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Gedichtanalyse: Auf dem See von Johann W. v. Goethe: Inhaltliche und formale Analyse und Interpretation
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German studies

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Universität zu Köln

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Institut für Deutsche Sprache und Literatur I der Universität zu Köln

Proseminararbeit

Goethes Gedicht „Auf dem See“


Inhaltsverzeichnis

1.     Einleitung. 2

2.     Sturm und Drang - Eine Begriffsbestimmung. 4

3.     Goethes Werk „Auf dem See“. 7

3.1.     Die Entstehungsgeschichte des Werkes 7

3.2.     Die äußere Gestalt des Gedichtes „Auf dem See“ in seinen beiden Fassungen. 9

3.3.     Formale und inhaltliche Analyse und Interpretation. 12

3.4.     Zusammenfassung der Diskussion. 18

4.     Literaturangaben. 22


1.   Einleitung

Jeder Text, jeder Roman und jedes Gedicht steht in synchronen und diachronen Bezügen und ist Teil eines Œuvre, einer Epoche, einer Literatur. Der junge Johann Wolfgang von Goethe stand an einer Schaltstelle der deutschen Literatur. Die Aufklärung hatte das Ende des Barock gültig festgestellt, jedoch hatte sie selbst das ästhetische Vakuum nicht füllen können.

Lange Zeit wurde die Lücke in der anakreontischen Lyrik mit einer ironischen Fortsetzung der barocken Reimkunst gefüllt, welche die Themen Freundschaft, Liebe, Natur, Wein und Geselligkeit behandelte. Auch der junge Goethe hatte an dieser Lyrik mit seinen virtuosen Probestücken einen Anteil. Es bahnte sich jedoch

neben diesem spielerisch-leichtem Dichtungsverständnis eine neue Ästhetik an, in der die Dichtung anfing, sich als unausweichliche Selbstverständigung einer neu definierten Menschheit zu betrachten. Goethe und seine Zeitgenossen gehörten zu denjenigen Autoren, welche ästhetische Antworten auf die, der Kritik verfallenen, inhaltlichen Willkürlichkeit der Dichtung formulierten.

Sie wollten der Dichtkunst die Wahrheit nicht in Form von Kritik vorsetzen, sondern als neue Dichtung einer natürlichen und wahren Empfindung. [1]Auch der Text von Goethes Gedicht Auf dem See, der in dieser Arbeit behandelt werden soll, verweist vielfach auf den Naturbegriff der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang. Das Gedicht Auf dem See gehört ursprünglich zu einem Ensemble lyrischer Gedichte, die im Zusammenhang mit Goethes Liebesbeziehung zu der Bankierstochter Lili Schönemann entstanden. [2] Die Gruppe dieser Gedichte lässt sich mit der sogenannten Sesenheimer Lyrik aus Goethes Straßburger Zeit an die Seite stellen, fand aber in der Forschung weitaus weniger Beachtung.

Eine Ausnahme stellt das hier behandelte Gedicht dar, welches zu den bekanntesten lyrischen Schöpfungen des Autors gezählt werden kann. Die Forschungslage zum Gedicht ist sehr gut und es liegt eine umfangreiche Sekundärliteratur vor, welche neben der Geschichte der Entstehung, der Untersuchung der historischen Rahmenbedingungen und des biographischen Hintergrundes auch die Stellungen im Werk Goethes und Vergleiche der beiden Fassungen des Gedichtes beinhaltet.

Die Beiträge der Forschung reichen von einer biographischen Deutung des Werkes, als Ausdruck persönlicher Erfahrung Goethes, über die Problematisierung des Begriffes ‚Erlebnislyrik’ und Symboluntersuchungen, bis hin zu einer Auseinandersetzung mit den gesellschaftskritischen Aspekten der Dichtung.[3]

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Ab hier war die die Formel „Sturm und Drang“ oder auch „Drang und Sturm“ als Ausdruck für eine individuelle seelische Verfassung gebräuchlich, wurde dann aber seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts auch als Epochenbegriff verwendet. Eine weitere übliche Bezeichnung neben dem Sturm und Drang ist auch der Begriff Genieperiode oder Geniezeit, mit dem man an jenes menschliche Phänomen anschließt, welches im Mittelpunkt der ästhetischen Erörterungen der Stürmer und Dränger stand.

