„Sinn(es)los“ in Wien
Die Zahl der
Drogenabhängigen in Österreich steigt und steigt. Ein Umstand, der zutiefst
beunruhigend ist.
Matthias, 23, gebürtiger
Tiroler, ist Komparatistik- und Philosophie-Student an der Universität Wien und
lebt dort seit vier Jahren. An seinen Heimatort Zell im Zillertal erinnert sich
Matthias gern. „Da san‛ma‛ mit a paar Bier immer zammag’hockt und hom a mords
Gaudi g’hobt“, schwärmt er regelrecht von seiner frühen Jugend auf dem Land.
Da Matthias jedoch immer
schon ein technisch begabtes Wesen war und es im Zillertal keine geeignete
Schule für ihn gab, zog er mit 15 nach Innsbruck, um dort die Matura an der HTL
zu absolvieren. Für eine eigene Wohnung war er zu jung, also zahlten ihm seine
Eltern die Unterkunft in einem Schülerheim.
„Bier trinken und möglichst
ohne Lebensregeln leben, das war mein Motto“, analysiert Matthias seine
damalige Einstellung. Nicht lange dauerte es, bis er in seinem Heim
Gleichgesinnte kennenlernen durfte, die schnell zu seinen Freunden wurden. „In
Innsbruck war alles anders“, so der damalige Neu-Stadtmensch. „Ich merkte, dass
ich nicht der einzige war, der unzufrieden war.“
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immer die Höhepunkte des Tages. „An den Moment, mein erstes Dosenbier
aufzumachen, freute ich mich im Insgeheimen schon vormittags in der Schule“,
erzählt er.
Lange ließ es auch nicht auf
sich warten, bis Matthias auch tagsüber trank. Der Tag wäre im berauschten Zustand
einfach viel leichtlebiger, begründet er sein damaliges tun. „Bei Prüfungen
und Referaten war ich besser, wenn ich vorher zwei oder drei Bierchen getrunken
habe“. Tatsächlich schloss er seine Matura zwar nicht mit Erfolg, aber doch
akzeptabel ab, was ihn in seiner Einstellung bestätigte.
Im Laufe der Jahre, die ihn
zur Matura geführt haben, hat Matthias seine Liebe für die Literatur entdeckt.
Seine nächtlichen Diskussionsrunden begnügten ihn nicht mehr, „es wurde immer
dasselbe geredet“, beklagt er sich. Er begann Sartre, Nietzsche und
Schopenhauer zu lesen. Da er auch gerne seine Gedanken niederschrieb - meistens
berauscht -, kam er auf die Idee, Philosophie und Komparatistik, auch
Vergleichende Literaturwissenschaft genannt, zu studieren. Tatsächlich hätte es
diese Studienkombination auch in Innsbruck gegeben, doch zu der Zeit brauchte
er was Neues, berichtet er.
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Matthias größter Fehler, wie
er zugibt, war Heroin. „In Wien habe ich, so wie zuvor in Innsbruck, sofort
Leute kennengelernt. Diese Leute allerdings machten auch nicht vor chemischen
Drogen Halt. Da ich nunmal immer schon ein Freigeist war, war ich von Grund auf
offen und auch sehr gespannt auf was Neues.“ So dauerte es nicht lange, bis
Matthias zum ersten Mal Speed, Kokain und Ecstasy konsumierte. Eines Tages, als
er bei einem seiner Freunde, Christoph, ebenfalls Philosophie-Student, der
gerade im größeren Kreis seinen Geburtstag feierte, zu Besuch war, bekam er
mit, wie drei, für ihn noch unbekannte Leute, irgendwas mit Alufolie rauchten.
