Essay - Randgruppen Frühe Neuzeit
Dieser
Essay soll sich mit der Frage auseinandersetzen, in welcher Art und Weise sich
Randgruppen der frühneuzeitlichen Gesellschaft charakterisieren lassen. Es ist
mir bewusst, dass innerhalb dieses Rahmens keine detaillierte Analyse, sondern
nur ein grober Umriss der Problematik entstehen kann. Jedoch habe ich den
Anspruch, zum einen durch den Vergleich bestehender Arbeiten einen „Roten
Faden“ darzustellen, zum anderen das komplexe Spektrum von möglichen
Schwerpunkten in Hinblick auf die Seminararbeit etwas einzugrenzen.
Nach einem
kurzen definitorischen Exkurs sollen wesentliche Merkmale des Weges in die
Peripherie der Gesellschaft beschrieben werden. Neben den Eigenschaften werden sowohl
Stigmatisierung, als auch die Art und Weise der Visualisierung eine Rolle
spielen. Eine Zusammenfassung der wichtigsten Erklärungsmodelle, sowie den
Vergleich der Kategorisierung der einzelnen randständischen Kohorten halte ich
für unerlässlich, da sich daran treffende Aussagen zur Forschungslage visualisieren
lassen.
Wenn
Bernd- Ulrich Hergemöller in seiner Arbeit über Randgruppen diese als
heterogene Personenkreise umschreibt, welche durch negative, kollektive
Attributionen einem partiellen oder totalen Verlust der Ehre unterworfen
werden, formuliert er die aus meiner Sicht beste Definition.
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Essentiell
für die Durchdringung des Gegenstandes ist eine analytische Beschreibung
randständischer Wesensmerkmale. Aus der Literatur geht hervor, dass Außenseiter
ihren Status erben konnten, genauso wie durch den Antritt eines für unehrlich
erachteten Gewerbes.
Innerhalb verwandtschaftlicher Konstellationen schritten
diese beiden Punkte oftmals Hand in Hand. Weiterhin werden Heirat und Strafe
als Wege gekennzeichnet, wobei letzterer wie die „Infektion“ durch Kontakt mit Unfreien
als Zwang gesehen werden kann. Es besteht also eine Ambivalenz zwischen dem
ungewollten, vorgezeichneten Pfad in Richtung Infamität bzw. der Möglichkeit
durch Selbstrekrutierung in diese Sphäre gesellschaftlichen Daseins zu gleiten.
Wie schon aus der Definition und aus verwendeten Vokabeln hervorgeht, sind
Infamität und Ehrverlust der negative Pol dieses Ständesystems. Dabei bildeten
Recht und Ehre die Grundpfeiler der bestehenden Gesellschaftsordnung. Den stärksten
Kontrast erzeugen indes „frei und ehrlich“ versus „unfrei und unehrlich“. Ehre
drückt sich dabei in Form sozialer Würdigung und gesellschaftlicher Akzeptanz
durch Herkunft, Beruf und Stand aus. Zu beachten ist, dass der dazugehörige
Antagonismus, die Unehrlichkeit, sich differenziert in eine durch
strafrechtliche Exekutive (infamia juris) bzw. durch Entzug der Reverenz und
der allgemeinen Wertschätzung (infamia facti) entstandenen Unehrlichkeit.
Während Rechtsverlust mit Ehrverlust einhergeht, hat eine Ehrminderung nicht
automatisch einen Rechtsverlust zur Folge.
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Stigmatisierung
spielte zur Veräußerlichung der Randständigkeit eine nicht unerhebliche Rolle.
Der Begriff umfasst dabei Kennzeichnungs- und Zuschreibungsprozesse, welche das
Resultat bestimmter vereinfachter und generalisierter Stereotypisierungen
gegenüber einem mit „homogenen“ Attributen behafteten Personenkreis sind. Roeck
sieht die Wurzeln in dem Bestreben, durch äußeren Habitus etwas Ordnung in die
eigentliche Unordnung zu bringen. Die Legitimation dieser fiktiven
strukturellen Existenz wird durch Ordnungen geregelt. Idealisierte Hierarchisierungsmechanismen
werden durch die Veräußerlichung des Sozialprestiges visualisiert. In diesem
Fall sind das nach Schimpfungen bestimmte Attribute der Kleidung (z.B. Zeichen
und Symbole), aber auch Brandmarkungen und diverse Ehrenstrafen. Neben dem
Verlust des Wahlrechtes, der Testierhoheit, der Verweigerung des Zugangs zu
Bruderschaften sowie Einschränkungen bei der Partnerwahl kann man auch den
modernen Terminus randständisch wortwörtlich nehmen, da innerhalb von Gemeinden
topographisch Gesehen bestimmte Gruppen in die Peripherie abgedrängt wurden
(z.B.
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Grundlegend
lässt sich festhalten, dass eine große Fülle von Illustrierungen auf diesem
Gebiet existiert. Bei der anthropologischen Interpretation, auch „Tabu- und
Mana- Theorie“ genannt, wird die These vertreten, dass die Tabuisierung
bestimmter Infamer auf urtümliche Sakral- und Kultkomplexe zurückzuführen sei.
Der interdisziplinäre Begriff „Mana“ lässt sich dabei mit den Vokabeln Macht
und Magie in Verbindung bringen. Diese Kraft kann positiv als auch negativ
behaftet sein und stürzt sich auf Grund seines ambivalenten Charakters in
tabuisierte Schemata frühneuzeitlicher Gesellschaft. Allerdings ist diese These
ausgesprochen umstritten und auch in meinen Augen stark anzuzweifeln, obwohl
man Parallelen, wie z.B. zum Scharfrichter, ziehen kann. Ein weiterer Aspekt
ist die wirtschaftsgeschichtliche Interpretation. Zünfte regulierten durch
bestimmte Reglementierungen ihre Zugangsvoraussetzungen. Dieser
sozio-ökonomische Ausgrenzungsprozess von Unehrlichen milderte den Druck der
Konkurrenz. Der dritte hier zu nennende Ansatz sieht das Fundament
randständischer Ausgrenzung in der Metamorphose des Gottesstaates.
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Marginalisierten dabei als Opfer des Säkularisierungs-, Rationalisierungs- und
Vergesellschaftungsprozesses. Neben der Verdichtung der Staatlichkeit als Grund
für Ausgrenzung möchte ich nun auf die Dämonisierung des Anomalen zu sprechen
kommen. Gegenüber den Randständischen wurden fantastische Hyperbeln erschaffen,
welche durch metaphysische Deutungen wirkliche Widersprüche und umfassende
Erklärungen durch Gott rechtfertigten. Der ohnehin schon gegebene Antagonismus
zwischen Gut und Böse verstärkte den darauf folgenden Effekt. Für alles
Unerklärliche hatte man weltliche Sündenböcke gefunden. Die Bedrohlichkeit
dieser Kraft wurde durch die physische Fassbarkeit abgeschwächt. Weiterhin
spiegelt sich darin die Aufhebung der eigenen Machtlosigkeit durch die
Schaffung richtbarer Personenkreise. In diesem Kontext versteht sich die Wechselseitigkeit
des Einflusses der Natur auf die Intensität dieser Problematik. In Zeiten
schlechter Lebensbedingungen wie z.B. der kleinen Eiszeit wird man sich eher
Sündenböcke gesucht haben als in erntereichen Jahren. Ein letzter Ansatz den
ich hier ansprechen möchte bedient sich einem psychologischen Typus.
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