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Macht versus Marx .doc

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Universität Freiburg
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Seminar zur allgemeinen soziologischen Theorie:

Michel Foucault

Nadja Parpart und Susanne Fohler

vorgelegt von Gerhard Hanloser

Macht versus Marx

Zu Foucaults Machtbegriff

I. Einleitung

»Man kann sagen, daß das, was seit 68 geschehen ist - und wahrscheinlich dasjenige, was 68 vorbereitet hat -, zutiefst anti­marxistisch war.

Wie werden die revolutionären Bewegungen Euro­pas sich vom 'Marx-Effekt' freima­chen können, von den dem Marxis­mus des 19. und 20. Jahrhunderts eigenen Institu­tionen? Das war die Ausrichtung dieser Bewegung.«[1]

Foucaults theoretisches Schaf­fen läßt sich nicht trennen von Diskussionen der radikalen Lin­ken nach 68 und in den 70er Jah­ren.

In der Folge von 68 ent­wickelte sich eine brei­te links­radi­kale Kri­tik an der So­wjet­union, eine Kritik, die sich nicht nur auf das Lagersystem des Gulag bezog, sondern sehr schnell den Mar­xismus als Urvater dieses totalitären Sy­stems auszuma­chen mein­te. Bei­spielhaft steht ist Andre Glucks­manns Buch »Köchin und Men­schenfresser«, das reiße­risch der Frage nachgeht:

»Warum bauen Marxisten Kon­zen­trations­lager?« (Klap­pen­text). Der Bruch nicht nur mit dem Stalinis­mus, sondern mit dem Marxismus als Großtheo­rie, die - mit dem Zusatz­wort 'Leni­nismus' verbunden - nur noch als Legi­timations­stütze und Staats­ideologie re­pressi­ver Regimes begrif­fen wurde, war vor­aus­zusehen. Auch weil die rebel­lierenden Subjekte mit dem or­thodoxen Klas­senbe­griff des Marxismus nicht mehr zu fassen waren.

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Zeichen unse­rer Ver­stört­heit, wenn all die sich erhe­ben, die der Marxis­mus als Lumpen bezeich­net (das Lumpen­proleta­riat, gewöhnliche Strafge­fangene), als Reak­tionäre oder geistig Zurückgebliebene (die Christen der LIP-Gemeinde oder die Bau­ern), als Deklas­sier­te (vagabun­dierende Intellektuelle, Hip­pies), als labiles, zwei­felhaftes Gesindel (die 'marginali­sier­ten' Jungarbeiter), als Ausländer (die eingewanderten Band­arbei­ter), als 'Entarte­te' (die 'Homos')«[2]

Bei Foucaults Macht­theo­rie ist die­ser antiau­to­ri­täre Im­puls zu spü­ren.

Aber auch das bewußt undia­lekti­sche und unsy­stemati­sche Denken. Weil Fou­cault den or­thodoxen Marxismus und Mar­xis­mus-Leninis­mus nicht vom kriti­schen Gehalt des Karl Marx zu unter­scheiden wußte, verzichtete er bewußt auf Dialektik, Stringenz und universalen Gel­tungsanspruch einer »glo­balen Ge­schichte«.

Im folgenden werde ich Foucaults Machttheorie skiz­zie­ren und sie mit Marx konfrontieren.

Foucaults Theorie der Disziplinar­gesellschaft soll Marxens Kritik der Subsumtion der Subjekte unter das Kapitalverhältnis entgegengestellt werden.

 

 

 

II. Macht und Staatlichkeit

 

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Der alte Streit im Sozialismus, der unermüdlich zwischen Mar­xi­sten und Anarchisten ausgetragen wurde, drehte sich um die Frage der Macht und des Staates.

Während Marx die Diktatur des Prole­tari­ats hochhielt als Schritt in Richtung Kommunismus, wetterten die Anarchisten: »Ich bin kein Kom­munist, weil der Kommunismus des Staates alle Kräfte der Gesellschaft konzen­triert und absor­biert, weil er unvermeidlich das Eigentum in die Hände des Staa­tes konzentriert. - Ich hingegen wünsche die Aufhebung des Staa­tes, die völlige Aufhebung des Autoritäts­prinzips und der Schutzherrschaft des Staates.« (Baku­nin)

Während also der Partei­marxismus die »Eroberung der Staats­macht« anstrebt, trachtet der Anarchismus danach, den Staat als unter­drückende Instanz zu zerschlagen.

