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History

University, School

Universität Basel

Grade, Teacher, Year

2010, Dr. Claudius Sieber-Lehmann

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Basel in der Mitte des 14. Jahrhunderts

–Drei grosse Katastrophen – von Gott gewollt?


Universität Basel, Historisches Seminar

Basel – eine Stadt im Mittelalter

Dr. Claudius Sieber-Lehmann


Semesterzahl: 5

im Februar 2011

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis . 1

1 Einleitung 2

2 Die Pest in Basel – „do zalt man von gotz geburt 1349 jor und 6 monat“ . 3

3 Die Vernichtung der ersten jüdischen Gemeinde Basels 4

4 Das Erdbeben von 1356 . 6

5 Die Strafe Gottes? 9

6 Schlusswort 13

7 Literaturverzeichnis . 14

7.1 Gedruckte Quellen 14

7.2 Literatur 14


1 Einleitung

Die Mitte des 14. Jahrhunderts lässt sich für Basel als eine Zeit von grossen Katastrophen einordnen. Im Jahr 2011 sind es 655 Jahre, dass Basel von einem grossen Erdbeben heimgesucht wurde, nä mlich von jenem des 18.Oktobers 1356. Wird an dieses Ereignis zurückgedacht, geht oft vergessen, was in der Zeit davor geschehen ist.

Nur gerade sieben Jahre vor dem Erdbeben, also 1349, fanden zwei andere schlimme Katastrophen statt. Die Rede ist von den Judenmorden und von der Pest, welche beide das Bild Basels in ähnlichem Masse verändert, gar ebenso stark verwüstet haben. Ziel dieser Arbeit soll sein, diese drei Ereignisse zuerst auszuleuchten, um sie schliesslich einander gegenüber zu stellen.

Anhand von Quellenuntersuchungen und Beschreibungen dieser drei Katastrophen wird versucht, sie einem gemeinsamen Thema zuzuordnen: der Strafe Gottes.

Zu der Pest in Basel stützt sich das Folgende vor allem auf Heinrich Buess[1]. Er hat die Sachlage sehr gründlich untersucht und weiss seine Quellen behutsam einzubetten. Die Judenmorde von 1349 werden durch Werner Meyer[2] und Frantisek Graus[3] sehr gut beschrieben. Schliesslich ist es wiederum Werner Meyer[4], welcher das Erdbeben sehr ausführlich beschrieben hat.

Zum Erdbeben und zu seinen Quellen muss zusätzlich Ludwig Sieber[5] herbeigezogen werden. Nicht vergessen darf man in Bezug auf die Geschichte von Basel Rudolf Wackernagel[6], der sich mit der Stadt Basel von ihrem Beginn bis zum Krieg zu St. Jakob ausführlich auseinandergesetzt hat, also einer Zeit, in die alle drei Ereignisse fallen. Die Quellenlage zum Erdbeben beschreibt Wilhelm Wackernagel[7] ausgezeichnet.

In Christian Wurstisen’s[8] Chronik der Stadt Basel sind passende Vermerke zu der Pest und den Judenmorden von 1349 und zum Erdbeben von 1356 zu finden.

2 Die Pest in Basel – „do zalt man von gotz geburt 1349 jor und 6 monat“[9]

Zu der Pest vom 14. Jahrhundert erfahren wir dank vielen Ärzten und Klerikern aus jener Zeit ein ziemlich genaues Bild. Etwa wird sehr präzise auf das körperliche und seelische Befinden der betroffenen Personen eingegangen. Inhalt dieses Kapitels soll aber vor allem eine Beschreibung der Pest in Basel vom Sommer 1349 sein.

Wie ist die Pest nach Basel gekommen, weshalb konnte sie sich im Stadtgebiet derart rasch ausweiten und welche Schäden hat sie verursacht?

Der zeitliche Beginn der Pestepidemie lässt sich etwa auf die Jahre 1344-1346 festlegen. Ausgebrochen ist die Pest im Orient. Übertragen wurde die Pest von Flöhen, wobei Nagetiere, vor allem Ratten, die Rolle des Zwischenwirtes spielten. Allmählich hat sich die Pest dann über Handelsschiffe auf dem Mittelmeer nach Europa verbreitet.

