Stéphane Mallarmé – Scheitern auf ganzer Linie?!
Scheitern im Œuvre Mallarmés
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
....................
1
2 Eine gekürzte
Analyse der Gedichte
...............
2
2.1 Le Sonneur
................
2
2.2 Petit
Air II .................
5
3 Le Livre
.......................
9
4 Zusammenfassung
.................
12
5 Schluss
.......................
14
6 Bibliographie
...................
15
1
Einleitung
Die
Kenntnis über Mallarmé, sein Werk und seine ideellen Hinterlassenschaften
gehören eher nicht zum Allgemeinwissen. Auch ich habe ihn, vor Belegung des
Proseminars, nicht gekannt. Als ich Freunden erzählte, dass ich ein Referat
über ein nicht-existentes Buch halten werde, erntete ich nur ungläubige Blicke.
Wie soll denn das bitte funktionieren – Literaturwissenschaft ohne
Primärliteratur? Kann man wirklich berühmt sein für etwas, woran man
gescheitert ist?
Stéphane
Mallarmé ist ein Dichter, der es einem nicht leicht macht, seine Gedichte zu
verstehen – und der auch nie wollte, dass jeder beliebige, des französischen
mehr oder weniger mächtige Mensch, seine Gedichte (zumindest auf Anhieb)
versteht.
Aber ein Buch, das er nicht geschrieben hat, und über das sich schlaue
Mitmenschen seitenweise Gedanken gemacht haben, obwohl es ja – nach dem
heutigen Stand der Forschung - gar nicht existiert hat, ist eine faszinierende
Sache.
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Ob
er letztendlich an seinem eigenen Anspruch gescheitert ist, vermag nur er
selbst zu beurteilen, ich möchte mich in dieser Arbeit dennoch seinem Scheitern
nähern. Das Thema des Scheiterns zieht sich wie ein roter Faden durch sein
gesamtes Lebenswerk hindurch; dies wird an Hand eines seiner frühen und eines
seiner späten Gedichte belegt werden.
Anschließend werde ich das in seinen
Gedichten beschriebene Scheitern in Bezug zu seinem großen Projekt Le Livre
setzen, welches auf seine Art das Scheitern als Grundthema beinhaltet.
Selbst
wenn es möglicherweise zum Objekt des Scheiterns wurde, ist dieser Schluss
nicht darauf aus, Mallarmé's Ruhm und den Wert seiner Werke zu schmälern, denn
die „bedeutenden Kunstwerke sind wohl überhaupt die, welche nach einem
Äußersten trachten, die darüber zerschellen und deren Bruchlinien zurückbleiben
als Chiffren der unnennbaren obersten Wahrheit.“
2
Eine gekürzte Analyse
der Gedichte
Ich
habe mich für eine nicht vollständige Analyse der Gedichte entschieden, da das
Hauptaugenmerk nicht auf Pragmatik, Semantik und Syntax der Gedichte gelegt
werden soll, sondern ich das Thema des Scheiterns herausarbeiten möchte.
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2.1
Le Sonneur
Dieses
Gedicht ist dem Werk des frühen Mallarmé zuzurechnen. Erstveröffentlicht wurde
es am 15.03.1862 in L'Artiste. Zum ursprünglichen Text
sind zusätzlich zwei weitere Versionen bekannt.
« Le Sonneur développe un des thèmes [... chers au second
romantisme], à savoir l'inaccessibilité de l'Idéal aux efforts du poète, dans
le cadre d'une symbolique traditionnelle, à deux volets. »
Somit gilt das Gedicht als noch stark von Baudelaire
beeinflusst.
Le Sonneur
1 Cependant que
la cloche éveille sa voix claire
2 A l'air pur et limpide et profond du matin
3 Et passe sur l'enfant qui jette pour lui plaire
4 Un angélus parmi la lavande et le thym,
5 Le sonneur
effleuré par l'oiseau qu'il éclaire,
6 Chevauchant tristement en geignant du latin
7Sur la pierre qui tend la corde séculaire,
8 N'entend descendre à lui qu'un tintement lointain.
9 Je suis cet
homme. Hélas! de la nuit désireuse,
10 J'ai beau tirer le câble à sonner l'Idéal,
11 De froids péchés s'ébat un plumage féal,
12 Et la voix ne
me vient que par bribes et creuse !
13 Mais, un jour, fatigué d'avoir en vain tiré,
14 O Satan, j'ôterai la pierre et me pendrai.
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Der
fiktive Sprecher des Textes, implizit in V.8 erkennbar und explizit durch
Personalpronomina als lyrisches Ich in V.9/10/12/14 in Erscheinung tretend, ist
als männlich zu identifizieren, er ist le sonneur; man kann auch sagen,
er sei le sonneur de l'Ideal (V.10). Das Gedicht hat kein explizites
lyrisches Du und ist, trotz der Apostrophe in V.14, ein monologischer
Sprechakt.
Der
Sprechort wird identifiziert durch le câble á sonner (V.10). Doch der
Glöckner n'entend descendre à lui qu'un tintement lointain (V.8), denn
er steht im unteren Teil eines dunklen und kalten Glockenturms in romanischer
Bauweise (V.9).
Die
in dem Gedicht geschilderte Begebenheit findet morgens (V.2) statt, doch im
Gegensatz dazu empfindet der Glöckner seine Umgebung im Glockenturm dunkel wie
in der Nacht (V.9) ist.
Die
Sprechsituation steht zum Sprechgegenstand in einem Verhältnis der
Gleichzeitigkeit, nur in V.14 verweist die Nutzung des Futur j'ôterai
auf ein Verhältnis der Vorzeitigkeit. Die Sprechsituation in den ersten beiden
Strophen des Gedichtes trägt abstrakt-allgemeine Züge, die folgenden beiden
Strophen konkret-individuelle Züge.
Der
Sprechgegenstand des Gedichtes, der Sonneur, wird explizit benannt. Das
lyrische Ich redet über sich selbst.
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nämlich das Läuten der Glocken, welches für Kinder (V.3) und Vögel (V.5) hörbar
ist, selbst nur als tintement lointain (V.8) vernehmen, der Glöckner
scheitert an der Wahrnehmung und Teilhabe des ihn umgebenden Paradies.
Die
neutrale Beschreibung der Quartette endet im ersten Terzett, in dem durch einen
Vergleich Je suis cet homme (V.9) das lyrische Ich dem Glöckner
gleichgesetzt wird.
Wenn
man davon ausgeht, dass das lyrische Ich in diesem Gedicht stellvertretend für
den Dichter steht, dann heißt dies, dass der Dichter, dem gehörlosen Glöckner
gleich, gehörlos ist. Im Proseminar wurde die These aufgestellt, dass es sich
um einen Dichter handelt, der nicht dichten kann, der verstummt ist und daher
der Verzweiflung verfällt. Doch vielleicht vermag der Dichter die Stimme des
Ideals, das er für andere produziert, einfach nicht selbst zu vernehmen; Mallarmé
ist uns nur bekannt, weil er ein (dichterisches) Lebenswerk hinterlassen hat, auch
wenn er es selbst nicht als Idéal bezeichnet hätte.
Doch
dieses Ideal, welches für den Glöckner und somit auch für den Dichter nur in bribes
(V.12) und als creuse (V.12) wahrnehmbar ist, stellt für beide das Ziel
alles Strebens dar und so verzweifelt trifft das Glöckner-Dichter-Ich im
letzten Terzett, nach einer Anrufung des Satan, die Aussage, dass es sich eines
Tages, fatigué d'avoir en vain tiré (V.13), an seinem eigenen
Glockenstrang erhängen wird.
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