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Günter Kunert - Der verlorene Enkel .doc

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Faculty
Human Science
Discipline
German
Document category
Miscellaneous
University, School
Bad Friedrichshall
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2008
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Interpretation: Günter Kunert: Der verlorene Enkel

Basissatz:

Die Parabel „Der verlorene Enkel“ von Günter Kunert handelt von den Folgen von unterschiedlichen Lebensauffassungen zwischen den Generationen.

Inhaltsskizze:

Von einem bäuerlichen Eltern- und Großelternpaar wird die Rückkehr des Sohnes, bzw. Enkels intensiv erwartet. Obwohl die alltäglichen Arbeiten routinemäßig verrichtet werden, ist die Aufmerksamkeit der Daheimgebliebenen allein darauf ausgerichtet, irgendwelche Anzeichen zu erspähen, die die reumütige Rückkunft des Ausreißers ankündigen.

Das jahrelange Warten hat weder das Spähen noch das Fantasieren, welche Strafmaßnahmen sie dem nie zurückkehrenden Sohn, bzw. Enkel angedeihen lassen werden, merklich abgeschwächt.

1.)    Hauptteil:

Der Titel der Parabel - in Anlehnung an das biblische Gleichnis „Der verlorene Sohn“ - lässt darauf schließen, dass es sich um eine Variante des Heimkehrermotivs handelt.

Das ist in der Tat der Fall, wobei ausschließlich von dem Standpunkt der Daheimgebliebenen aus berichtet wird. Diese werden nicht als einzelne Individuen charakterisiert, sondern mit dem Personalpronomen „sie“ (Z. 19 ) anonym gehalten und als eine Gruppe zusammengefasst, was durch die Synekdoche „acht Augen“ (Z. 2) noch unterstrichen wird.

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Der Text gliedert sich auffallend in zwei Abschnitte. Der erste Abschnitt charakterisiert die Erwartung und zwar in doppelter Hinsicht. Zum einen wird die Art des Wartens besonders ausführlich dargestellt, zum andern wird die fantasierte Szene theatralisch heraufbeschworen, in welchem Zustand der junge Mann heimkehren wird.

Überraschend an dem Warten ist, dass die Angehörigen dies mit einer übertriebenen, fast bedrohlichen Intensität tun, indem sie angestrengt spähen, was durch die bereits erwähnte Synekdoche, die vier Personen bestehen nur aus „acht Augen“ (Z. 2), oder die Charakterisierung des Sohnes als „menschliches Periskop“(Z. 10) zum Ausdruck kommt.

Auch der Gehörsinn ist geschärft, lauscht (vgl. Z. 6)doch der Vater dem leisesten „Trittgeräusch“ (Z. 7) hinterher, wie wenn er einen Eindringling oder Einbrecher ertappen wollte. Dabei geht es um den „Moment“ der Genugtuung, wenn, wie sie es fantasieren, der Sohn, bzw. Enkel reumütig heimkehrt, weil er erkannt hat, dass nur der heimatliche Hof und die Familie das einzig lebenswerte Umfeld für ihn sind. Übertrieben und ironisch wirkt die wie eine kitschige Filmszene entworfene Rückkehr des Sohnes, bzw.

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Auch im zweiten Abschnitt der Parabel werden die Fantasien der Angehörigen ausgeleuchtet, die sich diesmal auf ihre Reaktionen auf eine eventuell erfolgte Heimkehr beziehen. Überraschend dabei ist, dass sie nicht freudig, sondern missgünstig und sanktionierend reagieren, denn man muss „ein Exempel(..) statuieren“(Z. 17f).

Die Strafen sind zunächst übertrieben hoch, werden dann aber langsam gemildert, um dann doch wieder erhöht zu werden. Durch die dreifache Wortwiederholung im ersten Satz des zweiten Abschnitts („Worte um Worte“), „Abend um Abend“ , „bunter und bunter“ (Vgl. Z. 16f))), der nach dem Doppelpunkt in dem „seit Jahren“ (Z. 17)gipfelt, wird deutlich, dass sich die Gedanken der Angehörigen gebetsmühlenartig um nichts anderes drehen, als darum, wie sie ihren Groll an dem Heimkehrenden auslassen können.

