Für Beck beginnt bei den sich auflösenden
Prämissen der modernen Industriegesellschaft die „Risikogesellschaft“ als
Übergang zu einer Epoche der Moderne, die er als eine „noch namenlose“ (ebd.
57) bezeichnet und die sich durch eine „andere gesellschaftliche Gestalt“ (Beck
1986: 14) auszeichnen wird. Die Risikogesellschaft kennzeichnet sich dabei
neben einem veränderten Verhältnis der Gesellschaft zu den von ihr erzeugten
Gefährdungen und Problemen vor allem durch die „Entzauberung der kollektiven
und gruppenspezifischen Sinnquellen (z.B. Fortschrittsgedanken,
Klassenbewußtsein) ...“ (Beck 1993: 38).
Als eine Folge dieser sich auflösenden
Prämissen der modernen Industriegesellschaft sieht Beck den „Individualisierungsprozeß“
(ebd. 39; kursiv im Original), der die Menschen aus „der Industriegesellschaft
in die Turbulenzen der Weltrisikogesellschaft“ (ebd.) entlässt.
Auf die Frage
nach den Ursachen für die Entwicklung hin zu einer Negation des
neuzeitlich-modernen Anspruchdenkens, zeigt sich die gemeinsame Schnittstelle
der hier verwendeten Erklärungsmodelle an einer radikalen und unkontrollierten
Verselbständigung der Modernisierungsfolgen. Die Differenz macht sich bei den
beiden Autoren Wolfgang Welsch und Ulrich Beck hinsichtlich der Fokussierung
unterschiedlicher Folgen der Moderne und ihren jeweiligen Auswirkungen aus.
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Es bleibt schließlich noch die Frage nach
der Verfasstheit und der begrifflichen Zuordnung dieser Entwicklung zu
beantworten. Der Begriff „Postmoderne“ wird, wie in dem Kapitel 2.1 bereits
angedeutet, von den hier primär verwendeten Autoren lediglich von Wolfgang
Welsch und Zymunt Bauman verwendet.
Das aus dem Lateinischen abgeleitete Präfix
‚Post-’ (zeitl.: nachher, später) meint zunächst eine Zeit, „die der
Moderne folgt und trotz aller Affinitäten von dieser abweicht“ (Zema 1997: 5).
Mehr als diese begriffliche Zuordnung sind jedoch die Inhalte bzw. „Problematiken“
(ebd. 20; kursiv im Original) der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung von
Interesse. Die unterschiedlichen inhaltlichen Ausformulierungen dieser
Entwicklung seitens der vier Autoren erklären zugleich deren uneinheitliche
Terminologie. Der Begriff „Postmoderne“ wird von Ulrich Beck (1986: 12)
abgelehnt, da seiner Meinung nach damit bereits „alles zu verschwimmen“
beginnt. Mit dem Zusatz ‚Post-’ verbindet er eine „Ratlosigkeit, die sich im
Modischen verfängt“ (ebd.). Die „Risikogesellschaft“ bzw. die „reflexive
Moderne“ ist für ihn die gegenwärtige Epoche, welche den Übergang bildet in
eine „andere“ und „noch namenlose ... zweite Moderne, deren Konturen unscharf
sind“ (ebd. 57 ff.). Entgegen des Selbstverständnisses von Beck attestiert
Peter Zema (1997) ihm dennoch eine „postmodernistische Krisendiagnose“ (ebd.
46), da seiner Meinung nach das Modell der „Risikogesellschaft“ zu wesentlichen
Schlussfolgerungen gelangt, durch welche sich auch postmoderne Modelle
ausweisen.
