KAFKA UND DIE PSYCHOANALYSE
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Kafkas
Interesse für die Schuldproblematik epochentypisch für die Zeit des frühen 20.
Jahrhunderts
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Schuld
entsteht durch Verstoß bestimmter Normen
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Schuldgefühl
setzt somit voraus, dass der Einzelne diese Normen akzeptiert und annimmt
è Schuld: Grenze
zwischen Gesellschaftswissenschaft und Psychologie
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Tiefenpsychologie
versucht wissenschaftlich die Mechanismen der zwischenmenschlichen Konflikte
und der daraus resultierenden Konflikte im einzelnen Menschen zu ergründen
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Sigmund
Freud (1856-1939) sucht nach besseren Therapieverfahren für psychisch leidende
Menschen
è Psychoanalyse
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Theorie:
Alles menschliche Handeln ist begründet (determiniert). Es gibt keine
unbeabsichtigte Handlung
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Aber:
Gründe für sein Handeln sind dem Menschen selbst oft nicht bewusst
Da:
Bewusstsein macht nur geringen Teil des Inneren aus,
Unterbewusstsein
viel größerer Bereich à nur mittels Umwege erfahrbar
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Gesamtheit
der Persönlichkeit – das „Ich“ – bildet sich aus drei Bereichen:
dem
„Über-Ich“, dem „Es“ und dem „Ich“ à liegen überwiegend im
Unterbewusstsein (FOLIE)
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„Es“: eigene Instinkte, Triebe
(Nahrungstrieb, Sexualtrieb, Todestrieb), Bedürfnisse (Geltungsbedürfnis,
Akzeptanzbedürfnis), Wünsche, Affekte (Neid, Hass, Vertrauen, Liebe) Verhaltensnormen,
die im Laufe der Sozialisation erworben wurden, die überwiegend von der
Gesellschaft gegeben sind
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Handelt
nach dem Lustprinzip und strebt nach unmittelbarer Befriedigung
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Triebregungen
des Es prägen und strukturieren das menschliche Handeln unbewusst
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Psychisch
zuerst entstandene, teilweise auch angeborene Instanz der Seele
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Neu
geborener Mensch à Triebbündel: satt sein wollen, nicht
frieren, Bedürfnis nach Hautkontakt
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Vernachlässigung
wie Überversorgung der Umwelt prägen den Charakter negativ
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Das
„Ich“ ist das bewusste Denken im Alltag, was dem Selbstbewusstsein
entspricht
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Vermittelt
zwischen Ansprüchen des „Es“, des „Über-Ich“ und der sozialen Umwelt
è Ziel: psychische und
soziale Konflikte konstruktiv auflösen
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Bei
reifen und psychisch gesunden Menschen: statt triebhaften Lustprinzip, Realitätsprinzip
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Elemente
des Ichs: Bewusstseinsleistungen des Wahrnehmens, Denkens und Gedächtnisses
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Entsteht
in den ersten vier Lebensjahren:
Erkenntnis,
dass es sich von Dingen und anderen Menschen unterscheidet
Lernt
Fragen wie „Wer bin ich? Was kann ich?“ zu beantworten
è Füllt sein
Selbstbewusstsein
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Um
das „Es“ herum wird eine Zone aufgebaut à „frühes Ich“
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Bestimmt
den Sozialcharakter und all unsere später erworbenen Selbstvorstellungen (wer
wir sind, was wir fürchten und erhoffen, was wir uns zutrauen) auf
unterschiedliche Weise mit
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Zum
„frühen Ich“ werden auch bewusste Emotionen und Bedürfnisse gezählt, die im
Laufe des Sozialisationsprozess aus den Grundtrieben des „Es“ geformt werden
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Das
„Über-Ich“: Psychische Struktur, in der soziale Normen, Werte, Gehorsam,
Moral und das Gewissen angesiedelt sind
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Durch
Herausbildung des „Über-Ichs“ kann sich der Mensch sozialgerecht verhalten und
seine ursprünglichen Triebregungen kontrollieren
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Schuldgefühle
treten auf, wenn die Gebote und Verbote des „Über-Ichs“ nicht befolgt werden
