Zudem
wird versucht, sich flexibel an die Kommunikations- und Interaktionskodizes,
sowie den Mitteilungsbedürfnissen der befragten Personen anzupassen. Gegenüber
den Äußerungen der Befragten wird eine anteilnehmende, aber reservierte Haltung
eingenommen, um Interviewerinnen-Effekte und somit Verzerrungen der Ergebnisse
so weit wie möglich zu reduzieren (vgl. Schaffer 2002: 91 ff.). Der
Interviewleitfaden (vgl. Anhang 1: 177 f.) ist
aufgrund der hohen Komplexität der Forschungsfrage vergleichsweise stark strukturiert.
Um jedoch einer „Leitfadenbürokratie“ (Flick 1996: 113; kursiv im
Original) entgegenzuwirken, wird die Abfolge der Fragen an den Gesprächsverlauf
weitestgehend angepasst und Akzentverschiebungen der Befragten in den
Gesprächen bewusst zugelassen. Eine genaue Kenntnis der Themenkomplexe und
Fragestellungen, sowie ein gezieltes Interviewtraining sind im Vorfeld der Befragung
daher zwingend notwendig.
Im Vorfeld der Feldphase wurde ein Pretest
durchgeführt, um den Interviewleitfaden evaluieren und ggf. optimieren zu
können. Durch den Pretest hat sich gezeigt, dass die Fragen einen hohen
Anspruch an das Reflexionsvermögen haben, da die Fragen von den Interviewpartnerinnen
als relativ abstrakt empfunden wurden.
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5.1.3
Operationalisierung
In der vorliegenden qualitativen
Untersuchung wird sich dem Forschungsfeld auf der Grundlage eines theoretischen
Vorverständnisses in Form der Identitätstheorie von Heiner Keupp u.a. (vgl.
Kapitel 4.4.2) genähert. Dieses theoretische Wissen kann im Verlauf des Forschungsprozesses
jedoch differenziert, erweitert oder auch revidiert werden.
Daher erfolgt, methodologisch
betrachtet, „eine Kombination von Induktion und Deduktion mit der Chance auf
eine Modifikation der zuvor konstruierten theoretischen Konzepte“ (Schaffer
2002: 115). Zunächst ist es notwendig, die an den Untersuchungsgegenstand
herangetragene Theorie zu operationalisieren, d.h. sie vom Abstrakten ins Konkrete
zu transformieren und somit interpretierbar zu machen. Mit Hilfe von
Operationen kann schließlich entschieden werden, ob die von den befragten
Personen gemachten Aussagen mit den theoretischen Begriffen übereinstimmen
(vgl. Lamnek 1995: 397). Im Folgenden werden aus dem theoretischen Material die
im Rahmen dieser Untersuchung fokussierten Schlüsselqualifikationen für das
Gelingen von Identität, nämlich die „Gerechtigkeitskompetenz“, sowie die
„historische Kompetenz“ als Begriffe definiert (vgl.
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wird es möglich, Ausprägungen der einzelnen Begriffe nachvollziehbar und
begründend zu formulieren (s.u.). Diese Ausprägungen bilden den Rahmen der
Befragung, da durch sie die abstrakte Theorie konkret und somit auf den
Gegenstand anwendbar wird. Ein genaues Regelsystem, welches darüber Auskunft
gibt, wann Aussagen der befragten Personen in eine der Ausprägungen
miteinbezogen werden, wird durch den Kodierleitfaden (vgl.
Anhang 3: 180 ff.) festgelegt.
Die „Gerechtigkeitskompetenz“, als eine
der fokussierten Schlüsselqualifikationen, setzt sich aus der „kritischen
Wahrnehmungsfähigkeit“, sowie dem „souveränen Engagement“ zusammen (Keupp u.a.
2006). Die Gerechtigkeitskompetenz wird somit über die Definition dieser beiden
Begriffe bestimmt.
Wird der Begriff der kritischen
Wahrnehmungsfähigkeit in seine Wortbestandteile zergliedert, so ergeben sich
die Wörter Kritik, Wahrnehmung und Fähigkeit. Die Kritik wird als „die Fähigkeit
zur Beurteilung eines Gegenstandes und ihre Ausführung“ verstanden, durch welche
sich das Subjekt „vor Irrtum und Täuschung“ bewahrt (Der
Brockhaus Psychologie 2001: 323). Die Fähigkeit umfasst dabei die
„Gesamtheit aller individuellen Kompetenzen und Talente, um auf einem bestimmten
Gebiet Leistungen höheren Grades zu erbringen ..
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Der zweite zu der Gerechtigkeitskompetenz
gehörende Begriff ist der des „souveränen Engagements“. „Souverän [meint; P.Z.]
.. (aufgrund von Fähigkeiten) sicher und überlegen“ zu sein (Brockhaus 2006d: 568) und entsprechend aufzutreten
und zu handeln (Müller 1985: 593). Unter Engagement versteht man das „Interesse
und die innere Verpflichtung, in einer Situation Stellung zu beziehen“ (F.A. Brockhaus 2006a: 68). Sich zu engagieren meint
zudem, „sich zu etwas bekennen und sich dafür einsetzen“ (Müller 1985:
593; kursiv im Original). Zusammenfassend lässt sich der Begriff „souveränes Engagement“
wie folgt definieren: Souveränes Engagement bedeutet, aus eigener Motivation
heraus sich für etwas einzusetzen und in diesem Bereich aufgrund von
(erweiterbaren) Kompetenzen sicher zu handeln.
Die Gerechtigkeitskompetenz wird von
Keupp u.a. (2006) mit einer „Sensibilität für Enteignungsverfahren“ (ebd. 282)
gleichgesetzt und bildet eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen von
Identität. Hintergrund für die Notwendigkeit dieser Kompetenz ist die schleichende
Enteignung des Subjektes von dessen Fähigkeiten und die Vertreibung aus den
gewohnten Umgebungen durch die hochkomplexen Anlagen und Maschinen spätmoderner
Gesellschaften:
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Die „historische
Kompetenz“ ist eine weitere Schlüsselqualifikation für eine gelingende
Identität. Eine historische Kompetenz kann nach Keupp u.a. (2006) dadurch
erlangt werden, dass die Erfahrungen der „eigenen Lebensgeschichte in eine
historische Perspektive“ zu stellen versucht werden (ebd. 284). Die historische
Kompetenz wird somit über die Definition des Begriffskomplexes ‚Erfahrungen der
eigenen Lebensgeschichte in eine historische Perspektive stellen’ bestimmt.
Zur Definition
werden die zentralen Wörter Erfahrung, Lebensgeschichte und historische Perspektive
näher erläutert. Erfahrung ist eine „Sammelbezeichnung für die im Lauf des Lebens
durch Anschauung, Wahrnehmung, Empfindung und praktischer Erprobung gewonnenen
Kenntnis, Verhaltensweisen und Einsicht“ (Brockhaus Psychologie 2001: 140). Die
Lebensgeschichte beinhaltet das gesamte Wissen eines Menschen, welches er vor
dem Hintergrund seiner persönlichen und sozialen Erfahrungen deutet und
weitererzählt (Klingenberger 2003: 28). Die Wortzusammensetzung ‚historische
Perspektive’ lässt sich wiederum in die Worte historisch und Perspektive
teilen.
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