Vorwiegend legten die Schiffe in Genua und Marseille an, von wo sich die Pest schliesslich nordwärts ausbreitete. Ein Weg, den die Pest nahm, war von Genua über Oberitalien nach Bellinzona. Von dort über den Gotthard- und den Lukmanierpass nach Zürich. Der zweite Weg war von Marseille das Rhonetal hinauf in Richtung Norden, wo die Pest dann in Bern wütete. Von Bern und Zürich aus ist die Pest im Sommer 1349 nach Basel gelangt[10].

Die Stadt Basel musste damals in einem teils sehr schlechten Zustand gewesen sein, sodass sich die Pest mühelos ausbreiten konnte. Es ist davon die Rede, dass hygienische Missstände herrschten. So waren die Gassen in Basel sehr eng, die Häuser, meist mit Strohdächern gedeckt, berührten sich auf Dachhöhe beinahe.

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Der Unrat, also Kot und Abfall, wurde auf die Gassen geworfen. In den Gassen selber waren viele Schweine unterwegs, die sich im Dreck suhlten und sich sichtlich wohlfühlen mussten. Weiter gab es viele Brunnen, die meisten mit unreinem Wasser gefüllt. Auch die öffentlichen Badeanstalten in der Stadt dürfen nicht vergessen werden[11]. Alle diese Beschreibungen zeigen auf, dass die Ansteckungs- und Übertragungsgefahren in der Stadt Basel in der Mitte des 14. Jahrhunderts sehr hoch gewesen sein mussten.

Im Sommer, wohl gegen Juni, begann sich die Pest in Basel zu verbreiten. In den Chroniken wird geschrieben, dass vom Aeschentor bis zum Rheintor gerade drei Ehen ganz blieben, in allen anderen Haushalten wurde die Bevölkerung regelrecht dahingerafft[12]. Die Zahl der Todesopfer in der Stadt Basel kann nicht genau bestimmt werden.

Wenn aber steht, dass nur gerade drei Ehen die Seuche überstanden haben, muss davon ausgegangen werden, dass es sich um sehr viele handeln muss. Wenn Christian Wurstisen in seiner Basler Chronik „und vergiengen in der Statt bey 14'000 Menschen“[13] schreibt, muss festgehalten werden, dass diese Zahl viel zu hoch ist. Eine genaue Bevölkerungszahl liegt nicht vor, doch dürfte die Zahl von 6'000 bis 7’000 Einwohnern für die Stadt Basel nicht überschritten worden sein[14].

Berichten aus anderen Städten zufolge dürfte die Pest im Durchschnitt 30 bis 50 Prozent der Bevölkerung ausgelöscht haben. Bei einer Hochrechnung für Basel ergäbe das etwa 2000 Menschenleben im Minimum. Dies ist eine Zahl, die auch so noch als zu hoch scheint. In Basel wurden zum Beispiel keine Massengräber oder Notfriedhöfe gefunden. Also stellte sich die Frage, wohin man 2000 Leichen hätte bringen sollen.

Es wurden nie solche Funde gemacht, also muss diese hohe Zahl als widerlegt gelten. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass viele Bewohner Basels beim Herannahen der Pest die Stadt verlassen haben. Die dadurch entstandene Leere in der Stadt wurden vielleicht von Chronisten wie Christian Wurstisen zu wenig berücksichtigt und führten deshalb zu verfälschten Zahlenmessungen. Werner Meyer spricht von 10 Prozent, also 600-700 Todesopfern in Basel[15].

Eine zwar viel tiefere Zahl, als jene, die wir in Chroniken finden, doch sind auch 10 Prozent sehr viel.

In der Folge an die Pest verordnete der Basler Rat ein „Seuchenordnung“. Es wurden nun offizielle Krankheiten erfasst. Diese „Seuchenordnung“ ist als Prophylaxe zu verstehen und vielleicht als einen Schritt des Rates, gegen die unreine Stadt vorzugehen[16].

