Ein neues Moment ist die
Sozialverträglichkeitsprüfung.
Alle
diese Maßnahmen sind in Wirklichkeit aber nur Beiwerk. Das „Soziale“ erscheint
als Hindernis der technisch-ökonomischen Dynamik. „Planung“ als politische Steuerung
ist eigentlich etwas anderes. Sohin sollte die „Arbeitsteilung“ zwischen Technik/Ökonomie
und sozialer Planung aufgehoben werden, die soziale Planung solle lediglich
Kosten, Nebenfolgen und Widerstände bearbeiten.
4.4.
Die Dethematisierung und die Rethematisierung des Lokalen
Im
Laufe der Entwicklung schien die „Stadtsoziologie“ kein selbstständiger Gegenstand
mehr zu sein, da im Zuge der Industrialisierung „ländliche“ und „städtische“ Produktions-
und Lebensformen sich einander angenähert hatten.
Aber
trotz zunehmender Integration von Stadt und Land sind in immer größerem Umfang
unterschiedliche lokale Sozial- und Wirtschaftssysteme zu beobachten, die zu
unterschiedlichen Sozialstrukturen und Milieus führen. Lokal gebundenen Milieus
kommt immer größere Bedeutung für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung
zu.
Während
mit der Industrialisierung seit Mitte des 19. Jhdt. eine dramatische „Homogenisierung“
von sozialen Strukturen und Lebensstilen verbunden war, hat mit der Vollendung
„moderner“ Gesellschaftsstrukturen neuerlich ein Prozeß der regionalen
Differenzierung eingesetzt („reflexive Modernisierung“).
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Eigene
Überlegungen zum Thema
Wie
wir im Vorwort schon angedeutet haben, sind wir durch unsere spezifische persönliche
Situation bewogen worden, das Thema „Stadtsoziologie“ näher zu bearbeiten: wir
sind auf dem “Land“ aufgewachsen und erst durch das Studium näher mit
„städtischen“ Lebensformen konfrontiert worden – speziell natürlich mit der
Großstadt Wien.
Wir
meinen daher, dass wir einige Themen aufwerfen können,die uns für das Zusammenleben
in der Großstadt entscheidend erscheinen und für die – wie wir jetzt sehen – die
soziologische Wissenschaft den für die Stadtplanung verantwortlichen
politischen Organen wichtige Entscheidungsgrundlagen erarbeiten kann. Natürlich
können wir nur unsere Beobachtungen und „Erfahrungen“ skizzieren, ohne dass
wird uns die Kompetenz für Problemlösungen anmaßen dürfen.
Unsere
Beiträge beziehen sich zum einen auf das Thema „Nachbarschaft“, zum anderen auf
das Migrationsthema, das – wahrscheinlich nicht nur uns – ein immer wichtiger
werdendes erscheint.
Wie
im Pkt. 2.2. ausgeführt, waren ein Ausgangspunkt der Stadtsoziologie die Untersuchungen
des Überganges von ländlichen zu städtischen Strukturen. Ausgehend von TÖNNIES
hat man die ländliche „Gemeinschaft“ auf dem Land, in der persönliche
Beziehungen herrschen, der städtischen - unpersönlichen und anonymen - „Gesellschaft“gegenübergestellt.
Das hat man in der neuen Literatur als „ideologisch“ kritisiert: neuere gesellschaftliche
Phänomene wie Säkularisierung und Individualisierung seien in „Dorf“ und „Stadt“
zu beobachten; Unterschiede zwischen Siedlungstypen besäßen überhaupt keine
soziologischen Relevanz mehr.
