Von Messerhelden und
Zuhältern
Ein historische Reise zu den dunklen Ursprüngen des Tango
Hört man das Wort Tango, assoziiert man unweigerlich Emotionen wie
Liebe und Leidenschaft, Eifersucht und Kampf aber auch Untergang und Tod. Seit
den achtziger Jahren erlebt der Tango Argentino ein eigentümliches Revival: Selber
für tot erklärt, tritt er seinen Siegeszug um die ganze Welt an, verdrängt
seinen Zwillingsbruder, den europäischen Tango, und gibt ihm in überlegener
Geste den Gnadenstoss.
Woher nimmt der Tango seine Kraft?
Wem verdankt er sein unsterbliches Blut?
Was macht ihn zum faszinierendsten aller Tänze?
Mit diesen Fragen begeben wir uns auf eine Zeitreise und versuchen
mittels eines Brückenschlags ins vorletzte Jahrhundert dem Mythos Tango auf die
Spur zu kommen. Doch zuvor lassen wir einen zeitgenössischen Tänzer und eine
Tänzerin zu Wort kommen. Sie sollen uns eine Ahnung geben, was ihnen der Tango
– rund eineinhalb Jahrhunderte nach seinem Entstehen – heute noch bedeutet. Da
im Tango der Mann den aktiven Part einnimmt, gewähren wir dem Tänzer, dem
Tanguero, das erste Wort:
„Ein kräftiges Dunkles hat sich wieder in mich gesenkt:
Man ist ein Tier in einer dunklen Bewegung,
ein Stier in seiner Kraft.
Etwas schmeckt nach Blut,
nach Jagd oder Tod.“
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„Tango ist auch Gefahr, der Geruch nach Nacht und roten Lippen,
ein Flüstergeheimnis, eine verlorene Sprache.
Voll Schwermut das Herz.
Tango ist tränenreich, das Bild einer Perfektion,
die es auf Erden nie geben wird.“
Hier wir der Tanz mit Nacht und Gefahr aber auch mit Tränen und
Desillusion in Verbindung gebracht. Mit diesen zwei Beispielen haben wir zudem
ein weiteres Element des Tango umrissen. Denn dieser ist nicht nur ein Tanz,
sondern immer auch Musik und Liedform und als solche, wie hier aufgezeigt, Dichtung:
Tänzer und Tänzerin teilen während der Dauer eines Tango ihre Sehnsucht nach
Einheit, die aber vor und nach dem Tanz von einer Situation des Kampfes
überschattet wird. Ist diese Auseinandersetzung nun als ein Konkurrenz- oder
eher als ein Geschlechterkampf zu verstehen?
« ¿Te acordás, hermano, qué tiempos aquéllos ? »
(Erinnerst du dich, Bruder? Was für Zeiten damals !)
Wenden wir uns jetzt aber weg von der Gegenwart und stellen
dieselben aufgeworfenen Fragen an die Geschichte selbst: Wir begeben uns an die
Geburtsstätte des Tango, in die zerlumpten und dreckigen Vorstädte und
Barackendörfer von Buenos Aires um 1880. Wir befinden uns mitten in einem
tobenden und menschenverachtenden Kulturkampf und in den grotesken Auswüchsen
eines vollzogenen Völkermordes: Die argentinische Regierung hat mit Hilfe der
Armee die gesamte indianische Bevölkerung ausgerottet.
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Seit Generationen lebten im Hinterland von Argentinien eine
südamerikanische Variante der Cowboys, die einheimischen Gauchos. Doch diese
gelten ebenfalls als Untermenschen und werden durch die Industrialisierung der
Viehzucht verdrängt. Bis anhin versorgten die Gauchos mit Pferd und
Wagen die Hauptstadt mit Agrarprodukten und Frischfleisch. Durch den Ausbau der
Eisenbahnlinien werden sie aber ihrer traditionellen Arbeitsweise beraubt und
so zur Abwanderung in die Vororte der Hauptstadt gezwungen. Ein Teil von ihnen
findet in den neu entstandenen Schlachthöfen und Gefrierfleischfabriken von
Buenos Aires neue Arbeit, der Rest bleibt arbeitslos.
