Psychologie
der Aggressivität
von Selg, Mees & Berg
1. Relevante Begriffe
1.1 Aggression
Psychoanalytisch
orientierte Autoren: In der Nachfolge FREUDs wird jede Aktivität, die nicht auf
den Eros (Lebenstrieb) zurückgeführt werden kann, als Teil des Todestriebs
interpretiert und somit als Aggression eingestuft.
Mitscherlich
rechnet zu Aggressivität alles was durch Aktivität eine innere Spannung
auszulösen versucht.
Parens
lehnt hingegen das Todestriebkonzept Freuds ab, aber auch er hat einen extrem
weiten Aggressionsbegriff.
Inflationäre
Verwendung des Terminus Aggression: Nur 2 Kategorien -> Sexualität
& Aggression
Leichtfertiger Gebrauch des Wortes Aggression (Fußball, Musik)
Andererseits
zu enge Blickwinkel: Forderung nur dann von A zu sprechen, wenn der
Handelnde ausdrücklich aggressive Absichten zugibt (geleugnete Straftaten, A
von Kindern würden somit rausfallen)
Umschreibung
von Aggression von Selg (keine Definition) 1968: gestützt auf Yale-Gruppe
:
Eine Aggression besteht in einem gegen einen Organismus oder ein
Organismussurrogat gerichteten Austeilen schädigender Reize. Eine A kann offen
(körperlich, verbal) oder verdeckt (phantasiert), positiv (von Kultur
gebilligt) oder negativ (missbilligt) sein.
Aggression
meint ein Verhalten, nicht Ursache wie Aggressionstrieb, keine Affekte (Wut,
Hass)
Verhalten
soll nur dann als Aggression eingestuft werden, wenn es gegen Lebewesen
gerichtet wird.
Organismussurrogat:
Stellvertreter oder Ersatz (Zerreißen eines Fotos vom Ex)
Zufälliges
Zufügen von Schmerzen etc. gilt nicht als Aggression -> Gerichtetheit
Positive
(prosoziale) Aggression kein Wiederspruch: kulturell gebilligtes o. verlangtes
Verhalten (Krieg) Instrumentelle Aggression
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Normverletzung
als Kriterium für Aggressionen schwierig (Polizei, Militär, Notwehr)
Selbstaggressionen:
ein Mensch kann sowohl Subjekt als auch Objekt seines Verhaltens sein.
Auch Phantasien können als Aggressionen eingestuft werden, wenn man sie
als verdecktes Verhalten akzeptiert.
Zusammengefasst:
Als Aggression soll solches Verhalten bezeichnet werden, bei dem schädigende
Reize gegen einen Organismus (o. Organismussurrogat) ausgeteilt werden. Dieses
Verhalten muss als gerichtet interpretiert werden (vom Wissenschaftler, nicht
von Opfer o. Täter)
1.2 Gewalt
Wie bei
Aggression kein einheitlicher Wortgebrauch.
Inflationäre Ausweitungen wie von Galtung (1971): Gewalt als Gegenbegriff zu
Frieden.
Strukturelle Gewalt: gesellschaftliche Verhältnisse die das Auftreten
von Gewalt fast zwangsläufig nach sich ziehen
Unter Gewalt
wird vor allem physische Gewalt verstanden, d.h. physische Aggression, die mir
relativer Macht einhergeht. (Bub schlägt Vater vs. Vater schläft Kind)
Psychische Gewalt: Drohungen, verbale Aggressionen die mit relativer
Macht einhergehen. (Kinder beschimpfen sich vs. Vorgesetzter beschimpft
Mitarbeiter)
1.3 Ärger, Wut, Zorn & Hass
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Ärger:
objektbezogen, man ärgert sich über etwas. Wird als Hindernis erlebt ->
Problemlösung. Ärger wird im Nachhinein als positiv gewertet, wenn Hindernis
erfolgreich beseitigt wurde.
Ärger nicht nur unangenehmes Gefühl, sondern auch Motiv das zum Handeln
antreibt.
Ärger u.
Wut sind kaum voneinander zu unterscheiden. Wut enthält weniger kognitive
Anteile, weniger Reflexion, ist spontaner. Höherer Erregungsrad, führt leichter
zu Aggression – Primitivaffekt
Nahtloser Übergang zw. Ärger u. Wut.
