Ideologie
& Utopie:
der
Essay bei Musil & Adorno
1. Einleitung
Ziel dieser Arbeit ist es, den Essaybegriff von
Theodor W. Adorno mit Selbigem von Robert Musil zu vergleichen. Ansatzpunkte
sollen dabei Adornos Essay als Form, welcher als Prolog dem Noten zur
Literatur welcher im Jahr 1958 erschien, vorangestellt ist, sowie das 62.
Kapitel in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften, welches den klangvollen Titel
Auch die Erde, namentlich aber Ulrich, huldigt der Utopie des Essayismus
trägt, dienen.
Zu Beginn möchte ich den Essay, dessen Geschichte,
ferner Ahnherren kurz darstellen um im Weiteren die Grundbegriffe des
Adornoschen und Musilschen Essaybegriffs zu erarbeiten, sowie deren Einflüsse
aufzuzeigen, um in weiterer Folge die Gemeinsamkeiten beider Essay(Auffassungen)
herauszustellen.
2. begriffliche
Verortung
Das Wort Essay, welches in seiner frühen
Konzeption essai (französisch) verwendet wurde kommt vom lateinischen Wort
Vokabel exagium was den Bedeutungen wägen, Gewicht sowie Gewichtsmaß zuzuordnen
ist. (vgl. Haas 1969: S.1).
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3. Geschichtliches
Erst durch Montaigne und Bacon wird Essay zum
literarischen Wort, da beide den Begriff als Titel über kurze Texte setzten,
die die Probleme und Aspekte des menschlichen Lebens, in einer sprachlich
qualifizierten, nicht wissenschaftlichen, jedoch argumentierenden Form,
behandelten. Somit können selbige Autoren als die ersten bekannten Essayisten
bezeichnet werden, die der Gattung zu Nimbus verhalfen.
Der Franzose Michel de Montaigne, welcher 1580
seine Essais, sowie der Engländer Francis Bacon, der 1597 Essays
veröffentlichte, sind die parallelen Gründerväter des Essayismus, was zu einer
vergleichbaren, jedoch in Praxis und Zielsetzung, eigenständigen Entwicklung in
beiden Nationen führte. (vgl. Haas 1969: S. 4ff)
Zentrale Kennzeichen des Essays sind bereits in
Montaignes Verständnis von Selbigem auffindbar, so sieht Montaigne
Subjektivität, sowie fragmentarische Elemente, welche den Leser zu assoziativen
Reflexionen verleiten, bereits als wichtige Kriterien seiner Essais, wohingegen
Bacon seine Essays mit wissenschaftlichen Kenntnissen bestückt.
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3.2. moderner Essay
Noch heute (jedoch erweitert) wird der Essay unter
dem Synonym Versuch, oder Möglichkeitserwägung gehandelt, als eine literarische
Möglichkeit die geistige Überlieferung einer Kultur und das Wissen einer Zeit
immer wieder zur Diskussion zu stellen und auf ihren Lebenswert für Gegenwart
und Zukunft zu befragen [
] um damit Anschauungs- und Lebenskrisen zu
artikulieren [und durch das Aufzeigen von] möglichen Positionen zu [deren]
Klärung beizutragen. (ebd: S.23)
Im 20. Jahrhundert wurde der Essay nun in eine dem
Roman integrierte Form transformiert, mit welchem Selbiger Wissen und Fragen zu
klären sucht. Prägnantestes Beispiel für die Kombination beider im Sinne der
essayistischen Durchdringung des Romans ist Robert Musils Mann ohne Eigenschaften
in welchem Selbiger die Ausweitung und Tragweite des Begriffs bekräftigt indem
er einsieht dass die Übersetzung des Wortes Essay als Versuch, wie sie gegeben
worden ist, nur die ungenaueste Anspielung auf das literarische Vorbild enthält
.
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dass der Essay weder in der Wissenschaft, noch in der Kunst lokalisiert werden kann,
und eine ambivalente Stellung zwischen beiden Disziplinen einnimmt, teilen
beide Autoren mit Max Bense, welcher die Grenze zwischen Kunst und Wissenschaft,
im Essay durch Neutralisierung aufgehoben und zu einer gemeinsamen Form
verschmolzen sieht (vgl. Bense: 1952: S.33) Musil führt das ambivalente Dasein
erstens an, indem er die Frage stellt:
Ein Mann der die Wahrheit will, wird Gelehrter;
ein Mann der seine Subjektivität spielen lassen will, wird vielleicht
Schriftsteller; was aber soll ein Mann tun, der etwas will was dazwischen
liegt? (Musil: MoE: S.254) Musils Antwort wäre wohl, er solle Essayist werden.
Zweitens könne er wohl beiden Geistesverfassungen, die einander [
] bekämpfen,
[..] die nebeneinander bestehen ohne ein Wort zu wechseln gerecht werden,
begnügt sich [doch] die eine damit genau zu sein und sich an die Tatsachen zu
halten, leitet die andere ihre Erkenntnisse von den sogenannten großen, und
ewigen Wahrheiten her.
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Adorno zeigt die Zweiseitigkeit des Essays in
seiner Einsicht, Selbiger sei ein Mischprodukt zwischen beiden, und noch nicht
selbständig geworden (vgl. Adorno: 1958: S.9) ferner mit der Proklamation, dass
sich der Essay sein Ressort der wissenschaftlichen Leistung bzw. der Kunst,
nicht vorschreiben lasse. (vgl. ebd. S. 10) Hingegen können doch beide Autoren
einen Hang zum jeweils einen nicht bestreiten, wobei Musil eher dem
dichterischen Essayismus, was durch Musils Einsicht
Ich bin kein Philosoph, ich bin nicht einmal
Essayist, sondern ich bin ein Dichter (MoE: S.665) deduziert werden kann. Adorno
jedoch kann mehr den Essayisten die auf der Basis der Wissenschaft
argumentieren, zugerechnet werden. In ihrer Zielsetzung, dem Erkenntnisgewinn,
welche durch das Einkreisen der wahrscheinlichen, und somit in der Negation der
absoluten Wahrheit, sowie durch logischen Schluss, jedoch widerkehrende Öffnung
der Ergebnisse, erreicht werden soll, identifizieren beide analog. (vgl. Haas:
1969: S.33)
4. Theodor
W. Adorno
Adorno, welcher mit dem Essay der Essay als Form
einen Essay über den Essay schreibt, in welchem er durch übertriebene
Einhaltung der Formalia, sowie einer sorgfältigen Beschreibung der
Wesensmerkmale die Gattung erarbeitet, was zu einer analytischen Beschreibung führt,
welche er seinen Noten zur Literatur, einer Essaysammlung, voranstellt. (vgl.
ebd. S.39)
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