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Kunst und Autorschaft von Stefan George .doc

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Technische Universität Dresden - TUD
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2008, 2,0
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Kunst und Autorschaft von Stefan George

1. Einleitung

Im Zentrum dieser Arbeit steht das Gedicht „Des sehers wort ist wenigen gemeinsam“ [1] von Stefan George.

Es erschien erstmals 1897 im Gedichtzyklus „Das Jahr der Seele“[2], mit einer Erstauflage von 200 Stück.

Dieser Zyklus gehört zu den kommerziell erfolgreichsten Werken Georges und begründete damit seinen literarischen Durchbruch. Die Literaturwissenschaft führt den Erfolg hauptsächlich darauf zurück, dass es das Werk Georges sei, dass den herkömmlichen Vorstellungen von Lyrik am nahesten kommt.[3] Er verbindet darin Erlebnis- mit Landschaftsdichtung, die im Wechsel der Jahreszeiten eingebettet ist.

Dies ist seit der Romantik ein beliebtes Muster, welches auch den Lesegewohnheiten zeitgenössischer Rezipienten nicht widersprach.

In dieser Arbeit soll nun der Versuch unternommen werden, die Auffassung von Kunst und Autorschaft Stefan Georges, am Beispiel des Gedichtes „Des sehers wort ist wenigen gemeinsam“, zu skizzieren. Dieses Gedicht ist eine Reminiszenz an seine Jugendzeit, in der der Autor schon wesentliche Merkmale seiner späteren Kunst zu erkennen meinte.

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Ergänzt werden diese Aspekte durch die Beschreibung, der von George vertretenen Kunstrichtung des l´art pour l´art, der Kunst um der Kunst willen, die eng verknüpft ist mit dem Eskapismus und der Zivilisationskritik Georges. Weiterhin soll gezeigt werden, dass bei George die Kunst einen religiösen Charakter bekommt und die Religion sogar von ihr ablöst wird.

Abschließend werden in einem Fazit die vorgestellten Thesen zusammengefasst und ein Erklärungsansatz für die dargelegte Kunstauffassung vorgestellt.

Da die Forschungsliteratur zu Stefan George unüberschaubar und zahlreich ist, wurden nahezu alle Aspekte seines Schaffens, Lebens und Kreises erforscht und beschrieben. Mein Ansatz einer Gedichtanalyse, in der die Grundzüge der Kunstauffassung des Dichters eingebettet werden, ist in dieser Form jedoch neu, bietet sich aber auf Grund des Inhalts des Gedichtes an.

Die Interpretationsansätze setzten sich aus eigenen Deutungen und aus Inhalten der Forschungsliteratur, hauptsächlich dem Kommentar von Ernst Morwitz, zusammen, dessen Thesen jedoch kritisch hinterfragt werden.

2. Die Kunstauffassung von Stefan George abgeleitet aus der Interpretation von „Des sehers wort ist wenigen gemeinsam“

 

2.1. Im Elfenbeinturm

 

Des sehers wort ist wenigen gemeinsam:

 

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Zeit seines Lebens scherte Stefan George, in unterschiedlichen Konstellationen, einen Kreis von Dichtern um sich, die ihm wie einem Führer folgten und verehrten. Innerhalb diese Kreises wurde die Gedichtrezitation wie ein Gottesdienst gefeiert. Man trug antike Tunika und las sich in kleiner Runde und bei Kerzenschein eigene Gedichte vor.

Claus Viktor Bock zitiert Gérard de Nerval[4], der die Abgeschiedenheit dieser elitären Kunstauffassung, mit dem Bild des Elfenbeinturmes beschreibt und diese rechtfertigt und erklärt:

„Als Freistaat bleibt einzig der Elfenbeinturm dem Dichter, in dem wir immer höher aufsteigen, um uns von der Menge abzusondern. Geführt von unseren Meistern atmen wir in jenen Höhen endlich die reine Luft der Einsamkeit.“[5]

Sicherlich hätte auch George dieser Aussage zugestimmt, da sie sein Dichterideal treffend zusammenfasst. Der Poet muss sich aus der gemeinen Welt zurückziehen („in einem seltnen reiche ernst und einsam“), da diese verdorben ist und von Geld und Machtinteressen bestimmt wird.

Erst durch die Flucht und die Überhöhung vom Gewöhnlichen erlangt er die Freiheit, die er für seine Dichtkunst benötigt. Der „seher“, also der Dichter, hat dadurch einen ganz eigenen, poetischen Blick auf die Welt, den nur wenige Eingeweihte nachvollziehen können. Unerlässlich für den Schaffensprozess von Kunst ist jedoch die Führung und Orientierung durch die großen Meister.

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Diese zeigten bewusst auch das Kranke und Hässliche, was der Ästhet George vehement ablehnte. Georges Tendenz zu unpolitischer Dichtung lässt sich bis in seine Gymnasialzeit zurückverfolgen. Im Vorwort der von ihm mitbegründeten Schülerzeitung „Rosen und Disteln“ schreibt er: „Artikel religiösen und politischen Inhalts ausschließend, wird sie [...] ihre Leser zu unterhalten und zu belehren versuchen.“[6] Wenige Jahre später, im Alter von 24 Jahren gründet George zusammen mit Carl August Klein die Literaturzeitschrift „Blätter für die Kunst“, in der die Gedichte des George-Kreises veröffentlicht wurden.

Diese erschien zunächst nur in einer Auflage von 200 Stück und selbst ein Dichter von Weltrang, wie Rainer Maria Rilke, musste ehrfürchtig den „Meister“ um den Vorzug bitten, in den erkorenen Leserkreis aufgenommen zu werden.[7] Stefan George blieb zeit seines Lebens diesem elitären Kunstkonzept treu. Obwohl die Gedichte der letzten Schaffensphase („Das neue Reich“) einen stark belehrenden und prophetischen Charakter haben und auch politisch gedeutet werden können[8], hat George seinen Elfenbeinturm nie wirklich verlassen.

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Sie soll im Mittelpunkt des nächsten Abschnittes stehen.

2.2. Die neue Sprache

Schon als die ersten kühnen wünsche kamen

In einem seltnen reiche ernst und einsam

erfand er für die dinge eigne namen-

Im zweiten bis vierten Vers der ersten Strophe, beginnt der Rückblick Georges in seine eigene Kindheit. Ein Wunsch, den er schon im Kindesalter hegte, „war das Begehren, für gewohnte Dinge neue Namen zu finden.“[9] Dies war notwendig, da die konventionelle Sprache dem Dichter nicht genügte, um das auszudrücken, was er empfand und wie er die „Dinge“ sah.

Ergebnis dieses Wunsches war die Geheimsprache IMRI, die Stefan George zu Gymnasialzeiten erfand und in der er auch erste Gedichte verfasste. Sie bestand hauptsächlich aus romanischen und griechischen Elementen und ist auf die enorme Sprachbegabung Georges zurückzuführen. Da sein Interesse zu Schulzeiten hauptsächlich der europäischen Literatur galt, lernte er autodidaktisch Italienisch, Hebräisch, Griechisch, Latein, Dänisch, Holländisch, Polnisch, Englisch, Französisch und Norwegisch, um verschiedene Werke im Original lesen zu können.

Auch später (um 1889) arbeitete er noch an einer Geheimsprache, die er „lingua romana“ nannte und die „eine ebenso klingende wie leicht verständliche literatur sprache für meinen eigenen Bedarf“[10] werden sollte.


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