Werner Jank und Hilbert Meyer
Handlungsorientierter
Unterricht – Programm und Anwendungsmöglichkeiten
- Arbeitsdefinition und Merkmale
Handlungsorientierter Unterricht = ganzheitlicher und
schüleraktiver Unterricht, in dem die zwischen Lehrer und Ss vereinbarten
Handlungsprodukte die Gestaltung des Unterrichts leiten, sodass Kopf- und
Handarbeit der Ss in ein ausgewogenes Verhältnis zueinander gebracht werden
können.
Erziehungswissenschaftliche Diskussion:
-
seit 50 Jahren inflationärer Gebrauch des Begriffs „Handeln“
-
nahezu alle unterrichtlichen Prozesse = „Handlungen“ (Sprach-,
Schreibhandlungen...)
-
à Forderung nach
„Handlungsorientierung“ unverständlich
à Unterscheidung:
a) Deskriptiv-analytisches Begriffsverständnis:
= jedes bewusst gesteuerte und zielgerichtete Tun (+Absicht
beim Subjekt)
b) Handeln im präskriptivem Sinn
= politisch und pädagogisch gewünschte und verantwortbare
Praxis unterrichtlichen Handelns
5 Merkmale handlungsorientierten Unterrichts
- Interessenorientierung
-
subjektive Schülerinteressen als Ausgangspunkt des HoU
-
Gelegenheit, durch handelnden Umgang mit neuen Problemen und Themen sich
der eigenen Interessen bewusst zu werden + reflektieren + weiterentwickeln
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-
Achtung: Selbsttätigkeit ist kein Wert an sich: Freigabe der Schüler
muss in gezielten Aufbau von Handlungskompetenz eingebettet sein
- Verknüpfung von Kopf- und Handarbeit
-
Kopf- (alle geistigen, sprachlich artikulierten und mentalen Prozesse)
und Handarbeit (alle mit Hilfe des Körpers ausgeführten materiellen Handlungen)
in ausgewogenes Verhältnis bringen
-
Prämisse: es gibt eine dynamische Wechselwirkung zwischen Kopf- und Handarbeit
-
Analytisch betrachtet: KA und HA IMMER verknüpft
-
à Forderung nach
Ausgewogenheit meint: eine normative Kritik an hierarchisierender Über- und
Unterordnung (in Europa hat Hierarchisierung lange Tradition, lässt sich nicht
einfach außer Kraft setzen, deshalb:)
-
schrittweise eine Unterrichts- und Lernkultur entwickeln, in der
materielle Tätigkeiten nicht nur „Prothese“ geistiger Arbeit, sondern als
Ausdruck menschlicher Entwicklung betrachtet werden
- Einüben solidarischen Handelns
Unterscheidung dreier Handlungsformen:
- Sprachliche Verständigung:
-
Form kommunikativen Handelns
-
Alle am L-L-Prozess beteiligten Personen verständigen sich über Wege zur
Aufgabenlösung
-
Umfasst Analyse von Problemlagen, Argumentieren, Kritisieren etc.
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-
Maßstäbe der Arbeit ergeben sich aus der Sache selbst
- Solidarisches Handeln:
-
„ausgelöste“ Handlungsform
-
dort wo sprachliche Verständigung und zielgerichtete Arbeit gut
aufeinander abgestimmt sind
-
am gemeinsamen Nutzen orientiert
-
grundsätzlich auf koop. Lernformen angewiesen
- Produktorientierung
-
L und S verständigen sich über Handlungsprodukte
-
= veröffentlichungsfähige materielle, szenische und sprachliche
Ergebnisse der U-Arbeit
-
Identifizierung der S
-
Auswertung und Kritik der U-Arbeit
-
Entweder inszeniert (Rollenspiel, Standbild, Musik...) oder hergestellt
(Wandplakat, Klassenzeitung, Collage...)
-
Mögliche Ausweitung zu größeren oder kleineren Projekten und Vorhaben
(Aufführung, Ausstellung, Exkursion...)
