Bauschke, S.128). Auch
wird wieder der Topos des Himmels eingeführt, der Dichter betrachtet seine Dame
des Herzens lieber als den „himel oder himelwagen“ (III, 7). Aber in ironischem
Tone hegt er die Vermutung, dass zuviel des Lobes auch gleichzeitig sein
Unglück sein könnte. Er möchte sich nicht zu sehr von ihr entfernen, kein
„tumber man“ (III, 8) sein. Strophe IV beginnt mit einem neuerlichen,
doppeldeutigen Wortspiel. Sie hat ein „küssen“, das ist rot. Er wirbt direkt um
einen Kuss, oder sogar um einen Platz auf ihrem roten Kissen, eine
phantasievolle, zu dieser Zeit ziemlich anzügliche Bemerkung. Er wäre von
seiner Liebesnot erlöst, gesundet von seiner Besessenheit. Er steigert diese
Anzüglichkeiten in der letzten Strophe, da er nun vom Gesicht zum Rest ihres
Körpers wandert. Konkret wird hier von „ir kel, ir hende ietweder fuoz“ (V, 1)
erzählt, alles ist vollkommen schön beschaffen. Der Schlüssel zum anzüglichen
Moment dieses Liedes liegt hier in der Zeile „sô waene ich mê beschowet hâ“ (V,
4).
Der Dichter behauptet, mehr als nur das oben Benannte, ihre gesamte Gestalt
„nacket“ (V, 6) gesehen zu haben. Der Betrachter wird als Voyeur entlarvt, er
gibt zu die Dame heimlich beim Baden beobachtet zu haben, nimmt ihr also alle
Schuld, sie ist weiterhin das unschuldige Wesen, als das sie dem Zuhörer
präsentiert wird.
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d)
Interpretation
Auf den ersten Blick scheint es,
dass Walthers Intention schlicht das Erzählen und Aufarbeiten einer
Liebesgeschichte ist, einer geheimen Schwärmerei des Erzähler-Ichs. Doch die
Lobpreisungen scheinen oft zu überzeichnet, übertrieben, eine Huldigung folgt
der nächsten, eine ungewöhnliche Häufung von Schmeicheleien tritt auf. Das legt
die Vermutung nahe, dass hier mit Ironie und Humor gearbeitet wird, die
zahlreichen himmlischen und göttlichen Vergleiche doch irdischer Natur sind
(vgl. Sievert, S.77). Der urnatürlichste Trieb steht im Zentrum des Liedes,
angestachelt durch die nackte Erscheinung der Frau erwachen die erotischen
Fantasien des Erzählers. Der kurze Ausflug zurück in die Realität in Strophe
III, als ihm bewusst wird, dass er vielleicht doch zuviel des Lobes ist,
erweckt den Anschein, dass all die göttlichen Attribute des „wîp“ denn doch nur
das liebestolle Geschwafel eines hoffnungslosen Verliebten sind. Der Erzähler
malt sich ein Bild von einer Frau, durch Überhöhungen verfällt er ihr, droht
ihm zu erliegen. Dieses Problem der Idealisierung einer Unbekannten ist hier
aber nicht nur ein Problem des Erzählers, vielmehr versucht Walther ironisch
aufzuzeigen, dass dieses Lied jeder x-beliebigen Frau gelten kann (vgl. Sievert,
S.79).
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Erzähler merkt, dass er besessen ist von der badenden Frau, seine Liebe wird
getragen von einem Begehren, dieser Frau zu verfallen. Die Anzüglichkeiten im
Werk sind bewusst gestreut, sollen dieses spezielle Begehren untermauern.
In einem Monolog erzählt die Figur
eine Begebenheit aus der Vergangenheit, er reflektiert über dieses individuelle
Erlebnis (vgl. Sievert, S.82). Es handelt sich um kein traditionelles
Preislied, da es über die Minnesangtradition hinausgeht, Tabus bricht und neue
Wege bestreitet. Es wird ein idealtypisches Bild der Frau geschaffen, durch die
explizit erwähnte Situation der Beobachtung erhält das Lied aber eine
persönliche Note (vgl. Bauschke, S.124). Walthers Beschreibung der Frau bezieht
sich auch nicht auf die Sittsamkeit, Güte und Tugend des damals vorherrschenden
Frauenbilds, der Körper steht im Fokus, ein Tabubruch zu damaliger Zeit.
