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Szenenanalyse: Dürrenmatts „Die Physiker“ .doc

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Faculty
Human Science
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German
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University, School
Akadenisches Gymnasium Wien
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1999
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Szenenanalyse: Dürrenmatts „Die Physiker“

(Seite 66-77, aspektgeleitete Analyse)

Die vorliegende Textstelle (Seite 66-77) aus der grotesken Tragikomödie des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt handelt vom auflösenden Gespräch zwischen den drei Physikern, an dessen Ende der Beschluss steht, zum Schutze der Menschheit im Sanatorium zu bleiben.

Der geschichtliche Hintergrund von Dürrenmatts Gesamtwerk, welcher für diese Szene besonders relevant ist, ist der Kalte Krieg und der wissenschaftliche Dualismus zwischen den beiden Großmächten USA und UdSSR. In dieser Szene beteiligte und gesprächsführende Personen sind Johann Wilhelm Möbius, Sir Isaac Newton (Alec Jasper Kilton) und Albert Einstein (Joseph Eisler), außerdem treten noch die Pfleger Sievers, Murillo und McArthur auf.

Der Szene vorangegangen waren die Entwicklungen in der Heilanstalt „Les Cerisiers“ (Akt 1), nämlich die Morde an drei Schwestern, verübt jeweils durch einen der drei Physiker, und der Abschied von Möbius‛ ehemaliger Frau zusammen mit ihrer neuen Familie.

Kurz vor der vorliegenden Textstelle wurden die wahren Identitäten von Newton und Einstein als Spione konkurrierender Geheimdienste eröffnet, welche versuchen, in Besitz der genialen Erfindungen Möbius‛, dessen Aufenthalt in der Heilanstalt ebenfalls Tarnung ist, zu gelangen. Ihre Morde dienten hierbei der Wahrung ihrer geheimen Identitäten.

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Die Szene selbst beginnt mit dem Auftritt der drei Pfleger, nach welchem die Physiker alleine sind. Anschließend argumentieren sowohl Newton als auch Einstein für ihren jeweiligen Geheimdienst, um Möbius zu überzeugen, sich diesem anzuschließen.

Newton auf der einen Seite vertritt die Auffassung, dass die Wissenschaft keinerlei Verantwortung für die Verwendung ihrer Erkenntnisse übernehmen sollte. Einstein auf der anderen Seite betont die Abhängigkeit der Regierung von der Wissenschaft, und fordert eine klare Entscheidung durch Möbius für eines der beiden Systeme.

Im dritten Abschnitt argumentiert nun Möbius für den Verbleib in der Heilanstalt, da seine wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Schaden der Menschheit seien, und sowohl Newtons als auch Einsteins Weg zur Katastrophe führten. Er betont demnach die Verantwortung der Wissenschaft ihren Erkenntnissen gegenüber.

Hierdurch gelingt es ihm, Newton und Einstein zu überzeugen, welche sich am Ende der Szene für einen Verbleib in der Heilanstalt entscheiden und ihre Morde als notwendige Opfer ansehen.

Direkt zu Beginn der Szene ist das militärisch scheinende Verhalten der drei Pfleger auffällig. Dies betont deutlich die Veränderungen in der Heilanstalt im Verglich zu Akt 1, und trägt dadurch zur Umkehrfunktion des zweiten Akts bei. Im zweiten, deutlich längeren Abschnitt, beginnt sich die zentrale Thematik von Dürrenmatts Drama über das parallele Kommunikationsverhalten von Newton und Einstein zu entfalten.

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Sowohl Newton als auch Einstein zeigen durch ihre Argumentation eine Sicht auf die Wissenschaft, welche sie für Regierungen verpflichtet und einer wissenschaftlichen Ethik entbehrt. Weitere Parallelitäten zeigen sich beispielweise in den Motiven Deutsch und Geige als Hindernisse, die beide Agenten überwinden mussten.

