MYTHOS
MYTHOS UND LOGOS
Mythos ist eine erzählende Rede.
Logos ist eine begriffliche, erklärende, lehrhafte
Rede.
In den ältesten Zeiten hatte die mythische Rede Vorrang: Die
Menschen deuteten die Welt und ihr eigenes Leben in symbolischen Bildern und Geschichten.
Darin gab es keine Definitionen, Formeln oder Lehrsätze. Diese Geschichten
sprachen die Seele an. Symbole gaben den Wünschen, Freuden und Ängsten der
Menschen Ausdruck. Aber die Menschen wussten nicht, dass es „symbolische“
Geschichten waren. Sie konnten Wort und Bedeutung noch nicht unterscheiden.
Bei Homer (griech. Dichter) ist der Mythos wichtiger als der
Logos. Er schätzt die Erzählung, das Lied, ein Gedicht, die Kunst höher als
Lehrsatz und Regel. Im Symbol erkennt er tiefere Wahrheiten. Das änderte sich,
als ein untersuchendes, erklärendes Denken stärker wurde.
Man sagt, die Geschichte der Philosophie beginne mit Thales
(624-547 v. Chr.). Er sagte, „das Wasser sei der Ursprung von allem“ und „Alles
ist voll von Göttern“. Der erste Satz ist logisch, der zweite ist mythisch, da
die Welt als Stätte der Anwesenheit von Göttern gesehen wird. Das ist eine
symbolische Rede und meint, alle Wirklichkeit sei von göttlichen Kräften
gestaltet und durchwaltet. Dinge sind demnach nicht nur „Dinge“; sie besitzen
eine Tiefe, die niemand einholen kann, weil sie im Göttlichen gründet.
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Logos ist eine beweisbare Rede, ist das Erforschte
und berechnete, das begriffliche, argumentierende, wissenschaftliche Wort. Es
ist klar, präzise, überprüfbar. Im Logos sind die Wissenschaften zuhause. Diese
führen zur Erkenntnis und machen wissend.
Mythos heißt das symbolische, deutende, sinnstiftende
Wort. Künste, Dichtung, Musik gehört zum Mythos.
Mythos und Logos gehören aber trotzdem zusammen. Es gibt
keinen Mythos ohne Logos- Anteil und umgekehrt. Erst beide zusammen ergeben die
Wirklichkeit.
DER MYTHOS ALS WELTBILD
In Nachschlagewerken findet man über Mythos folgendes:
-
Überlieferung eines Volkes über die Entstehung der Welt, seiner
Götter usw.
-
Bildhafte Vorstellungen vom Ursprung, Ende und Wesen der Welt und
der Menschen
-
Oft sagenhafte Geschichten aus der Götter-, Menschen- und
Naturwelt eines Volkes
Oft wird der Mythos nur an der historischen Wahrheit
gemessen. Dann nennt man ihn erfunden, ungeschichtlich, unwahr. Aber mythische
Sprache ist immer symbolisch!
Alte Weltbilder erzählen, dass der Mensch in Midgard lebt,
also in der Mitte der Welt, während rund um ihn Feinde und Dämonen hausen. Die
babylonische Weltkarte zeigt die Welt vom Ozean umgeben. Darum ist für die
Menschen damals die „Mitte“ so wichtig.
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Die Wissenschaft hat das mythische Weltbild zerbrochen.
Allerdings suchen die Menschen auch heute ihre geistige und religiöse Mitte.
WAS IST EINE MYTHE?
Mythos ist immer die Gesamtheit aller Anschauungen, Sitten,
Gebräuche, Geschichten und Feste. Wenn es sich dagegen um einzelne Erzählungen
aus diesem Zusammenhang handelt, sprechen wir von Mythen.
Jede Mythe ist eine Geschichte des „mitlaufenden Anfangs“.
Im Lateinischen gibt es zwei Bezeichnungen dafür: initium und principium.
Initium wird jeder Anfang genannt, der beim Fortgang der Dinge
zurückbleibt (der Anfang des Lebens, des Tages, eines Buches).
Principium ist ein Anfang, der durchhält, der mitläuft (z.B.
die Kindheit = in jedem späteren Lebensalter ist sie noch immer wirksam; Gott
ist ein Anfang, der nicht überwunden werden kann).
Mythen wollen nicht unterhalten, sondern das, was stets
gültig ist, zur Sprache bringen. Sie sieht Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
nicht nacheinander, sondern übereinander. Mythen sind Geschichten, die Maßstäbe
setzen für das Verhalten der Menschen. Sie wollen tun, was von Anfang an gültig
war und immer gültig bleibt. Darum gehört zu jedem religiösen Fest eine Mythe,
da man die anhaltende Gegenwart dieses Ereignisses feiert.
Mythen werden nicht „ausgedacht“ oder „erfunden“, sondern
zeigen die Seele eines Menschen, Stammes oder Volkes.
„WIE DIE HEILIGE GABE DES FESTES ZU DEN MENSCHEN KAM“
Die folgende Erzählung ist eine eskimoische Mythe (ais
Alaska):
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auf einen Berg. Er lernte ein Festhaus zu bauen, wurde in Gesang und Tanz
unterrichtet und ihm wurde gesagt, dass er viele Menschen einladen muss zu
seine Fest.
Wieder zuhause berichtete er seinen Eltern alles und so
bereiteten sie alles vor. Viele Menschen kamen und waren plötzlich nicht mehr
einsam. Sie lachten, lärmten und erzählten. Die Gäste nahmen Abschied und
sprangen auf allen vieren davon, da sie keine Menschen mehr waren, sondern alle
Tiere des Waldes. So gewaltig war die Macht des Festes, dass sogar Tiere zu
Menschen wurden.
Kurz darauf traf Teriaq den Adler wieder. Gemeinsam gingen
sie zur alten Adlermutter, die wieder jung geworden war. Denn wenn die Menschen
Feste feiern, werden alle alten Adler jung.
→Wie wird der „Adler“ beschrieben?
→Wie ist seine Doppelgestalt zu sehen?
→Warum ist von Sohn und Mutter die Rede?
→Wie werden die Elemente beschrieben, die zu einem
Fest gehören?
→Warum wird das Fest eine „heilige Gabe“ genannt?
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