Die
Aufgabe der Lebensgestaltung ist für das Subjekt zentral und es bewegt sich
dabei in der Komplexität des Alltags stets zwischen alternativen Optionen und
Zumutungen, Chancen und Risiken, mit dem Ergebnis, dass das Leben immer komplizierter
wird (Thiersch 1992: 16). Die Gestaltung und Bewältigung des Alltags erfolgt in
einem offenen Prozess und in kontinuierlicher Eigenleistung des Individuums.
Das jeweilige Verhaltensrepertoire des Menschen ist dabei Ausdruck dieses
Bewältigungsversuchs und kann einerseits entlasten und zu einem gelingenderen
Alltag beitragen oder (gleichzeitig) blockierend wirken (Grunwald/ Thiersch
2001). Es geht in der Sozialen Arbeit daher um ein Verstehen des Alltags der
Adressatinnen, um die Rekonstruktion und Interpretation der darin zu Tage kommenden
unterschiedlichen Deutungs- und Handlungsmuster, als auch der Zusammenhänge von
Alltag und den historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen (ebd. 1139;
Engelke 2002: 331).
Verfahrenswissen.
Die Mittel und Verfahren der Sozialen Arbeit finden ihre Anwendung in der
Unmittelbarkeit der Lebens- und Erfahrungswelt der Adressatinnen. Das Ziel
dabei ist es, die Selbständigkeit des einzelnen Menschen zu erhalten, zu
fördern oder wieder zu gewinnen und gleichzeitig für die soziale Gerechtigkeit
einzutreten (Grunwald/ Thiersch 2001: 1136), um dadurch eine „bessere,
gelingendere Lebenswelt zu ermöglichen“ (Flüssenhäuser/ Thiersch 2005: 1893):
Der lebensweltorientierte Ansatz formuliert damit einen Auftrag, der über die
konkrete Alltagswelt der Adressatinnen hinausgeht und „gesellschaftlich weit,
politisch und in sich differenziert verstanden und praktiziert“ werden muss
(Thiersch 1995: 247).
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Hilfe der Ressourcen der Adressatinnen „subjektive Lern-, Bildungs- und
Entwicklungsperspektiven zu befördern“ (Grunwald/ Thiersch 2001: 1141) und
darüber Hilfe zur Selbsthilfe zu betreiben, die letztlich „auf Empowerment
[und; P.Z.] auf Identitätsarbeit“ abzielen (ebd. 1142).
Vor diesem Hintergrund
hat die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit ihre Angebote und Hilfen
präventiv, in unmittelbarer Alltagsnähe (ambulant), als auch niederschwellig zu
offerieren und durchzuführen (ebd. 1146).
Die Begründung für die Wahl des
lebensweltorientierten Konzeptes als die leitende Handlungstheorie der vorliegenden
Arbeit liegt in der besonderen Anschlussfähigkeit zu den bisherigen Inhalten
der Arbeit. Die Annahme, dass die aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen für
den einzelnen Menschen eine zunehmende Herausforderung darstellen, die das
Leben in eigener reflexiver Regie im Spannungsverhältnis von Chance und Risiko,
von Freiheit und Eingebundensein in gesellschaftliche Strukturen erfordert,
tangiert die Ausführungen zur Postmoderne (Kapitel 2), sowie die daraus
resultierenden Bedingungen und Aufgaben für die älteren Menschen (Kapitel 3).
Die starke Orientierung an dem Subjekt und seinen Handlungs- und Deutungsmustern,
wie auch die von Thiersch aufgezeigte Notwendigkeit, ein Leben lang in
Rückbindung an die eigenen (biographischen) Ressourcen für das Leben zu lernen,
stehen in enger Verbindung mit den in Kapitel 4 dargelegten Ausführungen.
Ebenfalls in Bezug zu diesem Kapitel stehen die Aufgaben der
lebensweltorientierten Sozialen Arbeit, die Subjekte in ihrer „Arbeit an einer
schwierigen Identität“ (Thiersch 2000: 533) zu unterstützen und sie darin über
Lern- und Bildungsprozesse zu fördern.
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und Individuum geht es um eine gesellschaftspolitische Kontrolle und Gestaltung
von gesellschaftlichen Beziehungen bei gleichzeitiger Förderung der Emanzipation
der Individuen (vgl. Sünker 2005).
