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Spieglein, Spieglein an der Wand: Wo liegt das holde Neunte Land? .doc

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Faculty
Human Science
Discipline
German
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Paper
University, School
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2001
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Irena Samide (Ljubljana/Laibach)

»Spieglein, Spieglein an der Wand: wo liegt das holde Neunte Land?«

Der habsburgische Mythos aus slowenischer Sicht

 

Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur, das viel zitierte Standardwerk von Claudio Magris, liefert unzählige Beispiele teils historisch-zeitgenössischer, teils >posthumer‹ Mythisierungen der alten k.u.k. Monarchie. Und obwohl sich vor allem in den letzten zehn Jahren einige Germanistinnen und Germanisten sehr detailliert und aufschlußreich auch mit den slowenischen Elementen und ihrer Funktion in den Werken namhafter österreichischer Schrifsteller/innen befaßt haben,[1] sei mir an dieser Stelle doch noch einmal erlaubt, einige skizzenhafte Ausführungen zum Thema des >Neunten Landes‹ zu präsentieren, um anschließend seine viel weniger beachtete >Schattenseite‹ besser beleuchten zu können.

»Mögen wir uns eines Tages alle wiederfinden, in der geschmückten Osternachtskalesche, auf der Fahrt zur Hochzeit mit dem Neunten König im Neunten Land«[2], heißt es in der Wiederholung von Peter Handke. >Das neunte Land‹ bzw. >deveta dežela‹ wird im slowenisch-deutschen Wörterbuch aus dem Ende des 19. Jahrhundert als »fernes, mythisches Land« umschrieben[3] und ist eine Bezeichnung für ein Land, das es nicht gibt und nie geben wird, in welchem aber alles, was in der realen Welt nicht vorkommt, verwirklicht werden kann: es ist sozusagen »das gelobte Land der slowenischen Volksdichtung.«[4] Es ist auch das Land, nach dem sich der verschollene ältere Bruder Gregor Kobal aus dem genannten Roman sehnt, das utopische Land der Erzählung, das der zwanzigjährige Filip Kobal auf der Suche nach seinem Bruder zu finden glaubt:

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Der slowenische Karst wird in Handkes Interpretation »als das Modell für eine mögliche Zukunft«[6] dargestellt und gleichzeitig zu einem poetischen Flucht-Raum, zu einer fiktiven Gegenwelt mythisiert.

Gemäß seinem »Weltverständnis, demzufolge Träume und Mythen die Wirklichkeit präsentieren«[7], also seiner Übertragung eines dichterischen Bildes auf die Realität, konnte und wollte Handke diesem Volk, das nach seinen eigenen Angaben »nie, niemals [...] so etwas wie einen Staatentraum hatte«[8], nicht verzeihen, daß es aus »bloßem Egoismus« Anfang der 90er Jahre der >idyllischen‹ Geborgenheit des politischen Kunstgebildes Jugoslawien den Rücken kehrte.

Seine emotionale Empörung über den Entzug seiner täglichen Dosis Utopie fand ihren Ausdruck im viel diskutierten Essay Abschied des Träumers vom Neunten Land, in dem Handke, aktuelle Probleme, wirtschaftliche, politische und historische Faktoren außer acht lassend und den jugoslawischen Vielvölkerstaat idealisierend, Slowenien, seinem »märchenwirklichen« »neunten« Land, seiner »Geh-Heimat«, jegliches Streben nach Eigenstaatlichkeit abstritt.[9]

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>Dies ist nur ein Maronibrater,‹ sagte Chojnicki, >aber sehn Sie her: es ist ein geradezu symbolischer Beruf. Symbolisch für die alte Monarchie.

Dieser Herr hat seine Kastanien überall verkauft, in der halben europäischen Welt, kann man sagen. Überall, wo immer man seine gebratenen Maroni gegessen hat, war Österreich, regierte Franz Joseph. Jetzt gibt´s keine Maroni mehr ohne Visum.‹[10]

Joseph Roth war sich trotz dieser nostalgischen Worte und seiner öfters beschworenen Liebe zur Donaumonarchie[11] der Ambivalenz monarchischer Herrschaft und des unterprivilegierten Status der slawischen Völker – vor allem nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 – durchaus bewußt, was ihn jedoch nicht hinderte, gerade in diesem anscheinend noch unverdorbenen, edlen, noch-nicht-kapitalistischen Zufluchtsraum eine fiktive Gegenwelt aufzubauen, wie sie uns in seinen Romanen Radetzkymarsch und Die Kapuzinergruft entgegentritt, verkörpert im poetischen Ort Sipolje.