3 Die Vernichtung der ersten jüdischen Gemeinde Basels

Eng mit der Pest verbunden, aber aus heutiger Sicht keinesfalls dadurch zu begründen, ist die Vernichtung der ersten jüdischen Gemeinde Basels im Jahre 1349. Wie in Kapitel 2 beschrieben, herrschten in Basel hygienische Missstände, wovon auch die Wasserversorgung betroffen war. Als von anderen Städten die Kunde der Pest nach Basel drang und damit etliche Geschichten von verseuchtem Brunnenwasser, waren die Täter rasch gefunden, die Juden.

„Von diesem sterbot die juden verlümdet wurden, daz si in alle welt gift in die wasser und in die brunnen leiten, darumb der sterbot komen were; darumb alle juden bi hundert milen verbrent wurden.“[18]

Wie Rudolf Wackernagel schreibt, hat die Bevölkerung wohl aus Angst vor der ihnen fremden Pest handeln müssen. Befangen in Sündenbock- und Feindbildvorstellungen handelten die Städter und sahen den Feind in den Juden[19]. Obenstehendes Zitat aus der Berner Chronik bestätigt denn auch das damalige Bild, welches man von den Juden hatte.

Folglich lässt sich sagen, dass die Basler so handelten, wie es alle taten und dass dies offensichtlich als „normal“ galt.

Der Weg zur Verbrennung der Juden am 16. Januar 1349 ist schnell erklärt. Die Brunnen schienen durch die Juden vergiftet worden, das war der Bevölkerung klar. Hinzu kam, dass einige adelige Basler wegen eines den Juden zugefügten Unrechts aus Basel verbannt wurden. Wahrscheinlich handelte es sich um eine finanzielle Angelegenheit.

Die Zünfte[20] stürmten daraufhin zum Rathaus und riefen um die Rückkehr der Verbannten. Der offensichtlich etwas verschreckte Rat kam diesen Rufen nach. Man holte die adeligen Basler zurück und schwor gemeinsam mit dem aufgebrachten Volk – „das Pöbel war uber die Juden also ergrimmet“[21], dass Basel für 200 Jahre keine Juden mehr dulden werde. Offenbar ohne Gerichtsurteil wurden am 16. Januar 1349 alle Juden von Basel in einem eigens dafür errichteten Holzhaus auf dem Rhein verbrannt[22].

Haben die Basler die Juden doch für die Vergiftung der Gewässer und somit für das Auslösen der Pest bestraft, so muss man sich aus heutiger Sicht fragen, wo diese Pest im Januar 1349 genau angekommen war. In Basel jedenfalls vernahm man davon noch nicht das Geringste. Eine interessante Feststellung dazu ist bei Heinrich Buess zu lesen: „Ähnlich wie schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts die Aussätzigen behandelt worden waren, so wurden auch die Juden [ .] immer wieder verfolgt.

Die Pest bedeutete einen Vorwand, um sich wieder an ihnen zu vergreifen. Dies wird dadurch bewiesen, dass die Massaker der Juden sozusagen immer zeitlich der Pest vorangingen ([ .] gezeigt für Basel)“[23].

Ende des Jahres 1349 war die erste jüdische Gemeinde in Basel vernichtet. Die jüdischen Guthaben und Pfandrechte waren erloschen. Die Grösse der ersten jüdischen Gemeinde ist ungewiss, man schätzt sie auf etwas mehr als 100 Angehörige[24]. Nun gab es keine mehr. Der Rat, die Zünfte und das Volk haben die schändliche Tat begangen.

4 Das Erdbeben von 1356

Die Jahre nach der Pest und der Vernichtung der ersten jüdischen Gemeinde verliefen in Basel in normalen Zügen. Es lässt sich feststellen, dass der ruhige Alltag nach 1349 in Basel Einzug gehalten hat. Wie aus dem Nichts bebte im Herbst 1356 in Basel die Erde und die dritte, aber nicht minder heftige, Katastrophe war Tatsache geworden. Die Frage, was genau geschehen ist, soll in diesem Kapitel erläutert werden[25].

