L i t e r a t u r s o z i o l o g i e
1. VO FEHLT
2. VO, 19.10.09
Kritik der
Kritik
Am Beginn des 20.
Jhs. wurde die Zeitschrift „Kritik der Kritik“ gegründet mit dem Anspruch einer
kritischen Sichtweise aus der Aufklärung: Werturteile, die öffentlich gemacht
werden, gehören einer Kritik unterzogen.
Heute gibt es das
kaum mehr: Kritik wird nicht mehr kritisiert.
Im literarischen
Feld kann man eine „ritualisierte Kommunikation“ beobachten; kritisierter Autor
antwortet nicht auf die Kritik.
Rilke: „Literaturkritik
sei ein Brief an das Publikum“
Ein Bsp., dass es
auch heute noch eine Kritik der Kritik gibt, ist folgendes: Die Debatte über Tristan
da Cunha v. Raoul Schrott (darin geht es um den entlegensten Ort
der Welt). Manche fanden das Buch gut, andere nicht. Schrott ging jedenfalls
auf die Kritik an ihm ein.
Kritik ist auf
jeden Fall eine Wertung!
Welche Kriterien
gibt es bzgl. der Kritik? Welchen Wertmaßstab gibt es? Hinsichtlich des
Wertmaßstabes gibt es unterschiedliche Sichtweisen und Ratgeber für Literaturkritik,
aber der Wunsch nach einem einheitlichen Maßstab ist da.
Das literarische
Feld ist sich auch nicht einig, wie Kritik sein soll. Es gibt einen Wunsch nach
Vermittlung (Bücher, die erschienen sind, sollen an das Publikum vermittelt
werden). Ein Bsp. der Vermittlung sind manche Sendungen des „literarischen
Quartetts“ mit Marcel Reich-Ranicki, wo es manchmal heftige Debatten und
„Verrisse“ gibt.
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In Deutschland
gibt es pro Jahr ca. 10 000 Buchbesprechungen (im Internet, in Zeitungen,
Büchern etc.).
Größere Texte in
den Zeitungen werden in sog. Anschlägen gemessen, Quantitäten sind also
vorgegeben. In Österreich gibt es rund 10 hauptberufliche Kritiker mit einem
Verdienst von rund 140.- f. eine Seite in der Zeitung. Generell geht aber der
Platz für Kritiken in der Zeitung zurück. Wie Kritik also sein soll, ist eine
Frage der Quantitäten, also des Platzes. Ausnahme: Literaturkritikzeitschriften,
die so 4-6 Mal im Jahre erscheinen und in denen Quantitäten keine Rolle
spielen; Textlänge ist egal.
Im Bereich der
Kunst wird stark mit dem Bild der Uneigennützigkeit argumentiert (nicht-ökonomisch).
Es gibt einfache
formale, qualitative Regelungen, wie Kritik sein soll: Vermittlung, Belehrung,
ästhetische Debatte. Bei der Vermittlung muss der Inhalt beschrieben
werden, bei der Ästhetik nicht unbedingt.
Korrelation
zwischen Werbung und Rezensionen: kleiner Verlag, meist wenig Werbung und wenig
Rezensionen.
Kriterien der
Kritik
Viele Kriterien
sind praktisch kaum durchführbar, weil vieles äußerst subjektiv ist, wie
„Tiefgang“ bspw.
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-
Stringenz
(Schlüssigkeit): Alle Wertwörter, Diskursformen sind sozialer Konsens, andere
sind weniger klar; Diskursformen, die aus einem bestimmten Habitus kommen und
eine Geschichte haben (bspw. kommt das Wort „erhaben“ von Schiller)
-
Innovation: im
Sinne von Erstschöpfung und eine Frage der Zeit; das Kriterium erscheint
plausibel, ist es aber nicht; Innovation kann verunsichern, Menschen tendieren
zum Konservativen (wenn ein neues Buch erscheint bspw.).;
Pedro Paramo von Juan Rulfo (Südamerikaner): Geschichte eines Mannes,
der ins Dorf seiner Mutter zurückkommt. Pedro Paramo, ein Großgrundbesitzer
und sein Vater, herrscht totalitär. Im Laufe der Zeit kommt man drauf, dass das
ein totes Dorf ist und auch der Erzähler tot ist.