Dieses parallel verlaufende Kommunikationsschema wird auch im dritten Teil wieder aufgegriffen, doch argumentiert hier Möbius, während Newton und Einstein geringere, durch Reaktion anstatt von Aktion geprägte Redeanteile haben. Möbius betont, dass die Entwicklung der Wissenschaft aufgrund ihrer Ambivalenz zum Schaden des Menschen sei, und dass deshalb zum Schutze dieser von ihm Gedachtes zurückgenommen werden muss.

Da diese Wissenschaftskritik beziehungsweise Forderung nach einer stärker ausgeprägten wissenschaftlichen Ethik zentrales Thema bei Dürrenmatts „Die Physiker“ ist, kann diese Textstelle als Schlüsselstelle angesehen werden, was ihre besondere Bedeutung für das Stück unterstreicht.

Bei der funktionalen Betrachtungsweise der vorliegenden Szene im Hinblick auf das Freytag’sche Dreieck wird deutlich, dass sie die Rolle der zweiten, aber bedeutenderen Enthüllung, also des Höhepunkts des gesamten Stückes einnimmt. Das zweite Auftreten des Inspektors war hierbei eine Retardation, während der Schluss als Katastrophe, also Auflösung angesehen werden muss.

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Da dieser Psalm den Höhepunkt des ersten Akts darstellt, wird die umkehrende Funktion wiederum betont.

Wie im gesamten Werk Dürrenmatts, dessen Handlung er selbst als grotesk bezeichnet, treten auch hier einige Paradoxien auf. So versucht Möbius beispielweise, nach sorgfältiger und vor allem vernünftiger Abwägung, als Irrer die Welt zu retten. Außerdem scheint hierdurch die Vernunft zu triumphieren, doch befinden sich die Vernünftigen eigentlich in der Hand einer Verrückten, welche paradoxerweise eine Heilanstalt für Verrückte leitet.

Besonders offensichtlich paradox sind die Sentenzen der drei Physiker am Ende der vorliegenden Szene, welche nach ihrer vorausgegangen Argumentation doch wiederum vernünftig sind. Grotesk ist außerdem noch das Gespräch über Mord, welcher aus Liebe begangen wurde, während immer wieder das „Poulet à la broche“ erwähnt wird.

Bei der Betrachtung der Redeweise der Physiker werden außerdem noch deutliche Unterschiede erkennbar, welche in engem Zusammenhang mit der Thematik und dem Aufbau stehen.

Während der Argumentation ist die Redeweise diskussiv, da hier die zentrale Thematik erörtert wird. Am Ende der Szene, nach der scheinbaren Klärung des Problems, reden die Physiker auf eine pathetische Art und Weise (Trinksprüche), welche auf ein Ende hindeutet, auf die jedoch noch die Katastrophe folgt.

Die Redeweise am Ende ist demnach essentiell für die Darstellung eines Trugschlusses.

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Hierdurch zeigt Dürrenmatt, dass Möbius‛ Versuch, die Menschheit zu schützen, scheitern musste, da er keine Kollektivlösung darstellt. Ein Bezug zeigt sich auch zu Punkt 13, da selbst die rational denkenden Physiker das Paradoxe und den Zufall in Form der Ärztin nicht vermeiden konnten.

Alles in allem wird deutlich, dass die vorliegende Szene die Schlüsselstelle in Dürrenmatts Werk darstellt. Sie entfaltet durch ihre wissenschaftlich-ethische Diskussion die zentrale Thematik von Dürrenmatts Werk, und ist deshalb, funktional betrachtet, die Stelle, an der ein Metainhalt, der also über den Inhalt des Stückes hinausgeht, übertragen wird.

Außerdem vereint sie, als Höhepunkt des gesamten Stückes, sowohl zentrale Motive wie beispielsweise Liebe-Opfer-Tod oder Zufall und Paradoxie, als auch den parallelistischen und zugleich kontrastiven Aufbau der beiden Akte in besonderer Weise. Meiner Meinung nach stellt sie, in Verbindung mit der Schlussszene und den eben genannten Punkten von Dürrenmatt, auch eine Kritik an Möbius‛ Eskapismus und seinem individuellen Versuch, ein Problem aller zu lösen, dar.


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