„Da wurde ich gleich neugierig“, so Matthias. „Die Leute sagten, es wäre
Heroin, was mich schon etwas abschreckte. Anschließend erzählten sie mir aber,
dass es bei Weitem ungefährlicher sei, Heroin zu rauchen, anstatt es sich zu
injizieren. Außerdem sei bei dieser Variante die Gefahr geringer, schnell
abhängig zu werden. Also testete ich es. Es war unglaublich!“
Erfahrungen, die einen
dermaßen faszinieren, wiederholt man für gewöhnlich. So auch bei Matthias.
Innerhalb weniger Wochen nahm er es wieder und wieder und merkte dabei kaum,
wie schnell er abhängig wurde. „Hier in Wien kann man jeden Tag Party machen,
jeden Tag Leute treffen.
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Spätestens von diesem Moment
an war Matthias in ernsten Problemen, wie Christoph, der Freund von der Party,
zu berichten weiß: „Matthias kenne ich jetzt seit er in Wien ankam. Ich
studiere mit ihm. Auch, wenn er schon anfangs nur selten halbwegs nüchtern war,
hat er doch alles einigermaßen hingekriegt. Heute ist das anders. Seit er mit
Heroin begonnen hat, kriegt er nichts mehr auf die Reihe.“
Auch Matthias selbst weiß
mittlerweile, dass er in mächtigen Problemen steckt. Heroin nimmt er zwar nur
noch selten, braucht dafür aber permanent Ersatzdrogen wie etwa Methadon, das
er in der Drogen-Ambulanz Wien bekommt. Sein Studium läuft schon seit geraumer
Zeit nicht mehr, worüber Matthias aber nicht viel erzählen will. Das erledigt
Christoph, der sehr besorgt um seinen Freund ist: „Matthias hat letztens einen
Text an unsere Komparatistik-Professorin geschickt. Die Kritik war verheerend!
Sie sagte ihm, dass sie nach eineinhalb Seiten das Lesen abgebrochen hat und
sich fragt, wie Matthias überhaupt seine Matura machen konnte. Außerdem riet
sie ihm, ernsthaft darüber nachzudenken, ob dieses Studium überhaupt für ihn
geeignet sei! Das hat Matthias sehr getroffen. Auch ich war entsetzt, als ich
das hörte. Schließlich kenne ich seine Texte von damals, vom Anfang seines
Studiums. Er war sehr talentiert! Ich denke, dass die permanente Sinnesberauschung
und die kontinuierliche Aufstockung auf härtere Drogen ihn Tag für Tag mehr und
mehr verdummen ließ.
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Momentan hat Matthias sein
Studium auf Eis gelegt und ist seit einiger Zeit auf Entzug. Er ist guten
Willens, das durchzuziehen, doch ein vollkommener Entzug geht über Jahre. Sein
größter Wunsch ist es, erst einmal zu seiner alten Schreibform wiederzufinden,
um später vielleicht Schriftsteller zu werden. Das Glück sei mit ihm!
Nach dem Bericht zur
Drogensituation in Österreich 2009, abrufbar über die Internetseite des
Gesundheitsministeriums, liegt Österreich beim Drogenkonsum leider im
europäischen Trend: Die Konsumenten werden immer jünger, jeder fünfte
Drogentote in Österreich war unter 20. Und: Fast immer ist es ein hochriskanter
Mischkonsum von harten Drogen, viel Alkohol und Beruhigungstabletten, der zum
Tod führt. 2008 stieg die Zahl der Drogentoten um 6 auf 197, der höchste Wert
seit zehn Jahren. Europaweit gab es 7000 Opfer zu beklagen. Außerdem sank das
durchschnittliche Einstiegsalter in Österreich zuletzt bei Heroin von 18 auf
17, bei Amphetaminen von 17 auf 16, bei Cannabis von 16 auf 15 uns bei
Schnüffelstoffen gar von 15 auf 14. Die gute Nachricht ist, dass Heroin viel
seltener intravenös konsumiert wird, als befürchtet und dass Kokain im
Vergleich zu anderen Staaten eine eher untergeordnete Rolle spielt.
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