Beinahe-Nichts alle irdischen Übel, nicht nur die Tränen
eines Kindes, sondern
das Leid von Hunderten von Millionen. Dagegen können selbst
die Wonnen des
Himmels nichts ausrichten unter der Voraussetzung, dass die
Welt erst gar nicht hätte
erschaffen werden müssen.
Fazit I: Gott kann den gegen ihn angestrengten Prozess
nicht gewinnen, sobald er
als ein rational kalkulierendes Wesen gedacht wird, dass
bei der Schöpfung glücksbzw.
kollektivnutzenmaximierend im Sinne des Utilitarismus
verfährt.
(B) Die Übel, für die der Mensch selbst verantwortlich ist
(die moralischen Übel):
Nimmt man an, dass der Mensch über einen freien Willen
verfügt, dann folgt daraus:
1. Gott gab dem Menschen den freien Willen, damit er sich
selbst für das Gute und
gegen das Böse entscheiden kann. Für die moralischen Übel
ist der Mensch selbst
verantwortlich, nicht Gott.
2. Dagegen: Aber da Gott wusste [er ist ja allwissend],
dass die Menschen aufgrund
ihres freien Willens auch Böses tun werden, um ihre
Bedürfnisse zu befriedigen [die
ihnen von Gott in ihre Natur eingepflanzt wurden], hätte er
die Menschen besser zum
Guten determiniert.
3. Dann hätte Gott die Menschen wie die Tiere machen
müssen, und das hätte bedeutet,
ihnen ihre menschliche Würde vorzuenthalten.
4. Dagegen: Wenn die Würde des Menschen notwendig darin
gründet, zwar einerseits
einen freien Willen zu haben, ihn aber andererseits,
aufgrund der menschlichen
Bedürfnisse, vorhersehbar oft im Sinne des Bösen zu
missbrauchen, dann wäre es
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der nicht existiert, kann nicht dadurch verletzt werden,
dass ihm die Willensfreiheit
vorenthalten wird; es ist ja noch niemand da, dem etwas
vorenthalten werden
könnte.
Fazit II: Die Willensfreiheit ist eine metaphysische
Gegebenheit, deren Akzeptanz
den Satz „Er, sie, es hätte auch anders handeln können“
bisweilen wahr macht; darin
mögen die Menschen eine Bedingung ihrer Würde erblicken.
Das entlastet aber Gott
nicht, weil er laut Annahme die Möglichkeit gehabt hätte,
von der Erschaffung des
Menschen abzusehen für den Fall, dass sie nur um den Preis
des moralischen Übels
möglich war.
(C) Das Argument des Aurelius Augustinus: In seinem Werk De
libero arbitrio (entstanden
zwischen 391 und 395) beschäftigt er sich mit der Frage, ob
der freie Wille
3
des Menschen mit Gottes Allmacht vereinbar sei. Die Antwort
bei Augustinus lautet:
Ja, denn obwohl Gott alles im Voraus weiß, also auch alle
bösen Taten aller Menschen,
so heißt das doch nicht, dass er sie verursacht. Er ist
also nicht ungerecht,
wenn er die Sündiger bestraft. Denn Gott weiß nur im
Voraus, wie sich die Menschen
aus freiem Willensentschluss entscheiden werden, er
beeinflusst sie in ihren Entscheidungen
aber nicht!
Augustinus zu seinem Schüler Evodius: „Wenn mich nicht
alles täuscht, zwingst du doch den
Betreffenden, von dem du im Voraus weißt, dass er sündigen
wird, nicht, dass er auf der
Stelle sündigt. Ebenso wenig zwingt ihn dein Vorwissen zum
Sündigen, wenn er auch ohne
Zweifel sündigen wird, da du es ja sonst nicht im Voraus
wissen könntest. Da sich also diese
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was der andere mit seinem Willen tun wird, so zwingt auch
Gott keinen zum Sündigen, obgleich
Er jene im Voraus sieht, die mit eigenem Willen sündigen
werden. [..] Warum also
soll Gott in seiner Gerechtigkeit nicht etwas bestrafen, was
er in seiner Vorwissenheit durchaus
nicht beeinflusst hat?“
Kommentar: (a) Es gehört zur Definition dessen, was wir
„freien Willen“ nennen, dass
ich in meinem Entscheiden und Handeln, soweit es wirklich
willensfrei ist, durch keine
Ursachen determiniert werde – außer eben durch meinen
freien Handlungsentschluss,
der seinerseits nicht determiniert ist. Vorauswissen aber
kann man nur etwas,
wenn es sich aus Gesetzen ergibt, von denen man weiß, wann
ihre Anfangsbedingungen
realisiert sind. Ergo: Wenn Gott den Menschen mit freiem
Willen ausstattet,
ist das gleichbedeutend mit einer Selbstblendung Gottes,
soweit es alle Entschlüsse
und Handlungen des Menschen betrifft, die aus dem freien
Willen erwachsen.