„Ein rink mit sinem dorn

Drü rosissen userkorn

Ein zimerax, der kruegen zal

Do verfiele Basel überal.“[26]

Am 18. Oktober 1356 bebete in Basel die Erde. Es war dies an einem Dienstag, am sogenannten Lukastag gegen die Vesperstunde, also etwa um 4 bis 5 Uhr am Nachmittag[27]. Ein gewaltiges Donnern und Krachen konnte in der Stadt Basel vernommen werden und etliche Gebäude stürzten ein. Den Zorn Gottes habe man am eigenen Leib fühlen können, derart stark war das Erdbeben[28].

An dieser Stelle muss aber versucht werden, das Ereignis etwas genauer zu untersuchen. Wie Wilhelm Wackernagel richtig feststellt, beschreiben etliche Chroniken das Erdbeben von 1356 sehr dramatisch, gar etwas übertrieben[29]. Deshalb muss untersucht werden, wie viel Schaden das Erdbeben tatsächlich angerichtet hat. Sei dies nun Schaden an Gebäuden oder an Personen.

Ob das Beben von Bern, welches in die gleiche Zeit mit jenem von Basel fällt, den selben Ursprung hat, bleibt aber offen. Werner Meyer hält aber fest, dass der Umkreis des Basler Erdbebens bedeutend mehr als 30 Kilometer betragen haben muss. Er spricht von einem Oval mit einem West-Ost Durchmesser von 85 km und einem Nord-Süd Durchmesser von 45 km. Die Stadt Basel habe dabei aber keineswegs im Zentrum des Ovals gelegen, jedoch in einem Gebiet, welches nachträglich die Intensität von IX bis XIII erhalten hat[32].

Das Erdbeben musste die Bevölkerung derart aufgeschreckt haben, dass sie schleunigst vor die Stadttore floh. Auf dem Petersplatz hat sich der grösste Teil davon versammelt. Wahrscheinlich wurde kleineres Hab und Gut mitgenommen, die grossen Gegenstände liess man zurück. Es ist möglich, dass die Leute nach dem ersten Beben ins Freie flohen und anschliessend wieder zurückkehrten, um ihre restliche Habe zu retten.

Das Bild, das sich ihnen bei der Ankunft in der Stadt bot, war ein schreckliches. Bald standen die Häuser in Flammen und herab gefallene Mauerstücke stauten den Birsig, was zu einem Hochwasser führte. Wie in Kapitel 2 beschrieben, standen die Häuser eng aneinander und waren mit Strohdächern gedeckt. Dass sich dadurch ein grosses Feuer schnell ausbreiten konnte, ist offensichtlich.

Wie viele Todesopfer es gab, ist nicht klar. In der Chronik des Christian Wurstisen kann man lesen, dass einer von den Bärenfels beim Versuch aus der Stadt zu flüchten von einer herunterstürzenden Zinne erschlagen worden sei[34]. Rudolf Wackernagel spricht davon, dass zahlreiche Menschen unter den Trümmern ihren Tod fanden.

Belegen kann er dies nicht. Er geht aber davon aus, dass die Rettungstrupps – also die helfende Bevölkerung – durch weitere Erdstösse überrascht und deshalb getötet worden sind. Belegt ist diese Aussage aber nicht. Namentlich weiss man einzig von drei Getöteten: Der Domherr Johann Christiani, der Pfarrer zu St. Martin, Herr Peter Münch und eben jener von den Bärenfels[35].

Womöglich handelte es sich bei dem Herrn Bärenfels um den Bruder des amtierenden Bürgermeisters Konrad von Bärenfels[36].

Da die Katastrophe nicht nur das Erdbeben umfasst, sondern auch die Feuersbrunst und das Hochwasser, lässt sich nicht klar sagen, welche und wie viele Gebäude durch die Erdstösse niedergerissen wurden. Vielmehr muss von einem Zusammenspiel der drei Komponenten Erdbeben, Feuer und Hochwasser gesprochen werden.

Neben dem Münsterturm wurden etliche andere Kirchen, Klöster und Burgen zerstört[38]. Die Synagoge jedoch blieb unverwüstet[39].

5 Die Strafe Gottes?

Im folgenden Abschnitt soll untersucht werden, ob und wie die beiden zeitlich verschobenen Katastrophen Pest und Erdbeben in der Folgezeit interpretiert wurden. Die Frage nach einer Strafe Gottes wird dabei im Zentrum stehen.

