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Loriot - Das Ei - Eristik in Filzpantoffeln: eine funktional-pragmatische Interpretation .doc

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Faculty
Human Science
Discipline
German
Document category
Interpretation
University, School
Universität Hamburg
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2000
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LORIOTS »EI« - ERISTIK IN FILZPANTOFFELN[1]

0. Einleitung

Gegenstand der folgenden Interpretation ist die Dialogszene »Das Ei« aus Loriots »Dramatischen Werken«.

In der Szene wird satirisch zugespitzt die rhetorische Überlegenheit einer Ehefrau über ihren Mann am Beispiel eines Bagatellstreits vorgeführt. Die Szene ist insofern ein Meisterwerk der Eristik - der Kunst des Streitens - als in ihr eine Reihe elementarer Techniken, Taktiken und Strategien dieser Kunst exemplarisch und auf gedrängtestem Raum zur tragikkomischen Anwendung gelangen.

Zum Verständis des inneren Funktionierens dieser Mechanismen wende ich an einigen Stellen Erkenntnisse der funktionalpragmatischer Diskursanalyse an, an anderen begnüge ich mich, um auf dem zur Verfügung stehenden Raum eine Gesamtwürdigung der Szene zu sichern, mit einer demgegenüber oberflächlicheren Analyse der rhetorischen Mittel[2].

In der Szene geht es im einzelnen um eine Reihe vergeblicher Versuche des Ehemannes, seiner Frau gegenüber das sprachliche Handlungsmuster des Vorwurfs zu initiieren.

Die Ehefrau pariert schon im Vorfeld sämtliche Vorstöße ihres Mannes mit einer Schlagfertigkeit, als habe sie Jochen Rehbeins Arbeit über »Entschuldigungen und Rechtfertigungen« (1972) kongenial verinnerlicht. Wie zu zeigen ist, kann die Dialogszene als Vereinigung ironisch-bissiger Illustrationen zu den Erkenntnissen dieser Arbeit in ein Meisterwerk dramatischer Kleinkunst gelesen werden.

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Sowohl für das Verständnis der einzelnen Äußerungen als auch der für den Ehemann verhängnisvollen Dynamik der Gesamtsequenz erweist sich dem Leser das Erfassen der Illokution des jeweils Gesagten als zentral.

Um im Sinne dieser Analyse der Illokution auf den Begriff zu bringen, was das jeweils Gesagte notwendig beim Hörer bewirkt, d.h. was seine Handlungsqualität ist, müssen die konkreten Äußerungen als Umsetzungen zu Grunde liegender sprachlicher Handlungsmuster - in unserem Falle sind besonders der Vorwurf und die Rechtfertigung und ihre jeweiligen Vorfelder einschlägig - rekonstruiert werden.

Da sich der Streit der Eheleute jedoch nicht unwesentlich gerade auf dem Gebiet abspielt, welches Handlungsmuster zu prozessieren sei, dienen umgekehrt die jeweiligen Äußerungen gleichermaßen dazu, die Verfolgung bestimmter dieser Muster zu eröffnen oder voranzutreiben, wie gegenläufige abzublocken oder zum Einsturz zu bringen.

Als grundlegendes Gesetz der Eristik wird so das Folgende deutlich:

Bestimmen zu können, welches sprachliche Handlungsmuster abgearbeitet wird, erweist sich als gleichbedeutend damit, die Oberhand im Streit zu behalten.

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Schauen wir uns zunächst im Zusammenhang an, wie die Eheleute im Dienst der Verfolgung ihrer konträren Handlungszwecke und mit stark unterschiedlichem Geschick und Erfolg das ihnen zur Verfügung stehende Arsenal sprachlicher Mittel aktivieren:

ER: Berta!

SIE: Ja ..

ER: Das Ei ist hart!

SIE: (schweigt)

ER: Das Ei ist hart!

SIE: Ich habe es gehört ..

ER: Wie lange hat das Ei denn gekocht ..

SIE: Zu viel Eier sind gar nicht gesund ..

ER: Ich meine, wie lange dieses Ei gekocht hat ..

SIE: Du willst es doch immer viereinhalb Minuten haben ..

ER: Das weiß ich ..

SIE: Was fragst du dann?