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Konflikte
zwischen den Ansprüchen des „Es“ und den Vorschriften des „Über-Ich“ rufen
Angstzustände hervor, sodass mögliche Konfliktsituationen bereits im Voraus als
angstmachend erlebt werden
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Beispiel:
Geschlechtstrieb, der zentrale und weite Verhaltensbereiche bestimmt, wird
durch gesellschaftliche Normen und Tabus („Über-Ich“) unterdrückt
è Konflikte, die nicht
selten zu Störungen der Persönlichkeit und zu krankhaften Veränderungen des
Verhaltens und des Körpers führen können
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Dies
zeigt: von außen diktierte Normen werden in das Innere des Einzelnen
aufgenommen
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Konflikte
zwischen dem Individuum und der Gesellschaft führen durch diese
Internalisierung (Verinnerlichung) ich-fremder Autorität zu Konflikten im
Individuum selbst
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Ur-Modell
eines typischen Konflikts: Vater-Sohn-Konflikt
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Freud-Schüler
Otto Gross stellt den Vater-Sohn-Konflikt ins Zentrum
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Psychoanalyse
nicht nur unter psychologisch-medizinischen Aspekten, sondern auch als
Instrument der Gesellschaftskritik
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Konflikte
zwischen dem Einzelnen und der Allgemeinheit wandeln sich unter dem Druck des
gesellschaftlichen Zusammenlebens zu Konflikten im Individuum selbst, da es die
Normen der Allgemeinheit verinnerlicht
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Ins
Innere eingedrungene Autorität führt zu Konflikten zwischen dem Eigenen und
Fremden, zwischen den individuellen Bedürfnissen und dem Anerzogenen und
Aufgezwungenen
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Otto
Gross: Veröffentlichungen über persönliches Schicksal: Vater-Sohn-Konflikt
è Könnte in ein Werk
Kafkas integriert werden
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Kafka
mit Theorie der Psychoanalyse sehr vertraut
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Intensiv
mit der Analyse an sich selbst auseinandergesetzt
è Gedanken Freuds
einsichtig
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Aber:
in dem therapeutischen Teil der Psychoanalyse sah er einen hilflosen Irrtum
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Nach
ihm: seelisches Leiden erwächst aus den Konflikten des Einzelnen mit der Umwelt
und deren Werten und Normen
è Heilung nicht möglich
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„Es
ist keine Freude, sich mit der Psychoanalyse abzugeben, und ich halte mich von
ihr möglichst fern.“ An seinen Freund Werfel
è Eigentlich anzunehmen,
dass Kafka keine psychoanalytischen Motive in seinen Texten verarbeitet hat
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Aber:
er stimmt Freuds Theorien zu, zweifelt nur an der Wirksamkeit im Rahmen einer
Therapie
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FREUDS PSYCHOANALYSE IM
BEZUG ZUM BUCH
1.) Gespräch
mit Fräulein Bürstner (S. 22 Z. 6 ff): „Er hatte kein besonderes Verlangen nach
ihr“
„Es
reizte ihn, dass sie durch ihr spätes Kommen auch noch in den Abschluss dieses
Tages Unruhe und Unordnung brachte. Sie war auch Schuld daran.“
Deutung:
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K.
will überhaupt nicht mit ihr reden
è Reduktion der Frauen
auf das Sexuelle
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Sie
hat für K. keine Individualität
è Zeigt K.s Bild von
Frauen als Sexobjekt
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Reiz
= Fräulein Bürstner
è Ausdruck seiner
Seelenbefindlichkeit (kommt vom Unterbewusstsein)
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Schuld:
Er projiziert die Schuld auf andere
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Projektion
nach Freud:
Wenn
K. seine Schuld auf Fräulein Bürstner projiziert, so hat er keine mehr sondern
sie.
è K. stellt sich seinen
Problemen nicht, sondern verdrängt sie.
2.) K.
erscheint bei der ersten Gerichtsverhandlung „zu spät“, nimmt sich aber vor um
9 Uhr zu kommen à
„zufällig“ die erwartete Uhrzeit
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Freudscher
Versprecher: K. sagt immer das Richtige, obwohl er es nicht als richtig
empfindet.
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