Thema
Nr. 2
Leistungsbeurteilung
in der Grundschule: Vom Ziffernzeugnis zum Lernentwicklungsbericht
1.
Stellen Sie das Problem der Leistungsbeurteilung aus pädagogischer und
psycholo-
gischer Sicht dar!
2.
Kennzeichnen und vergleichen Sie verschiedene Formen der Leistungsbeurteilung
in der
Grundschule!
3.
Erörtern Sie Konsequenzen, die sich mit der Anwendung der beschriebenen Formen
von
Leistungsbeurteilung für den Unterricht in der Grundschule ergeben!
Gliederung
I.
Notwendigkeit der Erhaltung des Leistungsprinzips
II.
Das Problem der Leistungsbeurteilung
1.
Das Problem aus pädagogischer Sicht
a)
Spannungsfeld Fördern - Fordern
b)
Funktionen von Leistungsbeurteilung
c)
Unterschiedliche Lern- und Leistungsvoraussetzungen
2.
Das Problem aus psychologischer Sicht
III.
Verschiedene Formen der Leistungsbeurteilung in der Grundschule und deren
Konsequenzen für den Unterricht
1.
Der normorientierte Maßstab bzw. die soziale Bezugsnorm
a)
Ziffernbenotung und Ziffernzeugnis
b)
Konsequenzen für den Unterricht
2.
Die individuelle Bezugsnorm
a)
Lernentwicklungsbericht/ Verbalbeurteilung
b)
Konsequenzen für den Unterricht
3.
Die anforderungsbezogene Bezugsnorm bzw. der zielorientierte Maßstab
a)
Ergänzung des Notenzeugnisses durch einen Entwicklungsbericht
b)
Konsequenzen für den Unterricht
IV.
Perspektiven
I.
Notwendigkeit für die Erhaltung des Leistungsprinzips
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Das
Leistungsprinzip ist in unserer Gesellschaft im 19. Jahrhundert mit der
Emanzipation des Bürgertums entstanden. Es hat eine wichtige demokratische
Funktion: Die Verteilung von Gütern, des Besitzes erfolgt nicht mehr nach
Geburt, sondern nach der individuellen Leistung des Individuums.
Der Mensch hat
selbst ein Grundbedürfnis, Leistung zu er-bringen und man sollte ihm dazu
Gelegenheit geben (vgl. BARTNITZKY).
Darüber
hinaus ist die Gesellschaft auf den Leistungsbeitrag eines jeden Mitglieds
angewiesen (vgl. GLÖCKEL). Ohne das Leistungsprinzip verlöre sie ihre „Dynamik,
Entwicklungs- und Regenerationsfähigkeit“ (MAIER).
Die
Grundschule ist nun als gesellschaftliche Institution dem Leistungsprinzip
verpflichtet. Sie muß daher von Anfang an Leistung von den Kindern fordern,
messen und beurteilen.
II.
Das Problem der Leistungsbeurteilung
1.
Das Problem aus pädagogischer Sicht
a)
Spannungsfeld Fördern - Fordern
Die
Grundschule befindet sich hinsichtlich der Notwendigkeit der
Leistungsbeurteilung im Spannungsfeld Fördern - Fordern, das sich ergibt aus
den beiden - im Grunde gegensätzlichen - Funktionen dieser Schulart: Einerseits
hat die Grundschule als gemeinsame Schule für alle volksschulpflichtigen Kinder
eine eigenständige Funktion und einen Erziehungsauftrag.
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Die
Kindorientierung des Lehrplans drückt sich auch aus in der Forderung, den
Unterricht und die Leistungsanforderungen an den jeweiligen Lern- und
Leistungsvoraussetzungen der Kinder zu orientieren. „Ledes Kind hat ein Recht
auf eine seiner individuellen Bildsamkeit angemessene Förderung“, konstatiert
Elisabeth NEUHAUS-SIEMON.
Zum
Auftrag der Grundschule gehört v.a. aber eine „Grundlegung der Bildung“ (vgl.
