3.3 Die
Entwicklung der kindlichen Sprache und des Sprechen
Um die Störungen des Sprechens bei Kindern mit CP
besser verstehen zu können, ist es notwendig die normale Entwicklung der
Sprache und des Sprechens zu kennen. In dem folgenden Kapitel soll erläutert
werden, wie sich gesunde Kinder entwickeln und wo die Unterschiede zu den
Kindern mit CP liegen.
Laut WIRTH (1994) gibt es vier Faktoren, durch die
sich der Spracherwerb erklären lässt. Zunächst werden die erblichen, d.h. die
Anlage bedingten Faktoren genannt (Chomsky). Hierbei wird davon ausgegangen,
dass jedes Kind ein angeborenes Wissen über sprachliche Strukturen hat. Diese
sind bei allen Menschen gleich und je nachdem mit welcher Sprache das Kind
konfrontiert wird, werden sie zu den Einzelsprachen ausgebaut.
Als zweites werden die umweltbedingten Faktoren erwähnt.
Nach dem Behaviorist und Verhaltensforscher Skinner lösen Umweltreize eine
sprachliche Reaktion aus. Demnach erfolgt der Spracherwerb über äußere Faktoren
und wird durch Lob und Anerkennung verstärkt.
Der dritte Faktor, der für den Erwerb der Sprache
bedeutend ist, ist der interaktionelle (Interaktionismus: Jerome Bruner,
Catherine Snow). Hierbei wird davon ausgegangen, dass die Kinder durch
Interaktion mit den Erwachsenen die Sprache lernen. Dies gelingt dadurch, dass
die Erwachsenen ihre Sprache der der Kinder anpassen und somit die
Verarbeitungskapazität des kindlichen Gehirns nicht überfordern.
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Als letzter der vier Faktoren werden die kognitiven
Faktoren beschrieben. Ein Vertreter des Kognitivismus ist Piaget. Er geht davon
aus, dass sich die geistige Reifung stufenweise Entwickelt vom ersten
Wahrnehmen und Bewegen bis hin zum abstrakten Denken. Der Spracherwerb zählt
dabei als ein allgemeiner geistiger Zugewinn.
Das heißt, es gibt kein Organ,
dass für die Sprache zuständig ist, sondern ein allgemeines kognitives Organ.
Die Reifung dieses Organs sei genetisch vorgegeben.
Es lässt sich festhalten, dass jede Theorie in sich
schlüssig ist. Alle Faktoren spielen eine Rolle beim Spracherwerb und ergänzen
sich (vgl.: WIRTH 1994, S. 89 ff).
Im folgenden Unterpunkt soll genauer auf die, für den
Spracherwerb notwendigen, Prozesse eingegangen werden.
3.3.1 Spracherwerbssteuernde
Prozesse
Laut THIELE (1999) beginnt der Prozess des Erlernens
der Sprache bereits während der Schwangerschaft. Es lässt sich beobachten, dass
ein Kind zum Zeitpunkt der Geburt bereits über ernorme motorische Fähigkeiten
verfügt. Dazu zählen nicht nur die Reflexe und Abwehrbewegungen, sondern z.B.
auch sehr komplexe Bewegungsmuster, wie das Saugen.
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in der siebten bis achten Schwangerschaftswoche bereits Aktivitäten in Form von
Massenbewegungen der Embryonen fest (Zu- und Abwendebewegungen sowie
Fluchtreflexe). Zunächst werden Bewegungen auf dem Niveau des Stammhirns
realisiert, doch in der 17. - 22. Woche nimmt das Zwischenhirn eine
bedeutendere Rolle ein. Dies ermöglicht die Neuigkeitsverarbeitung sowie die
Gedächtnisbildung. Wenn gegen Ende der Schwangerschaft der Kortex mehr und mehr
einbezogen wird, gelingt es langsam die Bewegungsmuster zu koordinieren (vgl.:
ZIEGER 1990, S. 52 f).