Sie verliehen ihrem Lebensgefühl, ihrem selbstherrlichen Vertrauen auf leidenschaftliche Schöpferkraft und intuitive Erkenntnis im Bekenntnis zum Genius am deutlichsten Ausdruck. Sehr aufschlussreich für den Sturm und Drang ist die Umdeutung und irrationalistische Fassung des Geniebegriffs. Dieses Fremdwort war in der Sprachform, die auf das französische génie zurückging, zu Beginn des 18. Jahrhunderts aufgekommen und meinte in gesteigertem Masse nicht nur genius, sondern auch ingenium.

Bezeichnenderweise griff der Sturm und Drang mit der Übernahme des Wortes anthropologische und ästhetischen Erörterungen der vorangegangenen Aufklärungszeit zurück und setzte sie fort, verlieh ihnen aber gleichsam wesentliche neue Impulse und entwickelte den tatsächlichen Geniekult.[13] In der zeitlichen Einordnung der Periode des Sturm und Drang sind sich die meisten Literaturwissenschaftler darin einig, dass diese nach 1765 beginnt und vor 1780 endet.

Werden auch die früheren Schriften Johann Georg Hamanns und die späteren Dramen Schillers einbezogen, muss der Zeitraum auf die Jahre zwischen 1760 und 1785 erweitert werden. Als programmatische Schriften können Heinrich Wilhelm von Gerstenbergs Briefe über Merkwürdigkeiten der Litteratur (1766/67) und Johann Gottfried Herders Fragmente Über die neuere deutsche Literatur (1767/68) genannt werde.

Mit Goethes Drama Götz von Berlichingen,, 1771 geschrieben und 1773 gedruckt, wird der Anfang der literarisch produktiven ‚Geniezeit’ markiert, welche um 1776 ihren Höhepunkt erreicht und dann rasch ausläuft. In der Forschung wird immer wieder darüber debattiert, ob man den jungen Schiller, welcher erst 1781 mit den Räubern debütierte, noch zum Sturm und Drang zählen soll oder nicht.

Er wird von den meisten Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen als einzelner Nachzügler betrachtet, welcher das Ende der gesamten Epoche nicht verschiebt.

Unproblematisch stellt sich dagegen die Abgrenzung des Sturm und Drang als geistige Bewegung dar, dies aber nur dann, wenn man von den Hauptvertretern, ihren wesentlichen Werken und Programmen, sowie ihrer entschiedenen Frontstellung gegen den aufklärerischen Rationalismus, ausgeht. Laut Carl Otto Conrady kann aber der Sturm und Drang nicht als Gegenbewegung, gegen die „Verstandeskultur“ der Aufklärung erklärt werden, sondern muss als Fortführung, Entwicklung und Ausweitung aufklärerischer Tätigkeit begriffen werden.[14] Wenn man jedoch die Wegbereiter miteinbezieht und berücksichtigt, dass der Sturm und Drang für seine bedeutendsten Träger nur Durchgangsstadium, zum Beispiel für Goethe und Schiller nur eine recht kurze, wenn auch wesentliche Phase in der Vorbereitung der Klassik war, dann werden die Grenzen unklar.[15]

Eindeutig hingegen ist die Tatsache, dass der Sturm und Drang eine ausgesprochen deutsche Erscheinung war, welche auf das protestantische Deutschland beschränkt blieb. Trotzdem hatten der Geniebewegung ausländische Vorbilder vielfältige Impulse geboten und ihr den Weg geebnet, wobei die stärksten Wirkungen von G.....

