Szenenanalyse: Dürrenmatts „Die Physiker“
(Seite 66-77, aspektgeleitete Analyse)
Die
vorliegende Textstelle (Seite 66-77) aus der grotesken Tragikomödie des
Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt handelt vom auflösenden Gespräch
zwischen den drei Physikern, an dessen Ende der Beschluss steht, zum Schutze
der Menschheit im Sanatorium zu bleiben.
Der geschichtliche Hintergrund von
Dürrenmatts Gesamtwerk, welcher für diese Szene besonders relevant ist, ist der
Kalte Krieg und der wissenschaftliche Dualismus zwischen den beiden Großmächten
USA und UdSSR. In dieser Szene beteiligte und gesprächsführende Personen sind
Johann Wilhelm Möbius, Sir Isaac Newton (Alec Jasper Kilton) und Albert
Einstein (Joseph Eisler), außerdem treten noch die Pfleger Sievers, Murillo und
McArthur auf.
Der
Szene vorangegangen waren die Entwicklungen in der Heilanstalt „Les Cerisiers“
(Akt 1), nämlich die Morde an drei Schwestern, verübt jeweils durch einen der
drei Physiker, und der Abschied von Möbius‛ ehemaliger Frau zusammen mit ihrer
neuen Familie. Kurz vor der vorliegenden Textstelle wurden die wahren
Identitäten von Newton und Einstein als Spione konkurrierender Geheimdienste
eröffnet, welche versuchen, in Besitz der genialen Erfindungen Möbius‛, dessen
Aufenthalt in der Heilanstalt ebenfalls Tarnung ist, zu gelangen. Ihre Morde
dienten hierbei der Wahrung ihrer geheimen Identitäten.
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Die
Szene selbst beginnt mit dem Auftritt der drei Pfleger, nach welchem die
Physiker alleine sind. Anschließend argumentieren sowohl Newton als auch
Einstein für ihren jeweiligen Geheimdienst, um Möbius zu überzeugen, sich
diesem anzuschließen.
Newton auf der einen Seite vertritt die Auffassung, dass
die Wissenschaft keinerlei Verantwortung für die Verwendung ihrer Erkenntnisse
übernehmen sollte. Einstein auf der anderen Seite betont die Abhängigkeit der
Regierung von der Wissenschaft, und fordert eine klare Entscheidung durch
Möbius für eines der beiden Systeme. Im dritten Abschnitt argumentiert nun
Möbius für den Verbleib in der Heilanstalt, da seine wissenschaftlichen
Erkenntnisse zum Schaden der Menschheit seien, und sowohl Newtons als auch
Einsteins Weg zur Katastrophe führten. Er betont demnach die Verantwortung der
Wissenschaft ihren Erkenntnissen gegenüber. Hierdurch gelingt es ihm, Newton
und Einstein zu überzeugen, welche sich am Ende der Szene für einen Verbleib in
der Heilanstalt entscheiden und ihre Morde als notwendige Opfer ansehen.
Direkt
zu Beginn der Szene ist das militärisch scheinende Verhalten der drei Pfleger
auffällig. Dies betont deutlich die Veränderungen in der Heilanstalt im
Verglich zu Akt 1, und trägt dadurch zur Umkehrfunktion des zweiten Akts bei.
Im zweiten, deutlich längeren Abschnitt, beginnt sich die zentrale Thematik von
Dürrenmatts Drama über das parallele Kommunikationsverhalten von Newton und
Einstein zu entfalten.