Gott schränkt demnach seine Allwissenheit ein. (b) Da dies
aber nicht zulässig
ist [wegen der Vollkommenheit und Allmacht Gottes], wird
das Vorauswissen Gottes
mit Bezug auf Handlungen, die keine hinreichenden
empirischen Ursachen haben
(nicht das Ergebnis des Wirkens bestimmter Naturgesetze
sind), selbst zu einer Instanz
des Bewirkens: denn nur weil Gott im Voraus weiß, dass ich
sündig handeln
werde, handle ich so; wüsste Gott hingegen im Voraus, dass
ich so nicht handeln
werde, dann würde ich so nicht handeln. Das ist dann aber
so gut oder so schlecht,
als ob ich in meinem Handeln determiniert wäre. Mich
„determiniert“ Gottes Wissen!
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und die, die aus „freien Stücken“ Gutes tun, belohnt, tut
er nichts, was gerecht
wäre. Denn weder die einen noch die anderen können etwas
für das, was sie tun.
Sie sind alle durch das Wissen Gottes „determiniert“. Auch
in diesem Punkt – Gerechtigkeit
Gottes – führt der Prozess der Theodizee zu keiner
Rechtfertigung Gottes.
Es scheint also, dass religiöses Denken, soweit es sich
bemüht, Gott selbst als einen
rationalen und guten Akteur zu begreifen, der niemals etwas
Unvernünftiges, Böses
oder Ungerechtes tut, scheitert. Die Theodizee ist nicht
geeignet, Gottes Schöpfungswerk
und damit Gott selbst in seinem Tun zu rechtfertigen.
Daraus könnte man folgern, dass jedes rationale
Begreifenwollen Gottes blasphemische
(gotteslästerliche) Konsequenzen hat, und man versuchen,
ein Fazit IV zu gewinnen;
es lautet: Der religiöse Glaube ist seinem Wesen nach nicht
in rationalen
Begriffen und Argumenten darstellbar.
Aber was bedeutet diese Aussage, wenn sie nicht bloß
bedeuten soll, dass man, um
gläubig sein zu können, sich vorher seines Verstandes
entledigen muss?
1
Strasser VO „Religiöses Denken“ SS 07
Handout Nr. 5
Irrationalisierung des Glaubens
(A) Das Numinose
Die Religionskritik führt zu der Vorstellung, dass das
Wesentliche des Glaubens sich
dem lumen naturale entzieht. Typisch für diese Vorstellung
war das Buch des evangelischen
Theologen Rudolf Otto: Das Heilige. Über das Irrationale in
der Idee des
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Das Numinose leitet sich vom lat. numen her und bedeutet
soviel wir „göttliches Wesen“,
„göttliche Macht“.
Otto will jenen Kern am religiösen Erleben freilegen – und
das Erleben ist für Otto der
Kern des Religiösen –, der sich nicht durch die Idee Gottes
als eines höchst sittlichen
Wesens charakterisieren lässt. Typisch für das Erleben
einer transmoralischen Macht
sind viele Episoden besonders des Alten Testaments, in
denen Gott sich als rächender,
eifersüchtiger, vor Hinterlist und Mord nicht
zurückschreckender absoluter Vater
des Menschen, dessen Herz vor Liebe und Zorn brennt, zu
erkennen gibt.
Das Erlebnis des Numinosen hält Otto für universal,
jedenfalls als gültig für die großen
Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum, Islam). Es
besteht aus mehreren,
miteinander verzahnten Elementen:
(1) Gefühl absoluter Abhängigkeit, Kreaturgefühl: „das
Gefühl der Kreatur, die in ihrem
eigenen Nichts versinkt und vergeht gegenüber dem, was über
aller Kreatur ist“.
(2) Gefühl des mysterium tremendum: es ist das Gefühl, mit
etwas völlig Unbegreiflichem,
ja Widervernünftigem und Paradoxem zu tun zu haben (die
Mystiker sprechen
von einer coincidentia oppositorum, der Einswerdung aller
Gegensätze im Absoluten).
Gott als mysterium tremendum offenbart sich uns als
Schauder- und Schauervolles,
schon Gottes Anblick können wir nicht ertragen: als das,
was uns zittern
macht, in Furcht und Schrecken versetzt.
(3) Das mysterium tremendum ist zugleich ein mysterium
fascinans: das Absolute
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