PHILOSOPHIE DER MUSIK: ZUR
EXISTENZIELLEN UND KULTURELLEN BEDEUTUNG DER MUSIK.
(Ein Essay)
Johann Götschl
Die
Bedeutung von etwas kann mitunter viel besser erfasst werden, wenn wir
beispielsweise kontrafaktisch danach fragen, was wäre, wenn etwas nicht wäre.
Was also wäre, wenn es in unserer Welt keine Musik gäbe? „Was wäre unsere
Welt ohne Musik?“ Viele Dimensionen der Kultur werden an der Wende zum 21.
Jahrhundert einer erneuten Bewertung unterzogen.
Dies gilt nicht nur für
Religion, Metaphysik, Wissenschaft und Technologie sowie für die ebenso
zahlreichen wie unterschiedlichen Dimensionen der Kunst, sondern insbesondere
auch für die Musik in ihren mannigfaltigen Erscheinungsformen. Und viele
Phänomene der Gegenwart deuten – sich selbst verstärkend – darauf hin, dass
Musik die kulturbestimmende Dimension des neuen Jahrhunderts werden könnte.
Dies
liegt zentral in jener Besonderheit der Musik begründet, wonach diese eine
spezifische dynamische Ästhetisierung aller Schichten und Formen menschlicher
Existenz erreicht und zu realisieren in der Lage ist. Denn Dichte,
Beschleunigung und Vervielfältigung aller Bereiche der Kultur sind so
außerordentlich im Zunehmen begriffen, dass sich der Mensch in einem neuartigen
Spannungsverhältnis zu sich selbst und zu seinem kulturellen Kontext befindet.
Der Wunsch nach und das Potential von aktiver kultureller und künstlerischer Sinngebung
wird im Vergleich zur bloß passiven Aufnahme oder Internalisierung tradierter
Bildungs- und Kulturinhalte disproportional größer.
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Musik verbindet das Unverbundene
Musik, aus der Sicht des beginnenden 21. Jahrhundert
reflektiert, präsentiert sich als ein faszinierendes kulturelles Phänomen
besonderer Art. Musik zeigt sich als ein evolutionäres Phänomen zumindest
dahingehend, dass Unverbundenes mit einer Geschwindigkeit miteinander verbunden
wird, wie dies niemals zuvor in dieser Tiefe und Deutlichkeit der Fall war. Der
eigentliche Grund hierfür dürfte wohl der sein, dass Musik wie keine andere
Kulturdimension die grundlegenden Strukturen des Menschen als ein
hochdifferenziertes Gefüge begreifen lässt. Musik konstituiert tendenziell eine
Art dynamische Einheit von Emotion, Kognition und Sozialisation. Warum kann
Musik dies hervorbringen?
Zentrale
Charakteristika von Musik sind es im Grunde, die eine spezifische Art
dynamischer Einheit von Emotion, Kognition und im weiteren von Sozialisation
ermöglichen, nämlich die ontologische Neutralität einerseits und die
Defragmentierung unserer Vorstellungen vom Menschen und seiner Gesellschaft
andererseits. Musik wirkt den fragmentierenden Tendenzen des Weltenlaufs
entgegen, sie enthält ein noch weitgehend unsausgelotetes Potential für die
Transformation der Gesellschaft. Verbinden des Unverbundenen erfolgt durch die
Musik in spezifischer Weise - was bedeutet dies genauer? Vieles ist in
Entwicklung befindlich, an dem die komplexen wie dynamischen Verhältnisse
zwischen der Oberflächenstruktur (z.B.
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sich in funktionelle Gestalten, sie können Schönes generieren.
