Religiöses Denken
I. Glauben und Wissen in profaner und religiöser Bedeutung
1. Unterschied zwischen Glauben und Wissen im profanen Sinn
1. Glaube: „Ich
glaube, dass p“ meint, dass ich es (a) für „wahrscheinlicher“ halte, dass der
Satz „p“ wahr ist, als dass er falsch ist, und dass ich (b) keine sicheren Gründe
dafür habe, dass „p“.
1.1 Rationaler Glaube:
Ich habe Gründe für „p“, die das Eintreten von „p“ als wahrscheinlich
erscheinen lassen als das Eintreten von „nicht-p“ (Bsp.: Wetterprognose).
1.2 Irrationaler Glaube:
Ohne diese Gründe etwas glauben (Bsp. Rot kommt am Roulettetisch).
2. Wissen: „Ich weiß,
dass p“ genau dann, wenn folgende drei/vier Bedingungen erfüllt sind:
(a) „p“ ist der Fall (= „p“ ist wahr).
(b) Ich glaube, dass „p“.
(c) Ich habe gute Gründe für meinen Glauben, dass p (und
ich glaube/weiß, dass es sich bei meinen guten Gründen auch wirklich um gute
Gründe handelt).
(d) [Abwehr der Argumente vom Gettier-Typ]: Die guten
Gründe, die ich dafür habe, dass „p“, sind gute Gründe für das Bestehen jenes
Sachverhalts, durch den „p“ wahr wird.
Edmund Gettier („Is Justified True Belief Knowledge?“,
Analysis 23, 1963)
Reichen Wahrheit, Glaube und Rechtfertigung aus um Wissen
zu konstruieren? Gettier: Nein!
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Bsp. disjunktive Erweiterung: Wenn ich gute Gründe dafür
habe, dass mein Freund Hans 10 Euro in der Tasche hat (ich habe mit eigenen
Augen gesehen, wie er sie einsteckte), dann habe ich auch gute Gründe dafür,
dass Hans oder Paul 10 Euro in seiner Tasche hat.
Tatsache ist aber: Hans hat die 10 Euro verloren (Loch in
der Tasche), doch Paul hat 10 Euro in seiner Tasche, wovon ich allerdings keine
Ahnung habe. Ohne die Einschränkung durch Punkt (d) würde das bedeuten: Ich
weiß, dass Hans oder Paul 10 Euro in der Tasche hat – eine Annahme, die absurd
wäre, weil ich ja nur gute Gründe für das Bestehen jenes Sachverhalts habe,
durch den „p“ gerade nicht wahr wird.
--> Im außerreligiösen Bereich sagen wir: „Glauben heißt
nichts wissen“.
2. Glauben und Wissen im religiösen Bereich
Ausgangsidee: Die Essenz des
Glaubens ist nicht rational begründbar. Warum soll ich aber etwas glauben, für
das ich keine guten Gründe habe?
Entstehungszusammenhang des
Glaubens (=kausal begründeter Glaube durch Gründe wie die Übernahme anerzogener
Ansichten) VERSUS Rechtfertigungszusammenhang (=rationale Gründe). Folglich
reichen manchmal nur kausale Gründe nicht mehr aus zur Begründung eines
Glaubens!
Sondergründe
(Z. B. Offenbarungsgründe) sind daraufhin zu untersuchen, was für Gründe sie
sind.
A) „Ich weiß, weil ich glaube.“ - Schwache Version
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Anselms Argument lautet:
(a) Die Idee Gottes ist jene des vollkommensten denkbaren Wesen, und (b) die
Vollkommenheit dieses Wesens setzt ihrerseits notwendig voraus, dass Gott
existiert, denn Existenz ist besser als nur mögliche Existenz (Vgl. Kants so
genannten „Ontologischen Gottesbeweis“).
--> Wenn wir Anselm folgen, haben wir rationale Gründe,
um an die Existenz Gottes zu glauben und diese Gründe sind rein begriffslogisch
und basieren nicht auf religiösen Annahmen, sie sind also auch für Atheisten
nachvollziehbar.
