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Graz
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2007 Strasser
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Beinahe-Nichts alle irdischen Übel, nicht nur die Tränen eines Kindes, sondern

das Leid von Hunderten von Millionen. Dagegen können selbst die Wonnen des

Himmels nichts ausrichten unter der Voraussetzung, dass die Welt erst gar nicht hätte

erschaffen werden müssen.

Fazit I: Gott kann den gegen ihn angestrengten Prozess nicht gewinnen, sobald er

als ein rational kalkulierendes Wesen gedacht wird, dass bei der Schöpfung glücksbzw.

kollektivnutzenmaximierend im Sinne des Utilitarismus verfährt.

(B) Die Übel, für die der Mensch selbst verantwortlich ist (die moralischen Übel):

Nimmt man an, dass der Mensch über einen freien Willen verfügt, dann folgt daraus:

1. Gott gab dem Menschen den freien Willen, damit er sich selbst für das Gute und

gegen das Böse entscheiden kann. Für die moralischen Übel ist der Mensch selbst

verantwortlich, nicht Gott.

2. Dagegen: Aber da Gott wusste [er ist ja allwissend], dass die Menschen aufgrund

ihres freien Willens auch Böses tun werden, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen [die

ihnen von Gott in ihre Natur eingepflanzt wurden], hätte er die Menschen besser zum

Guten determiniert.

3. Dann hätte Gott die Menschen wie die Tiere machen müssen, und das hätte bedeutet,

ihnen ihre menschliche Würde vorzuenthalten.

4. Dagegen: Wenn die Würde des Menschen notwendig darin gründet, zwar einerseits

einen freien Willen zu haben, ihn aber andererseits, aufgrund der menschlichen

Bedürfnisse, vorhersehbar oft im Sinne des Bösen zu missbrauchen, dann wäre es

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der nicht existiert, kann nicht dadurch verletzt werden, dass ihm die Willensfreiheit

vorenthalten wird; es ist ja noch niemand da, dem etwas vorenthalten werden

könnte.

Fazit II: Die Willensfreiheit ist eine metaphysische Gegebenheit, deren Akzeptanz

den Satz „Er, sie, es hätte auch anders handeln können“ bisweilen wahr macht; darin

mögen die Menschen eine Bedingung ihrer Würde erblicken. Das entlastet aber Gott

nicht, weil er laut Annahme die Möglichkeit gehabt hätte, von der Erschaffung des

Menschen abzusehen für den Fall, dass sie nur um den Preis des moralischen Übels

möglich war.

(C) Das Argument des Aurelius Augustinus: In seinem Werk De libero arbitrio (entstanden

zwischen 391 und 395) beschäftigt er sich mit der Frage, ob der freie Wille

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des Menschen mit Gottes Allmacht vereinbar sei. Die Antwort bei Augustinus lautet:

Ja, denn obwohl Gott alles im Voraus weiß, also auch alle bösen Taten aller Menschen,

so heißt das doch nicht, dass er sie verursacht. Er ist also nicht ungerecht,

wenn er die Sündiger bestraft. Denn Gott weiß nur im Voraus, wie sich die Menschen

aus freiem Willensentschluss entscheiden werden, er beeinflusst sie in ihren Entscheidungen

aber nicht!

Augustinus zu seinem Schüler Evodius: „Wenn mich nicht alles täuscht, zwingst du doch den

Betreffenden, von dem du im Voraus weißt, dass er sündigen wird, nicht, dass er auf der

Stelle sündigt. Ebenso wenig zwingt ihn dein Vorwissen zum Sündigen, wenn er auch ohne

Zweifel sündigen wird, da du es ja sonst nicht im Voraus wissen könntest. Da sich also diese

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was der andere mit seinem Willen tun wird, so zwingt auch Gott keinen zum Sündigen, obgleich

Er jene im Voraus sieht, die mit eigenem Willen sündigen werden. [..] Warum also

soll Gott in seiner Gerechtigkeit nicht etwas bestrafen, was er in seiner Vorwissenheit durchaus

nicht beeinflusst hat?“

Kommentar: (a) Es gehört zur Definition dessen, was wir „freien Willen“ nennen, dass

ich in meinem Entscheiden und Handeln, soweit es wirklich willensfrei ist, durch keine

Ursachen determiniert werde – außer eben durch meinen freien Handlungsentschluss,

der seinerseits nicht determiniert ist. Vorauswissen aber kann man nur etwas,

wenn es sich aus Gesetzen ergibt, von denen man weiß, wann ihre Anfangsbedingungen

realisiert sind. Ergo: Wenn Gott den Menschen mit freiem Willen ausstattet,

ist das gleichbedeutend mit einer Selbstblendung Gottes, soweit es alle Entschlüsse

und Handlungen des Menschen betrifft, die aus dem freien Willen erwachsen.

