Der gute Mensch von Sezuan
Interpretation
Das Buch hat mich anfangs nicht sehr mitgerissen. Es war
langweilig und nicht gerade spannend. Langweilig, weil die Aktionen immer ganz
angesagt kamen und nichts ohne Voraussage geschah.
Doch als herauskommt, dass Shen Te in Wirklichkeit ihr
Vetter Shui Ta ist, nimmt die Handlung eine Form an, und man beginnt sich zu
fragen, warum Shen Te sich verkleidet.
Shen Te verkörpert im Buch das Ideal eines guten Menschen.
Sie ist zu allen lieb und gütig, versucht allen in ihrer Armut zu helfen,
bemerkt jedoch nicht, dass sie schamlos ausgenutzt wird. Alle wollen etwas von
ihr, sei es Nahrung oder ein Obdach, doch niemand kümmert sich um sie und so
beginnt alles zu zerfallen, was sie sich mit Mühe aufgebaut hat. Doch immer
wenn Shen Te in Schwierigkeiten steckt, kommt ihr „Vetter“ Shui Ta und greift
in die Handlung ein. Er unterbricht Shen Tes gute Taten, und hilft ihr mit
seiner eher egoistischen Einstellung immer aus der Klemme.
Shen Te ist naiv, gutmütig, selbstlos, grosszügig,
hilfsbereit und handelt immer im Interesse der anderen. Sie überlegt mit ihrem
Herzen, nicht mit ihrem Kopf.
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Da aber Shen Te auch Shui Ta ist, liegt die Frage nahe,
warum sie sich immer zuerst in Shui Ta verkleiden muss um beispielsweise ihre
Leute aus dem Haus zu werfen, oder um Sun zu sagen was sie von ihm hält.
Ich denke, dass Shen Te diese ganz spezielle Verwandlung
braucht. Sie hat ihre Persönlichkeit gespalten, weil sie sich besser fühlt,
wenn sie weiss, dass die Leute sie nicht als Shen Te erkennen. Nur so kann sie
mit sich selber klarkommen und kann sich ihre schlechten Taten verzeihen. Sie
hat erkannt, dass ein Mensch auf ihrer Welt nicht gut sein und sich
gleichzeitig am Leben halten kann. Bertolt Brecht schildert diese Problematik
mit diesem Buch sehr gut.
Ich stimme zwar nicht ganz mit Brechts Lebenseinstellung
ein. Ich glaube, ein Mensch kann gut sein und sich gleichzeitig am Leben
halten. Es geht aber darum, nicht zu selbstlos zu sein. Ein Mensch darf soviel
Gutes tun, wie er nur möchte, aber er muss sich selbst Grenze ziehen, damit er
nicht zu Grunde geht. Das ist das Schwierige am Leben. Denn man sollte die
Grenze nicht zu eng ziehen, sonst geht das schnell in Richtung Egoismus. Man
sollte aber auch darauf achten, die Grenze nicht so weit zu ziehen wie Shen Te,
denn ansonsten geht man selber zu Grunde. Man muss einen Mittelwert finden, mit
dem man angenehm leben kann.
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