dass Adam hier lügt, da er ja mithören konnte, dass Adams Gespräch mit Eve von ganz anderen Dingen handelte. Da Adam häufig detailfreudige Geschichten erzählt, um sich der Wahrheitsfindung zu entziehen, liegt es für den Zuschauer und Leser zunächst nahe auch diese für frei erfunden zu halten.

Auch Walter hat erhebliche Schwierigkeiten Wahr- von Falschaussage bei Adam auseinander zu halten.[31] Im zehnten Auftritt sagt Adam, dass er Marthe „nicht allzu oft“ (V.1561) besuche. Als er Marthe daraufhin fragt, ob dies zutrifft, da er hier eine Lüge vermutet, bekommt er heraus, dass der Dorfrichter tatsächlich nur selten bei Marthe auftaucht (vgl. V. 1570).

Walter ist überrascht und erheblich verunsichert, nun auch insbesondere, da dieser Sachverhalt nicht mit der Perlhuhngeschichte übereinzustimmen scheint, denn er geht davon aus, dass der Richter die Mutter aufgrund der häufigen Hilfe Eves schon aus Dankbarkeit besuchen müsste. Er fragt daher noch einmal bei Adam nach, wie es sich mit den Hühnern und der Hilfe Eves verhält, woraufhin ihm zuvoreilend Marthe antwortet:

.....

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Auch hier erreicht er mit vielen Details (Anzahl der Katzen, deren Farbe etc.) und z. B.: indem er eine der frei erfundenen Katzen Licht auch noch zum Geschenk machen will eine „Anschaulichkeit, die durch ihre sinnliche Prägnanz sich im Vorstellungsnachvollzug gerade als ein Konkretes, Wirkliches einzuprägen vermag;“[33] Die Übergenauigkeit mit der Adam seine Geschichten glaubhaft zu machen versucht, stellen also an sich noch keinerlei Wahrheitskriterium dar.

Auch an anderer Stelle zeigt sich eine Schwierigkeit, die Aussagen Adams auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Als Licht in seinem anfänglichen Verhör wissen möchte, wo die Kopfwunden herkommen, bedient sich Adam einer für ihn typischen Methode. Er konstruiert seine Geschichte entlang dessen, was sich gerade anbietet.

Umständlich beschreibt er wie er beim Aufstehen aus dem Bett hingefallen sei und als Licht anmerkt Adam habe sich wohl in ein „Gefecht“ (V.49) verwickelt, so nimmt dieser dieses Wort zum Anlass um an ihm den weiteren Fortgang seines Märchens fortzuspinnen. Nun behauptet er, er habe mit einem an der Ofenkante eingefugten „verfluchten Ziegenbock“ (V.50) gefochten, das heißt er sei gestürzt und habe sich dabei den Kopf an der Kante aufgeschlagen.

Dabei kommen in seinem Bericht immer wieder Füllwörter und Retardationen, sowie Wiederholungen auf. Doch dass Adam seine Geschichte in seinen Einzelheiten erst während dem Erzählen nach und nach zu entwickeln scheint, ist nicht unbedingt Kriterium seiner Unwahrheit, wie Michelsen zu recht bemerkt. So könnte es ja auch sein, dass sich Adam die Erinnerung erst nach und nach wieder erschließt und er deshalb so umständlich das Gewesene re-konstruieren muss und auch ein zufällig erwähntes Stichwort wie das Gefecht an tatsächliche Begebenheiten erinnert.[34]


Abgesehen jedoch von diesen objektiven Schwierigkeiten die bei der Erörterung des Wahrheitsgehalts von Adams Rede auftauchen, gibt es laut Michelsen dennoch genügend Evidenz, die es leicht macht ihn des Lügens zu überführen.

Es handele sich bei Adams Vertuschungsversuchen nicht um ein Lügen mit System, sondern sei an vielen Stellen inkonsequent: „Eine folgerichtig durchdachte Gesamtkonzeption seiner Lügen- sie allein hätte in seiner Lage eine gewisse, wenn auch nicht sehr große Aussicht auf Erfolg- wird nirgends auch nur im Ansatz sichtbar.

Stattdessen lügt er stets nur von Fall zu Fall, sozusagen von der Hand in den Mund;“[35] Adam ist an seinen Lügen sozusagen zu nah dran; er wirkt unüberlegt, wenn er an einer Stelle die fehlende Perücke mit jungenden Katzen, an anderer aber erklärt, diese hätte an einem Leuchter Feuer gefangen. Nicht planend und mit der nötigen „Distanz des Lügenden zu seinem Gegenstand“ formt Adam seine Lügen, sondern aus dem Affekt heraus und macht sie damit angreifbarer für die Wahrheitsfindung.[36] Dass Adam nicht sehr bewusst lügt, sondern in seiner vitalen, energiegeladenen Art auch tollpatschig wirkt, kommt auch an einer bereits oben genannte.....

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