Irena Samide (Ljubljana/Laibach)
»Spieglein, Spieglein an der
Wand: wo liegt das holde Neunte Land?«
Der habsburgische Mythos aus slowenischer Sicht
Der habsburgische Mythos in der österreichischen
Literatur, das viel zitierte Standardwerk von Claudio Magris, liefert
unzählige Beispiele teils historisch-zeitgenössischer, teils >posthumer‹
Mythisierungen der alten k.u.k. Monarchie. Und obwohl sich vor allem in den
letzten zehn Jahren einige Germanistinnen und Germanisten sehr detailliert und
aufschlußreich auch mit den slowenischen Elementen und ihrer Funktion in den
Werken namhafter österreichischer Schrifsteller/innen befaßt haben,
sei mir an dieser Stelle doch noch einmal erlaubt, einige skizzenhafte
Ausführungen zum Thema des >Neunten Landes‹ zu präsentieren, um anschließend
seine viel weniger beachtete >Schattenseite‹ besser beleuchten zu können.
»Mögen wir uns eines Tages alle wiederfinden, in der
geschmückten Osternachtskalesche, auf der Fahrt zur Hochzeit mit dem Neunten
König im Neunten Land«, heißt es
in der Wiederholung von Peter Handke. >Das neunte Land‹ bzw. >deveta dežela‹ wird im slowenisch-deutschen Wörterbuch aus dem Ende des
19. Jahrhundert als »fernes, mythisches Land« umschrieben
und ist eine Bezeichnung für ein Land, das es nicht gibt und nie geben wird, in
welchem aber alles, was in der realen Welt nicht vorkommt, verwirklicht werden
kann: es ist sozusagen »das gelobte Land der slowenischen Volksdichtung.«
Es ist auch das Land, nach dem sich der verschollene ältere Bruder Gregor Kobal
aus dem genannten Roman sehnt, das utopische Land der Erzählung, das der
zwanzigjährige Filip Kobal auf der Suche nach seinem Bruder zu finden glaubt:
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Der slowenische Karst wird in Handkes Interpretation »als
das Modell für eine mögliche Zukunft«
dargestellt und gleichzeitig zu einem poetischen Flucht-Raum, zu einer fiktiven
Gegenwelt mythisiert.
Gemäß seinem »Weltverständnis, demzufolge Träume und Mythen
die Wirklichkeit präsentieren«, also
seiner Übertragung eines dichterischen Bildes auf die Realität, konnte und
wollte Handke diesem Volk, das nach seinen eigenen Angaben »nie, niemals [...]
so etwas wie einen Staatentraum hatte«, nicht
verzeihen, daß es aus »bloßem Egoismus« Anfang der 90er Jahre der >idyllischen‹
Geborgenheit des politischen Kunstgebildes Jugoslawien den Rücken kehrte. Seine
emotionale Empörung über den Entzug seiner täglichen Dosis Utopie fand ihren
Ausdruck im viel diskutierten Essay Abschied des Träumers vom Neunten Land,
in dem Handke, aktuelle Probleme, wirtschaftliche, politische und historische
Faktoren außer acht lassend und den jugoslawischen Vielvölkerstaat
idealisierend, Slowenien, seinem »märchenwirklichen« »neunten« Land, seiner
»Geh-Heimat«, jegliches Streben nach Eigenstaatlichkeit abstritt.
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>Dies ist nur ein Maronibrater,‹ sagte Chojnicki,
>aber sehn Sie her: es ist ein geradezu symbolischer Beruf. Symbolisch für die
alte Monarchie. Dieser Herr hat seine Kastanien überall verkauft, in der halben
europäischen Welt, kann man sagen. Überall, wo immer man seine gebratenen
Maroni gegessen hat, war Österreich, regierte Franz Joseph. Jetzt gibt´s keine
Maroni mehr ohne Visum.‹
Joseph Roth war sich trotz dieser nostalgischen Worte und
seiner öfters beschworenen Liebe zur Donaumonarchie
der Ambivalenz monarchischer Herrschaft und des unterprivilegierten Status der
slawischen Völker – vor allem nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von
1867 – durchaus bewußt, was ihn jedoch nicht hinderte, gerade in diesem
anscheinend noch unverdorbenen, edlen, noch-nicht-kapitalistischen
Zufluchtsraum eine fiktive Gegenwelt aufzubauen, wie sie uns in seinen Romanen Radetzkymarsch
und Die Kapuzinergruft entgegentritt, verkörpert im
poetischen Ort Sipolje. Das in Slowenien angesiedelte Dorf, aus dem das
Geschlecht der Trottas stammt, wurde »nach dem Willen des Dichters zum Ort der
Sehnsucht und der Erfindung, wo die Welt noch heil, die Menschen noch
ursprünglich, das Land noch unverdorben ist.«
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Vetter Joseph Branco Trotta:
Da saß er nun, hager, schwarz, stumm. Und obwohl sein
Haar und sein Schnurrbart so schwarz waren, seine Hautfarbe so braun war, war
er doch inmitten des morgendlichen Goldes im Vorzimmer wie ein Stück Sonne, ein
Stück einer fernen, südlichen Sonne allerdings.