Ein Aspekt, der bis jetzt noch
keine Erwähnung fand in dieser Arbeit, ist die außertextliche Betrachtungsweise
zu diesem Gegenstand. Es ist bekannt, dass Walther mit anderen Autoren seiner
Zeit Kontakt hatte, auf sie Bezug nahm, im positiven wie auch im negativen
Sinne.
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der Lieder von Reinmar ist nicht ganz geklärt, ebenso nicht wer denn nun auf wen
reagiert haben könnte (vgl, Bauschke, S.130). Als Hauptargument für die
Richtigkeit der These, Walther reagiere mit diesem Lied auf eine Aussage
Reinmars, ist ausgerechnet die so bekannte Kussszene. In Reinmars „Ich wirbe
umb allez daz ein man“ hat der Sprecher einer Dame einen Kuss gestohlen, er
bietet die Rückgabe an. Walther hingegen lässt die Dame selbst auftreten, der
Kussraub wird verurteilt (vgl. Bauschke, S.130). Weiterer Ansatzpunkt ist „lob
ich hie, sô lob er dort“ (I, 10), was auf einen Gegenspieler hindeutet. Dennoch
kann man hier nur spekulieren, da sich die Lebensdaten beider Autoren nicht
gänzlich erschließen lassen.
Was aber zu hundert Prozent
zutreffend ist, ist die erotische Komponente des Werkes von Walther. Der
Dichter ist mehr bekannt für seine Arbeiten über die niedere Minne, nicht zu
Unrecht vermutet man in dieser Ironie und Humor. Die Beschreibung der Frau mit
allen Reizen, der körperlichen Schönheit, die sich in der Phantasie des
Beobachtenden manifestieren, ist in ihrer überspielten Schärfe mehr Produkt
eines Schelms als eines passionierten Dichters der Hohen Minne (Vgl.
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Walther von der Vogelweide kann
also durchaus als Revolutionär bezeichnet werden, er betrat mit diesem Lied
neue Wege, öffnete Türen für nachfolgende Dichter und Minnesänger. Er führte
die Politik ein in das inhaltliche Spektrum der Minnelyrik, nun bricht er ein
Tabu, in dem er Unerhörtes, Vertrauliches preisgibt, erotische Begebenheiten
präsentiert. Wie man keck und zugleich unangreifbar die Dame um einen Kuss
angehen kann, ist bezeichnend (vgl. Brunner, S.112).
Literaturverzeichnis:
a)
Textausgaben:
Walther von der Vogelweide: Leich, Lieder, Sangsprüche. 14.,
völlig neubearbeitete Auflage der Ausgabe Karl Lachmanns mit Beiträgen von
Thomas Bein und Horst Brunner. Hrsg. v. Christoph Cormeau. Berlin, New York
1996.
Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters. Edition
der Texte und Kommentare von Ingrid Kasten. Übersetzungen von Margherita Kuhn.
Frankfurt/M. 1995.
Walther von der Vogelweide: Werke. Gesamtausgabe. Band 1:
Spruchlyrik. Band 2: Liedlyrik. Mhd./Nhd. Hrsg., übersetzt und kommentiert von
Günther Schweikle. Stuttgart 1998.
b)
Sekundärliteratur:
Bauschke, Ricarda: Die „Reinmar-Lieder“ Walthers von der
Vogelweide. Literarische Kommunikation als Form der Selbstinszenierung. Hrsg.
von Manfred Scholz. Heidelberg 1999.
Bein, Thomas: Walther von der Vogelweide. Stuttgart 1995.
Brunner, Horst: Walther von der Vogelweide.
Epoche-Werk-Wirkung. München 1996.
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