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Einstein zeigen durch ihre Argumentation eine Sicht auf die Wissenschaft,
welche sie für Regierungen verpflichtet und einer wissenschaftlichen Ethik
entbehrt. Weitere Parallelitäten zeigen sich beispielweise in den Motiven
Deutsch und Geige als Hindernisse, die beide Agenten überwinden mussten. Dieses
parallel verlaufende Kommunikationsschema wird auch im dritten Teil wieder
aufgegriffen, doch argumentiert hier Möbius, während Newton und Einstein
geringere, durch Reaktion anstatt von Aktion geprägte Redeanteile haben. Möbius
betont, dass die Entwicklung der Wissenschaft aufgrund ihrer Ambivalenz zum
Schaden des Menschen sei, und dass deshalb zum Schutze dieser von ihm Gedachtes
zurückgenommen werden muss. Da diese Wissenschaftskritik beziehungsweise
Forderung nach einer stärker ausgeprägten wissenschaftlichen Ethik zentrales
Thema bei Dürrenmatts „Die Physiker“ ist, kann diese Textstelle als
Schlüsselstelle angesehen werden, was ihre besondere Bedeutung für das Stück
unterstreicht.
Bei
der funktionalen Betrachtungsweise der vorliegenden Szene im Hinblick auf das
Freytag’sche Dreieck wird deutlich, dass sie die Rolle der zweiten, aber
bedeutenderen Enthüllung, also des Höhepunkts des gesamten Stückes einnimmt.
Das zweite Auftreten des Inspektors war hierbei eine Retardation, während der
Schluss als Katastrophe, also Auflösung angesehen werden muss.
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Psalm den Höhepunkt des ersten Akts darstellt, wird die umkehrende Funktion
wiederum betont.
Wie
im gesamten Werk Dürrenmatts, dessen Handlung er selbst als grotesk bezeichnet,
treten auch hier einige Paradoxien auf. So versucht Möbius beispielweise, nach
sorgfältiger und vor allem vernünftiger Abwägung, als Irrer die Welt zu retten.
Außerdem scheint hierdurch die Vernunft zu triumphieren, doch befinden sich die
Vernünftigen eigentlich in der Hand einer Verrückten, welche paradoxerweise
eine Heilanstalt für Verrückte leitet. Besonders offensichtlich paradox sind
die Sentenzen der drei Physiker am Ende der vorliegenden Szene, welche nach
ihrer vorausgegangen Argumentation doch wiederum vernünftig sind. Grotesk ist
außerdem noch das Gespräch über Mord, welcher aus Liebe begangen wurde, während
immer wieder das „Poulet à la broche“ erwähnt wird.
Bei
der Betrachtung der Redeweise der Physiker werden außerdem noch deutliche
Unterschiede erkennbar, welche in engem Zusammenhang mit der Thematik und dem
Aufbau stehen. Während der Argumentation ist die Redeweise diskussiv, da hier
die zentrale Thematik erörtert wird. Am Ende der Szene, nach der scheinbaren
Klärung des Problems, reden die Physiker auf eine pathetische Art und Weise
(Trinksprüche), welche auf ein Ende hindeutet, auf die jedoch noch die
Katastrophe folgt. Die Redeweise am Ende ist demnach essentiell für die
Darstellung eines Trugschlusses.
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Versuch, die Menschheit zu schützen, scheitern musste, da er keine Kollektivlösung
darstellt. Ein Bezug zeigt sich auch zu Punkt 13, da selbst die rational
denkenden Physiker das Paradoxe und den Zufall in Form der Ärztin nicht
vermeiden konnten.
Alles
in allem wird deutlich, dass die vorliegende Szene die Schlüsselstelle in
Dürrenmatts Werk darstellt. Sie entfaltet durch ihre wissenschaftlich-ethische
Diskussion die zentrale Thematik von Dürrenmatts Werk, und ist deshalb,
funktional betrachtet, die Stelle, an der ein Metainhalt, der also über den
Inhalt des Stückes hinausgeht, übertragen wird. Außerdem vereint sie, als
Höhepunkt des gesamten Stückes, sowohl zentrale Motive wie beispielsweise
Liebe-Opfer-Tod oder Zufall und Paradoxie, als auch den parallelistischen und
zugleich kontrastiven Aufbau der beiden Akte in besonderer Weise. Meiner
Meinung nach stellt sie, in Verbindung mit der Schlussszene und den eben
genannten Punkten von Dürrenmatt, auch eine Kritik an Möbius‛ Eskapismus und
seinem individuellen Versuch, ein Problem aller zu lösen, dar.
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