Literarische Traditionen 1
1.
Althochdeutsche Literatur
schriftliche Überlieferung beginnt in
der 2. Hälfte des 8. Jhdts. Die ersten Schriften findet man in Form von
Glossen, Vokabularen und Interlinearversionen.
Glosse= deutsche Übersetzungen einzelner
Wörter oder Sätze. Man unterscheidet:
- Marginalglossen (am Rande des
lateinischen Textes)
- Interlinearglossen (zwischen den
Zeilen) und
- Kontext- bzw. Textglossen
(unmittelbar nach dem erläuternden Wort)
Ziel dieser Glossen ist das Verstehen
des lateinischen Textes und das Erlernen lateinischer Wörter und Wendungen.
Vorwiegend zu finden bei: Der Bibel, den Canones (Sammlungen von
Konzilsbeschlüssen), den Schriften Gregors des Großen und anderer kirchlicher
Autoritäten, aber auch frühchristliche und antike Autoren wie Vergil, Terenz,
Prudentius usw. Das älteste deutsche Buch ist ein Glossar namens Abrogans.
Das ist ein alphabetisch geordnetes Verzeichnis seltener lateinischer Wörter;
zunächt übersetzt in geläufigere lateinische Wörter, später (Mitte des 8.
Jhdts) auf deutsch glossiert.
Neben alphabetisch geordneten Glossaren
gibt es auch Sachglossare, die Wörter zu einem bestimmten Themenbereich
auflisten.
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Folglich:
Quellen der Überlieferung:
- Inschriften
- Glossen
- Sachwörter
- Übersetzungstexte
- Dichtungen
- Namen
Dichtungen
Hildebrandslied: 2. Hälfte des
8. Jhdts; Mischung aus hochdeutschen und altsächsischen Formen. Einleitend
stellt der Erzähler die Situation dar ("Ich hörte das erzählen, dass sich
Krieger einzeln trafen; Hildebrand und Hadubrand zwischen zwei Heeren. Sohn und
Vater rückten ihre Rüstung zurecht..."). Im weiteren Geschehen wird ein
Dialog zwischen den Protagonisten beschrieben; der Ältere (Hildebrand) fragt
Hadubrand nach seinem Namen und erkennt, dass es sich um seinen Sohn handelt.
Hadubrand glaubt ihm nicht und denkt, es sei eine List; Hildebrand klagt, doch
der Kampf ist nicht zu vermeiden. Das Ende ist nicht vorhanden; man geht davon
aus, dass es mit dem Tod des Sohnes endet. Das Hildebrandslied war nicht Teil
eines Großepos, war jedoch über Jahrhunderte nur mündlich überliefert und wird
nun erstmals greifbar. Es ist in Stabreimversen verfasst; im ahd. Bereich
jedoch bereits im 9. Jhdt. durch endgereimte Verse ersetzt. Stabreimgedichte
sind aus Langzeilen zusammengesetzt, die sich in jeweils zwei durch eine Zäsur
getrennte Hälften, den An- und den Abvers, gliedern. Unter Stabreim (auch:
Alliteration) wird der Gleichklang der Anlaute von Hebungssilben verstanden.
Merseburger Zaubersprüche: 1. Hälfte des
10. Jhdts geschrieben, jedoch wesentlich älter, weil lange Zeit mündlich
überliefert.
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Blutstillung gibt es den "Strassburger Blutsegen", gegen die
Fallsucht den "Contra caducum morbum" usw.
Wessobrunner Schöpfungsgedicht und
Gebet: überlieferte
Abschrift um 814 in der Diözese Augsburg. Besteht aus zwei Teilen: Zunächst die
Situation der Welt vor der Schöpfung; Nichtexistenz der Erde und des Himmels,
nur Existenz des allmächtigen Gottes und seiner Geister (Engel). Abschließend
wird um Stärke im Glauben gebetet, um dem Teufel wiederstehen zu können.
Muspilli: Eingetragen in
der 2. Hälfte des 9. Jhdts. Drei Abschnitte: 1. Schilderung des Kampfes
zwischen Engeln und Teufeln um die Seele eines Menschen, die Freuden des
Paradieses und die Qualen der Hölle, 2. der Kampf zwischen dem Propheten Elias
und dem Antichrist und der Weltuntergang, 3. das Jüngste Gericht und Christus
als Weltenrichter und Erlöser. Als Quelle diente die Bibel und biblische
Apokryphen (= nicht in den Kanon der Bibel aufgenommene, aber ihr nachestehende
spätantike Texte). Freie Stabreime, manchmal Endreime. Nicht nur religiöse,
sondern auch rechtliche Fragen stehen dahinter.