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von der heutigen Zeit der „Hochmoderne“ (ebd. 201) aus die „Umrisse einer
[tatsächlichen, P.Z.] postmodernen Ordnung zu ermitteln“ (ebd.). Als ein
Befürworter des Begriffs „Postmoderne“ geht Welsch ebenfalls davon aus, dass
die Gegenwart noch in der Moderne verankert ist. Die heutige Zeit zeichnet sich
jedoch durch Züge aus, „die man sich als ‚postmodern’ zu etikettieren angewöhnt
hat“ und er spricht daher von „unserer postmodernen Moderne“ (1988: 35). Ein
zentrales Merkmal in dem Gesellschaftsmodell von Welsch ist, dass seiner
Ansicht nach die Entwicklung hin zur Postmoderne eine Fortführung der Moderne
ist und somit keinen gegenwärtigen Bruch darstellt (1997: 6). Die Pluralität
der Moderne des 20. Jahrhunderts wird in der Postmoderne radikal und erlangt
dadurch eine allgemeine „Grundverfassung“ (ebd. 5), so dass die Postmoderne
eine Moderne ist, „die nicht mehr den Auflagen der Neuzeit folgt, sondern die
des 20. Jahrhunderts einlöst“ (ebd. 84). Der Soziologe Zygmunt Bauman hingegen
sieht die Postmoderne in unserer Gegenwart bereits verwirklicht und sogar „im
Augenblick ihres definitiven Triumphes“ (1995: 6).
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Für die Verfasstheit der hier
dargestellten gesellschaftlichen Entwicklung sind m.E. drei wesentliche
Merkmale kennzeichnend: die Pluralität und Ambivalenz, die Entbettung
aus sozialen Milieus und Rollenmuster, sowie das Ende kollektiver
Überlieferungen. Alle drei Merkmale stehen in den Gesellschaftsmodellen der
vier Autoren in wechselseitiger Verbindung zueinander und werden im Folgenden
lediglich zur Analyse getrennt dargestellt. Die Radikalisierung der
Modernisierungsfolgen bedeutete nicht nur eine „Ausdifferenzierung wissenschaftlicher
Geltungsansprüche“ (Beck 1986: 256) und „Weltanschauungen“ (Welsch 1988: 25),
sondern auch eine Pluralisierung „in den Funktionssystemen der Gesellschaft“,
sowie der Lebensphasen, Lebenswelten (ebd. 26 f.) und Sinnwelten (Welsch 1997:
79). Diese Pluralität wird zu einer globalen „Grundoption“ (ebd.), mit der aber
auch jede Eindeutigkeit verloren geht. Das Nebeneinander von Gegensätzen, als
„Einheit unvereinbarer Werte wie Gut und Böse, Wahrheit und Lüge“ (Zema 1997:
25) folgt der Pluralität somit auf dem Fuß. Dieses auch als „Ambivalenz“ bezeichnete
Phänomen birgt jedoch Widersprüche in sich, welche zur Normalität alltäglichen
Lebens werden.
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Die Entbettung aus sozialen Milieus und
Rollenmuster ist eine Folge, welche mit der radikalen Pluralisierung einhergeht
und von Giddens (1995) als ein wesentlicher Motor der Moderne gesehen wird. Die
Entbettung meint für ihn: „das ‚Herausheben’ sozialer Beziehungen aus
ortsgebundenen Interaktionszusammenhängen und ihre unbegrenzte
Raum-Zeit-Spannen übergreifende Umstrukturierung“ (ebd. 33). Erst eine
funktionale Differenzierung der Gesellschaft ermöglichte den „Schritt von
kleinformatigen Systemen zu agrarischen Zivilisationen und von da aus zu modernen
Gesellschaften“ (ebd.) und damit auch die Entbettung aus der vorgegebenen
sozialen Ordnung. Das Vertrauen in symbolische Zeichen, sowie in Expertensysteme
bilden dabei eine wesentliche Grundlage für den Entbettungsprozess: „Jeder, der
Geldzeichen benutzt, geht dabei von der Voraussetzung aus, daß andere ... ihren
Wert anerkennen“ (ebd. 34 ff.). Das Vertrauen in symbolische Zeichen sowie in
die abstrakten Fähigkeiten eines Expertensystems (z.B. in ein Bauunternehmen)
lösen die sozialen Beziehungen aus ihren unmittelbaren Bedingungen. Die im
Vertrauen auf die ausdifferenzierten Funktionssysteme erfolgte Entbettung aus
den fixen Vorgaben hat jedoch zur Folge, dass das Leben zu einem „Ort ständiger
Mobilität und Veränderungen“ (Bauman 1995: 234) wird.
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