Die
Erzählanordnung ist hier sehr interessant, aber die Innovation wurde übersehen,
nicht verstanden, und es wurde von einer „unklaren Konstruktion, der das
Zentrum fehle“ gesprochen.
-
Kitsch bzw. Klischee: auch nicht plausibel, wieder sehr subjektiv
Was ist dann
überhaupt die Vorgehensweise bei Kritikverfassung?
-
Grundvoraussetzung sollte eine präzise Lektüre
sein, die aber noch nix über die Kritik aussagt.
-
qualitativ
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Einheitliches gibt
es nicht, aber das ist auch gut so, sagt Zeyringer.
4 Bsp. von ihm:
1.
Vladimir Vertlib „Am Morgen des zwölften
Tages“: Vertlib wurde in der Sowjetunion geboren,
ging dann nach Israel und dann nach Ö. Die Handlung spielt in einer Stadt
namens Gigricht (fiktive Stadt in Deutschland). Durch eine fiktive Stadt will
der Autor Welt konzentrieren (was wir im Großen kennen, spielt konzentriert im
Kleinen). In dieser Stadt werden zwei Welten in Gegensatz gebracht: die
orientalisch-islamische und die europäisch-jüdische Welt. Erster Erzählstrang:
Eine deutsche Frau hat 11 Tage mit einem Mann aus Bagdad verbracht, am 12. Tag
ist er weg und sie ist schwanger. Frau lernt wieder einen Araber kennen und der
schlägt sie. Zweiter Erzählstrang: Opa war Orientforscher, der bei der NSDAP
war. Diese zwei Stränge haben miteinander zu tun, stehen in Beziehung. Generell
ist es so, dass wenn dieser Zusammenhang zu deutlich gemacht wird, wenn also
diese Konstruktion zu deutlich bemerkbar ist, dann wirkt das plakativ. Vertlib
verwendet eine Rollenprosa (Frau und Großvater; Rollenprosa ist eine
literarische Form, in welcher der Autor
die Rolle
einer fiktiven Figur
einnimmt und dieser Aussagen zuschreibt, die er selbst so nie machen würde.).
Diese Rollenprosa ist ungelenk und formenhaft (Frau: „Ich kann mich glücklich
schätzen (..) arbeiten zu dürfen in der Buchhandlung“ à das passt nicht zur
Figur, die aus einer gutbürgerlichen Familie stammt und Studentin ist).
Weiteres Bsp.: „mehr als ungewiss“: geht nicht; entweder ist etwas ungewiss
oder nicht. Ästhetisch ist es nicht so ansprechend.
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2.
Klaus Merz „Der Argentinier“: Merz ist 1945 in der Schweiz geboren, gewann den Hermann-Hesse-Preis
etc. und ist bekannt für seine Art des Erzählens (sein
Markenzeichen/symbolisches Kapital ist die knappe und präzise Prosa). Der Roman
erzählt von einem Schweizer (ein Großvater). Dieser wollte Gaucho werden, hatte
in Argentinien eine Geliebte. Gaucho kann er aber nicht werden, da er
allergisch ist. Der Großvater muss mit zwei deutschen Kriegsverbrechern Rinder
in Güterwaggons verfrachten und zur Schlachtung bringen. Nach der Liaison mit
Mercedes kehrt er zurück in seine Heimat. Die Geschichte wird von einer Frau
mittleren Alters erzählt, dann springt die Erzählung in die Ich-Form
(Großvater?). Es ist eine Erzählung in der Erzählung in der Erzählung.
„Erzählen und erzählen lassen ist alles, was es brauche.“ Es geht um
„Gegensätze“, wie Fremde und Heimat (hin und retour). In Argentinien wird der
Mann „der Schweizer“ genannt und in der Schweiz „der Argentinier“. Was ist
fremd, was ist Heimat? Im Kleinen wird eine Welt konzipiert (bspw.
Klassenzimmer, das voll ist mit der Welt à Afrika, Patagonien).
Bilder spielen eine große Rolle: das Zeitsignal, also wann das spielt, wird in
einem Bild gegeben (irgendetwas wird in Zeitungspapier gewickelt und auf der
Zeitung ist ein Bild von Perón mit seiner Frau Evita).
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