ER: Weil dieses Ei nicht viereinhalb Minuten gekocht haben kann!

SIE: Ich koche es aber jeden Morgen viereinhalb Minuten!

ER: Wieso ist es dann mal zu hart und mal zu weich?

SIE: Ich weiß es nicht .. ich bin kein Huhn!

ER: Ach! .. Und woher weißt du, wann das Ei gut ist?

SIE: Ich nehme es nach viereinhalb Minuten heraus, mein Gott!

ER: Nach der Uhr oder wie?

SIE: Nach Gefühl .. eine Hausfrau hat das im Gefühl ..

ER: Im Gefühl? .. Was hast du im Gefühl?

SIE: Ich habe es im Gefühl, wann das Ei weich ist ..

ER: Aber es ist hart .. vielleicht stimmt da mit deinem Gefühl was nicht ..

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ER: Jaja .. Jaja .. Jaja .. wenn ein Ei nach Gefühl kocht, dann kocht es eben nur zufällig genau viereinhalb Minuten!

© Loriot

Das Ehepaar sitzt am Frühstückstisch. Der Ehemann hat sein Ei geöffnet und beginnt nach einer längeren Denkpause das Gespräch.

SIE: Es kann dir doch ganz egal sein, ob das Ei zufällig viereinhalb Minuten kocht .. Hauptsache es kocht viereinhalb Minuten!

ER: Ich hätte nur gern ein weiches Ei und nicht ein zufällig weiches Ei! Es ist mir egal, wie lange es kocht!

SIE: Aha! Das ist dir egal .. es ist dir also egal, ob ich viereinhalb Minuten in der Küche schufte!

ER: Nein-nein ..

SIE: Aber es ist nicht egal .. das Ei muß nämlich viereinhalb Minuten kochen ..

ER: Das habe ich doch gesagt ..

SIE: Aber eben hast du doch gesagt es ist dir egal!

ER: Ich hätte nur gern ein weiches Ei ..

SIE: Gott, was sind Männer primitiv!

ER: (düster vor sich hin) Ich bringe sie um .. morgen bringe ich sie um ..

(Loriot: 1983, 118 f)

1. Abblocken und Umdeuten

Die der Szene vorangestellte Regieanweisung setzt mit einer zeigenden Bezugnahme ein:

Das Ehepaar sitzt am Frühstückstisch.

Das begleitende Bild, aus dem wir wesentliche Elemente der Konstellation ergänzen können, ruft in karikierenden Zitaten Standardeigenschaften kleinbürgerlich-spießiger Gemütlichkeit auf.

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Auf dem Tisch befinden sich krümelfrei und in strenger Übersichtlichkeit Accessoirs eines aufs Elementare reduzierten Frühstücks. Insgesamt ergibt sich der Eindruck langjährig, ja unabänderlich eingefahrener Verhältnisse einer ehelichen Arbeitsteilung, bei der dem Mann auf den Gebieten der Haushaltsführung und der intellektuellen Initiative nicht gerade die führende Rolle zukommt.

Der Ehemann hat sein Ei geöffnet und beginnt nach einer längeren Denkpause das Gespräch.

Nichts geschieht ohne Vorgeschichte - hier haben wir es mit einer Leidensvorgeschichte zu tun, in der das geöffnete Ei ein Hauptakteur zu sein scheint und die der Ehemann in seiner ‛längeren Denkpause’ Revue passieren läßt.

Neben einem Resümee vergangener scheint sich die Revue zu einer vagen Präfiguration kommender Auseinandersetzungen zu verdichten und in eine Beschlußfassung zu münden, mit deren Verbalisierung die Szene beginnt:

ER: Berta!

Der namentliche Anruf der Ehefrau macht, da sonst niemand im Raume weilt, als bloße Aufforderung, dem Sprecher die Aufmerksamkeit zuzuwenden, keinen Sinn.

Der Beginn eines Zwiegespräch ist notgedrungen an den anderen adressiert - wer sonst sollte die Nachgeschichte der sprachlichen Handlung übernehmen? Nur kommt hier die Adressierung propositionsfrei und ohne jede Bezeichnung einer zu übernehmenden Nachgeschichte, sozusagen stellvertretend für diese daher.


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