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Mit den beiden Grafen verband Goethe, wie er in Dichtung und Wahrheit schreibt, die Empfindung der „Fülle einer Jugend, die sich fühlt und nicht weiß, wo sie mit Kraft und Vermögen hinaus soll.“[20] Spätere Bemerkungen Goethes schwächen das Verhältnis zu den beiden jungen Männern eher ab. Als einen tieferen Grund für seine Reise deutet Goethe an: „einen Versuch zu machen, ob ich Lilli entbehren könne.“ [21]

Er hatte sich im Juli des Jahres 1775 mit der mit der Offenbacher Patrizierstochter Elisabeth Schönemann, genannt Lili verlobt und dabei erfahren, „wie es einem Bräutigam zu Mute sei.“ [22]

In seiner Autobiographie spricht er von Gefühlen, „die sich schwer aussprechen lassen.“[23] Die Verlobung war eher eine Konsequenz des gesellschaftlichen Status Lilis gewesen und hatte sich gewiss nicht ohne das Zutun anderer Person ergeben. Nach kurzer Zeit schien ihm seine Verlobte nicht mehr „zu passen“[24], und er begann seine Schweizer Reise wenige Tage nach ihrer Verlobung, immerhin „ohne Abschied“[25], dem Geburtstag der Braut entgehend.

Viele Missverständnisse der beiden führten schließlich zu Trennung und es mag den beiden erst viel später bewusst gewesen sein, was sie damit aufgegeben hatten. [26] Das vorliegende Gedicht hat seinen Ursprung in der Gelegenheit einer Kahnfahrt Goethes mit Lavater, den Stolbergs und anderen Freunden auf dem Züricher See. [27] In seiner ersten Fassung ist das Gedicht zusammen mit einer Anzahl lyrischer Aufzeichnungen – mit Datierung vom „15. Junius 1775. Donnerstags morgen aufm Zürchersee “ - neben einigen Reisenotizen in dem fragmentarischen Tagebuch erhalten, welches Johann Wolfgang von Goethe in der Zeit vom 15. bis zum 21.Juni 1775 führte.

Conrady bezweifelt aufgrund seines sorgfältigen Aufbaus und keinerlei vorhandener Korrekturen allerdings, dass das Gedicht spontan auf dem See entstanden ist.[28] Im Jahre 1789 veröffentliche Goethe die zweite Fassung für die Druckausgabe seiner Schriften und gab ihr den Titel Auf dem See. Diese weist im Gegensatz zu der ersten in der äußeren Form eine Zweiteilung auf, welche auf unterschiedliche Entstehungsphasen hinweisen könnte.

Die duale Gliederung wird in der Endfassung, zugunsten eines, dem inneren Aufbau entsprechenden triadischen Aufbaus, aufgegeben. [29] Diese Zusammengehörigkeit der Verse ist aufgrund der inneren Logik der Entwicklung kaum bezweifelt worden, zumal Goethe die Einheit der zwanzig Zeilen bei jeder Veröffentlichung wahrte[30] Weiterhin ist die Existenz einer Ende der sechziger Jahre entdeckten dritten Fassung des Gedichtes bekannt, dass Goethe, kurz vor der endgültigen Lösung, Lili g.....

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10 Goldne Träume, kommt ihr wieder?

11 Weg, du Traum, so gold du bist.

12 Hier auch Lieb und Leben ist.


13 Auf der Welle blinken

14 Tausend schwebende Sterne,

15 Weiche Nebel trinken

16 Rings die türmende Ferne,

17 Morgenwind umflügelt

18 Die beschattete Bucht,

19 Und im See bespiegelt

20 Sich die reifende Frucht.[32]


3.3.              Formale und inhaltliche Analyse und Interpretation

Der Zugang zu Goethes Gedicht erschwert sich schon zu Beginn dadurch, dass sich der Zusammenhang der drei Strophen nicht unmittelbar erschließt und sich auf Anhieb weder eine chronologische, noch eine logische Abfolge feststellen lässt. Es finden sich zwar durchaus Anhaltspunkte auf den situativen Kontext einer gemeinsamen Bootsfahrt, da in dem Gedicht die Redewendungen „unser[m] Kahn“ und „unserm Lauf“ genannt werden, die anwesenden Freunde weiter aber keine Rolle spielen.

Dies deutet darauf hin, dass Goethes Gedicht eine rein individuelle, einsame Erfahrung in der Natur entwirft. Diese stellt zum Beispiel einen Gegensatz zu Klopstocks Ode „Der Zürchersee“ dar, die von einem ganz ähnlichen Anlass ausgeht.