Hat sich Joseph Roth also ganz bewußt – um des Mythos willen
– für die poetisch-idyllische und nicht etwa für die faktengetreue Beschreibung
des Heimatdorfes der Familie Trotta und deren Mitglieder entschieden, so ist es
auch kein Wunder, daß Carl Joseph auf der Suche nach seiner Identität, seinen
Ursprüngen und einem einfachen bäuerlichen Leben nicht an sein ersehntes Ziel
gelangt: er kann seine Heimat nicht finden, weil sie gar nicht existiert.
Sipolje, eine kulturhistorische Synthese von k.u.k. Facetten, ist nur das
Projektionsland seiner Wünsche, Träume und Sehnsüchte. Das Neunte Land also.
Etliche Jahrzehnte später taucht das utopische Dorf Sipolje
auch bei Ingeborg Bachmann auf. Elisabeth Matrei wandert – auch sie, wie Filip
Kobal und Carl Joseph, auf der Suche nach sich selbst – noch einmal, wie in
ihrer Jugend, auf »den drei Wegen zum See«. Dabei tauchen immer wieder
verschiedene Bruchstücke ihrer Erinnerungen auf, sowohl an den »Exillierten«
Franz Joseph Trotta, der sie »gezeichnet hatte«, indem er sie »die Fremde als
Bestimmung erkennen ließ«, als
auch an seinen Vetter, den »hünenhaft fröhlichen« und »verflucht gesunden« Slowenen Branco
Trotta. Und auch
sie, direkt an der Grenze zwischen Slowenien und Österreich lebend, sucht, über
die magischen, ent-grenzenden Karawanken blickend, das slowenische Dorf nicht
in ihrer unmittelbaren Nähe, sondern irgendwo weit unten, im undefinierbaren
>Süden‹, wobei Sipolje nur noch als Symbol der einstigen Harmonie, der »nicht
mehr existierenden Welt« erscheint, als Symbol für das >Haus Österreich‹, für
ihr Neuntes Land:
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[...] und sie setzte sich einen Moment, schaute kurz auf
den See hinunter, aber dann hinüber zu den Karawanken und weit darüber hinaus,
nach Krain, Slawonien, Kroatien, Bosnien, sie suchte wieder eine nicht mehr
existierende Welt, da ihr von Trotta nichts geblieben war, nur der Name und
einige Sätze, seine Gedanken und ein Tonfall.
Slowenien, das sich durch all diese zersplitterten Fragmente
abzeichnet, wird so unmißverständlich zu einem fernen Land mit einer
verschleierten Kultur, einer nicht greifbaren Geschichte und einer nicht
definierbaren geographischen Lage stilisiert, zu einer utopischen,
ursprünglichen, mythischen Welt mit
unverhohlen ehrlichen, unverdorbenen, stolzen und in jeder Hinsicht gesunden
Menschen.
Die Kehrseite des Neunten Landes
Es ist vor allem die >natürliche‹ Lebensweise des slawischen
Bauernvolkes, von der alle jenseits der Grenze Lebenden so fasziniert waren; so
schwärmt z.B. Joseph Roth immer wieder von den naturgebundenen, lebenstüchtigen
Bauern, die viel zu edel seien, »sich überhaupt um Geld und Geldeswert zu
kümmern«. Daß indes
die nostalgische Art und Weise, mit der die Slowenen in den literarischen
Zeugnissen behandelt worden sind, in keinster Weise mit der tatsächlichen
Lebenswirklichkeit übereinstimmt, ist mehr als offensichtlich.
Verklärungsstrategien spielten auch hier eine wichtige Rolle. Wie anders
klingen nämlich die Worte derselben Landsleute, läßt man sie einmal zu Wort
kommen:
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