III Zivilisation und Gewalt: Über das Staatsmonopol der körperlichen Gewalt und seine Durchbrechungen · I. · Zivilisation: niemals beendet und immer gefährdet · gefährdet: Sicherung zivilisierten S
Das muss nicht so sein, wenn die Rollendistanz
auf eine Art und Weise erfolgt, die eine Neugestaltung der Situation, Fassaden
und Zuschauer zulässt. Der Darsteller muss die anderen Rollen, die er noch in
seinem Programm hat, durchschimmern lassen (was nach Abels sowieso nicht
verhindert werden kann).
Er übt sie erst dann aus und lässt sie erst dann
sichtbar werden, wenn ihm der Zeitpunkt geeignet erscheint. Dramatische
Darstellungen zeigen immer nur einen kleinen Teil aus einem größeren Spektrum
der Wirklichkeit und man spielt immer nur einen Teil der Rollen aus seinem
Repertoire. Der Darsteller verwahrt sich stets ein Stück vor der Vereinnahmung
durch die Ansprüche an seine Rolle, was seinem Publikum jedoch nicht unbedingt
bewusst sein muss.
Er kann verbale „Anzeiger“ als Appell aussenden, nicht alle
Hinweise in der Situation zu seiner Selbstdefinition auch als solche zu nehmen.
Bei Rollendistanz wird die Verbindung zwischen dem Subjekt und seiner
vermuteten Rolle aufgehoben, sie werden sozusagen entkoppelt.
Unwahre Darstellungen
Das Publikum wittert mitunter den
Grad des Wahrheitsgehaltes einer Darstellung. Bei unwahren Darstellungen ist
das Publikum unterschiedlich strikt, je nach dem, was es verzeihlich findet
oder nicht, wenn die unechte Darbietung nicht sogar seine Zustimmung erhält.
Das ist der Blick aus der Warte des Empfängerkreises.
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Zwischen den beiden
Polen der Wahrheit und der Lüge existiert ein weiter Bereich. Es besteht ein
gewisser Spielraum im sprachlichen Austausch, sich nicht genau festzulegen, so
dass man keiner direkten Lüge bezichtigt werden kann. Etwas wird nur
angedeutet, etwas bleibt bewusst zweideutig, man lässt Dinge aus, man gebraucht
irreführende Reihenfolgen.
Ein »falscher Eindruck« birgt die Gefahr des
Verlustes der Glaubwürdigkeit oder einer inneren ängstlichen Verspannung,
solange die Vorstellung andauert.
Mystifikation
Wenn ein ganz bestimmter Eindruck
erzeugt werden soll, ist die Mystifikation ein bewährtes Mittel. Dazu
ist es notwendig, einen zwischenmenschlichen Abstand zu erzeugen. Distanz
verhindert Nähe und aus der Ferne kann nicht mehr so genau hingeschaut werden.
Genauso wirksam ist es, sich geheimnisvoll zu geben, nebelhafte Anspielungen zu
machen und vage zu bleiben.
Das alles dient dazu, den Eindruck zu erwecken,
etwas Besonderes zu sein.
Dichtung und Wahrheit
Bei der letzten Technik, die Abels
vorstellt, geht es darum, die Bereitwilligkeit des Publikums, an die Echtheit
der Darstellung zu glauben, zu fördern. Je ursprünglicher und unwillkürlicher
ein Verhalten wirkt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Publikum
es als echt annimmt.
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Das bezeichnet Abels als
»Dilemma von Betrug und Moral«. Das Dilemma glaubt Abels jedoch dadurch
aufgelöst, dass es nicht das Entscheidende ist, was realer ist: die
konstruierte Wirklichkeit oder die Wirklichkeit, die der Darsteller zu
verbergen versucht. Ausschlaggebend ist vielmehr, dass das, was Menschen als real
wahrnehmen, zu realen Auswirkungen führt.
Darstellung der Normalität, Darstellung der Einzigartigkeit
heißt Abels letzter Abschnitt zu Goffman. Die Individuen beschirmen ihre
Identität vor Gefahren. Sie vermeiden Beachtung, um nicht zu sehr aus der Menge
herauszuragen, weil dass dazu führen könnte, dass jemand ihre Grenzen
überschreitet und sie suchen Beachtung, um nicht in der Anonymität zu
verschwinden.
Damit bewegen sie sich zwischen den Polen von Distanz und Nähe,
die sie jeweilig herstellen müssen und sie stehen in dem gegensätzlichen
Anspruch, gleichzeitig einzigartig und doch genauso wie alle anderen zu sein.
Es ist dem Subjekt ein Bedürfnis, wie
alle und doch wie keiner zu sein, jedoch fühlt es sich an beiden Extrempunkten
der Pole nicht wohl. Es muss daher versuchen, sich stets in einem Bereich zu
halten, der dazwischen liegt.
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Die Subjekte spielen vor- und
füreinander, um sich gegen die Zumutungen der Gesellschaft zu schützen. Die
Schutzwaffen, die sie gebrauchen, widersprechen den allgemeinen Anstandsnormen.
Und der Gedanke, dass die Wirklichkeit vielleicht gar nicht wirklich ist, ist
möglicherweise zu schmerzlich, um ihn zuzulassen.
Doch alles dient letztendlich
dazu, Erwartungssicherheit zu schaffen. Einige Menschen haben erkannt, wie der
gesellschaftliche Hase läuft, andere nicht. Goffmans Soziologie bietet die
Chance, das gesellschaftliche System zu durchschauen, sich damit
auseinanderzusetzen und gegen die gesellschaftlichen Ansprüche aufzubegehren.
Abels zitiert Goffman mit den Worten, die Menschen würden sehr tief schlafen
und er, Goffman, wolle die Menschen dabei beobachten.
Abels Beitrag endet mit
der Frage: Wie kann man sorglos weiterschlafen, nachdem man darum weiß?
Abels beschreibt das
Menschenbild, das Goffman unterstellt wird. Abels ist der Auffassung, dass
Goffman falsch wahrgenommen wird und er will das Bild von Goffman berichtigen.
Es ist Abels gelungen, glaubwürdig zu versichern, dass Goffman von dem Gedanken
angetrieben wurde, dass der Mensch aus einem Selbsterhaltungstrieb heraus
handelt und dass die ganzen Schlichen, denen er sich bedient, hieraus
resultieren.
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Man fällt - vielleicht - nur nicht mehr darauf herein und damit hat
Abels den Individuen ein weiteres Schutzmittel in die Hand gegeben.
Abels, Heinz:
Interaktion, Identität, Präsentation. Kleine Einführung in
interpretative Theorien der Soziologie. Opladen: Westdeutscher Verlag 1998.
Goffman, Erving: Wir alle
spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München, Zürich: Piper
2006 (4. Auflage,
1. Auflage 1983: The Presentation of Self in Everyday Life. New York 1959)