Im Jahr 1360, also knapp vier Jahre nach dem grossen Erdbeben, verfasste Konrad von Waldighofen einen Bericht über die Katastrophe[40]. Dieser Text ist zeitlich sehr nahe am Ereignis geschrieben. Dies bringt zwei Seiten mit sich. Zum einen kann der Verfasser ein sehr genaues Bild über die Zerstörung liefern, da er es mit seinen Augen gesehen hat.

Zum anderen beinhaltet genau dieser eigene Blick eine subjektive Wahrnehmung. Das heisst, dass Konrad von Waldighofen seine ganze Fantasie mitspielen lassen konnte. Vielleicht wurde seine Wahrnehmung sogar durch Selbstbetroffenheit, einen selbst erfahrenen Schicksalsschlag, beeinflusst. Seine Schilderung bezieht sich denn auch nur auf die Stadt. „Im Jahre des Herrn 1356, am Tage des seligen Evangelisten Lucas, vor der Vesper, ereignete sich zu Basel und in der Umgebung bis auf zwei Meilen ein Erdbeben, infolge dessen viele Kirchen, Gebäude und Burgen einstürzten und viele Menschen umkamen.“ Wie in Kapitel 4 zu lesen ist, war das Ausmass des Erdbebens viel heftiger als bloss auf 2 Meilen (ca. 14 km) zu spüren.

Es kommt ihm sehr gelegen, dass sich das Datum des Erdbebens in der Bibel mit dem passenden Vers dazu findet. Hier lässt sich also vermuten, dass er das Erdbeben als eine Strafe Gottes sieht. Ob er das Erdbeben mit den Judenverfolgungen verbindet und somit als Strafe dafür interpretiert, lässt er offen, indem er das Bibelzitat nicht weiter erläutert. Als solches kann es aber verstanden werden.

Francesco Petrarca beschrieb um das Jahr 1368 das Erdbeben von Basel[42]. Im Gegensatz zu Konrad von Waldighofen lässt er eine biblische Anlehnung gänzlich weg. Zwar schreibt Petrarca [ .] erzitterte das untere Germanien und das ganze Rheintal, wobei Basel zusammensank“, und macht so klar, dass das Erdbeben ein grösseres Ausmass als zwei Meilen gehabt haben muss, doch Basel für ihn „sowohl eine grosse als schöne, und wie es schien, feste Stadt.“ Hier muss Petrarca vorgehalten werden, dass Basel in der Gegend um das Münster eine sehr schöne und feste Stadt war, dass die Stadt aber viele andere Quartiere gehabt hat, die nicht annähernd einen soliden Eindruck gemacht haben (siehe Kapitel 2).

Einen sehr stark ausgeschmückten Bericht finden wir bei Jean de Roquetaillade (Johannes de Rupescissa)[43]. Bei ihm handelt es sich um einen Barfüssermönch, der im Jahr 1356 wegen allerlei kühner Prophezeiungen und Freimut eine Haft absitzen musste. Er erwähnt das Basler Erdbeben in einer niedergeschriebenen Prophezeiung, wonach in den Jahren 1360-1365 mehrere grosse Städte durch Erdbeben heimgesucht werden sollten. [ .] ein Vorbild derselben hatten wir in diesem Jahre [1356].

Da wurde am Tage des heiligen Lucas, in Alamannien, jene berühmte kaiserliche Stadt Basel durch ein unerhörtes Erdbeben während ungefähr 10 Stunden erschütert und von Grund aus zerstört, wobei zahllose Bewohner getödtet wurden; denn aus den Eingeweiden der Erde brach drei Tag lang wunderbares Feuer, dem höllischen ähnlich, hervor und verwandelte die Stadt in Asche, wie einst das alte Sodom und Gomorrha. 75 Schlösser der Umgebung wurden zerstört; und das alles hat mir ein glaubwürdiger Priester erzählt, der es mit eigenen Augen gesehen.“ Dieser Beitrag wurde also im Jahr 1356 verfasst, beruht aber auf Informationen eines anderen Priesters.

