Hinsichtlich des ‚Kontakt-, Kooperations- und
Aktivitätsspielraums’ zeigen sich die gesellschaftlichen Entwicklungen deutlich
in einer Verschiebung bezüglich der Funktionen, sowie des Ressourcenaustausches
innerhalb der sozialen Netze und erst sekundär in einer quantitativen
Veränderung der Beziehungen (BMFSFJ 2001: 212). Die Individualisierungs- und
Singularisierungsprozesse gehen nicht zwangsläufig mit einer allgemeinen
Abnahme an sozialen Beziehungen und Vereinzelung von älteren Menschen einher. Vielmehr
verweisen sie auf ein durchschnittlich größeres Netz eigeninitiierter
sozialer Beziehungen und deren sozial ungleichen Verteilung. Es wird zudem
deutlich, dass weniger die Größe eines sozialen Netzes als vielmehr die
Qualität der dortigen Beziehungen ausschlaggebend für ein zufriedenstellendes
soziales Netzwerk ist (Backes 1997: 208). Unter der älteren Bevölkerungsgruppe
sind von der Singularisierung in der Mehrheit Frauen betroffen.
Im Jahr 1998
lebten 44% der über 60jährigen Frauen in Einzelpersonenhaushalten, die Männer
bildeten dagegen mit nur 15% einen wesentlich kleineren Anteil, was in erster
Linie mit der Verwitwung im hohen Alter zusammenhängt und somit insbesondere
die Frauen betrifft (BMFSFJ 2001: 214). Nach Modellrechnungen wird allerdings
aufgrund der Zunahme alleinlebender Männer der Anteil alleinlebender Witwen
erheblich zurückgehen, so dass von einer in Zukunft stärkeren Singularisierung
von Frauen durch Verwitwung nicht ausgegangen werden kann (ebd. 220 f.).
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der 65 bis 79jährigen zeigt sich bei den Alleinlebenden zwischen den Jahren
2000 bis 2040 ein Anstieg um 23,8% und bei den Älteren von über 80 Jahren ein
Plus von 5,2% (ebd. 219). Die Familie und auch die Partnerin oder der Partner
bilden in dem Leben der älteren Menschen nach wie vor einen zentralen
Stellenwert und werden als primäre Ressourcen- und Unterstützungsquelle gesehen
(ebd. 211).
Auf Grund der Zunahme alleinlebender älterer Menschen ist jedoch zu
erwarten, dass in Zukunft die nichtfamilialen Netzwerkbeziehungen weiter an Bedeutung
gewinnen werden, aber von diesen die Ressourcen nicht in dem gleichen Maß wie
von den familialen Netzwerken bereitgehalten werden können (ebd. 232.).
Gleichzeitig muss in Folge der abnehmenden partnerschaftlichen und familialen
Beziehungen von einer „fragiler werdenden sozialen Integration alter Menschen“
(ebd. 221) ausgegangen werden. Mit Blick auf den vollstationären Bereich
gewinnt das Heim ab dem 75. Lebensjahr vor allem für Frauen an Bedeutung,
welches in den alten Bundesländern im Jahre 1998 für 10,3% der 75jährigen
Frauen den zentralen Wohn- und Lebensort darstellte (ebd. 212). Von den Heimbewohnerinnen
erhält gemäß der Pflegeversicherungsstatistik etwa jede Zweite in der Regel
ein- bis mehrmals wöchentlich Besuch von Verwandten oder Bekannten und circa
70% haben häufigen Kontakt zu Menschen auf der Station (ebd. 229).