- Historisches Umfeld
Vgl. S. 208
- Theoretische Begründungen
- Die entwicklungstheoretische Begründung
-
seit Piaget: Handeln von Kindern im Umgang mit der Umwelt ist
grundlegende Voraussetzung dafür, dass die Entwicklung des Einzelnen in Gang
kommt und bleibt
-
besonders bei Entwicklung zur Fähigkeit kognitiver Operationen als
Grundlage des Denkens und der Intelligenz
-
Operation = eine abstrakte Handlung; = innerlich vorgestellte Handlung,
bei dem Handelnden die zugrunde liegende Struktur klar ist
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- Lerntheoretische Begründung
-
der Mensch eignet sich seine Welt mit dem aktiven Umgang mit ihr an und
formt auf dieser Basis mentale Repräsentationen aus
- Sozialisationstheoretische Begründung
-
Grundlegende Änderung der Sozialisationsbedingungen in den letzten 30
Jahren
-
Wichtigste Aspekte der Änderung:
o
Wandel der Schulkultur
o
Mediatisierung der Erfahrung
o
Reduktion der Möglichkeiten zu sinnerfüllter,
selbstverantworteter „Eigentätigkeit“
o
Differenz zwischen Erfahrungswelten zwischen Jugendlichen und
Erwachsenen
o
Verplanung und Pädagogisierung der Freizeit
o
Sozialisation durch kultur-industriell gefertigte Massenkultur
o
Familienstrukturwandel
o
Verlängerung des Jugendalters
-
Trend zur „Erlebnisgesllschaft“ gegenüber schwindender selbstbestimmter,
eigenaktiver Erfahrungen
-
Aber: keine echte Alternative dazu, Erlebnisse werden nicht zu
Erfahrungen verdichtet
-
Schule: Kompensation!
Schüler-Nebentätigkeiten im Unterricht
-
Reaktion der Ss auf „verkopften“ Unterricht: produktive und unproduktive
Nebentätigkeiten der Ss
-
à Analyse: was fehlt Schülern
im alltäglichen Schulbetrieb?
o
Nebentätigkeiten sind sinnlich-ganzheitlich strukturiert
o
Gefühls-, körperbezogen
o
Selbsttätigkeit, Kooperation
-
à Lösung: Veränderung des
Unterrichtskonzeptes
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-
Bildung nicht zu gewinnen durch Begrenzung auf theoretische Vernunft,
nur entfaltbar im Ensemble aller drei Rationalitäten: theoretisch, praktisch,
ästhetisch
-
Allseitigkeit der Bildung
-
Grundstruktur des Erfahrungsprozesses:
o
Erfahrungen als Ergebnis von Handlungen, zugleich auf zukünftige
Handlungen gerichtet
o
Handeln und Erfahren bilden einen Zirkel, in dem Handlungen und
Erfahrungen immer wieder auf einem neuen Niveau miteinander vermittelt und
integriert werden à Lernspirale
-
„Vernünftige Selbstbestimmung“ nicht allein durch theoretisches
Überlegen, sondern durch konkrete Erfahrungen zielgerichteten, solidarischen
Handelns an gemeinsam vereinbarten Handlungsprodukten
- Planungsraster
- Gestaltung des Einstiegs
-
Orientierungsrahmen für Themenstellung
-
Schüler- oder lehreraktiv
-
Einsetzen des gesamten Methodenrepertoires durch den L
o
Vorspielen, singen, dramatisieren, experimentieren...
-
Ss die Möglichkeit geben, handelnd mit U-Einheit umzugehen: spielen,
planen, modellieren...
- Verständigung über das angestrebte Handlungsprodukt
-
Arbeitsbündnis zwischen Ss und L
-
Verständigung: was soll zu lösende Handlungsaufgabe sein?; Welches
Handlungsprodukt am Ende?
-
Verbindliches Festhalten des Absprachen (Protokoll)
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