Vellusig, Einführung
in die neuere deutsche Literaturwissenschaft, WS 2010/11
Stichworte zur 5. Vorlesung (12.
November 2010)
Programm für die 5.
und 6. Vorlesung:
Erweiterung der
Fiktionstheorie um die Kategorien „Mimesis“ und „Imagination“
[1]
Mimesis: Die Poetik des Aristoteles (384-322)
akroamatische
Schrift (für den Lehrgebrauch), ab 335 v.Chr. (→ Handout)
Das Buch über die
Komödie ist verlorengegangen (vgl. Umberto Eco, Der Name der Rose).
Reflexion einer
kulturellen Praxis & Versuch einer Begriffsbestimmung
„Von der Dichtkunst
selbst .. wollen wir hier handeln.“
zentraler Gedanke: Poesie
ist Mimesis
· Poesie, gr.
„poiesis“ von „poiein“: machen, herstellen
nicht im Sinne von
versgebundener Rede (vgl. engl. „poetry“ vs. „fiction“), sondern im
Sinne des sog.
engeren Literaturbegriffs, allerdings ohne mediale Festlegung auf
Geschriebenes!
Poesie im Sinne von
Aristoteles kann sowohl in Versen als auch in ungebundener Rede
(in Prosa, von lat.
„oratio proversa/prorsa“: die vorwärtsgerichtete Rede) verfasst sein
· Mimesis:
Nachahmung, Darstellung; von gr. „mimeísthai“: nachahmen, darstellen, sich
ähnlich machen
vgl. Schauspieler
(Mime): der Schauspieler stellt einen Weinenden, Lachenden etc. dar,
indem er ihn
nachahmt
· zur
Argumentationsfolge: Differenzierung nach (1) den Mitteln, (2) den Gegenständen
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(9) Unterscheidung
zwischen Poesie und Geschichtsschreibung
Kapitel 1: Mittel der
Nachahmung: Rhythmus, Sprache, Melodie
impliziter Hinweis
auf die nicht-schriftlichen Ursprünge der Poesie
mündlich
aufgeführte Dichtung (Theater, Chorlied, Vortrag des epischen Sängers etc.)
Kritik an der
verbreiteten Auffassung, Dichtung sei versgebunden
Kapitel 2: Gegenstände
der Nachahmung: handelnde Menschen
Der Gegenstand der
Poesie ist das einzelmenschliche Leben („bios“) und Handeln („praxis“)
Poesie ist Mimesis
von Personen durch Personen – nicht: Nachahmung der Wirklichkeit oder
der Natur
(„imitatio naturae“)
verbale
Zweitfassung des menschlichen Lebens
Kapitel 3: Art und
Weise der Nachahmung: Erzählung vs. szenische Aufführung
Kapitel 4: Ursachen
für die Dichtkunst
Nachahmung ist den
Menschen angeboren (Kinder) und macht Freude
Erfahrungstatsache:
Auch das, was wir im wirklichen Leben nicht gerne sehen, sehen wir in
der poetischen
Darstellung gerne (Freude am Wiedererkennen)
Kapitel 9: Poesie und
Historiographie (Präzisierung des Kapitels 2)
Poesie ist die
Darstellung des Möglichen bzw. Allgemeinen
Geschichtsschreibung
hat es mit dem Besonderen zu tun (vgl. Kriterium der Referenzialisierbarkeit)
Vellusig, Einführung
in die neuere deutsche Literaturwissenschaft, WS 2010/11
Erläuterung
1: Was heißt „Darstellung des Allgemeinen“?
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Die Figuren eines
poetischen Textes sind exemplarisch allgemein.
Darstellung von
Personen (nicht von identifizierbaren Individuen)
Grafiken wurden automatisiert entfernt
Das Besondere:
„Dieses Bild zeigt
Frau X. bei einer Faschingsveranstaltung im Pflegeheim
Y.“
(Referenzialisierung)
Das exemplarisch
Allgemeine:
„Dieses Bild zeigt
eine grotesk kostümierte alte Frau, an der das Faschingstreiben
vorüberzieht .. etc.
etc.“
Was das Bild zeigt,
muss man sich allererst verständlich machen, indem
man es in Worte
fasst (vgl. Polyvalenz/Mehrdeutigkeit).
Exemplarisch
allgemein ist das Bild, insofern es die Verlorenheit einer
alten Frau im
Faschingstrubel anschaulich macht und insofern es
zeigt, wie alte
Menschen in Altersheimen ihre Würde verlieren etc.