Mit Blick auf
das Subjekt geht es „der Sozialpädagogik nicht länger um ‚Normalisierung’ ..,
sondern um die Initiierung und Beförderung von Bildungsprozessen“ (ebd. 230
f.), was auch stets den Lernprozess des Subjektes mit beinhaltet (vgl. Kapitel
4.2). Das Lernen vollzieht sich nach Horst Siebert (1994) in einem engen
Kontakt zur eigenen Lebenswelt, da die „Lebenswelt fast synonym mit
‚konstruierter Wirklichkeit’“ ist (ebd. 85) und daher für das Lernen, als „erfahrungsbasierter
Prozess“ (vgl. Kapitel 4.2), die Grundlage bildet. Lernen ist demnach
gleichbedeutend mit einem „identitäts- und lebensweltbezogenen Lernen“ (Siebert
1994: 87). An dieser Stelle formuliert die lebensweltorientierte
Handlungstheorie den Bildungsauftrag der Sozialen Arbeit: Ihre Aufgabe
besteht nach Thiersch neben der Unterstützung und Hilfe bei Problemen auch in
der Förderung der individuellen und subjektiven Lern- und Entwicklungspotentiale
der Adressatinnen.
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Dieser
Bildungsauftrag der Sozialen Arbeit korreliert mit der von Heiner Keupp
dargestellten „gelingenden Identität“ (vgl. Kapitel 4.4.2). In beiden Ansätzen
steht die Arbeit des Subjektes an sich selber und an seiner unmittelbaren
Lebenswelt mit dem Ziel einer gelingenderen Lebensbewältigung im Vordergrund.
Die Betonung liegt dabei deutlich auf dem „Respekt vor der Eigensinnigkeit von
Lebenswelt“ (Grundwald/ Thiersch 2001: 1143) und auf der offenen und
eigenverantwortlichen Entwicklung des Menschen, zu dem das Scheitern im Leben genauso
gehört, wie der temporäre Zustand einer gelingenden Identität und Lebensbewältigung.
Das Gelingen ist somit nicht als absolut, sondern als ein kontinuierlich durch
das Subjekt herzustellender Zustand zu verstehen. Es handelt sich somit um einen
gelingenderen Prozess. Grundlegend dafür sind nach beiden Autoren sowohl
die dem Subjekt immanenten Kompetenzen, als auch dessen Zugang zu Ressourcen.
Der Einfluss von außen auf den Prozess der Identitätsentwicklung und der
Lebensbewältigung besteht dabei in der Bereitstellung und Aufrechterhaltung
eines geeigneten Rahmens, in dem ein subjektives „Lernen für Lebenskompetenzen
(für die ‚Kunst des Lebens’ ..)“ (Thiersch 2000: 532) in reflexiver Leistung
möglich wird: „(Sozial-) Pädagogische Orte können so Anregungs- und
Aufforderungsstrukturen zur Veränderung schaffen, nicht aber die Veränderung
selbst“ (Flüssenhäuser/ Thiersch 2005: 1888).
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Altenarbeit jedoch „als jener Ausschnitt der Altenhilfe und Altenarbeit
bezeichnet [werden; P.Z.], der durch Fachkräfte der Sozialen Arbeit
repräsentiert wird“ (Otto 2001: 11). Die Altenhilfe wiederum umfasst die Hilfen
in abhängigen Lebenslagen, während die Aufgabe der Altenarbeit darin besteht,
die Teilhabe älterer Menschen am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, wobei
die Grenzen beider Bereiche fließend sind (Hoppe 2005: 54). Die Arbeitsfelder
der sozialen Altenarbeit lassen sich entlang des Grades der selbständigen
Lebensführung älterer Menschen unterteilen und spiegeln damit auch das
polarisierte Bild vom Alter(n) wider (vgl. Kapitel 3.2.2):
die offene Altenarbeit, der ambulante Bereich, der teilstationäre und der
stationäre Bereich
(Schweppe 2002: 332 ff.). Die soziale Altenarbeit nimmt in dem ambulanten,
sowie dem
(teil-)stationären Bereich aufgrund des dominierenden medizinischen Paradigmas
lediglich eine Randstellung ein und stellt beispielsweise in der stationären
Altenhilfe nur 1-2% der Gesamtbelegschaft (ebd. 342). In der offenen Arbeit mit
älteren Menschen hat die Soziale Arbeit dagegen einen festen Stand (Karl 2005:
445) und umfasst die Arbeit im Bildungs-, Kultur- und Sozialbereich (Schweppe
2002: 332).
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