Zur Entwicklung der Sprechmotorik ist zu sagen, dass
spätestens ab dem 21. Tag der Schwangerschaft, alle für den Saugreflex
notwendigen Strukturen angelegt sind (vgl.: THIELE 1999, S. 141 ff). Das
Schlucken und Daumenlutschen sind Bewegungen innerhalb der Gebärmutter, die
sich auf die Formgebung von Kiefer und Gaumen auswirken. Sie sind z.B. für das
Schließen der Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte zuständig (vgl.: IRMISCHER 1987, S.
47).
Das Überleben des Kindes hängt von der Entwicklung
der lebenswichtigen funktionellen Systeme ab (Nervensystem, Muskelapparat,
Sinnesorgane). Das Nervensystem hat eine Steuerungs-, Verarbeitungs-, und
Kontrollfunktion. Wenn eines dieser Teilsysteme in seiner Entwicklung
beeinträchtigt ist, führt das zu schweren Beeinträchtigungen des funktionellen
Systems als Ganzes. Im Laufe der ersten beiden Lebensjahre können die
funktionellen Systeme ihre Arbeit voll aufnehmen (vgl.: THIELE 1999, S. 149).
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zentralnervösen Funktionen, die für das Ausführen von zielgerichteten
Bewegungen und komplexer Planung verantwortlich sind. Diese früh erworbenen
zentralen Bewegungsstörungen wirken sich auf die vorsprachlichen
Vorraussetzungen der Sprachentwicklung aus (vgl.: THIELE 1999, S. 150).
Schon Piaget beschäftigte sich eingehend mit der
frühen sensomotorischen Entwicklung als Basis für Sprachentwicklung und mit der
für diese bedeutende Rolle der Bewegungsfähigkeit eines Menschen. Er beschreibt
sechs Stadien der sensomotorischen Phase.
Das erste Stadium beginnt direkt nach der Geburt. Es
werden Reflexe geübt und verstärkt und der Säugling dehnt sein Verhalten auf
verschiedene Objekte aus (vgl.: PIAGET 1969, S. 25). Eine wichtige Rolle spielt
in diesem Stadium das Saugen an verschiedenen Gegenständen. Mundmotorik wird
trainiert und taktil-kinästhetische Empfindungen im oralen Bereich werden
kennen gelernt, erweitert und können immer besser unterschieden werden (vgl.:
THIELE 1990, S. 153). Im zweiten Stadium kommt es zu primären
Zirkulärreaktionen, d.h. ein Verhalten wird ständig wiederholt, wobei der
eigene Körper im Mittelpunkt steht (z.B. Daumenlutschen). Die Erfahrungen, die
das Kind dabei sammelt, helfen ihm ein Körperschema aufzubauen. Durch Stimmen
aus dem Umfeld werden beim Kind stimmliche Äußerungen ausgelöst.
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miteinander kombiniert, das führt zu komplexeren Verarbeitungsmöglichkeiten. So
folgt im vierten Stadium das Zusammensetzen von Teilschemata. Handlungen
bezwecken ein Ziel und der Erwerb eines zeitlichen Kontinuums wird
deutlich. In diesem Stadium lernen die Kinder Bewegungen nachzuahmen, die sie
an ihrem eigenen Körper nicht sehen können. Damit einher geht der Versuch neue
Laute nachzuahmen (vgl.: PIAGET 1969, S. 38 ff). Erweitert wird dieses
Verhalten im fünften Stadium mit Einsatz der tertiären Zirkulärreaktionen. Hier
wird mit den neuen Erfahrungen experimentiert, d.h. Handlungen werden
absichtlich verändert, um zu schauen was passiert. Für die Sprachentwicklung
von besonderer Bedeutung ist das sechste Stadium. Hier wird das Denken immer
mehr verinnerlicht und das Kind kann Objekte geistig abbilden und ist so nicht
mehr auf das Experimentieren angewiesen. Für die Sprache ist die sensomotorische
Phase insgesamt so wichtig, weil mit ihrem Ende das Kind die Objektpermanenz
und die Nachahmungsfähigkeit erreicht haben sollte.
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