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Leben in der Popmusik (erschienen in : Baugerüst) .doc

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Social Science
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Theology
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University, School
EFH Bochum
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Professor Ev. Theologie
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Gotthard Fermor

„It’s my life“ – Die Zukunft des Jetzt.

Visionen vom Leben in der Popmusik

 

Popvision – Visions of Life

Popvision – Visions of Life, so war ein Projekt betitelt, dass Theologen und Medienmacher auf dem Stuttgarter Kirchentag 1999 zusammenbrachte, um die Visionen des Lebens in der Popmusik wahrzunehmen und sich zum Gespräch darüber herausfordern zu lassen. Das Thema ist – so ein Ergebnis dieses meetings – nicht nur ergiebig und provokant, es ist schier endlos, wenn man sich wirklich darauf einlässt.

So ist nicht nur die messianisch gefärbte Vision von der Wiederherstellung der zerstörten Erde in Michaels Jackson „Earth Song“ eine An- oder Aufregung wert, über Schöpfung und Neuschöpfung in Gegenwart und Zukunft nachzudenken; sondern es war uns auch grundsätzlicher klar: die Theologie, die religiös vorgebrachte Sicht vom Leben und seiner Zukunft, die sich in solchen Popsongs und vor allem ihren dazugehörigen Videoclips inszeniert, ist eine eigene Art von Glauben.

Ein Glaube, der sich medial (mit allen Vor- und Nachteilen) kreativ, alle möglichen Traditionen gebrauchend, farbenfroh, sinnenbetont, individuell und gemeinschaftlich als Erlebnisreligion präsentiert. Und so fiel es mir eher schwer, die vielen Songtitel, die mir zum Stichwort „Wie wollen wir leben?“ und zu der Frage nach den Visionen von Leben in der Popmusik einfielen, auch nur irgendwie zu bündeln.

Vielleicht haben Sie Lust, bevor Sie weiterlesen, selbst einen kurzen Test zu machen, und zu überlegen, welche Titel Ihnen einfallen würden?!

Live your life – erlebe dein Leben...

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Und wenn es um eine Zukunft geht, dann geht es um die Erwartung, dass das Leben eines sein möge, das dieses Leben des erfüllten, voll ausgefüllten Augenblicks bereit hält. „Ich lebe nur einmal“ singt die Gruppe Die Firma: „Komm mit mir, spring auf den fahrenden Zug, fort von hier, denn es ist genug, will das Leben schmecken, mit allen Kanten und Ecken, um mein wahres Selbst zu entdecken, ich gebe alles, denn ich lebe nur einmal, du lebst nur einmal, mach das beste draus, leb jeden Tag, als wär’s dein letzter.“ Ganz ähnlich auch Purple Schulz („Immer nur leben“): „Immer nur leben, nur leben, keinen einzigen Tag vergeben, alles genießen, jeden Atemzug und ganz genau zu wissen: es ist noch lange nicht genug.“ Diese Philosophie eines „Lebe jetzt!“ wird – wie gerade gesehen – gerne im Imperativ formuliert: es ist eben gar nicht so selbstverständlich, sein Leben zu leben, auszuleben.

Systeme (von Staat bis Kirche), Anforderungen, Verprägungen, Borniertheiten und vieles mehr stehen der Verwirklichung dieses Imperativs entgegen. Und vielleicht ist dieser Imperativ dann auch gar nicht so unpolitisch wie er zunächst erscheinen mag.

...denn du wirst geliebt!

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Also, es mag deutlich werden: Live your life be free (Belinda Carlisle), suche nach dem „Real Life“ (Bon Jovi), lass dir dein Leben nicht nehmen, denn es ist „My Life“ (TLC), nimm keine Rücksicht, wenn du wirklich leben willst („Reckless Life“ Guns ‚n’ Roses), und selbst wenn alles dagegen zu sprechen scheint: Life goes on (2 Pac), das Leben geht vom Tod umgeben weiter! Das Vertrauen der Popmusik in die Kraft und die Zukunft des Lebens ist eine ihrer größten Quellen. Wahrscheinlich hat nur noch das Wort „love“ eine größere Trefferquote, wenn man eine Statistik bemühen wollte.