Musik
kann somit aufrücken, integraler Bestandteil für den Aufbau einer neuen
Anthropologie zu werden. Ist es doch die Evolution der
Musik, die gleichzeitig den Zusammenhang zwischen den Individuen und der
Gesellschaft verdichtet, wie sie auch zur Vergrößerung und Vertiefung des Denk-
und Empfindungsraumes der einzelnen Menschen beiträgt. Was nun könnte der Kern einer musikalisch basierten
Anthropologie sein? Dieser liegt wohl zu allererst im Ausweis, dass unsere
Vorstellungen vom Menschen und seiner Gesellschaft wesentlich über und in Musik
konstituiert sind. Da sich menschliche Identität nicht allein
formal-strukturell bestimmt, sondern dominant über inhaltlich-materielle Formen
erfolgt, kommt der Musik eine entscheidende Funktionalität zu, die in der
natürlichen Sprache nicht vorhanden ist: Musik generiert kein bestimmtes
Menschen- oder Gesellschaftsbild, sondern Möglichkeitsräume für personale und
kulturelle Identitätsbildung. Denn in und durch Musik werden die bisher
asymmetrischen Verhältnisse zwischen Rationalität und Emotionalität - bisher war
Rationalität klar dominant - in ein ausgewogeneres Verhältnis transformiert,
nämlich hin zu dynamischen Gleichgewichten zwischen Rationalität und
Emotionalität.
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liefert dennoch keinen direkten Weg hin zu oder weg von einer Befindlichkeit
bzw. Bezogenheit, sondern sie eröffnet vielmehr Möglichkeiten, die selbst
jeweils neue Formen von Befindlichkeiten repräsentieren. Denn ohne solche
Möglichkeiten als Befindlichkeiten könnte es keinen Sinngehalt geben, und Musik
könnte hierfür das wichtigste Agens werden. Dieser offensichtliche evolutive
Entfaltungscharakter von und durch Musik vereinigt in sich, wie dies in keiner
anderen Kulturdimension der Fall ist, die alles entscheidenden
Grundbestimmungen des Menschen: Rationalität und Emotionalität. Es besteht kaum
ein Zweifel darüber, dass im Grunde Rationales emotional wie auch Emotionales
rational dargestellt werden kann. Dies wird dadurch evident, dass die
physikalischen und technologischen Grundlagen der Musik – Instrumente – in
komplexen Prozessen der Natur oder in Naturgesetzen ihren Inhalt haben und dass
die harmonietheoretische Basis ein spezifisches Ordnungsschema bildet. Beides,
nämlich die wissenschaftlich-technologische Basis und harmonietheoretischen
Ordnungsschemata (tonale, atonale Formen), sind notwendigerweise
Voraussetzungen, die einen rationalen Inhalt aufweisen.
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Musik ist
in dieser Hinsicht einzigartig: Rationalität kann emotionalisiert werden um den
kognitiven Gehalt von Emotionalität leichter zu finden und umgekehrt. Obwohl
diese Facetten auch in anderen Kulturdimensionen auftreten, etwa Theater,
Literatur, bildende Kunst u.a.m., ist ihr integraler Bestandteil, die reine,
d.h. textfreie Musik - eben wegen der ontologischen Neutralität und der
Defragmentierung - die wahrscheinlich sensibelste Kulturerscheinung. Denn Musik
z.B. in Hinsicht auf interne und externe Freiheit bzw. soziale Gleichheit
befragt, muss im Netzwerk moderner Gesellschaften gesehen werden. Die Vergeistigung
der Welt hat zu ihrer Materialisierung geführt, jetzt zeigen sich Facetten der
Materialisierung bzw. Kybernetisierung des Geistes: die
wissenschaftlich-technisch-industrielle Zivilisation ist die zwischenzeitliche
Repräsentation dieses Geschehens.
Diese
Lebensform hat in bezug auf die Musik eine neue Qualität hervorgebracht: noch
nie zuvor befanden sich so viele Menschen in so vielfältigen und dichten
musikalischen Netzwerken wie in der nunmehr digital basierten Kultur, in der
das Schaffen, Verbreiten und Verwenden so eng bei einander liegen bzw. z.
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