LICHTENSTEIN-ROTHER), d.h. allen Kindern eine tragfähige Grundlage für das
Lernen zu verschaffen und dabei eventuelle Chancengleichheiten und Defizite zu
kompensieren.
Dem
gegenüber steht jedoch die Selektionsfunktion der Schule als gesellschaftliche
Institution und als gemeinsame Grundschule des Bildungssystems. Sie ist
verpflichtet, die Leistungen der Schüler zu messen, zu beurteilen und
dementsprechend zu selektieren. Damit wird sie zur „Zuteilungsinstanz für
Lebenschancen“.
Die
Gegensätzlichkeit dieser beiden Funktionen der Schule macht
Leistungsbeurteilung zu einem oft spannungsgeladenen und ambivalenten Geschehen
und man müßte daher, so LICHTENSTEIN-ROTHER, im Prinzip unterscheiden zwischen
Leistungsbeurteilungen im Zusammenhang mit dem Übertritt an weiterführende
Schulen und Selektion einerseits und Leistungsbeurteilungen im Rahmen des
schulischen Lern- und Erziehungsprozesses andererseits. Nur so könne man beiden
Funktionen gerecht werden.
b)
Funktionen von Leistungsbeurteilung
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w
Rückmeldungs-/ Informationsfunktion
-
für den Schüler, indem er ein Feed-Back seiner Leistung erhält, erfährt wo
seine
Stärken und Schwächen liegen
-
für den Lehrer, der dadurch eine Rückmeldung für seinen Unterricht erhält
-
Diese Funktion wird dann zu einer Diagnose- und Steuerungsfunktion im Lehr-/ Lernprozeß
für Schüler und Lehrer indem jeweils mit entsprechenden Maßnahmen reagiert
wird (mit einem veränderten Lernverhalten des Schülers, veränderter
Unterrichtspraxis des Lehrers)
w
Berichtsfunktion: Information über den Leistungstand für außenstehende Dritte
(Eltern,
Lehrer,
weiterführende Schulen)
w
Anregungsfunktion: zur legitimen extrinsischen Motivation
w
Hilfe für Plazierungsentscheidungen: für Differenzierungs- und Fördermaßnahmen
w
Beratungsgrundlage für Empfehlungen zur Schullaufbahn: prognostische Funktion.
Zu den
gesellschaftlichen Funktionen gehören dagegen die Berechtigungsfunktion, die
Sozialisierungsfunktion und als a-pädagogische Funktion z.T. angewandt: die
Leistungs-beurteilung als Mittel zur Disziplinierung, als Macht- und
Druckmittel (die Diszipli-nierungsfunktion).
c)
Unterschiedliche Lern- und Leistungsvoraussetzungen
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den unterschiedlichen Erfahrungen, die die Kinder in ihren Familien machen, dem
Anregungsgehalt und der Förderung, die sie dort und/ oder im vorschulischen
Bereich machen konnten bzw. nicht machen durften, den Freizeit- und
Förderprogrammen (Musikschule, Sportverein), in denen sie geschult wurden oder
aber die ihnen mangels Zeit und Geld der Eltern versagt blieben. Aus diesen
unterschiedlichen Voraussetzungen der Kinder ergibt sich ein großes Problem für
die Leistungsbeurteilung. In der Grundschulzeit müssen ja im Grunde die
notwendigen Leistungsvoraussetzungen erst noch geschaffen werden, Kinder zur
Leistungsfähigkeit erzogen werden. Defizite im Erfahrungs- und
Fähigkeitsbereich, die die Kinder in die Schule „mitbringen“, müssen abgebaut
und kompensiert werden. Wird hier das gesellschaftliche Leistungsprinzip
unreflektiert auf die Schule übertragen (produktorientiert,
konkurrenzorientiert, ausleseorientiert) und von Anfang der Schulzeit an ein
normorientierter Maßstab zur Leistungsbewertung angelegt, so wird der
Erziehungsauftrag der Schule vernachlässigt. Denn: gemessen werden ja dann nur
die Leistungsvoraussetzungen der Kinder, nicht ihre eigentliche
Leistungsfähigkeit (vgl. BARTNITZKY).
2.
Das Problem aus psychologischer Sicht
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