Foucault kritisiert an der marxistischen revolutionären Bewe­gung die Fixie­rung auf den Staatsapparat.

Um gegen einen Staat kämp­fen zu können, müsse sich die revolutionäre Bewegung ein Äquiva­lent auf der Ebene politisch-militärischer Kräfte schaf­fen, »also konstituiert sie sich als Partei, von Innen her wie ein Staatsapparat geformt, mit denselben Mechanismen der Dis­ziplin, denselben Hierarchien, derselben Organisation der Gewalt.« [3] Doch Foucault ist weit davon ent­fernt, sich mit Bakunin zu verbrüdern und in der Zerstörung der Staatsmacht das revolu­tionäre Heil zu wäh­nen.

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Für Foucault ist Macht überall, sie durchzieht die Individuen, unterdrückt jedoch nicht nur, weshalb das »antirepressive Lied­chen« zu trällern, ein Verständnis von Macht auszeichne, wo­nach diese »einzig und allein auf die Verkündung des Geset­zes und das Funktionieren des Verbotes ausgerichtet«[5] sei. Foucault be­schreibt die neuen Formen der Diszipli­nar­macht wie folgt: Macht hat kein Zentrum, liegt nicht in der Hand einer herr­schenden Klasse, Macht hat einen multiplen Cha­rakter: »Die Macht ist niemals monoli­thisch.

Sie wird nie völlig von einem Gesichtspunkt aus kontrolliert.«[6] Foucault lehnt die Loka­li­sierung der Macht ab.

In den ideolo­gischen Staats­appa­raten (Familie, Par­teien, Kirche) meinte noch Foucaults Lehrer, der Strukturalist und Marxist Althus­ser, die Macht verorten zu kön­nen. Doch nach Foucaults Ver­ständnis durch­zieht Macht sämt­liche Lebensberei­che, so daß sie nicht in der Staats­macht und ihrer Apparate auf­geht.

Foucault kommt gar zu der wohl vielen paradox anmutenden Fest­stel­lung, daß »die Macht von unten kommt«[7].

Nicht das hierarchische Bild, das Macht nur als Manipulation, Strafe und Unterdrückung von oben kennt, vermag nach Foucault die Machtbeziehungen in der Gesellschaft adäquat zu beschrei­ben, sondern:

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Die Macht wirkt durch klein­ste Elemente: die Familie, die sexuellen Beziehungen, aber auch: Wohnverhältnisse, Nachbarschaft etc. So weit man auch geht im sozialen Netz, immer findet man die Macht als etwas, das 'durch­läuft', das wirkt, das bewirkt.«[8]

Die Disziplinar­macht darf nicht nur als bloße unterdrückende Instanz betrach­tet wer­den, sie ist auch produktiv: »Man muß aufhören, die Wirkung der Macht immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur 'aus­schließen', 'unter­drücken', 'verdrängen', 'zensieren', 'abstra­hieren', 'maskie­ren', 'verschleiern' wür­de. In Wirklichkeit ist die Macht pro­duktiv; und sie produ­ziert Wirkliches.

Sie produ­ziert Gegen­standsbereiche und Wahr­heits­rituale: das Individuum und seine Erkenntnis sind Ergeb­nis die­ser Produk­tion.«[9]

III. Macht, Strafe und Wissen

Dieses Verständnis von Macht zeigt sich auch in den Ausfüh­run­gen Foucaults darüber, wie sich dem Zusammenhang von Macht und Wissen am Beispiel der Strafgewalt zu nähern sei.

Nach vier Regeln geht Foucault in dieser Untersuchung vor:

Erstens werden die positiven, produktiven Wirkungen der Straf­me­chanismen betrachtet - nicht bloß die unterdrückenden;

 


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