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Interpretation si wunderwol gemachet wîp Walther von der Vogelweide .doc

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Graz
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Interpretation des Liedes „si wunderwol gemachet wîp“ von Walther von der Vogelweide

vorgelegt von

Huber Sebastian

Inhaltsverzeichnis:

S.3 ..Edition und Überlieferung

S.4 ..Editionsvergleich, Analyse der Überlieferungen

S.6 ..Metrik

S.8 ..Inhalt und Aufbau

S.9 ..Interpretation

S.11 ..Literaturverzeichnis

a)      Edition und Überlieferung

Vergleich der Editionen:

Strophe/ Vers

Lachmann / Cormeau

Lachmann / Kuhn

Kasten

Schweikle

 

 

I, 1

wunderwol

 

wunder wol

wúnder wol

I, 2

ir habedanc

 

ein habedanc

 

I, 4

vil werde in mînen

hôhen sanc

 

vil hôhe in mînen werden sanc

vil hôhe in mînen werden sanc

I, 5

Gern ich in allen dienen sol,

Gern ich in allen dienen sol:

gerne ich allen dienen sol,

gérne ich allen dienen soll,

I, 6

habe

hân

hân

hân

I, 7

die sînen wol,

die sînen wol:

 

 

I, 8

lobe er âne mînen zorn;

lob er âne mînen zorn;

lob er âne mînen zorn.

lob er âne mînen zorn.

I, 9

habe ime wîs und wort

hab ime wîs unde wort

hab im wîs und wort

hab im wîse únde wort

I, 10

lobe

lob

lob

lob

II, 1

wunnenrîch

wünnenrîch

wünnenrîch

wunnen rîch

II, 2

alse

als

als

als

II, 3

solde

 

möhte

möhte

II, 4

doch

ouch

ouch

ouch

II, 7

nâhe

nâhen

 

 

II, 8

möhte

 

mac

 

II, 9

und

 

 

unde

III, 1

vlîz

flîz

flîz

flîz

III, 4

hie roeseloht, dort lilienvar.

hie roeseloht, dort liljenvar.

dâ roeseloht, dâ liljenvar.

dâ roeseloht, dâ lilienvar.

III, 5

obe ichz vor sünden tar gesagen,

ob

ob ichz getar von sünden sagen:

ob íchz getar von sünden sagen:

III, 6

sô saehe ich

sô saehe ichs

ich saehe

ich saehe

III, 7

dan himel

 

danne alle himel

 

III, 9

mache

mach

 

 

III, 10

mins

mîns

mînes

mîns

IV, 3

sô stüent ich ûf ûz dirre nôt

sô stüende

sô stüende ich ûf von dirre nôt

sô stüende ich ûf von dirre nôt

IV, 4

und waere och

unt waere ouch

und waer ouch

und waer ouch

IV, 5

leget

legt

 

 

IV, 6

nâhe

nâhen

 

 

IV, 7

reget

regt

 

 

IV, 8

allez balsame

vollez balsmen

vollez balsemen

volles balsmen

IV, 9

si

 

 

diu guote

IV, 10

so dicke sô sie ez wider wil, sô gib ich ez ir.

swie dicke sô siz wider wil, sô gibe ichz ir.

swie dicke siz hin wider wil, sô gibe ichz ir.

swie dicke siz hin wider wil, sô gibe ichz ir.

V, 3

obe

ob

ob

ob

V, 4

sô waene ich mê

ich waene, ich mê

 

 

V, 5

hêt

hete

hete

hete

V, 6

gerüefet

 

 

Geruofet

V, 6

nacket

 

nackent

náckent

V, 7

mîn

mich

mich

mich

V, 7

swie

swie

V, 8

daz stichet noch, als ez dô stach

daz mich noch sticht als ez dô stach

daz mich noch stichet als ez stach

daz mich noch stichet als ez stach

V, 9

ich lobe die reinen stat,

swann ich der lieben stat

swanne ich der lieben stat

swánne ich der líeben stat

V, 10

dâ diu vil minneclîch ûz einem bade trat.

gedenke, dâ sie reine ûz einem bade trat.

gedenke, dâ si reine ûz einem bade trat.

gedenke, dâ sie reine ûz einem bade trat

Editionsvergleich, Analyse der Überlieferungen:

Die erste Strophe „si wunderwol gemachet wîp“ ist in allen Handschriften an erster Stelle, die Strophe „ir houbet ist sô wunnenrîch“ wird in Handschrift A jedoch als Schlussstrophe eingesetzt, in den Handschriften CDN steht sie jedoch an zweiter Position im Strophenschema. Bei Handschrift A ist es die Zeile „got hât ir wengel hôhen vlîz“, die die zweite Strophe einläutet.