Und auch diese beiden hängen eng zusammen. Wenn es einem Sinn im Leben geben mag, dann liegt er nicht in einem kommenden Himmel, sondern im „Heaven here on earth“ (Tracy Chapman). Die Liebe ist die „Higher love“ (Depeche Mode), die das Jetzt des Lebens so zu steigern vermag, dass man es fast nur noch mit religiöser Sprache beschreiben mag (so heißt das Album zu diesem Song auch: „Songs of Faith and Devotion“).

Und so nähern wir uns einem weiteren, hoch interessanten Befund: Dass die Popmusik so am Jetzt des Lebens und seinem erfüllten Augenblick interessiert ist, hat mit ihrer Art von Musik zu tun. Diese Musik betont das Erleben des Augenblicks mit allen Sinnen, erschließt seine rhythmische, seine visuelle, seine harmonische, seine erotische Tiefe und Weite.

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Um dies besingen und beschreiben zu können, greifen nicht wenige Songschreiber/innen auf religiöse Gehalte und Bilder zurück. Spuren von Transzendenz im Besingen von Leben und Zukunft in der Popmusik? Ich meine, dass man das eindeutig bejahen muss!

Mag die Erschütterung in den Glauben an die Zukunft auch durch die Gesellschaftsanalyse bedingt sein (auch das findet sich zuhauf in der Popmusik...), der Glaube an das Leben, in die Kraft des Augenblicks, die Hoffnung auf eine Zukunft gelebten Lebens – das findet sich in der Popmusik unerschüttert, mehr noch: es ist eines ihrer Hauptthemen.

Nur durch den Tod hindurch

Aber es gibt auch andere Sichtweisen, die nicht verschwiegen werden sollen: Die obzessive, nicht selten anti-christliche Beschäftigung mit apokalyptischen Szenarien im Heavy Metal verschiedenster Provenienz (z. B. Death Metal..), und vor allem ihre Hintergründe wären einen eigenen Beitrag wert.

Den Sinn des Lebens im Leben zu finden, wird in Popsongs auch oft eindeutig verneint. Gruppen, die im Genre des Gothic musizieren, besingen eine Philosophie, die den Durchgang durch den Tod als Heilsweg sieht, so wie es derzeit die Pop-Gothic-Gruppe HIM mit ihrer todesmystischen Liebeslyrik chartfähig macht: „Join me in death“ – das ist das wahre Tor zu unserer Liebe.

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Dass letztere sich allerdings auch von einem tiefen Vertrauen in die Kraft des Lebens nährt, das war die Intention der eingangs vorgestellten Stücke.

Lebensgesättigt – Lust auf gemeinsame Entdeckungen

Für mich als Theologen und Pfarrer kommt es darauf an, sich von diesen lebensgesättigten Stücken der Popmusik inspirieren zu lassen – inspirieren zum sinnenbetonten Erleben in der Kirche, zum (Wieder-)Entdecken einer gegründeten Liebe zum Leben, die mich aufmerksam macht für die Zerstörung des Lebens.

Dass Leben (auch geteiltes Leben) und Erlebnis zusammengehören, das ist sicher eine unverzichtbare Perspektive kirchlicher Praxis. Aber auch hierfür finden sich genügend Gesprächspartner/innen in der Popmusik. Ein Gespräch u.a. darüber, dass in unserem alltäglichen Leben ein „secret life“ (wie es The Corrs besingen) verborgen ist, das könnte eine gemeinsame Suche nach den Spuren Gottes in unserem Leben sein.

(Pfr. z.A. Dr. Gotthard Fermor, Schumannstr. 62, 53113 Bonn)


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