Somit lässt sich auch hier nicht feststellen, dass damals eine Verbindung zwischen den Judenpogromen und dem Erdbeben als Gottes Antwort darauf gemacht wurde.

Auch in der Quellensammlung von Wilhelm Wackernagel findet sich nichts Neues zum Erdbeben von 1356. Vielmehr bemerkt er, dass die meisten, die Berichte verfasst haben, einander abgeschrieben haben, wodurch wir immer etwa das gleiche Bild des Ereignisses erhalten[44]. Wackernagel findet vielmehr heraus, dass neben ähnlichen Beschreibungen auch immer die Erkenntnis des göttlichen Strafgerichts und des Rufs zur Busse durchsickert[45].

Die frühere Katastrophe, die Basel erlebt hat, nämlich die Pest, wird in der Folge daran ebenfalls als von Gott gewollt interpretiert. „das verheing got, wond er es an der Cristenheit wolt rechen. [ .] es stund ein gross lumdung uff, das die Juden die Cristenheit dilken woltten mit vergift, die sy heinlich über mer har brocht hetten[46].“ In dieser Quelle ist zum einen die religiöse Haltung spürbar; die Pest ist also von Gott gewollt und somit als Strafe durch ihn anzusehen.

Dass Judenpogrome, wie am Beispiel Basels zu sehen, der Pest oft vorausgingen, will Bernoulli nicht feststellen. Genau diese Feststellung schiene sehr interessant, doch wäre sie für die christliche Welt jener Zeit wohl zu gefährlich. Denn dann müsste er vielleicht daraus schliessen, dass die von Gott verhängte Strafe eine Antwort auf die Judenpogrome gewesen sein konnten.

Der Chronist Matthias von Neuenburg[47] schreibt in seiner Chronik eher oberflächlich über die Pest. Er gibt aber in etwa den Wortlaut weiter, der in jener Zeit seine Kreise gemacht haben muss: „So durchzog die Pest die Länder, und die Gelehrten, auch wenn sie vielerlei schwafelten, konnten keine sichere Ursache angeben, ausser dass es Gottes Wille sei.“ Er schildert die Hilflosigkeit, die damals geherrscht haben muss.

Da man sich in der Not nicht mehr zu helfen wusste, musste das schreckliche Sterben von Gott gewollt sein. Leider fehlen auch hier Anzeichen, dass Zusammenhänge zwischen den begangenen Taten und der Pest bestehen könnten. Von Neuenburg erwähnt die Judenpogrome kühl mit diesen Worten: „Und es wurden die Juden beschuldigt, dass sie diese Pest verursacht oder verschlimmert hätten, indem sie Gift in die Quellen und Brunnen geworfen hätten.

Bei Christian Wurstisen[48] finden wir für die Pest ebenfalls die Wortwahl „heimsuchung Gottes“. Und obwohl auch er die Judenpogrome und die Pest historisch richtig einbettet, deutet er die Pest im Sommer 1349 nicht als Antwort auf die Judenpogrome vom 16. Januar 1349. Zwar zeigt er ebenfalls auf, dass die Vernichtung der Juden durch die Christen in keiner Weise gerechtfertig war, doch sieht er die Pest nicht als unmittelbare Strafe Gottes auf dieses Unrecht.


6 Schlusswort

In dieser Arbeit wurde versucht, die drei grossen Katastrophen, die Basel in der Mitte des 14. Jahrhunderts heimgesucht haben, darzustellen. Eine chronologische Abfolge sollte eingehalten werden, war aber aufgrund der engen Verknüpfung der Pest und der Judenpogrome nicht ganz möglich. Die Pest vom Sommer 1349 und die Judenpogrome im Januar 1349 fliessen praktisch zusammen, sodass eine kleine Änderung vorgenommen werden musste.

Die Judenpogrome beginnen am 16. Januar 1349, finden ihr Ende aber erst im Sommer 1349. Deshalb wurde die Pest an dieser Stelle zuerst genannt. Danach wurde das Erdbeben vom 18. Oktober 1356 beschrieben. Mit dieser letzten grossen Katastrophe wurde schliesslich der Weg zur Frage nach einer Strafe oder Sühne Gottes gefunden.


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