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Jugendliche Raucher .doc

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Freie Universität Berlin - FU
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Rauchen

Das war so mit zwölf; da zeigte uns David wie das mit dem Rauchen funktionierte.

Der Winter neigte sich dem Ende zu und obwohl schon seit einigen Wochen kein wirklicher Schnee mehr fallen wollte, machten Kälte, Nebel und Nässe keine Anstalten ihren Platz zu räumen. Die Nasen der Menschen hatten noch ihren rötlichen Glanz, die Anzahl der morgendlichen Fahrradunfälle aufgrund von Glätte war konstant hoch und Parkbänke blieben, zur Enttäuschung der Liebespaare, beharrlich feucht.

Paul, Akin und ich lebten in einem Vorort einer übersichtlichen Kleinstadt. Der Vorort war eine künstliche Neubausiedlung und lag auf dem Plateau eines Hügels, den man in besseren Zeiten auch mal Berg nannte.

Vom Zentrum der Stadt führten zwei Straßen zu uns, von welchen die eine unsere Ortschaft nur streifte und die andere, die Hauptstraße, quer hindurchführte bis zum Rand des Laubwaldes, der gut die Hälfte der Siedlung umsäumte. Einen Bäcker gab es, einen Friseur und eine Tätowierstube, vor der die zwei Angestellten scheinbar endlos rauchten und finstere Blicke in die Gegend warfen.

Es war kurz nach Mitternacht und Paul war mies gelaunt.

„Der kommt doch gar nicht. Ist schon letztes Mal nicht gekommen.“

„Schau mal auf die Uhr, es ist erst fünf nach. Kann ja sein, dass er noch warten muss bis seine Eltern pennen...“

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Pauls Mutter, die Krankenschwester war, arbeitete unter der Woche meistens in der Nachtschicht und Pauls größere Schwester Lena, die in dieser Zeit auf Paul hätte aufpassen sollen, verschwand seit einigen Monaten augenblicklich nach Betreten der Wohnung in ihrem Zimmer, verschloss die Tür und fiel bei Paul zu Hause lediglich durch ihre Abwesenheit auf.

Paul musste also mit keinerlei Konsequenzen rechnen, wenn er unter der Woche abends, nach eigenem Gutdünken zu Hause ein- und ausmarschierte. Die Weisungen seiner Mutter bezüglich des Abendessens, der Hausaufgaben und der rechtmäßigen Zubettgehzeit verpufften augenblicklich nachdem die Mutter die Tür hinter sich zufallen ließ und Lenas aktuelle Lieblingsband die Herrschaft über die Wohnung an sich riss, in Form von rührseligen Rockballaden und minutenlangen Gitarrensoli, die Paul selbst beim besten Willen keinen Deutschaufsatz über seinen Traumberuf schrieben ließen.

Wir Jungen in der Nachbarschaft beneideten Paul.

Kurz vor dem Ende der Hauptstraße, kurz bevor sie in den Wald mündete, ging von ihr ein schmaler, namenloser Weg ab, der überhalb einer Böschung ein Stück am Waldesrand entlangführte. Eine einzige Straßenlaterne stand am Anfang dieses Weges und ihr Lichtkegel reichte nicht sehr weit.

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Akin murmelte, mit dem Oberkörper nach vorne und hinten wippend, vor sich hin: „Mann, is das kalt, verdammt. Ich hätte im Bett bleiben sollen. War eh ne bekloppte Idee.. Und auf David kann man sich sowieso nich verlassen. Wie will der überhaupt Zigaretten auftreiben, raucht doch keiner in seiner Familie.

Die Mutter joggt ja jeden zweiten Tag und...“

„Akin, halt die Klappe. Der kommt schon, keine Sorge.“

„Keine Sorge! Du spinnst ja... Keine Sorge, wenn ich das schon höre, keine Sorge...Wenn ich erwischt werde, bin ich tot. Morgen is Schule. Meine Mutter wird mich umbringen. Und wieder zum Leben erwecken, nur um mich nochmal umzubringen.“ Paul und ich lachten. Akin stimmte für einen kurzen Moment mit ein.

Akin, der zwei Stockwerke unter mir wohnte und sich in einem permanenten Zustand der Verängstigung zu befinden schien, saß zusammengekauert auf der Bank neben mir und war offensichtlich noch mit der Überwindung des Schocks beschäftigt, sein Bett nach der doch eigentlich feststehenden und indiskutablen Zubettgehzeit verlassen zu haben.

Paul und ich waren tief beeindruckt, dass er überhaupt erschienen war, hatte er sich doch an seinem Vater, der bis spät in die Nacht hinein im Wohnzimmer fern zu sehen pflegte, vorbeischleichen müssen. Und wollte er ungeschoren wieder ins Bett kommen, musste er dieses Kunststück auf dem Rückweg noch einmal durchzuführen.

Wir warteten.

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Ob Paul sich vorgenommen hatte Akin zu triezen, weiß ich nicht. Jedenfalls wurde Akin jetzt, seiner einzigen Hoffnung im Falle des Falles beraubt, noch nervöser, nestelte weiter wie ein Verrückter an seinem klemmenden Reißverschluss herum und blickte dann entsetzt abwechselnd den Mond und mich an.

„Da kommt wer, hey, Jungs, da kommt einer!“ Paul war außer sich vor Freude.

Es war David.

In seiner Hand hielt er eine Packung Zigaretten.

Gemächlich, ohne Hast und mit dem überbordenden Selbstbewusstsein eines Achtklässlers, der sich seiner Überlegenheit vollauf bewusst ist, kam er, aus dem Lichtkegel der Laterne heraustretend, schweigend an uns heran, öffnete die Zigarettenpackung und schnippte, mit einer geübten Handbewegung, auf den Boden der Packung, sodass vier Zigaretten wie von Geisterhand mit dem Filter voraus heraussprangen und wir, einer nach dem anderen, ebenso schweigend, zugriffen.

Da saßen wir nun, jeder mit einer Zigarette in der Hand und noch bevor wir sie überhaupt angezündet hatten, meinten wir bereits eine Ahnung davon bekommen zu haben, wie das wohl läuft mit dem Erwachsensein.

Und dann redete er.

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Die L&Ms sind so nen bisschen günstiger als die meisten anderen, also ganz gutes Preis-Leistungsverhältnis, find ich. Die muss man halt auf jeden Fall auf Lunge ziehen, sonst bringt das halt gar nichts, weil...“

David philosophierte eine gefühlte Stunde über Ziehtechniken, Marken und die Vorzüge des Rauchens, bevor wir die erste Zigarette anzündeten. Ich stellte mir vor, wie er wohl an allen Abenden von immer verschiedenen Sechstklässlern engagiert wurde, um sie in die Geheimnisse des Rauchens einzuweihen.

Niemand von uns konnte David gut leiden, doch wir hegten eine natürliche Bewunderung für alljene, die sich damit rühmen konnten bereits eine Mädchenbrust berührt zu haben. Und David rühmte sich gerne und oft damit diverse Körperteile von Mädchen bereits berührt zu haben, was wir ihm, wegen seiner Bereitschaft darüber Auskunft zu geben, gerne glaubten.

„So, und jetzt wird mal gemütlich eine geraucht.“ David griff in seine Jackentasche, zog ein schwarzes Feuerzeug heraus und zündete sich seine Zigarette an. Wahnsinn, dachte ich. So einfach. Er nahm einen Zug, blickte uns verdutzt an und meinte: „Was is? Hier is das Feuerzeug.

Kippe in Mund und anzünden. Wozu hab ich mir den Ärger gemacht hierher zu kommen...“


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