„.. y los duelos a cuchillo le enseñaron a bailar ... »
(... und die Duelle mit dem Messer lehrten sie zu tanzen ...)
Genau hier in den alten Gehegen der großen Schlachthöfe liegt
die Geburststätte des Tango: Die mitgebrachte Musik und die Tänze der Gauchos
verschmelzen mit eingewanderten Elementen der Habanera und des Tango Andaluz
zum Tango Argentino. Aber nicht nur Tanz und Musik treffen aufeinander, sondern
auch die Gauchos mit Horden von verzweifelt nach Arbeit suchenden Einwanderern.
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unmittelbare Folge des grassierenden Männerüberschusses von bis zu fünf Männern
auf eine Frau und der zunehmenden Arbeitslosigkeit und Armut ist ein
erbarmungsloser geführter Existenzkampf: Diebstahl, Raubmord, Bandenkriege und
Prostitution bestimmen das Alltagsleben in den Arrabals.
« Yo quiero morir conmigo, sin confesión y sin Dios,
crucificado en mi pena, como abrazao a un rencor. »
(Ich möchte mit mir sterben, ohne Beichte und ohne Gott,
gekreuzigt an meinen Kummer, wie umarmt mit einem Zorn.)
Um die
Jahrhundertwende wird Buenos Aires nach Kairo und Marseille wichtigstes Zentrum
für internationale Prostitution und Mädchenhandel. Auf beinahe jedem Schiff,
welches den Hafen von Buenos Aires anläuft, befinden sich Mädchen und Frauen
aus Europa, die meistens ohne ihr Wissen und Einverständnis dem Gewerbe
zugeführt werden. Dabei ist der Tango wiederum Mittelpunkt des Geschehens: In
den Vorsälen der illegalen Bordelle wird unter anderem zum Zweck der Tarnung
Tango getanzt. Aber nicht nur der Körper der Frau wird verkauft: Auch aus dem Tango
selbst schlagen die gewissenlosen Zuhälter ihre Profite. Die Ärmeren der
Bordellbesucher können sich oftmals nur eine einzelne Blechmarke leisten, für
die es als Gegenwert einen Tanz gibt:
« Dame la lata y ¡a laburar!»
(Gib mir das Blech und an die Arbeit!)
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„Der Tango ist der vertikale Ausdruck
eines horizontalen Verlangens.“
Für die
Vorstadtbewohner bilden die Geschichten, die sich dabei unweigerlich um den
Tango ranken, eine Möglichkeit, die sie umgebende Wirklichkeit in den
Liedtexten nachzuerzählen. So liesse sich die Geschichte des Tango von dieser
seiner Geburtsstunde her nun bis in die Gegenwart erzählen; doch hier endet
unsere historische Untersuchung. Noch heute aber geben unzählige Tangoballaden
Auskunft über die Liebes- und Lebensgeschichten der Porteños, der Männer und Frauen
der Vorstädte. Auch die Geburt des modernen Argentiniens wird
gerne in den Liedtexten des Tangos nacherzählt. Im Bewusstsein der Bewohner von
Buenos Aires verschmelzen die Inhalte der oft aufgeführten und populären Tangos
mit den tatsächlichen Begebenheiten zu regelrechten Gründungsmythen ihrer
eigenen Stadt. So heisst es in einer Redewendung, die
in Buenos Aires im Laufe der Geschichte den Status einer Losung erhalten hat:
« La historia de Buenos Aires es la historia del tango. »
(Die Geschichte von Buenos Aires ist die Geschichte des Tango.)
Michael
Schweizer
Alle Zitate in spanischer Sprache entstammen den
folgenden Quellen:
Reichhardt, Dieter, Tango, Verweigerung und Trauer,
Kontexte und Texte, Frankfurt am Main 1984.
Salas, Horacio, Der Tango,
[Originalsachtitel: El Tango, Übersetzung: Thure Roman Adler] Stuttgart, 2002.
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