Sinnesreise
Mache es Dir gemütlich, atme noch
einmal tief durch und schließe Deine Augen. Achte darauf, dass Du ganz
entspannt sitzen kannst, denn Du wirst Dich nun auf eine sehr, sehr lange Reise
begeben.
Du spürst, wie Dein Körper langsam
ganz leicht wird. Du fühlst, wie er sich langsam von Deinem Stuhl löst und Du
zu schweben beginnst. Du schwebst an den anderen Tischen vorbei zur Türe
hinaus. Der Gang ist menschenleer, so dass Du ohne ihm weitere Beachtung zu
schenken zur Schule hinaus fliegst. Dein Blick richtet sich streng nach oben.
Beim Durchdringen der Wolkendecke wird Dir kurz etwas kühl, doch die wärmenden
Strahlen der Sonne entschädigen sogleich wieder dafür.
So fliegst Du eine gefühlte Ewigkeit
über den Wolken. Langsam merkst Du, wie die Flughöhe sinkt. Abermals
durchdringst Du die Wolkendecke. Endlich kannst Du unter Dir, wenngleich
zunächst nur sehr schemenhaft, das Land entdecken.
Als Du näher an den Boden kommst,
siehst Du, dass es ein sehr ödes Land sein muss. Links von Dir ist nichts als
Wüste, so weit Dein Auge reicht. Und rechts von Dir sieht es kein bisschen
besser aus.
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Schon nach kurzem nimmst Du ein immer
lauteres Klopfen war. Du siehst noch genauer hin und siehst, wie hunderte von
Menschen große Steine aus den Felsen hauen. Sie sind kaum bekleidet, vor allem
nicht, wenn man bedenkt, was sie für eine gefährliche Arbeit verrichten müssen.
Du hörst, wie sie mit Beschimpfungen und Peitschenhieben angetrieben werden,
nur nicht zu trödeln.
Nein, Spaß kann das wirklich nicht machen und freiwillig
arbeiten die hier wohl auch kaum.
Wofür sie wohl die ganzen Steine
brauchen? Während Du gerade noch darüber nachdenkst, siehst Du schon
unglaublich große Tempelanlagen auf Dich zukommen. Sie scheinen nicht alle
demselben Gott gewidmet zu sein. Vielmehr scheint es, als ob es hier hunderte,
vielleicht sogar tausende von Göttern gäbe. Du siehst Prunkvolle Säulen und
große Hallen, Statuen und Altare, vor denen jede Menge Opfer erbracht werden.
Manche davon scheinen sehr blutig zu sein. Während es Dir noch eiskalt den
Rücken herunter läuft, ziehst Du auch schon weiter.
Bald schon erreichst Du eine große
Stadt. Du entscheidest Dich, auf dem großen Platz in Ihrer Mitte eine kurze
Rast zu machen. Doch das wilde Treiben lässt Dich kaum zur Ruhe kommen. Du
siehst Priester, die lautstark beten und Werbung für Ihre Götter machen.
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hinten an einen dieser Schreiber an und blickst ihm über die Schulter. Doch
leider verstehst Du kein Wort von dem, was er da auf seine Rolle gepinselt hat.
Irgendwie scheint er viele kleine Bilder zu malen, anstatt Buchstaben zu
verwenden.
Ein bisschen enttäuscht fliegst Du
weiter den großen Fluss entlang. Du beobachtest die Bauern, wie sie ihre
Felder, die alle irgendwie an das Wasser angrenzen, pflügen und Getreide
aussäen. Ein Stück flussabwärts siehst Du, wie zwei Bauern gerade Gräben durch
ihre Felder ziehen, in die sie das Wasser aus dem Fluss lenken. Nach getaner
Arbeit setzt Du Dich zu ihnen an den Tisch und darfst mit ihnen in Stück Brot
essen. Leider wollen sie Dir nichts von ihrem Trinken abgeben. Irgendwie roch
es aber auch ein bisschen zu sehr nach Bier.
Noch immer durstig brichst Du wieder
auf. In der Ferne kannst Du schon das Meer sehen. Doch was sich davor vor
Deinen Augen auftut, ist noch viel spektakulärer. Riesige Bauten aus Stein, die
meisten davor streng pyramidenförmig, fast wie im Mathebuch. Nur eines dieser
Steinungetüme fällt ein wenig aus dem Rahmen. Es zeigt eine wunderschöne Frau.
Aber Du wirst das Gefühl nicht los, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmt. Und
tatsächlich, beim zweiten Hinsehen entdeckst Du, dass ihr die Nase fehlt. Gerne
würdest Du Dir diese Pyramiden noch genauer ansehen, aber Du erinnerst Dich
daran, dass sie verflucht sein sollen.
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Während Du Dir noch ausmalst, wie es
wäre, durch die vielen geheimen Gänge in einer der Pyramiden zu schleichen,
hast Du plötzlich schon das Meer erreicht. Du fliegst wieder in die Höhe und
gleitest über das Mittelmeer, den italienischen Stiefel und die Alpen, bis Du
unter Dir das Schloss Hellenstein siehst. Du bereitest Dich auf den Landeanflug
vor und schlüpfst unbemerkt durch die Türe Deines Klassenzimmers. Du spürst,
wie Du wieder auf Deinem Stuhl sitzt. Langsam hebst Du den Kopf. Du öffnest
vorsichtig die Augen und streckst Dich richtig aus, um die Schrecken Deiner
Reise mitsamt all Deiner Müdigkeit aus Deinen Knochen zu schütteln. Du hörst
die Stimme Deines Lehrers und blickst nach vorne.
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