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Universität Freiburg
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Albert-Ludwigs-Universität/Sommersemester 96

Seminar zur allgemeinen soziologischen Theorie:

Michel Foucault

Nadja Parpart und Susanne Fohler

vorgelegt von Gerhard Hanloser

Macht versus Marx

Zu Foucaults Machtbegriff

I. Einleitung

»Man kann sagen, daß das, was seit 68 geschehen ist - und wahrscheinlich dasjenige, was 68 vorbereitet hat -, zutiefst anti­marxistisch war.

Wie werden die revolutionären Bewegungen Euro­pas sich vom 'Marx-Effekt' freima­chen können, von den dem Marxis­mus des 19. und 20. Jahrhunderts eigenen Institu­tionen? Das war die Ausrichtung dieser Bewegung.«[1]

Foucaults theoretisches Schaf­fen läßt sich nicht trennen von Diskussionen der radikalen Lin­ken nach 68 und in den 70er Jah­ren.

In der Folge von 68 ent­wickelte sich eine brei­te links­radi­kale Kri­tik an der So­wjet­union, eine Kritik, die sich nicht nur auf das Lagersystem des Gulag bezog, sondern sehr schnell den Mar­xismus als Urvater dieses totalitären Sy­stems auszuma­chen mein­te.

Bei­spielhaft steht ist Andre Glucks­manns Buch »Köchin und Men­schenfresser«, das reiße­risch der Frage nachgeht:

»Warum bauen Marxisten Kon­zen­trations­lager?« (Klap­pen­text).

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Es ent­standen neue Bewegungen und Kämpfe - die Frauen­bewegung, die Anti­knast- und Antipsychiatriebewegung, die Schwulenbewegung. Auch wurde das Land, in dem der »Marxis­mus« Staat geworden war, mit Revol­ten konfron­tiert. Neue revol­tie­rende Subjekte traten auf den Plan: »Ein Zei­chen für unsere eigene Schwierigkeit, das Neue in dem Aufbe­geh­ren des Volkes zu verstehen.

Zeichen unse­rer Ver­stört­heit, wenn all die sich erhe­ben, die der Marxis­mus als Lumpen bezeich­net (das Lumpen­proleta­riat, gewöhnliche Strafge­fangene), als Reak­tionäre oder geistig Zurückgebliebene (die Christen der LIP-Gemeinde oder die Bau­ern), als Deklas­sier­te (vagabun­dierende Intellektuelle, Hip­pies), als labiles, zwei­felhaftes Gesindel (die 'marginali­sier­ten' Jungarbeiter), als Ausländer (die eingewanderten Band­arbei­ter), als 'Entarte­te' (die 'Homos')«[2]

Bei Foucaults Macht­theo­rie ist die­ser antiau­to­ri­täre Im­puls zu spü­ren.

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Im folgenden werde ich Foucaults Machttheorie skiz­zie­ren und sie mit Marx konfrontieren.

Foucaults Theorie der Disziplinar­gesellschaft soll Marxens Kritik der Subsumtion der Subjekte unter das Kapitalverhältnis entgegengestellt werden.

II. Macht und Staatlichkeit

Der alte Streit im Sozialismus, der unermüdlich zwischen Mar­xi­sten und Anarchisten ausgetragen wurde, drehte sich um die Frage der Macht und des Staates.

Während Marx die Diktatur des Prole­tari­ats hochhielt als Schritt in Richtung Kommunismus, wetterten die Anarchisten: »Ich bin kein Kom­munist, weil der Kommunismus des Staates alle Kräfte der Gesellschaft konzen­triert und absor­biert, weil er unvermeidlich das Eigentum in die Hände des Staa­tes konzentriert. - Ich hingegen wünsche die Aufhebung des Staa­tes, die völlige Aufhebung des Autoritäts­prinzips und der Schutzherrschaft des Staates.« (Baku­nin)

Während also der Partei­marxismus die »Eroberung der Staats­macht« anstrebt, trachtet der Anarchismus danach, den Staat als unter­drückende Instanz zu zerschlagen.

Foucault kritisiert an der marxistischen revolutionären Bewe­gung die Fixie­rung auf den Staatsapparat.

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Foucault wendet gegen den Streit zwischen Anarchisten und Marxi­sten - der in der Folge von 68 eine Wiederkehr erfuhr (diesmal mit klarer Sympathie­ver­teilung zugunsten der Anar­chisten) - ein, daß »der Staats­appa­rat eine kon­zentrierte Form (ist) - eine Hilfsstruktur -, das In­strument eines Systems von Mäch­ten, die weit darüber hin­ausge­hen, so daß praktisch gese­hen weder die Kontrolle noch die Zer­störung des Staatsappara­tes ausreichen können, um einen be­stimm­ten Macht­typus zum Verschwin­den oder zur Verände­rung zu bringen« [4]

Für Foucault ist Macht überall, sie durchzieht die Individuen, unterdrückt jedoch nicht nur, weshalb das »antirepressive Lied­chen« zu trällern, ein Verständnis von Macht auszeichne, wo­nach diese »einzig und allein auf die Verkündung des Geset­zes und das Funktionieren des Verbotes ausgerichtet«[5] sei. Foucault be­schreibt die neuen Formen der Diszipli­nar­macht wie folgt: Macht hat kein Zentrum, liegt nicht in der Hand einer herr­schenden Klasse, Macht hat einen multiplen Cha­rakter: »Die Macht ist niemals monoli­thisch.

Sie wird nie völlig von einem Gesichtspunkt aus kontrolliert.«[6] Foucault lehnt die Loka­li­sierung der Macht ab.

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Foucault kommt gar zu der wohl vielen paradox anmutenden Fest­stel­lung, daß »die Macht von unten kommt«[7].

Nicht das hierarchische Bild, das Macht nur als Manipulation, Strafe und Unterdrückung von oben kennt, vermag nach Foucault die Machtbeziehungen in der Gesellschaft adäquat zu beschrei­ben, sondern:

»Die Macht (...) wirkt in der ganzen Dicke und auf der ganzen Oberfläche des sozialen Feldes gemäß einem System von Relais, Konnexionen, Distribu­tionen etc.

Die Macht wirkt durch klein­ste Elemente: die Familie, die sexuellen Beziehungen, aber auch: Wohnverhältnisse, Nachbarschaft etc. So weit man auch geht im sozialen Netz, immer findet man die Macht als etwas, das 'durch­läuft', das wirkt, das bewirkt.«[8]

Die Disziplinar­macht darf nicht nur als bloße unterdrückende Instanz betrach­tet wer­den, sie ist auch produktiv: »Man muß aufhören, die Wirkung der Macht immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur 'aus­schließen', 'unter­drücken', 'verdrängen', 'zensieren', 'abstra­hieren', 'maskie­ren', 'verschleiern' wür­de. In Wirklichkeit ist die Macht pro­duktiv; und sie produ­ziert Wirkliches.

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