Kunst und
Autorschaft von Stefan George
1.
Einleitung
Im Zentrum dieser Arbeit steht das Gedicht „Des sehers
wort ist wenigen gemeinsam“
von Stefan George.
Es erschien erstmals 1897 im Gedichtzyklus „Das Jahr der
Seele“,
mit einer Erstauflage von 200 Stück. Dieser Zyklus gehört zu den kommerziell
erfolgreichsten Werken Georges und begründete damit seinen literarischen
Durchbruch. Die Literaturwissenschaft führt den Erfolg hauptsächlich darauf
zurück, dass es das Werk Georges sei, dass den herkömmlichen Vorstellungen von
Lyrik am nahesten kommt.
Er verbindet darin Erlebnis- mit Landschaftsdichtung, die im Wechsel der
Jahreszeiten eingebettet ist. Dies ist seit der Romantik ein beliebtes Muster,
welches auch den Lesegewohnheiten zeitgenössischer Rezipienten nicht
widersprach.
In dieser Arbeit
soll nun der Versuch unternommen werden, die Auffassung von Kunst und
Autorschaft Stefan Georges, am Beispiel des Gedichtes „Des sehers wort ist
wenigen gemeinsam“, zu skizzieren. Dieses Gedicht ist eine Reminiszenz an seine
Jugendzeit, in der der Autor schon wesentliche Merkmale seiner späteren Kunst
zu erkennen meinte.
This paragraph has been concealed! Download the complete document for free! • Click on download to get complete and readable text • This is a free of charge document sharing network • First upload your own document, and you get a word document per email • No registration necessary, gratis Swap homeworks and notes at no charge! Gratis scripts for students and pupils! Ergänzt werden diese Aspekte durch
die Beschreibung, der von George vertretenen Kunstrichtung des l´art pour
l´art, der Kunst um der Kunst willen, die eng verknüpft ist mit dem Eskapismus
und der Zivilisationskritik Georges. Weiterhin soll gezeigt werden, dass bei
George die Kunst einen religiösen Charakter bekommt und die Religion sogar von
ihr ablöst wird.
Abschließend werden in einem Fazit die vorgestellten Thesen
zusammengefasst und ein Erklärungsansatz für die dargelegte Kunstauffassung
vorgestellt.
Da die
Forschungsliteratur zu Stefan George unüberschaubar und zahlreich ist, wurden
nahezu alle Aspekte seines Schaffens, Lebens und Kreises erforscht und
beschrieben. Mein Ansatz einer Gedichtanalyse, in der die Grundzüge der
Kunstauffassung des Dichters eingebettet werden, ist in dieser Form jedoch neu,
bietet sich aber auf Grund des Inhalts des Gedichtes an. Die
Interpretationsansätze setzten sich aus eigenen Deutungen und aus Inhalten der
Forschungsliteratur, hauptsächlich dem Kommentar von Ernst Morwitz, zusammen,
dessen Thesen jedoch kritisch hinterfragt werden.
2. Die Kunstauffassung von Stefan George abgeleitet aus
der Interpretation von „Des sehers wort ist wenigen gemeinsam“
2.1. Im
Elfenbeinturm
Des sehers wort ist wenigen gemeinsam:
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Konstellationen, einen Kreis von Dichtern um sich, die ihm wie einem Führer
folgten und verehrten. Innerhalb diese Kreises wurde die Gedichtrezitation wie
ein Gottesdienst gefeiert. Man trug antike Tunika und las sich in kleiner Runde
und bei Kerzenschein eigene Gedichte vor. Claus Viktor Bock zitiert Gérard de Nerval,
der die Abgeschiedenheit dieser elitären Kunstauffassung, mit dem Bild des
Elfenbeinturmes beschreibt und diese rechtfertigt und erklärt:
„Als Freistaat bleibt einzig der Elfenbeinturm dem
Dichter, in dem wir immer höher aufsteigen, um uns von der Menge abzusondern.
Geführt von unseren Meistern atmen wir in jenen Höhen endlich die reine Luft
der Einsamkeit.“
Sicherlich hätte auch George dieser Aussage zugestimmt,
da sie sein Dichterideal treffend zusammenfasst. Der Poet muss sich aus der
gemeinen Welt zurückziehen („in einem seltnen reiche ernst und einsam“),
da diese verdorben ist und von Geld und Machtinteressen bestimmt wird. Erst
durch die Flucht und die Überhöhung vom Gewöhnlichen erlangt er die Freiheit,
die er für seine Dichtkunst benötigt. Der „seher“, also der Dichter, hat
dadurch einen ganz eigenen, poetischen Blick auf die Welt, den nur wenige
Eingeweihte nachvollziehen können. Unerlässlich für den Schaffensprozess von
Kunst ist jedoch die Führung und Orientierung durch die großen Meister.
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was der Ästhet George vehement ablehnte. Georges Tendenz zu unpolitischer
Dichtung lässt sich bis in seine Gymnasialzeit zurückverfolgen. Im Vorwort der
von ihm mitbegründeten Schülerzeitung „Rosen und Disteln“ schreibt er: „Artikel
religiösen und politischen Inhalts ausschließend, wird sie [...] ihre Leser zu
unterhalten und zu belehren versuchen.“
Wenige Jahre später, im Alter von 24 Jahren gründet George zusammen mit Carl
August Klein die Literaturzeitschrift „Blätter für die Kunst“, in der die
Gedichte des George-Kreises veröffentlicht wurden. Diese erschien zunächst nur
in einer Auflage von 200 Stück und selbst ein Dichter von Weltrang, wie Rainer
Maria Rilke, musste ehrfürchtig den „Meister“ um den Vorzug bitten, in den
erkorenen Leserkreis aufgenommen zu werden.
Stefan George blieb zeit seines Lebens diesem elitären Kunstkonzept treu.
Obwohl die Gedichte der letzten Schaffensphase („Das neue Reich“) einen stark
belehrenden und prophetischen Charakter haben und auch politisch gedeutet
werden können,
hat George seinen Elfenbeinturm nie wirklich verlassen.
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2.2. Die neue Sprache
Schon als die ersten kühnen wünsche kamen
In einem seltnen reiche ernst und einsam
erfand er für die dinge eigne namen-
Im zweiten bis vierten Vers der ersten Strophe, beginnt
der Rückblick Georges in seine eigene Kindheit. Ein Wunsch, den er schon im
Kindesalter hegte, „war das Begehren, für gewohnte Dinge neue Namen zu finden.“
Dies war notwendig, da die konventionelle Sprache dem Dichter nicht genügte, um
das auszudrücken, was er empfand und wie er die „Dinge“ sah. Ergebnis dieses
Wunsches war die Geheimsprache IMRI, die Stefan George zu Gymnasialzeiten
erfand und in der er auch erste Gedichte verfasste. Sie bestand hauptsächlich
aus romanischen und griechischen Elementen und ist auf die enorme
Sprachbegabung Georges zurückzuführen. Da sein Interesse zu Schulzeiten
hauptsächlich der europäischen Literatur galt, lernte er autodidaktisch
Italienisch, Hebräisch, Griechisch, Latein, Dänisch, Holländisch, Polnisch,
Englisch, Französisch und Norwegisch, um verschiedene Werke im Original lesen
zu können. Auch später (um 1889) arbeitete er noch an einer Geheimsprache, die
er „lingua romana“ nannte und die „eine ebenso klingende wie leicht
verständliche literatur sprache für meinen eigenen Bedarf“
werden sollte.
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