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Zusammenfassend lässt sich sagen, dass anhand der dargelegten
Daten in dem „Einkommensspielraum“ eine kollektive Ungleichheit von Frauen speziell
im hohen und hochaltrigen Alter zu erkennen ist, die sich durch ein geringeres
Einkommen und eine größere finanzielle Abhängigkeit sozialstaatlicher
Leistungen zeigt. Die Einkommensarmut im Alter(n) ist, gemessen an der
Gesamtbevölkerung, gering, doch ist dies in erster Linie als eine Folge
sozialstaatlicher Interventionen zu werten. Die sozialstaatlichen Einschnitte
der letzten Jahre erhöhten dadurch das Risiko einer zukünftigen Verschärfung
der sozialen Ungleichheit und der Armut im Alter(n). Es kann in diesem
Zusammenhang von einer zunehmenden „’Polarisierung des Alters’ in ein
‚positives’ und ein ‚negatives’ Alter“ (Gerling/ Naegele 2001: 37) gesprochen
werden. Auf die Ambivalenz der Individualisierung bezogen weist Schmidt (1994)
darauf hin, dass sich dadurch nur für eine Teilpopulation der älteren Menschen
Chancen ergeben, während für die Älteren, welche unter das ‚negative Alter’
fallen, die Individualisierung zunehmend zu einer Belastung wird.
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dar, vielmehr zeigt sich auch bei ihnen eine ungleiche Verteilung von sozialen
Risiken.
In dem „Kontakt-, Kooperations- und
Aktivitätsspielraum“ geben sich eine Reihe an Veränderungen zu erkennen. Der
abnehmende Teil alleinlebender Frauen im höheren Alter(n) aufgrund von Verwitwung
steht einer steigenden Zahl von Einzelpersonenhaushalten, insbesondere der
„jungen Alten“, entgegen. Sowohl eine höhere Scheidungsrate, als auch eine abnehmende
Zahl verheirateter Paare werden eine stark zunehmende Singularisierung älterer
Menschen und eine Ausdünnung des familialen Netzes zur Folge haben. Dem
entsprechend wird auch die soziale Sicherheit durch den vorgegebenen
Familienverbund geringer (vgl. Backes 1997: 217), wodurch sich für den
Einzelnen die Notwendigkeit ergibt, vermehrt aktiv nichtfamiliale
Netzwerbeziehungen herstellen zu müssen, um darüber die mangelnden oder
fehlenden Ressourcen zu erhalten. Es zeigt sich zudem, dass die Qualität der
Beziehungen ein grundlegendes Moment für die Bedürfnisbefriedung über das
soziale Netzwerk bildet.
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3.4
Herausforderungen für Gesellschaft und Subjekt
Das Alter(n) in der Postmoderne fordert
sowohl die Gesellschaft, als auch das Subjekt zu einer kontinuierlichen
Veränderungs- und Anpassungsleistung an einen sich ständig bewegenden und von
Wandlungsprozessen gekennzeichneten Bedingungskontext auf. Dem älteren Menschen
sind die ihm „vorangehenden Grundlagen der Gesellschaftlichkeit“ (Baumann 1995:
231) nicht mehr gegeben, seine Integration in gesellschaftliche Bezüge und Zusammenhänge
muss aktiv hergestellt und ausgehandelt werden. Die Frage nach der Vergesellschaftung
des Alter(n)s ist zu einem Problem geworden, da deren aktuelle Mittel und Ziele
den gesellschaftlichen Veränderungen nicht gerecht werden und daher eine Lösung
dieses Problems „nur im Kontext einer veränderten Vergesellschaftung über den Lebenslauf
zu finden“ ist (Backes/ Clemens 2000: 95). Alter(n) ist somit nicht mehr nur
eine rein individuelle Angelegenheit, sondern es ist zu einer
gesellschaftlichen Problematik herangewachsen (vgl. Backes 1997: 278 ff.).
Diese zunehmende Verschmelzung der subjektiven und der gesellschaftlichen Ebene
zu einer „Politik der Subjekte“ (vgl. Kapitel 2.2.2) zeigt sich besonders deutlich
in der Diskussion um die „Remoralisierung“ (Backes 1998: 14) der „jungen Alten“,
in der sich die komplexen Zusammenhänge von Alter(n) und Gesellschaft
widerspiegeln: Der „Alter(n)sproblematik“ (Backes 1997) in Form einer
zunehmenden Belastung der Gesellschaft durch das ‚negative’ Alter(n) werden die
Potentiale der „jungen Alten“ entgegengesetzt, in der Hoffnung, „dass eine
Hinwendung zu den Ressourcen des Alters die Probleme, die die Gesellschaft derzeit
mit Alter hat, bereits löse“ (Backes 1998: 21).
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