Die
Arbeitslosen von Marienthal
Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel (1975)
Ziel war eine empirische
Untersuchung von Massenarbeitslosigkeit (das arbeitslose Dorf in seiner Gesamtheit,
nicht der einzelne Arbeitslose) mit einem modernen Methoden-Mix.
Paul Lazarsfeld: „Wir
konnten uns nicht damit begnügen, Verhaltenseinheiten einfach zu zählen; unser
Ehrgeiz war es, komplexe Erlebniswelten empirisch zu erfassen“, um so einen
sozialpsychologischen Tatbestand umfassend und objektiv darzustellen.
Mittels
vorhandener statistischer Daten (z.B. Geschäftsbücher des Konsumvereins,
Bevölkerungsstatistiken, ..) und verschiedener Aktionen (z.B. Forscher nehmen
Funktionärstätigkeiten innerhalb des Ortes an; Durchführung einer
Kleiderhilfsaktion, eines Schnittzeichenkurses, Ärztliche Behandlungen, ..), die
das Ziel hatten Kontakt zu den Einwohnern herzustellen und so weitere Daten
über sie zu sammeln, wurde vom Forscherteam versucht „ein umfassendes Inventar
des Lebens in Marienthal zu erhalten und dabei Komplexe psychologische Tatbestände
in objektive Kriterien und zahlenmäßig belegt herauszustellen“, so Lazarsfeld.
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Die
finanziellen Mittel für die Studie wurden von der Wiener
Arbeiterkammer und dem Rockefeller-Fond zur Verfügung gestellt.
Die
Studie wurde im Dorf Marienthal (1486 Bewohner, in 478 Haushalten
lebend) in Niederösterreich durchgeführt.
Geschichte des Ortes:
Die Architektur ist einförmig, der Boden rundherum nicht besonders fruchtbar,
die Gegend flach, nach Wien sind 30 min Fußmarsch und 35 min Bahnfahrt
erforderlich. Im Zentrum befindet sich die (ehemalige) Fabrik, um welche der
Ort entstanden ist. Die Entstehung des Dorfes ist eng mit der Geschichte der
Fabrik verbunden. Die Fabrik wurde 1830 von Hermann Todesko, dem Gründungsvater
von Marienthal, gebaut. Anfangs war die Fabrik eine Flachspinnerei, später
wurde sie zur Baumwollspinnerei umgebaut und vergrößert. Weitere Arbeiterhäuser
und Infrastruktur entstanden rund um die Fabrik. Männer, Frauen wie Kinder
fanden dort Beschäftigung. Die Fabrik wuchs weiter zum Großbetrieb; in Folge
bildeten sich Gewerkschaften, Vereine und Organisationen.
1926 gab es erste
wirtschaftliche Probleme und die Hälfte der Belegschaft wurde entlassen. 1929
werden die ersten Geschäftsbereiche geschlossen, 1930 wird die Fabrik gänzlich
stillgelegt. Nur sehr wenige Arbeiter bleiben (vorerst noch) angestellt um die
Fabrik abzureißen.
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Die
restlichen Haushalte beziehen eine Abfertigung oder Pension oder arbeiten. Jene
wenigen, die noch Arbeit haben, haben ein Lohnniveau das in etwa dem der
Arbeitslosenunterstützung entspricht bzw. dieses unterschreitet. Die
Arbeitenden unterscheiden sich somit kaum von den Arbeitslosen.
Mittels
der Höhe der Unterstützungssätze werden die Verbrauchseinheiten pro Kopf in den
Familien errechnet und diese in Maximal-, Durchschnitts- und Minimalfamilien
unterteilt. Der Gruppe der Maximalfamilien sind hauptsächlich Alleinstehende
oder Zweipersonenhaushalte zuzuordnen. Minimalfamilien sind jene, die nicht
unterstützungsberechtigt sind oder so viele Familienmitglieder haben, dass pro
Kopf kaum Geld zur Verfügung steht.
Die
Höhe der Arbeitslosenunterstützung beträgt im Durchschnitt knapp ein Viertel
des normalen Arbeitseinkommens. Geld ist in allen Fällen knapp, sodass die
Familien penibel wirtschaften müssen um ihr Auskommen zu finden.
