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Gott als die coincidentia oppositorum .doc

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Nikolaus von Cues (Nikolaus Krebs)

geb. 1401 Bernkastel-Kues

gest. 1464 Todi

Gott als die coincidentia oppositorum

Auf der Schiffsreise von Byzanz in die Heimat macht Nikolaus von Kues eine für sein Leben und seine Philosophie und damit für seine Gotteserkenntnis wegweisende Entdeckung. Er sieht wie am Horizont Meer und Luft, Himmel und Erde verschwimmen.

Daraus zieht er den Schluss, dass in der Unendlichkeit, in Gott alle Gegensätze zusammenfallen. Cusanus benennt es lateinisch die coincidenita oppositorum.

Doch wie kommt Nikolaus von Cues zu dieser Erkenntnis, wie begründet er dieses Gottesbild?

Eingangspforte in die Philosophie des Cusaners ist seine Erkenntnislehre. Über ihre Grundgedanken kann man sich in der sehr anschaulichen Unterhaltung zwischen einem „kleinen Laien“ und einem „großen Redner“ informieren.

Beide sitzen in der Barbierstube und beobachten das Markttreiben auf dem Forum. Sie fragen sich: Wie geht das Zählen und Messen und Wägen vor sich? Durch Unter-scheidung, sagt der Redner, aber wodurch geschieht das Unterscheiden? Wird nicht durch das Eine gezählt, indem man es einmal, zweimal, dreimal nimmt, so dass die Eins das Eine einmal, die Zwei zweimal, die Drei das Eine dreimal ist, usw.? Daraus ergibt sich für Cusanus, dass alle Zahlen sich aus dem Einen ableiten lassen.

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Das Zusammengesetzte ist eben immer später, ergänzt der Laie, und darum kann das Zusammengesetzte nicht das Einfache zählen, messen und wägen, sondern umgekehrt nur geht es.

Worauf Cusanus hinaus will, ist das Prinzip des ganzen Seins (Gott). Hier liegen die Verhältnisse genauso. Das Prinzip aller Dinge ist auch das, wodurch, woraus, worin alles Abgeleitete abgeleitet ist, das aber selbst durch nichts Späteres zu greifen ist, sondern umgekehrt alles andere erst erfassen lässt, wie wir das bei den Zahlen sahen.

Aus diesen Gedanken zieht Nikolaus zwei Schlüsse. Erstens bezeichnet er Gott in diesem Kontext als die Einfaltung (implicatio), demgegenüber ist unsere Welt die Ausfaltung (explicatio). Alles in dieser Welt hat sich aus dem Einen entwickelt.

Zweitens bleiben wir Menschen trotz dieses Erkenntnis-fortschritts, trotz allem Erkenntnisfortschritts immer im Zustand der gelehrten Unwissenheit (docta ignorantia).

Cusanus greift dort auf die bekannte Aussage des antiken griechischen Philosophen Sokrates zurück, der den Satz prägte: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Diese Aussage ist aber nicht so zu verstehen, dass sich der Mensch nun nicht mehr um weiteren Verständniszuwachs bemühen soll.

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Wenn nun Gott das Eine ist, aus dem sich alles andere entfaltet hat, dann bleibt aber die Frage, wie sich die vielen Gegensätze, die wir in unserer Welt wahrnehmen – Gut und Böse – in Gott vereinen lassen.

Wenn aus dem Einen alles abgeleitet werden kann, dann fallen die Gegensätze, so Cusanus, im Unendlichen zusammen. Um diesen Gedanken zu verstehen, müssen wir uns der Geometrie zuwenden. Wie kann Gott zugleich das Maximum und das Minimum sein? Schauen wir uns die folgende Gerade an:

a ___ b

In ihrem Fall haben wir den kleinstmöglichen Winkel, 0°.

Fügen wir dieser Geraden aber noch einen weiteren Buchstaben hinzu, so ergibt sich ein anderer Winkel:

a___b__ c

Der Winkel der Geraden ab zur Geraden bc beträgt 180°.

Und noch ein weiterer Winkel ergibt sich aus der Geraden,

a____ b

c

Dreht sich die Gerade bc wieder auf die Gerade ab herauf, so ergibt sich für sie der Winkel 360°.

In der einen Geraden fallen somit, das Minimum 0° und das Maximum 360° zusammen.

Ein weiteres Beispiel sind Quadrat und Kreis. Wenn wir z.B. ein Quadrat zum 5-Eck, 6-Eck usw. werden lassen, bis zum n-Eck, so dass n immer größer wird, dann nähert sich das n-Eck immer mehr dem Kreis an, und wenn n unend-lich wird, dann fällt es mit dem Kreis zusammen.

Gleiches Prinzip gilt für den Zusammenfall von Kreis und Gerader, wenn die Größe des Kreises gegen Unendlich geht.

 


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Dieser Gedanke war der philosophischen Theologie schon vor Cusanus geläufig; sie hatte an die Prinzipienlehre des Aristoteles anschließend behauptet, in Gott fielen Formal-, Wirk- und Zielursache zusammen.

Der zweite Schritt ist die denkende Überwindung des Widerspruchs, der als Grundlage unserer mitteleuropä-ischen Logik gilt. Aristoteles hatte es ausgeschlossen, dass zwei einander formell widersprechende Aussagen, die von demselben in derselben Hinsicht das Gegenteil behaupten können, beide wahr sein können.

Wer seit dem auf Widersprüche stieß musste sie zu beseitigen suchen. Am besten durch Unterscheidung. Philosophisch denken lernen hieß daher: unterscheiden lernen. Widersprechende Sätze waren auf verschiedene Subjekte, auf verschiedene Gesichtspunkte oder auf verschiedene Zeitpunkte zu verteilen.

Cusanus bricht hier mit den bis daher überlieferten Denk-mustern. Sicherlich hatte Dionysius Areopagita geschrieben, man könne vom göttlichen Einen zugleich sagen, es sei Grenze und unbegrenzt, es sei in Ruhe und zugleich in Bewegung, und es sei weder in Ruhe noch in Bewegung.

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Das Denken ist zugleich in Ruhe und in Bewegung; beides ist von ihm zu behaupten; wer hier Unterscheidungen anbringen will, um den Widerspruch loszuwerden, verstößt gegen die Einfachheit des Denkens. Wer sich einmal mit dem Widerspruch vertraut gemacht hat, der das Denken ist, hat begriffen, dass Widerspruchs-freiheit kein Wahrheitskriterium bei philosophischen Forschungen sein kann.

Für alle diese Gedanken gilt das, was Cusanus in sein er Schrift de visione dei (Von der Gottesschau) festhielt: „Das höchste Wissen ist nicht in dem Sinne als unerreichbar anzusehen, als wäre uns jeder Zugang zu ihm versperrt, noch dürfen wir es jemals erreicht und wirklich erfasst wähnen, vielmehr ist es derart zu denken, dass wir uns ihm beständig annähern können, während es dennoch in seiner absoluten Wesenheit dauernd unzugänglich bleibt.“

Literatur: Kurt Flasch, Nicolaus Cusanus, München 2001.

Johannes Hirschberger, Geschichte der Philosophie, Freiburg 141991.

dtv-atlas zur Philosophie,

Metzler Philosophen-Lexikon, Stuttgart 21995.

 

 

 

 

 

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Der zugleich Gottes ewiges Wort und das wahre Ebenbild Gottes ist. Die coincidenita oppositorum des Cusaners kann man auch für die Frage nach der Einheit in den unterschiedlichen frühchristlichen Theologien und Jesusbildern gut anwenden.“

Aus: Berger, Klaus, Jesus, München 2004, S. 21.


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