Wut
wird auch Tieren zugesprochen, Zorn ist rein menschlich. Er entsteht wenn
andere Personen wichtige Normen verletzten. Ärger/Wut/Zorn-Affekt als erste
Reaktion auf Frustration
(->Frustrations-Aggressions-Theorie)
Hass:
nicht kurzeitige Gefühlsregungen sondern überdauernde intensive Einstellung
gegen etwas oder jemanden. Hass zielt auf Vernichtung des Objekts ab (Lersch
1956)
Überlegungen
von Buss: 3 Komponenten von Einstellungen: affektive (vom Objekt ausgelöste
Emotionen), kognitive (Wissen, Meinung über Objekt) und Handlungskomponente
(Verhalten gegenüber Objekt) -> Wo Feindseligkeit vorliegt scheinen
Aggressionen leicht auslösbar zu sein.
1.4 Aggressivität, Aggressivitäten
In Anlehnung
an Buss kann Aggressivität als Persönlichkeitsvariable (Eigenschaft) verstanden
werden.
Für Selg ist
Aggressivität nicht mehr als eine erschlossene, relativ überdauernde
Bereitschaft zu aggressivem Verhalten.
Verschiedene
Aggressivitäten, kein einheitliches Verhaltens- oder Motivationssystem. (z.B.
verbal aggressiv aber nicht körperlich)
Es gibt
Personen mit mehr o. weniger starken Aggressionsmotiven. Bestimmte Erfahrungen
steigern, andere senken Aggressivität.
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A. Äußerlich-formale Ansätze:
· Offene
vs. verdeckte (phantasierte) Aggressionen
Buss (1961):
Einteilung der offenen Aggressionen in verbal und körperlich.
(Drohung mit der Faust: symbolische Aggression)
Verbale Aggression: 1. viele Zurückweisungen, 2. abfällige Bemerkungen
u. Kritiken, 3. Äußerungen negativer Gefühle, 4. Äußerungen von Vorstellungen
u. Wünschen mit aggressivem Inhalt, 5. Beleidigungen, 6. Bedrohungen, 7.
Anschuldigungen
·
Direkte u. indirekte Aggressionen (Buss):
Direkte Aggression: unmittelbar gegen das Opfer / Indirekte Aggression:
Opfer oft nicht anwesend
·
Direkte u. verschobene Aggressionen:
Verschiebung der Form (Schimpfen statt Schlagen) u. des Objekts (Ärger an
jemand anderem abreagieren)
Buss: aktive
u. passive Aggression (schwierig, passiver Widerstand setzt z.B. große
Aktivität voraus)
Klassifikation
der Aggression nach Aggressionsstärke (schwierig, Waffe kann z.B. nicht
stark o. schwach abgefeuert werden) Sinnvoller nach der Überlegung, wie
wahrscheinlich die Aggression eine Verletzung zur Folge hat u. wie schwer diese
sein könnte.
·
Einzel- vs. Gruppenaggressionen (Krieg)
·
Selbst (Auto) - vs. Fremdaggressionen: Bereits in
Psychoanalyse berücksichtigt, heute oft verdrängt.
B Inhaltlich-motivationale Ansätze
·
Positive vs. negative Aggressionen (s.o.)
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·
Expressive (wütende) vs. feindselige (hostile) vs.
Instrumentelle Aggressionen
Buss:
wütende (geschieht aus Affekt) u. instrumentelle Aggression (Kalkül)
Feshbach:
instrumentelle (Ziel soll erreicht werden, Schmerz o. Schaden werden
nicht angestrebt, aber auch nicht vermieden) u.
feindselige Aggression (Ziel: Schmerz o. Schaden des Opfers) (schließen sich
gegenseitig nicht aus)
Insgesamt
teilt Feshbach Aggressionen in hostile (feindselige), instrumentelle u.
expressive. Letztere sind durch Wunsch nach bestimmter Reaktionsform motiviert.
Streben primär nach Aufhebung einer Störung u. nach Befreiung von aktueller
Spannung. Affektbedingt u. affektbegleitet.
Moyer: 8
Motive für Aggression (gewonnen aus Kenntnissen über tierische Aggression)
Beute-Aggression, Rivalen-A., furchtinduzierte A., A. aus Gereiztheit, A. zur
territorialen Verteidigung, mütterliche A., instrumentelle A.,
sexualitätsbezogene Aggression.
Motive für menschliche Aggressivität unendlich offen.
Psychopathologisch
gesehen: sadistische Aggression (Verbindung zw. Aggressiven u. sexuellen Impulsen)
·
Spontane vs. Reaktive vs. Aggressionen auf Befehl
Spontane u.
reaktive Aggression (Zillmann provozierte u. nicht provozierte): 3te
Untergruppe Aggressionen auf Befehl (Milgram Experiment)
Defensive und
offensive Aggression (Zillmann): verwandt mit spontan/reaktiv
·
Spielerische vs. Ernste Aggressionen (bei Kindern)
2. Aggressionstheorien
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