Und: So bedrückend
das im Bild Dargestellte ist; so beeindruckend ist
doch die Darstellung
(vgl. Poetik, Kap. 4).
Erläuterung
2: Übersetzungsprobleme: Nachahmung oder Darstellung?
(→ Handout
„Mimesis“)
Petersens Argument:
nachahmen kann man nur etwas Existierendes
sein
Übersetzungsvorschlag: Mimesis = Darstellung (Oberbegriff)
· Nachahmung
ist lediglich eine spezifische (detailgenaue) Form der Darstellung
(Kriterium der
„Abbildungsgenauigkeit“)
· Personen
werden in der Poesie nicht nachgeahmt, sondern überhaupt erst hervorgebracht
(vgl. Hallers
Unterscheidung zwischen unvollständig bestimmten Ficta und vollständig
bestimmten Facta)
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Ex. Chryses, der
Priester Apolls, in Homers „Ilias“
(Erster Gesang, V.
12-33, Übersetzung von Hans Rupé)
..
er [= Chryses] war zu den schnellen Schiffen Achaias gekommen,
Freizukaufen
die Tochter, und bot unendliche Buße,
Hielt
in den Händen die Binde des treffenden Phoibos Apollon
Oben
am goldenen Stab und beschwor die Danaer [= Griechen] alle,
Doch
die Atriden [= Agamemnon und Menelaos] zumeist, die beiden Lenker der Völker:
Atreus’
Söhne und all’ ihr hellumschienten Achaier [= Griechen],
Euch
verleihe die Macht der Unsterblichen auf dem Olympos,
Priamos’
Stadt [= Troja] zu vernichten und wohl nach Hause zu kehren;
Aber
die Tochter [= Chryseis] gebt mir frei und nehmet die Buße,
Heget
Furcht vor dem Sohne des zeus, dem Schützen Apollon!
Alle
stimmten ihm zu die andern Achaier und rieten,
Ehrend
den Priester zu scheun und die reiche Buße zu nehmen.
Nur
Agamemnon gefiel es nicht, dem Sohne des Atreus,
Sondern
mit Schimpf entließ er den Alten und schmähte in drohend:
Daß
ich nimmer, o Greis, bei den geräumigen Schiffen dich treffe,
Weder
jetzt verweilend, noch wiederkehrend in Zukunft!
Kaum
sonst möchte dir helfen der Stab und die Binde des Gottes!
Jene
[= Chryseis] lös’ ich dir nicht, und eher noch naht ihr das Alter,
Wann
sie in unserem Haus in Argos, fern von der Heimat,
Mir
als Weberin dient und meines Lagers Genossin!
Gehe
denn, reize mich nicht, auf daß du heil mir davonkommst!
Also
sprach er; der Greis erschrak und gehorchte der Rede.
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Das Gegenargument:
es geht nicht um die Nachahmung von Existierendem, sondern von Personen
(und allgemeinen
Ausdrucksformen des Lebens), obwohl die Dichtung den Personen
Eigennamen (z.B.
Chryses) gibt.
Homer ahmt nicht
Chryses nach, sondern einen alten Mann, der um seine Tochter bittet; diesem
Mann gibt er den
Namen Chryses. Er ahmt ihn nach, indem er ihn sprechen lässt, und
macht ihn so als
Person erlebbar (vgl. Hamburger) und er zeigt ihn im Konflikt mit
Agamemnon,
der ihn verjagt und
so die Rache Apolls provoziert, in Konflikt mit Achill gerät, der
ihm seine Beutefrau
Briseis abtreten muss und darüber erzürnt .. (vgl. Vers 1: „Singe, Göttin,
den Zorn des
Peleiaden Achilleus ...“)
Homer stellt den
Trojanischen Krieg als zwischenmenschliches Geschehen dar: als Streit von
Männern um Frauen
(Helena, Chryseis, Briseis) etc. etc., in den sich auch die Götter einmischen.
Poesie ist primär
Mimesis und deshalb auch Fiktion!
Erläuterung
3: „Das Nachahmen selbst ist den Menschen angeboren.“
Nachahmung und
Spiel (Mimesis
as Make-Believe)
gemeinsame
Rollenspiele (ab dem 3./4. Lebensjahr)
Bewusstsein für den
Spielcharakter des Spiels, Koordinationsbemühungen: „Ich wäre jetzt ein
Indianer“ (→ Handout
„Mimesis“)
· Fiktionen
(„representations“) dienen als Requisiten („props“) in Als-ob-Spielen (Ex.
Baumstumpf als
Bär).
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