Hier wird allerdings das Erlebnis der Freundschaft in den Mittelpunkt gestellt und dabei eine von allen geteilte Naturbegeisterung gestaltet. Um dem Sinnzusammenhang des Gedichts näher zu kommen, soll nun zunächst jede Strophe für sich betrachtet und dann in einem zweiten Schritt als Etappe eines übergreifenden Entwicklungsprozesses interpretiert werden. Des Weiteren soll die Eigenart dieses Verlaufs bestimmt werden.[33]

Bei dem ersten Achtzeiler handelt es sich um eine Verdopplung der sogenannten Chevy- Chase-Strophe, welche ihren Ursprung in der englischen Volksballade findet. Zusammengesetzt ist dieser aus zwei kreuzgereimten Vierzeilern mit durchweg männlichen Kadenzen. Das jambische Metrum bleibt hierbei stets gewahrt, jedoch weisen die ungeraden Verse jeweils vier, die geraden dagegen .....

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Die Wirkung ist einschläfernd und wirkt nicht zielgerichtet oder vorwärtsdrängend. Es ist nicht verwunderlich, dass die „Natur“ in dieser Strophe zwar benannt, aber nicht eigentlich beschrieben wird. Indem es regelrecht in die lustvoll erfahrene Einheit mit der „Welt“ eingebettet ist, kann das Ich unmöglich jenen inneren Abstand zu seiner Umgebung gewinnen, der für eine wirkliche Naturschilderung nötig wäre.

Dies wird besonders eindrucksvoll im Vers „Und Berge, wolkig himmelan“ deutlich: Das lyrische Ich kann aus seiner Perspektive offenbar nicht einmal klar erkennen, wo die hoch aufragenden Berge aufhören und die Wolken beginnen. Das Panorama verschwimmt hier zu einer einzigen, „himmelan“ strebenden Masse. In ihrer Gesamtheit stellt die Natur hier also noch eine undifferenzierte, übermächtige Größe dar, von der sich das Ich in seiner Wahrnehmung ebenso wenig klar zu trennen vermag, wie der Säugling sich selbst schon deutlich von der Mutter zu unterscheiden weiß.[35] Die Zielstrebigkeit, mit der Goethe auf dieses Bild hinarbeitete, zeigt ein Vergleich mit dem ursprünglichen Wortlaut des siebten Verses, welcher im Tagebuch noch lautete: „Und Berge Wolken angetan.“ Die Berge erscheinen hier als ehrfurchtgebietende Gestalten, die mit Wolken, wie mit prächtigen Mänteln bekleidet sind.

Dies impliziert immerhin eine Unterscheidung von Bergen und Wolken durch das Ich, die in der späteren Version aufgegeben ist.[36]

In der zweiten Strophe erfolgt eine Abgrenzung, welche schon allein durch ihre formale Struktur sichtbar wird. An die Stelle des Kreuzreims tritt der doppelte Paarreim, wobei die Kadenzen im ersten Verspaar weiblich, im Zweiten wieder männlich sind. Weiterhin ersetzt ein vierhebiger Trochäus den zuvor verwendeten Jambus.

Es kommt unter diesen Bedingungen an der Grenze zwischen der dritten und vierten Zeile erstmals in diesem Gedicht innerhalb einer Strophe zu einem Zusammenprall zweier Hebungen („bist: / „hier“.) Diese unterstreicht den Gegensatz zwischen dem „Traum“ und dem „Hier und Jetzt“, ebenso wie die Entschiedenheit der Abwehrgeste, mit der das Ich die träumerische Anwandlung verscheucht. „Träume“, die offenbar Tagträume des vom schaukelnden Kahn sanft gewiegten Sprechers darstellen, bestimmen diese Strophe.

Indem seine Augen sich schließen, „niedersinken“, vollzieht sich eine Abwendung des lyrischen Ichs von der unmittelbar erfahrenen äußeren Wirklichkeit. Es wendet sich ab von der Natur und vollzieht einen Rückzug in die eigene Innenwelt, aus der jene „Träume“ aufsteigen. Hiermit erfolgt zugleich ein Aufbruch der reinen Gegenwärtigkeit, die in der ersten Strophe herrschte, denn es handelt sich hier um bereits vertraute Träume, die auf eine Vergangenheit verweisen.

