Gretchen
Eine
Betrachtung ihrer Persönlichkeit unter besonderer Berücksichtigung von ‚Polarität
und Steigerung’
„Die
Anschauung der zwei großen Triebräder aller Natur: der Begriff von Polarität
und von Steigerung, jene der Materie, insofern wir sie materiell, diese ihr
dagegen, insofern wir sie geistig denken, angehören; jene ist in immerwährendem
Anziehen und Abstoßen, diese in immer strebendem Aufsteigen.
Weil aber die
Materie nie ohne Geist, der Geist nie ohne Materie existiert und wirksam sein
kann, so vermag auch die Materie sich zu steigern.“
Auszug aus „Die Natur“, J.W.Goethe, 1828
Polarität
und Steigerung werden hier also als die fundamentalen "Triebräder"
der Natur angesehen. Goethe spricht von Polaritäten, Gegensätzlichkeiten und der
Notwendigkeit eines solchen Dualismus, eines polarisierenden Rythmus als
Grundlage aller Existenz also, um Stillstand zu vermeiden. Das Prinzip des ständigen
Anziehens und Abstoßens als Grundlage der Existenz und als Grundlage des
Aufteigens. Diese Prinzipien von Polarität und Steigerung durchwirken alles
Sein, alles was ist.
Im
„Faust I" verwendet Goethe das Prinzip der Polarität sehr häufig. Zentrale
Polaritäten findet man zwischen Strebsamkeit und Zufriedenheit, die Polarität
zwischen göttlichem und mephistophelischem Weltprinzip, zwischen Mephisto als
Vertreter des Bösen und Faust als Strebendem. Auch an Faust Innerem zeigt er das
Prinzip des Gegensätzlichen.
Gleichzeitig
ist Faust jedoch
auch
ein Gegensatz zu Gretchen.
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schön, als „sitt- und tugendreich“. Er ist entzückt von Gretchens
„schnippischer"-Art.
Durch
seine hier geschilderten Eindrücke, wird sie schon etwas charakterisiert.
Ergänzt wird das Bild Gretchens, wenn Mephisto von ihrer Unschuld spricht und
aufgrund dieser Eigenschaft direkt einräumt, dass er über sie keine Macht hat.
Auch bei Gretchen hinterlässt Faust einen Eindruck.
Naiv
und voll von kindlicher Unschuld kann Gretchen nur noch an ihn denken. Ich
finde das wird zum Beispiel deutlich, wenn Gretchen beginnt vom „König in
Thule“ zu singen, dessen ganze Liebe keiner Ehefrau, sondern vielmehr einer
Geliebten gehört.
Durch
die Begegnung mit Faust beginnt in Gretchen eine Veränderung. Doch diese Veränderung
bemerkt Gretchen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, weder wenn sie sich von der
Mutter und der Kirche abwendet, noch als das Geschenk unbekannter Herkunft, das
Mephisto ihr gebracht hat, bei Marthe versteckt und plant, es heimlich zu
tragen und auch nicht wenn sie sich ohne Bedenken mit den beiden Fremden Männern
im Garten trifft.
Dass
Gretchen diese Problematik nicht erkennt, liegt daran, dass ihre Naivität und
ihre Unschuld sie völlig selbstlos aus Liebe zu Faust handeln lässt.
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Mit
Gretchen und Faust stehen sich nun zwei vollkommen unterschiedliche Menschen
gegenüber.
Der
Eine, der unwissend, von Emotionen und Intuition geleitet ein Leben nach den Vorstellungen
des Kleinbürgertums führt, damit eigentlich zufrieden ist, und dies alles als
von Gott gegeben ansieht und sich vollkommen damit identifizieren kann. Das ist
Gretchen. Sie ist fürsorglich, kümmerte sich damals um ihre kranke Schwester
und zog sie auf.
Nun
hilft sie der Mutter und ist bereit für eine gute Sache alles zu geben, da sie
an Gott und an die Menschheit glaubt.
Ihr
entgegengestellt ist ganz klar Dr. Faust. Er ist derjenige, der jedes Vertrauen
verloren hat, der hochgesteckte Ziele, absolutes Wissen, mit allen Mitteln
verfolgt und dabei fortwährend scheitert.
Dies
ist es auch, was ihn zu Beginn des Dramas fast in den Selbstmord, und
schließlich in die Arme des Teufels, Mephistos treibt. Weil ihm jetzt nicht nur
Vertrauen, sondern durch den Pakt mit Mephisto auch noch Naivität und Unschuld verloren
gingen, als Preis für die von ihm verlangte Erkenntnis, zieht es ihn deshalb so
unaufhaltsam zu Gretchen hin. Faust zeigt durch seine Bewunderung für sie, dass
sie ihm trotz ihrer intellektuellen Unterlegenheit, als Mensch keineswegs
unterliegt.
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Weil
Gretchen nur das Gute, die Liebe sieht, kommt es ihr zunächst überhaupt nicht
in den Sinn, dass sie gegen die Gesellschaftlichen Regeln verstößt. Genau
dieses unschuldig-natürliche ist es denke ich auch, was sie über die breite
Masse des Kleinbürgertums hebt und sie dem Mann von Welt, trotz der ganzen
Gegensätze, gleichwertig werden lässt.
Gretchens
Handlungen sind sozusagen aus einem reinen, unschuldigen Ursprung heraus
moralischer, als die Moral von Kirche und Gesellschaft es je sein kann.
Das
jedoch das Gute, das sie bezweckt, solch schreckliche Konsequenzen hervorruft,
treibt sie dann wohl letztendlich in den Wahnsinn.
Man
könnte fast sagen, dass der tragische Ausgang der Beziehung von Faust und
Gretchen schon von vornherein vorherbestimmt war, weil gerade Gretchens Natur,
die dann ja schließlich ins Verderben führt, die Bedingung war, unter der sich
Faust überhaupt für das Mädchen interessierte und unter der die Beziehung
zustande kam.
Beide
erkennen im Anderen das ihnen jeweils fehlende Element. So sieht Faust in
Gretchen einen Teil, den er verlor, und den er durch sie zurückgewinnen will. Bei
Gretchen waren es bestimmt die Eigenschaften Fausts, die sie selbst nicht besitzt,
wie zum Beispiel Wissen und Erfahrung.
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Goethes
Vorstellung von Polarität und Steigerung lässt sich auf diverse Beispiele
beziehen.
Die
Menschheit zum Beispiel ist auch in zwei gegensätzliche Geschlechter getrennt.
Mann
und Frau müssten sich erst miteinander verbinden um wieder neues Leben
entstehen zu lassen, was hier dann die Steigerung wäre.
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