Kommentar
(a) „Ich glaube, damit ich
erkennen kann“ liegt jedoch in einem Entstehungszusammenhang mit Anselms
Gläubigkeit. Nur weil Anselm gläubig ist, konnte er diese Idee eines
Gottesbeweises überhaupt erst haben, denn Anselm meint: „Wenn ich nicht glaube,
werde ich nicht erkennen“.
(b) Für religiöse Menschen ist der Grund für die natürliche
Vernunft („lumen naturale“) Gott selbst.
B) „Ich weiß, weil ich glaube.“ - Starke Version
Der Glaube ist so stark, dass aus ihm ein Wissen
hervorgeht, das möglicherweise so stark ist, dass keine rationalen Gründe mehr
für den Glauben sprechen müssen und der Gläubige dennoch glaubt (Bsp.: Katholische
Glaubensdogmen sind von allen Katholiken zu glauben, sonst folgt eine
Exkommunizierung!).
Offenbarungserlebnisse
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Beispiele: Blaise Pascal (1623-1662), der so alle Zweifel
ablegte und nun absolute Gewissheit erlangte in seinem Glauben, oder auch
Swedenborg, dem zuerst Jesus und dann Gott selbst erschienen (1774/75) und der
folglich ein permanentes Offenbarungserlebnis hatte.
Kommentar
(a) Der, welcher eine Offenbarung hatte, meint dass es
tatsächlich eine Offenbarung war (Offenbarungsevidenz für ihn). Der Betroffene
kann aber den Unterschied zwischen einer bloß gehirndeterminierten Vision und
einer Vision, die von außen erfolgt, nicht klar beschreiben.
(b) Es könnte auch der Teufel mich täuschen, und mir
vorspielen, dass die Vision von Gott käme.
(c) Alle Offenbarungen haben einen privaten Charakter und
die inneren Gründe reichen für einen Skeptiker nicht aus. Man bräuchte
unabhängige, äußere Gründe zur Überprüfung der Qualität der Offenbarung
(Offenbarungen sind aber letztlich nicht intersubjektiv rational überprüfbar!) -->
Welche Gründe könnten das sein?
Religiöser Glaube ist Glaube an das Unmögliche!
Im 17. Jahrhundert kam folgender antiker Satz wieder auf:
„Ich glaube, weil es widersinnig ist“ (Credo quia absurdum est). Auf diesen
Satz stützt sich eine ganze theologische Tradition, die den religiösen Glauben
gar nicht erst mit der Vernunft in Einklang bringen möchte, sondern im
Gegenteil den Einfluss der Vernunft auf den Glauben für verderblich hält.
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Gott kann widersprüchliche Dinge erschaffen („rundes
Quadrat“). Und er kann das, vom menschlichen Standpunkt aus, Unmenschliche
geschehen lassen (Holocaust).
Beispiel: Leo Schestow (1866-1938) und auch Sören
Kierkegaards „Sprung in den Glauben“ durch eine Immunisierung des Glaubens
mittels einer Bereitschaft zur Irrationalität.
--> Im religiösen Bereich treten Sondersituationen auf:
„Ich weiß, weil ich glaube.“
II. Was sind religiöse Tatsachen?
Das Kriterium des Übernatürlichen
Sachverhalte von denen behauptet wird, dass sie
übernatürlich sind, werden als „religiöse Tatsachen“ bezeichnet (Bsp.:
Schutzengel, Totenerweckung, Stigmata).
1. Unterscheidung: Mythologisches und wissenschaftliches
Weltbild
(a) Im mythologischen Weltbild ist das Übernatürliche stets
Teil unserer Welt, insofern es im Mythos veranschaulicht wird. Die Welt der
Irdischen und der Überirdischen sind miteinander verklammert, insofern beide
sinnlich repräsentiert werden können.
(b) Auch das Geistige ist feinkörperlich und raumzeitlich
lokalisierbar (Bsp. Seele als Art Hauch, Geister mit Aura etc.).
(c) Es gibt Erklärbares (das Natürliche) und Unerklärbares
(das Übernatürliche).
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