Gott schränkt demnach seine Allwissenheit ein. (b) Da dies aber nicht zulässig

ist [wegen der Vollkommenheit und Allmacht Gottes], wird das Vorauswissen Gottes

mit Bezug auf Handlungen, die keine hinreichenden empirischen Ursachen haben

(nicht das Ergebnis des Wirkens bestimmter Naturgesetze sind), selbst zu einer Instanz

des Bewirkens: denn nur weil Gott im Voraus weiß, dass ich sündig handeln

werde, handle ich so; wüsste Gott hingegen im Voraus, dass ich so nicht handeln

werde, dann würde ich so nicht handeln. Das ist dann aber so gut oder so schlecht,

als ob ich in meinem Handeln determiniert wäre. Mich „determiniert“ Gottes Wissen!

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und die, die aus „freien Stücken“ Gutes tun, belohnt, tut er nichts, was gerecht

wäre. Denn weder die einen noch die anderen können etwas für das, was sie tun.

Sie sind alle durch das Wissen Gottes „determiniert“. Auch in diesem Punkt – Gerechtigkeit

Gottes – führt der Prozess der Theodizee zu keiner Rechtfertigung Gottes.

Es scheint also, dass religiöses Denken, soweit es sich bemüht, Gott selbst als einen

rationalen und guten Akteur zu begreifen, der niemals etwas Unvernünftiges, Böses

oder Ungerechtes tut, scheitert. Die Theodizee ist nicht geeignet, Gottes Schöpfungswerk

und damit Gott selbst in seinem Tun zu rechtfertigen.

Daraus könnte man folgern, dass jedes rationale Begreifenwollen Gottes blasphemische

(gotteslästerliche) Konsequenzen hat, und man versuchen, ein Fazit IV zu gewinnen;

es lautet: Der religiöse Glaube ist seinem Wesen nach nicht in rationalen

Begriffen und Argumenten darstellbar.

Aber was bedeutet diese Aussage, wenn sie nicht bloß bedeuten soll, dass man, um

gläubig sein zu können, sich vorher seines Verstandes entledigen muss?

1

Strasser VO „Religiöses Denken“ SS 07

Handout Nr. 5

Irrationalisierung des Glaubens

(A) Das Numinose

Die Religionskritik führt zu der Vorstellung, dass das Wesentliche des Glaubens sich

dem lumen naturale entzieht. Typisch für diese Vorstellung war das Buch des evangelischen

Theologen Rudolf Otto: Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des

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Das Numinose leitet sich vom lat. numen her und bedeutet soviel wir „göttliches Wesen“,

„göttliche Macht“.

Otto will jenen Kern am religiösen Erleben freilegen – und das Erleben ist für Otto der

Kern des Religiösen –, der sich nicht durch die Idee Gottes als eines höchst sittlichen

Wesens charakterisieren lässt. Typisch für das Erleben einer transmoralischen Macht

sind viele Episoden besonders des Alten Testaments, in denen Gott sich als rächender,

eifersüchtiger, vor Hinterlist und Mord nicht zurückschreckender absoluter Vater

des Menschen, dessen Herz vor Liebe und Zorn brennt, zu erkennen gibt.

Das Erlebnis des Numinosen hält Otto für universal, jedenfalls als gültig für die großen

Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum, Islam). Es besteht aus mehreren,

miteinander verzahnten Elementen:

(1) Gefühl absoluter Abhängigkeit, Kreaturgefühl: „das Gefühl der Kreatur, die in ihrem

eigenen Nichts versinkt und vergeht gegenüber dem, was über aller Kreatur ist“.

(2) Gefühl des mysterium tremendum: es ist das Gefühl, mit etwas völlig Unbegreiflichem,

ja Widervernünftigem und Paradoxem zu tun zu haben (die Mystiker sprechen

von einer coincidentia oppositorum, der Einswerdung aller Gegensätze im Absoluten).

Gott als mysterium tremendum offenbart sich uns als Schauder- und Schauervolles,

schon Gottes Anblick können wir nicht ertragen: als das, was uns zittern

macht, in Furcht und Schrecken versetzt.

(3) Das mysterium tremendum ist zugleich ein mysterium fascinans: das Absolute


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