Das Vergehen des Sohnes, bzw. Enkels besteht darin, dass er „weglaufen wollte“(Z. 20), dass er seine Rolle im Rahmen der Großfamilie nicht einnehmen wollte (vgl. Z. 21f) und sich mit den Verhältnissen „zwischen Schweinen und Ziegen“ (Z. 22) zu leben nicht arrangieren konnte. Das Unverständnis der Angehörigen zeigt sich darin, dass sie seine Motive als Trotzreaktion abstempeln oder ihm „andere(..) niedrige(..) Bewegründe“ (Z. 23) unterstellen.

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Z. 12 ff.; Z. 17-25).

Der erste Teil des ersten Abschnitts (Z. 1 – 11) und der erste Satz des zweiten Abschnitts sind im auktorialen Erzählstil gehalten, in dem der Überblick über die Jahre und deren Wiederholungscharakter deutlich wird, was übrigens noch durch das historische Präsens unterstrichen wird. Ebenfalls im auktorialen Erzählstil steht der Schlusskommentar, der bescheinigt, dass „kein verlorener Enkel“(Z. 26) je zurückkehren wird, was anhand der Kettenmetapher (vgl. 27f) veranschaulicht und begründet wird.

2. Haupteil:

Vergleicht man diese Parabel mit dem Gleichnis „Der verlorene Sohn“, so scheint sie sich modellhaft daran anzulehnen, jedoch aus der Perspektive der Daheimgebliebenen betrachtet. Wie im Gleichnis wird der In- die- Fremde – Gezogene erwartet und wie im Gleichnis wird er als heruntergekommen und abgehärmt fantasiert, der die heimatliche Erde schließlich als Glücksverheißung ansieht.

Dieser Fährte folgt der Leser, wenn auch etwas befremdet durch die etwas bedrohliche Atmosphäre, die durch das allgegenwärtige Spähen heraufbeschworen wird. Doch spätestens im zweiten Abschnitt findet die Ernüchterung und die Abweichung statt. Anstelle von freundlicher und alles vergebender Gesinnung begegnet man hier der missgünstigen Haltung der Familienmitglieder, die aus ihrem Groll heraus den Heimkehrer mit harten Strafen bedenken würden.

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Es ist naheliegend, die Sachebene der Parabel als Generationenkonflikt zu deuten, da ja bereits der Titel durch die Nennung des Begriffs „Enkel“ mindestens drei Generationen evoziert. Dass „verloren“ - gerade in Hinblick auf die Haltung der Familie – auch im Sinne von „schwarzem Schaf“ gedeutet werden kann, verweist auf das Konflikthafte zwischen den Generationen.

Doch woher könnte das Motiv für den Groll, den die Familienmitglieder dem Enkel/ dem Sohn gegenüber hegen, sein?

Zunächst scheint es die Tatsache zu sein, dass er ohne ersichtlichen und nachvollziehbaren Grund, einfach „aus purem Trotz und anderen niedrigen Beweggründen“ (Z. 22f), den Hof verlassen hat. Während für die Angehörigen das Leben auf dem Hof, die Gleichförmigkeit der Arbeit und die Weitergabe der Traditionen von Generation zu Generation Sicherheit und Selbstbestätigung bedeutet – um die Metapher aufzugreifen, wäre das für sie „das melodiöse Klirren“ (Z. 27)der Ketten - , können sie nicht im geringsten nachvollziehen, dass jemand andere Ambitionen und Lebensentwürfe haben könnte. Zwar spielt das Schauen und Ausschauhalten bei ihnen eine große Rolle, doch ist es kein offenes, sondern ein einengendes, einfangendes Schauen, das eifersüchtig die eigenen engen Grenzen bewacht. Wenn er wieder unter ihre Augen käme und sie „seiner habhaft geworden“ (Z. 26) wären, dann wäre der Status quo wieder hergestellt, denn „darauf richtet sich alles Interesse und alles Mühen“(Z. 25).


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