Dies wird deutlich an der Frage „kommt ihr wieder?“ Obschon diese Träume als „goldene“ bezeichnet werden und somit anscheinend keineswegs unerfreulich sind, versucht sich das Ich ihrer zu erwehren, da sie ihn von dem gegenwärtigen, sinnlich erlebten Augenblick, eben vom „Hier“ der Naturerfahrung auf dem See, abzulenken drohen. Es wirkt geradezu als Beschwörung, wenn der Sprecher sich ins Bewusstsein ruft, dass „auch“ diese Gegenwart „Lieb und Leben“ .....

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In der zweiten Strophe wird dieser Zustand aufgehoben, denn durch die aufsteigenden Träume und Erinnerungen ist das bloße In-Sich-Ruhen in reiner Gegenwärtigkeit nicht mehr möglich und das Ich wird zu einer Selbstbesinnung herausgefordert. Auch wenn die Verschmelzung des Sprechers mit der mütterlichen Natur nunmehr zugunsten der Gegenwart und des Naturlebens aufgehoben ist, und die Träume entschieden („Weg du Traum“) abgewehrt worden sind, kann es nicht mehr in jenen, förmlich bewusstlosen Zustand zurücksinken, den die Eingangsverse evozierten.

Dieser förmliche Einsturz der „Träume“ bedeutet daher im Zusammenhang des Gedichts nicht ausnahmslos, „Verirrung“ und Gefährdung, sondern stellt gleichsam auch einen notwendigen Schritt in der Entwicklung des Ich dar. Greifbar wird dieses Ergebnis in der Schlussstrophe, in der erneut die Natur in den Vordergrund, rückt, sich jedoch das Verhältnis des lyrischen Ich zu ihr gewandelt hat.

Die dritte Strophe besteht erneut aus zwei kreuzgereimten Vierzeilern, welche jedoch in ihren Kadenzen nicht übereinstimmen. Während der erste ausschließlich weibliche Endungen aufweist, so wechselt der zweite zwischen weiblichen und männlichen. Auch das Metrum ist weniger regelmäßig, als noch in der Eingangsstrophe. Die Verse sind zwar grundsätzlich trochäisch und allesamt dreihebig, jedoch variiert Goethe den Trochäus in den Zeilen 2, 4, 6, und 8 jeweils im mittleren Takt durch eine zusätzliche Sendung zum Daktylus.

Dies führt laut Kittstein in formaler Hinsicht zu mehr Variabilität und Freiheit als in den vorangegangenen Versen, was auf den Reifungsprozess des lyrischen Ich hinweist. [41] Eklatant ist an dieser Stelle, dass das Ich in diesen Versen gar nicht mehr explizit genannt ist, was in Opposition zum ersten Achtzeiler des Gedichts steht, wo es in „ich“ und „mich“, sowie in vermittelnder Weise, in „unsern“ und „ unserm“ sogar außerordentlich stark präsent war.

Ferner wird nun, anders als zuvor, die Natur wirklich zum Objekt der Betrachtung und aufgrund dessen auch erstmals näher dargestellt: Das Sonnenlicht, das von den Wellen reflektiert wird und wie eine Vielzahl funkelnder Sterne wirkt, die Nebelschwaden und die von ihnen teilweise verdeckte „Ferne“, der „Morgenwind“, die „Bucht“ und der „See“ rücken in das Feld der Wahrnehmung.

Obwohl hier das Ich nicht von sich selbst spricht, so fungiert es doch als perspektivischer Ausgangspunkt der Naturbeschreibung: Es konzeptioniert von seinem Standpunkt aus die Naturszenerie, die sich „rings“ vor seinen Blicken entfaltet. Dies hat aber zur Konsequenz, dass sich das Ich aus seiner anfangs passiven Hingabe, aus seiner Dependenz von der Natur gelöst hat und in der Lage ist, sich mit ihr als Beobachter zu konfrontieren.

In diesem Zusammenhang wird auch noch eine jener Veränderungen, welche Goethe in den ersten Zeilen vornahm, als er die Verse aus seinem Tagebuch, für den Druck in den Schriften, zu einem einzigen Gedicht zusammenfasste. In der früheren Fassung heißt es in Vers 3 „Und herrlich rings ist die Natur“, welches schon eine kreisförmige Struktur mit dem Ich als .....

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