Die Gemeinschaften,
welche dem Einzelnen Unterstützung, aber auch Orientierung bieten, sind somit
durch das Individuum selbst herzustellen, was wiederum eine „Suche nach
kommunalen Zufluchtsorten in Gang gesetzt hat“ (Bauman 1995: 19 ff.).
Die kollektiven Überlieferungen, d.h. die
„narrativ verfaßten, kontextübergreifenden Darstellungen der gesellschaftlichen
Entwicklung“ (Honneth, 1990: 669), lösen sich aufgrund von Pluralität,
Ambivalenz und Entbettung zunehmend auf und damit auch ihre „identitätssichernden
und kommunikationsstiftenden Funktionen“ (ebd.). Die ausdifferenzierten Formen
von Wissen, Lebensentwürfen und Handlungsmustern widerstreben einer
allumfassenden normativen Bindekraft von Werten und Normen. Die Pluralität von
Sinnwelten lässt auf eine Frage mehrere (widersprüchliche) Antworten entstehen,
welche schließlich nicht länger in die dem „Subjekt vorangehenden Grundlagen
der Gesellschaftlichkeit“ (Bauman 1995: 231) eingebunden sind.
Die Entbettung
aus den sozialen Milieus und Rollenmustern mit ihren normativen Vorgaben
bedeutet zugleich, keine Orientierung mehr über diese erhalten zu können. Der
einzelne Mensch ist dadurch gefordert, eine Orientierung über eigens
geschaffene Sinnstrukturen herzustellen und diese den zunehmend beschleunigten
Veränderungsprozessen der Gegenwart anzupassen.
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1995: 52). Die Vergangenheit verliert ihren Einfluss auf die Gegenwart (vgl.
Kapitel 4.3.1) und damit einhergehend werden die narrativen Überlieferungen in
ihrer Bedeutung und Funktion obsolet.
2.2.2
Riskante Freiheiten
Die Verfasstheit der reflexiv-modernen
Gesellschaft bringt es mit sich, dass der einzelne Mensch gefordert ist, sein
Leben in eigener Regie zu gestalten. In der Folge der Entbettung des Menschen
aus den vorgegebenen Rollenmustern und durch die gleichzeitige Ausdifferenzierung
der Optionen zur Lebensgestaltung „werden alle Definitionsleistungen den
Individuen selbst zugemutet oder auferlegt“ (Beck 1993: 39). Diese von Beck als
„Individualisierungsprozess“ (ebd., kursiv im Original) bezeichnete
Entwicklung birgt in sich die Ambivalenz, dass zum Einen sich dem einzelnen
Menschen neue Freiheitschancen eröffnen und ihm dadurch die Möglichkeit gegeben
ist, sein Leben nach den eigenen Vorstellungen und Wünschen zu gestalten. Auf
der anderen Seite jedoch ist diese Freiheit auch immer mit der Gefahr
verbunden, diese Aufgabe nicht bewältigen zu können und schließlich dem
„biographischem Schiffbruch“ (Herriger 2002: 42) entgegen zu gehen.
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Individualisierungsprozess muss somit „als Anfang eines neuen Modus der
Vergesellschaftung gedacht werden“ (ebd., kursiv im Original), in welchem
die Freiheit zur Lebensgestaltung durch eine gleichzeitige Abhängigkeit von
Institutionen und den damit einhergehenden Folgen eingerahmt ist: „Mit dieser
Institutionsabhängigkeit wächst die Krisenanfälligkeit der entstehenden
Individuallagen ... quer zu den traditionellen Klassengrenzen“ (ebd. 214
f., kursiv im Original). Es sind dadurch alle Menschen potentiell von
den institutionell geprägten Gefahren und Risiken (wie z.B. Arbeitslosigkeit)
betroffen. Gleichzeitig werden diese Probleme aber immer weniger als
Kollektivschicksale, sondern als individuelle Problemlagen wahrgenommen und
damit in das Private gewendet (ebd. 211 ff.). Diese neuen Risiko- und Problemlagen
gehen einher mit dem doppelten Gesicht des Individualisierungsprozesses, durch
welches sich die Unsicherheiten im Leben des Einzelnen (noch einmal) erhöhen:
Die Individualisierung bietet keine Befreiung aus der Abhängigkeit sozialer
Vorgaben, sondern ersetzt die alte soziale Kontrolle durch neue „Kontroll- bzw.
Reintegrationsmechanismen“ (ebd. 206).
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und dort ablaufenden Prozesse sind durch ihre zunehmende Komplexität und ambivalente
Struktur zudem vermehrt von Kontingenz gekennzeichnet. Die in dem Lebensraum
entstehenden Risiken und Gefahren werden dadurch für das Individuum zu einem
immer weniger kalkulier- und kontrollierbaren Ereignis (vgl. Bauman: 224 ff.).
Diese riskanten Freiheiten hinterlassen nach Beck (1993: 69) in der gesamten
Gesellschaft das Gefühl einer tiefen Verunsicherung. Trotz aller Versuche,
dieser Verunsicherung Regel- und Sinnsysteme entgegenzusetzen, nimmt die
„Orientierungsunsicherheit“ zu (Welsch 1988: 27).
In gegenseitiger Übereinstimmung gehen
die Soziologen Beck, Giddens und Bauman davon aus, dass die Politik immer
weniger von dem Subjekt zu trennen ist. Die eigene Lebensgestaltung verflechtet
sich immer mehr mit den gesellschaftlichen Institutionen, so dass die Entstehung
und Bearbeitung von Konflikten und Problemen deutlich zu einer „Politik der
Subjekte“ (Bauman 1995: 231) wird. Die zunehmende Pluralität und Ambivalenz im
Zusammenleben der Menschen macht nach Beck (1993) ein Modell des „Runden
Tisches“ (ebd. 189, kursiv im Original) mit den Vertretern aus der
„Industrie, Politik, Wissenschaft und Bevölkerung“ (ebd. 190) notwendig. Es
gilt nicht länger das Monopol der ‚Experten’, die hinter verschlossenen Türen
weitreichende Entscheidungen treffen.
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mit dem Subjekt hat seiner Ansicht nach zur Folge, dass die Selbstreflexivität
der Institutionen auf das Subjekt übergeht und es dadurch die eigene Person zu
hinterfragen beginnt. Indem das Subjekt durch seine „life politics“ (ebd. 214)
Identitätsarbeit betreibt, kann es sich durch „self-actualisation“ (ebd.) den
aktuellen Veränderungen anzupassen versuchen. Diese „positive Aneignung der
Umstände, unter denen globalisierte Einflüsse auf das alltägliche Leben
einwirken“ (1995: 155; kursiv im Original), reflektieren wider auf die globalen
Einflüsse zurück:
„life politics concerns political issues which
flow from process of self-actualisation in post-traditional contexts, where
gobalising influences inrude deeply into the reflexive project of the self, and
conversely where processes of self-realisation influence global strategies.” (Giddens
1991: 214)
Eine sowohl für die subjektive, als auch
für die gesellschaftlich-politische Ebene anwendbare Forderung formuliert
Wolfgang Welsch. Er wendet sich gegen den Vorwurf einer der Pluralität und
Ambivalenz folgenden Beliebigkeit und Unverbindlichkeit von Werten, Normen und
Haltungen (vgl.
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