Das in Slowenien angesiedelte Dorf, aus dem das Geschlecht der Trottas stammt, wurde »nach dem Willen des Dichters zum Ort der Sehnsucht und der Erfindung, wo die Welt noch heil, die Menschen noch ursprünglich, das Land noch unverdorben ist.«[12]

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So berichtet in der Kapuzinergruft Franz Joseph von seinem Vetter Joseph Branco Trotta:

Da saß er nun, hager, schwarz, stumm. Und obwohl sein Haar und sein Schnurrbart so schwarz waren, seine Hautfarbe so braun war, war er doch inmitten des morgendlichen Goldes im Vorzimmer wie ein Stück Sonne, ein Stück einer fernen, südlichen Sonne allerdings.[15]

Hat sich Joseph Roth also ganz bewußt – um des Mythos willen – für die poetisch-idyllische und nicht etwa für die faktengetreue Beschreibung des Heimatdorfes der Familie Trotta und deren Mitglieder entschieden, so ist es auch kein Wunder, daß Carl Joseph auf der Suche nach seiner Identität, seinen Ursprüngen und einem einfachen bäuerlichen Leben nicht an sein ersehntes Ziel gelangt: er kann seine Heimat nicht finden, weil sie gar nicht existiert. Sipolje, eine kulturhistorische Synthese von k.u.k.

Facetten, ist nur das Projektionsland seiner Wünsche, Träume und Sehnsüchte. Das Neunte Land also.

Etliche Jahrzehnte später taucht das utopische Dorf Sipolje auch bei Ingeborg Bachmann auf. Elisabeth Matrei wandert – auch sie, wie Filip Kobal und Carl Joseph, auf der Suche nach sich selbst – noch einmal, wie in ihrer Jugend, auf »den drei Wegen zum See«. Dabei tauchen immer wieder verschiedene Bruchstücke ihrer Erinnerungen auf, sowohl an den »Exillierten« Franz Joseph Trotta, der sie »gezeichnet hatte«, indem er sie »die Fremde als Bestimmung erkennen ließ«[16], als auch an seinen Vetter, den »hünenhaft fröhlichen« und »verflucht gesunden«[17] Slowenen Branco Trotta.[18] Und auch sie, direkt an der Grenze zwischen Slowenien und Österreich lebend, sucht, über die magischen, ent-grenzenden Karawanken blickend, das slowenische Dorf nicht in ihrer unmittelbaren Nähe, sondern irgendwo weit unten, im undefinierbaren >Süden‹, wobei Sipolje nur noch als Symbol der einstigen Harmonie, der »nicht mehr existierenden Welt« erscheint, als Symbol für das >Haus Österreich‹, für ihr Neuntes Land:

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[...] und sie setzte sich einen Moment, schaute kurz auf den See hinunter, aber dann hinüber zu den Karawanken und weit darüber hinaus, nach Krain, Slawonien, Kroatien, Bosnien, sie suchte wieder eine nicht mehr existierende Welt, da ihr von Trotta nichts geblieben war, nur der Name und einige Sätze, seine Gedanken und ein Tonfall.[20]

Slowenien, das sich durch all diese zersplitterten Fragmente abzeichnet, wird so unmißverständlich zu einem fernen Land mit einer verschleierten Kultur, einer nicht greifbaren Geschichte und einer nicht definierbaren geographischen Lage stilisiert, zu einer utopischen, ursprünglichen, mythischen Welt[21] mit unverhohlen ehrlichen, unverdorbenen, stolzen und in jeder Hinsicht gesunden Menschen.

Die Kehrseite des Neunten Landes

 

Es ist vor allem die >natürliche‹ Lebensweise des slawischen Bauernvolkes, von der alle jenseits der Grenze Lebenden so fasziniert waren; so schwärmt z.B. Joseph Roth immer wieder von den naturgebundenen, lebenstüchtigen Bauern, die viel zu edel seien, »sich überhaupt um Geld und Geldeswert zu kümmern«[22].

Daß indes die nostalgische Art und Weise, mit der die Slowenen in den literarischen Zeugnissen behandelt worden sind, in keinster Weise mit der tatsächlichen Lebenswirklichkeit übereinstimmt, ist mehr als offensichtlich. Verklärungsstrategien spielten auch hier eine wichtige Rolle. Wie anders klingen nämlich die Worte derselben Landsleute, läßt man sie einmal zu Wort kommen:


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