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Unserer
persönlichen Erfahrung nach gibt es aber nach wie vor einen Unterschied zwischen
Land und Stadt, was die Kommunikation anlangt. In kleineren Orten ist ganz
einfach die persönliche Beziehung und das Gemeinschaftsgefühl ein anderes. Es
gibt z.B. viele Formen von Nachbarschaftshilfe; zumindest Phänomene wie das
unbeachtete Sterben eines alten Menschen inmitten eines dichtbesiedelten
Gebietes sind in einem kleinen Ort fast nicht denkbar. Der ländliche Raum weist
in der Regel noch ein Vereinsleben auf, man denke nur an die große Rolle, die
die „Freiwillige Feuerwehr“ in vielen Orten spielt; auch Musikkapellen,
Gesangsvereine, Laientheater und Brauchtumspflege gibt es. Zweifellos spielt
noch immer das kirchliche Leben, das Menschen in vielfacher Weise
zusammenbringt, eine größere Rolle als in der Stadt.Im besonderen erscheint es
uns, dass Kinder und Jugendliche in engerer Verbindung als in der Stadt stehen;
die Kontakte werden auch nach Beendigung des gemeinsamen Schulzeit fortgesetzt.
Sicherlich ist hiefür eine wesentliche Ursache, dass sie einfach mehr Platz in
Häusern, im Garten, in ländlicher Umgebung haben, wo sie ungestört sind und
ihre eigene Welt gestalten können.
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Ein
Phänomen, das wir gerade im letzten Wahlkampf in Wien beobachten konnten, ist
das gezielte Schüren der Ausländerfeindlichkeit. Wie wir aus Medienberichten
der letzten Jahre wissen, hat es in Paris schwere Ausschreitungen gegeben, bei
denen sich ganze Stadtviertel, die von Immigranten bewohnt sind, Schlachten mit
der Exekutive geliefert haben. Ansätze dazu werden aus englischen und deutschen
Großstädten berichtet. Es gibt dort offensichtlich Bevölkerungskreise, die
räumlich isoliert und sozial und wirtschaftlich in hoffnungsloser Lage, mit der
übrigen Bevölkerung in keiner Weise im Kontakt sind.
Wien
ist von solchen extremen Situationen verschont geblieben. Es gibt aber Stadtteile,
in denen sich offensichtlich eine Kultur entwickelt, die völlig unberührt vom Leben
der anderen Bevölkerung ist und bei dieser ein Gefühl des „Fremden“ und damit
Angst, Abneigung und Aversion auslöst. Das ist gerade in Wien erstaunlich. Von
dieser Stadt haben wir gelernt, dass sie als Mittelpunkt eines großen Reiches
seit jeher Schmelztiegel verschiedener Kulturen war und gerade um 1900 einen
großen Zuzug von Fremden hatte. Bekannt ist, dass viele „Wiener“ tschechische
Vorfahren haben, wie ein Blick ins Telefonbuch beweist.
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um 1900 so gewesen, wo sich die Tschechen und andere rasch integriert haben.
Auch bei den ersten Gastarbeitern,sind die Vertreter der nächsten Generationen
rasch zu „echten Wienern“ geworden.
Diese
Beobachtungen decken sich mit der Kritik an der Chicago- Schule, dass sie stark
von einer bestimmten historischen Situation geprägt sei (siehe Pkt. 3.2.4.).
Die Zuwanderer nach Chicago waren Europäer (Italiener, Iren, Deutsche). Auch
die Zuwanderer nach Wien um 1900 stammten aus den umliegenden Ländern Böhmen,
Italien, Ungarn etc., also aus verwandten Kulturen, bei denen nicht zuletzt
die katholische Kirche eine gemeinsame Basis bildete.
Demgegenüber
stammen die jetzigen Zuwanderer aus anderen Kulturen und sehen zum einem
großen Teil ihren Glauben als vertrauten Fixpunkt in einer ihnen völlig fremden
Welt.
Es bedarf sicherlich noch einer Menge an soziologischer Forschung, besserer
Stadtplanung und intensiver politischer Vorarbeit um all diese Probleme zu
bewältigen
Literaturverzeichnis
Häußermann,
H. & W. Siebel: Neue Urbanität. Frankfurt/M. 1987, S 78-94
Krämer-Badoni,
T.: Die Stadt als sozialwissenschaftlicher Gegenstand. Pfaffenweiler, 1991
Simmel,
G.: Exkurs über den Fremden, Frankfurt/M. 1992, Gesamtausgabe Bd. 2.
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