Josef Haslinger:
Fiktionales vs. faktuales Schreiben
zu Handout 1:
Erlebte Rede wird so verwendet, wie nicht ratsam für
Geschichtsschreibung, nicht gut in faktualem Text der Geschichtsschreibung.
Müsste stattdessen zitieren, wer was wann gesagt hat. Kritiker fragten sich,
wie Jenninger sich so einfühlen
konnte in die Verfolger bei der Reichskristallnacht.
Ø
Literarische Technik ist nicht so einfach auf andere Texte
übertragbar!
A .. Autor
E .. Erzähler
F .. Figur
Autobiographie: A
E F
Häufig in literarischen Texten: A
(in 3. Ps.)
E F
In literarischen Texten haftet der Autor nicht für den
Erzähler; in faktualen Texten sind Autor und Erzähler ident.
Faktualer Text: A
E F
Der Autor sagt alles persönlich und schiebt keinen
Erzähler dazwischen. Die Instanz des Erzählers ist überflüssig, da
identisch (allerdings nicht ganz überflüssig, da jedes Erzählen ein bisschen
Literatur ist ..).
Vom faktualen Erzählen erwartet man, dass der Autor es beweisen
kann, und zwar nicht nur über seine subjektive Mitteilung
Nicht möglich: A
E F
Metafiktionale Texte: A
E F
Metafiktionale Texte greifen die Situation des Erzählens
als Meta-Ebene auf.
z.B. Italo
Calvino: „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“: Erzähler erzählt
von Figur, Leser und Autor.
Ich-Erzählung: A
(häufig)
E F
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Wenig präziser Begriff; einer Figur wird über die
Schulter geblickt, aus der Perspektive einer Figur wird auf die Welt
geblickt; erst ab dem 20. Jh. in der deutschsprachigen Literatur, z.B. bei Kafka („Als Gregor Samsa eines Morgens
erwachte, fand er sich .. verwandelt.“); bei Kafka schildert Erzähler aus
Perspektive des Käfers die Welt; interne Fokalisierung aus Figur heraus.
Person, in der eine Geschichte verfasst ist:
1.
2. vgl. Calvino,
Zoran Trevko (?): das „Du“ als
verstelltes „Ich“ (Sg.)
3.
Beispiel für 2. Ps. Pl.: Gert Hofmann:
„Unsere Eroberung“:
Historischer Roman, versucht nationalsozialistisches
Wir-Gefühl wiederzubeleben, das „man“ ist wiedergegeben!
Auch William Faulkner: „A Rose for Emily“:
Perspektive der beobachtenden Dorfleute
Ilse Aichinger:
„Spiegelgeschichte“:
Zeitchronologie umgedreht, Text handelt vom Sterben,
Lebensfilm wird verkehrt ablaufen gelassen.
Reportagen: Martin
Pollack: „Der Tote im Bunker“:
Zeitstruktur ist alles andere als chronologisch,
einerseits recherchierender Autor, der zugleich Erzähler ist, andererseits
Figuren in der Vergangenheit, faktualer Text
Chronologie:
A B C
frühester Zeitpunkt letzter
Zeitpunkt und Gegenwart
Ø
kann auch mit C beginnen
Ø
kann auch verschachteln
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Ø
Prolepse (Vorausdeutung)
Wenige Romane sind chronologisch erzählt, z.B. „Effi
Briest“ von Fontane
Prolepsen: zukunftsgewiss (über auktorialen
Erzähler) u. zukunftsungewiss
Prolepse etwa auch im Text von Peter Bichsel, hat
insgesamt teleologischen Charakter.
Literarische Reportage gibt es seit 18. Jh.
Reportagen gibt es ab der Industriellen Revolution, frühe Beispiele gibt es von
Heine. Typisches Merkmal der Reportage = Augenzeugenbericht
Klassische Geschichte, wo erzählt wird, was in der
Vergangenheit war und wie es zu allem kam, was heute ist = Krimi
Zwei Zeitebenen werden ineinander verzahnt, Gegenwart
wird zunehmend Vergangenheit, damit erzeugt man Spannung.