Verschiedene
illegale (Verzehr von Hunden und Katzen; Schwarz-Fischen, Kohlediebstahl, ..)
und legale Hilfsquellen (Schrebergarten, Hasenzucht, diverse Hilfsarbeiten, ..)
erleichtern die Situation der Familien teilweise. So man
Arbeitslosenunterstützung bezieht, riskiert man die ersatzlose Streichung
dieser bei bekannt werden einer Gelegenheitsarbeit.
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In
Folge veränderter Nahrungsgewohnheiten und eingeschränkter körperliche Pflege
wird der Gesundheitszustand der Bevölkerung mittel bis schlecht bewertet, wobei
angemerkt ist, dass die „ganz Verwahrlosten“ die Arztpraxis nicht aufgesucht
haben und damit ihr Gesundheitszustand damit nicht dokumentiert werden konnte.
ERGEBNSSE
Die
müde Gesellschaft
Charakteristika
VOR der Arbeitslosigkeit: Die Bewohner des Ortes sind politisch,
sportlich wie kulturell sehr aktiv. Häufig werden ausgelassene Feste gefeiert
und die im Umkreis liegenden Orte orientieren sich modisch an Marienthal. Die
Großstadt Wien wird regelmäßig besucht (zB. Theater, Einkauf, ..).
Die
Fabrik ist nicht „nur“ Arbeitsstätte, sondern auch zentraler Mittelpunkt
gesellschaftlichen Lebens. Hier werden soziale Kontakte geknüpft und das
Gemeinschaftsgefühl gestärkt (z.B. Beteiligung Aller bei Arbeiterstreiks).
Charakteristika
IN der Arbeitslosigkeit: „hier leben Menschen, die sich daran gewöhnt haben,
weniger zu besitzen, weniger zu tun und weniger zu erwarten, als bisher für die
Existenz als notwendig angesehen worden ist.“
Während
früher der Zulauf zu Institutionen wie Theater, Bücherei, Politik groß war,
verringerte sich das Interesse nun, da man „andere Sorgen hat“, deutlich.
Nachfolgend einige Beispiele:
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·
Die
Buchentlehnungen gingen seit 1929 um 48,7 % zurück und dass trotz
Gebührenbefreiung und Erweiterung des Bibliotheksbestands.
·
Die
Mitgliederzahlen der verschiedenen Vereine sinken deutlich, obwohl die Beiträge
für die Arbeitslosen auf ein Minimum reduziert wurden. Lediglich Vereine, die
einen Nutzen versprechen (z.B. Kindergarten des Vereins „Frohe Kindheit“,
Erleichterung der Versicherungsbeitragszahlungen durch den „Radfahrverein“, ..)
können sich steigender Mitgliederzahlen erfreuen
·
Es
wurde der Eindruck gewonnen, dass gemeinschaftsförderndes und
gemeinschaftsfeindliches Verhalten ausgewogen sei. Es kam zwar zu einer
erhöhten Zahl an Anzeigen, doch aufgrund fehlender Vergleichsdaten und
methodischer Schwierigkeiten konnten daraus keine Rückschlüsse gezogen werden.
Die
Haltung(stypen)
Die
Durchführung einer Kleideraktion sollte den Kontakt mit den Familien
herstellen. Durch gezielte Beobachtungen und Gespräche wurden dann
Informationen über die Grundhaltung der Familien gesammelt. Es wurden
Protokolle angelegt, die Hinweise auf eine Bedürfnisreduktion geben. Es wird
auf Unterhaltung (Zeitung, Radio, Kino, Theater etc.) verzichtet, es wird bei
Kleideranschaffungen gespart und es muss sogar auf die Ausbildung der Kinder
verzichtet werden. (vgl. Jahoda 2004, S. 64-65)
Bei
den vorgenommenen Untersuchungen wurden die Familien in 4 verschiedene
Haltungsgruppen unterteilt. Es wird unterschieden zwischen:
- Den Resignierten
- Den Ungebrochenen
- Den Verzweifelten und
- Den Apathischen
Die
Resignierten: Die
häufigste Grundhaltung, die in Marienthal auftrat, war die Resignation.
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