Interpretation: Günter Kunert: Der verlorene Enkel
Basissatz:
Die Parabel „Der verlorene Enkel“ von Günter Kunert handelt
von den Folgen von unterschiedlichen Lebensauffassungen zwischen den
Generationen.
Inhaltsskizze:
Von einem bäuerlichen Eltern- und Großelternpaar wird die
Rückkehr des Sohnes, bzw. Enkels intensiv erwartet. Obwohl die alltäglichen
Arbeiten routinemäßig verrichtet werden, ist die Aufmerksamkeit der
Daheimgebliebenen allein darauf ausgerichtet, irgendwelche Anzeichen zu erspähen,
die die reumütige Rückkunft des Ausreißers ankündigen. Das jahrelange Warten hat
weder das Spähen noch das Fantasieren, welche Strafmaßnahmen sie dem nie
zurückkehrenden Sohn, bzw. Enkel angedeihen lassen werden, merklich
abgeschwächt.
1.) Hauptteil:
Der Titel der Parabel - in Anlehnung an das biblische
Gleichnis „Der verlorene Sohn“ - lässt darauf schließen, dass es sich um eine
Variante des Heimkehrermotivs handelt.
Das ist in der Tat der Fall, wobei ausschließlich von dem
Standpunkt der Daheimgebliebenen aus berichtet wird. Diese werden nicht als
einzelne Individuen charakterisiert, sondern mit dem Personalpronomen „sie“ (Z.
19 ) anonym gehalten und als eine Gruppe zusammengefasst, was durch die
Synekdoche „acht Augen“ (Z. 2) noch unterstrichen wird.
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Der Text gliedert sich auffallend in zwei Abschnitte. Der
erste Abschnitt charakterisiert die Erwartung und zwar in doppelter Hinsicht.
Zum einen wird die Art des Wartens besonders ausführlich dargestellt, zum
andern wird die fantasierte Szene theatralisch heraufbeschworen, in welchem
Zustand der junge Mann heimkehren wird.
Überraschend an dem Warten ist, dass die Angehörigen dies
mit einer übertriebenen, fast bedrohlichen Intensität tun, indem sie angestrengt
spähen, was durch die bereits erwähnte Synekdoche, die vier Personen bestehen
nur aus „acht Augen“ (Z. 2), oder die Charakterisierung des Sohnes als
„menschliches Periskop“(Z. 10) zum Ausdruck kommt. Auch der Gehörsinn ist
geschärft, lauscht (vgl. Z. 6)doch der Vater dem leisesten „Trittgeräusch“ (Z.
7) hinterher, wie wenn er einen Eindringling oder Einbrecher ertappen wollte.
Dabei geht es um den „Moment“ der Genugtuung, wenn, wie sie es fantasieren, der
Sohn, bzw. Enkel reumütig heimkehrt, weil er erkannt hat, dass nur der
heimatliche Hof und die Familie das einzig lebenswerte Umfeld für ihn sind. Übertrieben
und ironisch wirkt die wie eine kitschige Filmszene entworfene Rückkehr des
Sohnes, bzw.
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Auch im zweiten Abschnitt der Parabel werden die Fantasien der
Angehörigen ausgeleuchtet, die sich diesmal auf ihre Reaktionen auf eine
eventuell erfolgte Heimkehr beziehen. Überraschend dabei ist, dass sie nicht
freudig, sondern missgünstig und sanktionierend reagieren, denn man muss „ein
Exempel(..) statuieren“(Z. 17f). Die Strafen sind zunächst übertrieben hoch,
werden dann aber langsam gemildert, um dann doch wieder erhöht zu werden. Durch
die dreifache Wortwiederholung im ersten Satz des zweiten Abschnitts („Worte um
Worte“), „Abend um Abend“ , „bunter und bunter“ (Vgl. Z. 16f))), der nach dem
Doppelpunkt in dem „seit Jahren“ (Z. 17)gipfelt, wird deutlich, dass sich die
Gedanken der Angehörigen gebetsmühlenartig um nichts anderes drehen, als darum,
wie sie ihren Groll an dem Heimkehrenden auslassen können. Das Vergehen des
Sohnes, bzw. Enkels besteht darin, dass er „weglaufen wollte“(Z. 20), dass er
seine Rolle im Rahmen der Großfamilie nicht einnehmen wollte (vgl. Z. 21f) und
sich mit den Verhältnissen „zwischen Schweinen und Ziegen“ (Z. 22) zu leben
nicht arrangieren konnte. Das Unverständnis der Angehörigen zeigt sich darin,
dass sie seine Motive als Trotzreaktion abstempeln oder ihm „andere(..)