Analytisches Drama („König Ödipus“ von Sophokles) oder analytische
Erzählung:
Vergangenheit wird analeptisch aufgerollt.
Bei Figurenanalyse immer danach fragen, was die Figur
will > dann hat man Zukunftspfeil in Geschichte gelegt
Aufbauende Analepse:
Ich trage etwas nach, das ich benötige, z.B. eine Figur
kommt dazu, die bereits eine gemeinsame Geschichte mit Erzähler oder Figur hat.
„Spiegelgeschichte“ (1952) von Ilse Aichinger
Ø
Text hat Analepse und Prolepse: Blick geht zuerst in
Zukunft, sie sieht sich am Grab, weiß, dass sie stirbt. Dann geht Blick in die
Vergangenheit, Gegenwart blitzt dazwischen auf.
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Ø
Spannung ergibt sich aus verkehrtem Verfahren, man will
wissen, woran sie gestorben ist.
Ø
Erzählzeit (Zeit zum Lesen eines Textes) vs. erzählte
Zeit (Zeit, die in Geschichte verstreicht): Erzählte Zeit scheint in der
„Spiegelgeschichte“ kurz zu sein, ist wohl kürzer als Erzählzeit. Zeitdehnung
von erzählter Zeit findet statt: Sterben auf 20 Minuten der Erzählung, wo
Lebensrückblick.
Ø
Verhältnis zwischen Erzählzeit u. erzählter Zeit bestimmt Erzähltempo.
Ausbreitung des Lebens von Geburt bis Tod bewirkt großes Erzähltempo. Zweite
erzählte Zeit, die sich als Realitätsebene darstellt und höherwertiger ist,
ergibt ein langsames Erzähltempo.
Historisches Vorbild in amerikanischer Literatur:
Ambrose Bierce:
„An Occurrence at Owl Creek Bridge”, war Klassiker der amerikanischen short story.
Spielt in amerikanischem Bürgerkrieg, einer will von
Brücke springen, wird erwischt und aufgehängt.
1. Teil:
wie Weg zwischen Galgen und Kopf in Schlinge
2. Teil:
wie er entkommt, Brett weggezogen, größter Teil der Geschichte behandelt Flucht
3. Teil:
Fallen in Grube
Ø
2. Teil entpuppt sich als subjektive Imagination der Flucht
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Zusammenfassung
fiktionales Schreiben vs. faktuales
Schreiben
Ø
narrative Anachronie als üblicher Fall in Prosa
o
Analepse
o
Prolepse
Ø
„missing link“ (in Krimis) führt zu Peripetie (Umschwung)
Ø
analytische Erzählung: Ungereimtheiten in Gegenwart werden
durch große Analepse
aus Vergangenheit nachgetragen, taucht in Erlebnishorizont der Figur auf
Ø
wenn Erzähler voranschreitet:
o
zukunftsungewiss
o
zukunftsgewiss
Ø
Erzähler = Autor (Autor gibt vor, über Wirklichkeit zu
berichten)
Ø
Verben des Wahrnehmens, Denkens, Fühlens in 3. Ps. nicht
möglich (muss dazusagen, wie ich zu Wissensstand gekommen bin, wer es mir
erzählt hat), keine erlebte Rede möglich
Ø
kein episches Präteritum (funktioniert aber auch in
literarischen Reportagen)
Erzählung von Aichinger ist zugleich Zeitraffung
(Darstellung des Lebens) und Zeitdehnung (der Todesminuten).
z.B. Virginia
Woolf: „The Lighthouse“ (1927): Anprobe eines Wollstrumpfs auf 5
Seiten ausgedehnt
Prosatext benötigt dynamisches Erzähltempo!
Zeitdeckendes Erzählen, wenn viel direkte Rede,
oft ohne verbum dicendi.
Ellipse: Wortauslassung im Sinne einer
rhetorischen Figur (Verb fehlt), gibt es auch in Zeitstruktur (Zeitsprünge).
Erzähler kann ganz auf Kommentare verzichten.
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