Heliand: fast vollständig
erhalten (HS. C 2. Hälfte d. 10.Jhdts, Rest aus der 2. Hälfte d. 9. Jhdts.). In
71 Abschnitten wird die Lebensgeschichte Christi erzählt; Hauptquelle war die
Evangelienharmonie von Tatian; außerdem apokryphe Evangelien und
Bibelkommentare.
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Evangelienbuch:
Althochdeutsches Gegenstück zum Heliand; verfasst von Otfrid von Weißenburg,
dem ersten deutschen Autor, dessen Name überliefert ist. Lebte von 800 bis 870.
Das Evangelienbuch schloss er um 867/868 ab. Das Leben Christi ist nach den
vier Evangelisten dargestellt. Außerdem werden Bibelkommentare verwendet. 7418
Langzeilen, in fünf Bücher (=fünf Sinne) eingeteilt. 1. Leben Christi von
Geburt bis zur Taufe 2. Berufung der Jünger und Christi Lehrtätigkeit 3. Wunder
und Gleichnisse 4. Passin 5. Auferstehung und Jüngstes Gericht. Jedes Buch hat
Einleitung und Schlusswort und ist durch mit lateinischen Überschriften
gegliederte Kapitel gegliedert.Otfrid wollte das Wort Gottes in fränkischer
Sprache besingen.
Publikum war die illiterate weltliche
Oberschicht. Das Werk ist in Reimpaarversen verfasst.
Ludwigslied: Das älteste
bekannte politische Gedicht in deutscher Sprache. Erhaltene Aufzeichnung: 9.
Jhdt, nach dem Tod Ludwigs. 59 Reimpaarzeilen, nicht nur die Darstellung der
(von Ludwig III gewonnene) Schlacht über die Normannen, sondern auch die
Lebensgeschichte des Königs. Gott wird als Erzieher Ludwigs III dargestellt, er
setzt ihn als König ein, schick ihn durch Prüfungen und Strafen und erteilt
schließlich dem König den Befehl, gegen die Normannen zu kämpfen. Vorbild
dieser Darstellung ist das Verhältnis Gottes zum Volk Israel und zu seinen
Königen im Alten Testament.
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2. Frühmittelhochdeutsche Literatur
Zunächst lateinische Literatur.
Waltharius: Verfasser und
Entstehungszeit sind umstritten. Es ist ein germanischer Stoff; es handelt sich
um einen Versuch, die Heldendichtung in die neue, antik-christliche Kultur zu
nehmen. Walther von Aquitanien und seine Verlobte Hildegund fliehen vom Hofe
Attilas, wo sie als Geiseln gefangen waren. Sie fliehen mit Schätzen beladen und
kommen an den Rhein und nach Worms. Dort lauert ihnen Gunther gegen den Rat von
Hagen, der ein Jugendfreund Walthers ist, auf. Ein Kampf findet statt, bei dem
die drei Haupthelden ramponiert überleben. Es kommt zu einer Versöhnung der
verstümmelten Helden.
Der Stoff ist ein Stück einer
germanischen Heldensage, die im Zusammenhang mit dem Nibelungenlied zu sehen
ist.
Hrosvith von Gandersheim: Die erste
deutsche Dichterin, die namentlich überliefert ist, obwohl sie in lateinischer
Sprache schrieb. Sie schrieb 6 Dramen, die zunächst ohne große Beachtung
blieben. Ihre Werke stellen die ältesten dramatischen Versuche des Mittelalters
dar; sie folgte dem Vorbild Terenz.
Ruodlieb: verfasst Mitte
11. Jhdt., kann als der erste frei erfundene lehrhafte Roman bezeichnet werden.
Inhalt: Abenteuer und Erfahrungen eines jungen Ritters, der in der Fremde vom
Hofjägre zum Heerführer und Gesandten aufsteigt und im Traum seiner Mutter
sogar König wird (Ende ist nicht überliefert). Der Dichter beschreibt viele
Alltagsgeschichten; der Roman kann als Spiegel der profanen Welt des 11. Jhdts.
gesehen werden.
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