niedrige(..) Bewegründe“ (Z. 23) unterstellen.
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Der erste Teil des ersten Abschnitts (Z. 1 – 11) und der
erste Satz des zweiten Abschnitts sind im auktorialen Erzählstil gehalten, in
dem der Überblick über die Jahre und deren Wiederholungscharakter deutlich wird,
was übrigens noch durch das historische Präsens unterstrichen wird. Ebenfalls
im auktorialen Erzählstil steht der Schlusskommentar, der bescheinigt, dass
„kein verlorener Enkel“(Z. 26) je zurückkehren wird, was anhand der
Kettenmetapher (vgl. 27f) veranschaulicht und begründet wird.
2. Haupteil:
Vergleicht man diese Parabel mit dem Gleichnis „Der
verlorene Sohn“, so scheint sie sich modellhaft daran anzulehnen, jedoch aus
der Perspektive der Daheimgebliebenen betrachtet. Wie im Gleichnis wird der In-
die- Fremde – Gezogene erwartet und wie im Gleichnis wird er als
heruntergekommen und abgehärmt fantasiert, der die heimatliche Erde schließlich
als Glücksverheißung ansieht. Dieser Fährte folgt der Leser, wenn auch etwas
befremdet durch die etwas bedrohliche Atmosphäre, die durch das allgegenwärtige
Spähen heraufbeschworen wird. Doch spätestens im zweiten Abschnitt findet die
Ernüchterung und die Abweichung statt. Anstelle von freundlicher und alles
vergebender Gesinnung begegnet man hier der missgünstigen Haltung der
Familienmitglieder, die aus ihrem Groll heraus den Heimkehrer mit harten
Strafen bedenken würden.
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Es ist naheliegend, die Sachebene der Parabel als
Generationenkonflikt zu deuten, da ja bereits der Titel durch die Nennung des
Begriffs „Enkel“ mindestens drei Generationen evoziert. Dass „verloren“ -
gerade in Hinblick auf die Haltung der Familie – auch im Sinne von „schwarzem
Schaf“ gedeutet werden kann, verweist auf das Konflikthafte zwischen den
Generationen. Doch woher könnte das Motiv für den Groll, den die
Familienmitglieder dem Enkel/ dem Sohn gegenüber hegen, sein?
Zunächst scheint es die Tatsache zu sein, dass er ohne
ersichtlichen und nachvollziehbaren Grund, einfach „aus purem Trotz und anderen
niedrigen Beweggründen“ (Z. 22f), den Hof verlassen hat. Während für die
Angehörigen das Leben auf dem Hof, die Gleichförmigkeit der Arbeit und die
Weitergabe der Traditionen von Generation zu Generation Sicherheit und
Selbstbestätigung bedeutet – um die Metapher aufzugreifen, wäre das für sie
„das melodiöse Klirren“ (Z. 27)der Ketten - , können sie nicht im geringsten
nachvollziehen, dass jemand andere Ambitionen und Lebensentwürfe haben könnte.
Zwar spielt das Schauen und Ausschauhalten bei ihnen eine große Rolle, doch ist
es kein offenes, sondern ein einengendes, einfangendes Schauen, das
eifersüchtig die eigenen engen Grenzen bewacht. Wenn er wieder unter ihre
Augen käme und sie „seiner habhaft geworden“ (Z. 26) wären, dann wäre der
Status quo wieder hergestellt, denn „darauf richtet sich alles Interesse und
alles Mühen“(Z. 25).
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