Lachmann / Cormeau orientieren sich an der Reihenfolge der Handschriften D und N, die völlig identisch ist. Bei Handschrift C wandert die Endstrophe aus DN in die Mitte. Durch diese unterschiedlichen Überlieferungen bekommt das Lied neue Nuancen. Die Strophenfolge der Handschrift A ist an ein konventionelleres Publikum gerichtet, nach der Einleitung folgt schon die Beschreibung des Gesichts, darauf folgend die Kussstrophe und schließlich die Badeszene.

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Das in Handschrift C dieser Schlusseffekt bereits in die Mitte gesetzt wird, deutet darauf hin, dass es sich im Werk um keine real erzählte Geschichte mit Pointe handelt, sondern um ein poetisches Konstrukt, ein fiktives Machwerk, den Minnesang als Literatur definierend (vgl. Bauschke, S.122).

Auch die Überlieferungen unterscheiden sich, was völlig neuen Interpretationsspielraum bieten kann. So ist bereits in Strophe I ein Bedeutungsunterschied festzustellen, Lachmann / Cormeau konkretisiert den „habedanc“ (I, 2), legt ihn bewusst auf die Frau um, wohingegen Kasten ganz anders interpretiert, und von allgemeinem Dank spricht. Ein erster größerer Eingriff ist in Strophe I, Zeile 4 zu erkennen.

Lachmann / Cormeau richten sich hierbei nach Handschrift D, wo konkret auf den Liedtyp, den „hohen sanc“ verwiesen wird. Bei Kasten und Schweikle bleibt diese Konkretisierung aus. In Strophe II, Zeile 8 ergibt sich ein anderes Bild. Das Verb „mohte“ insistiert auf den spekulativen Charakter seiner Überlegungen, Lachmann / Cormeau übernehmen diesen Aspekt aus Handschrift A.

Kasten weicht hiervon ab, setzt das Verb „mac“ ein, was auf eine Realisierbarkeit hindeutet (vgl.Bauschke, S.119). In Strophe III, Zeile 1 dominiert bei Kasten und Schweikle der lyrische Gesichtspunkt, die Doppelung von „dâ“ als Parallelismus ist ein lyrisches Stilmittel, dass beide Überlieferungen aus Handschrift D übernehmen.

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Für die Schlussverse gibt es zahlreiche Varianten: So übernimmt Lachmann / Corneau den Schlussvers aus Handschrift A, das Lob der Frau wird auf das Lob des Ortes übertragen, der als „reine“ auftritt. Die Frau selbst ist „minneclîch“.

a)      Metrik

Auf einen für Walther typischen Aufgesang mit 4x4 Hebungen und Kreuzreim folgt der den im Aufbau gleichförmige erste Teil des Abgesangs. Es entsteht eine kunstvolle Gleichförmigkeit, die typisch ist für die Kanzonenstrophe. Zwei metrisch-formal gleich gebaute Stollen werden von zwei unterschiedlich langen Versen abgeschlossen.

Der zweite Teil des Abgesangs wird also gebildet von einem dreihebigen Kurzvers, gefolgt von einem sechshebigen Vers. Die metrische Transkription nach Lachmann / Corneau sieht dann wie folgt aus:

x|Xx|Xx|Xx|X٨| 4 amv

x|Xx|Uux|Xx|X٨| 4 bwkl

x|Xuu|Xx|Xx|X٨| 4 amv

x|Xuu|Xx|Xx|X٨| 4 bmv

x|Xx|Xx|Xx|X٨| 4 cmv

x|Uux|Uux|Xx|X٨| 4 dmv

x|Xx|Xx|Xx|X٨| 4 cmv

x|Xx|Xuu|Xx|X٨| 4 dmv

x|Xuu|Xx|X٨| 3 emv

x|Xx|Xx|Uux|Xx|Uux|X٨| 6 emv

In den anderen Strophen sind zahlreiche Abweichungen zu erkennen:

 

Strophe II:

2: x|Xx|Xx|Xx|X٨|

4: x|Xx|Xx|Xx|X٨|

5: x|Xx|Xx|Xx|Uu٨|

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7: x|Xx|Xx|Xx|Uu٨|

8: x|UUx|Xx|Xx|Uu٨|

10: x|Xx|Xx|Xx|Xuu|Xx|X٨|

Strophe III:

2: x|Xx|Xx|Xx|X٨|

3: x|Xx|Xx|Xx|X٨|

5: x|Xx|Xx|Xx|Uu٨|

6: x|Xx|Xuu|Xx|Uu٨|

7: x|Xx|Xx|Xx|Uu٨|

8: x|Xx|Xx|Xx|X٨|

10: x|Xx|Xx|Xx|Xx|Xx|X٨|

Strophe IV:

3: x|Xx|Xx|Xx|X٨|

4: x|Xx|Xx|Xx|X٨|

5: x|Xx|Xx|Xx|Uu٨|

6: x|Xx|Xx|Xx|X٨|

7: x|Xx|Xx|Xx|Uu٨|

9: x|Xx|Xx|X٨|

Strophe V:

1: x|Xx|Xx|Xuu|X٨|

2: x|Xx|Xx|Xx|X٨|

6: x|Uux|Xx|Xx|X٨|

8: x|Xx|Xx|Xx|X٨|

10: x|Xx|Xx|Xx|Xx|Xx|X٨|

c) Inhalt, Aufbau

Das vorliegende Lied gibt vielerlei zu erkennen, zunächst scheint es sich in die rhetorische Tradition der Schönheitsschreibung einzureihen, die der deskriptiven Bewegung a capite ad calces verpflichtet ist (vgl. Bein, S.57).

Schon die erste Zeile des Liedes „Si wunderwol gemachet wîp“ deutet auf den Inhalt ebendieses hin. Eine Frau soll gepriesen, bewundert und beschrieben werden, ihre Vorzüge herausgestrichen und ihre Qualitäten lobpreist werden. Ihre überwältigende Erscheinung ist Ausgangspunkt und Mittelpunkt des Liedes (vgl.

Sievert, S.76). Die Frau mit all ihren positiven Eigenschaften wird von Strophe zu Strophe lautmalerisch in den Vordergrund gerückt. Der Dichter schlüpft in die Rolle des Beobachters, dem es vergönnt ist eine Frau in all ihrer Schönheit beim Baden zu erblicken, ein Ereignis jenes er verarbeitet zu einem Preislied über die Ertappte.

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Der Begriff „lîp“ (I3) wird hier bewusst eingesetzt, er kann sowohl auf ihre Gestalt an sich hindeuten, aber auch als konkrete Beschreibung ihres Körpers gedeutet werden (vgl. Bauschke, S.122). Im weiteren Verlauf grenzt sich der werbende Spruchdichter von Rivalen bzw. Kollegen ab, „ein ander“ (I7) möge sich doch eigener Vorbilder bedienen.

Er selbst wird weiter diese eine loben, nennt hier also den Grund zur Entstehung des Liedes, eine Hymne über diese eine Frau, getragen von der emotionalen Nähe des Dichters zu seinem Objekt. (vgl. Bauschke, S.122).

In Strophe II fährt er nun fort, die Frau zu beschreiben, beginnend mit ihrem Haupt. Er benutzt hier zahlreiche Metaphern und Bilder, die die Unübertrefflichkeit der zu Preisenden darstellen soll. Er tut dies mit Hilfe eines hyberbolischen Himmelsvergleichs (vgl. Bauschke, S.124).

Diese Vielzahl „himmlischer Vergleiche“ ist für Walther sehr ungewöhnlich (vgl. Sievert, S.77). Ihr Haupt ist so „wunnenrîch“ (II, 1), so schön anzusehen, ist des Dichters Himmel, ihre Augen die Sterne an seinem Firmament. Die Ganzheit des Bildes der Frau als wunderschöne Nymphe wird in den Einzelheiten konkretisiert.


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