Der Blinde – Abschliessende Interpretation
Bertolt Brechts Text „Der Blinde“ wirft
hauptsächlich zwei Themen auf. Einerseits blicken wir in das Leben eines
Blinden ein, wie er sich psychisch und auch physisch in einer schweren Zeit
verändert, aber auch über Gott wird viel gesprochen in dem Text. Viel mit
Brechts Leben hat dieser Text nicht zu tun, ausser dass man annehmen kann dass
er Agnostiker war.
Das kann man aus einigen Zitaten herausschiessen, hier zwei Beispiele:
„Wisse auch, dass etwas nicht glauben, doch etwas glauben
heißt."
„Immer noch, wie im Pawlowschen Versuch, veranlassen Glocken
in mir Prozesse sicherlich chemischer Art, Gedanken metaphysischer
Richtung."
Wandlung des Blinden
99 Prozent des Textes zeigen uns das Leben
des Blinden, wie er alles mit seinen Augen sieht, wie er sich verhält und sich
alles im Laufe der Zeit durch sein schreckliches Schicksal verändert.
Er war ein braver, unschuldiger Bürger ohne
Ausschweifungen. Bis er eines Tages blind wird. Er hat enorme Probleme damit
klar zu kommen und versteht überhaupt nicht weshalb er blind wurde. Denn für
ihn gilt ganz klar das Tun-Ergehen Prinzip, das heisst dass man bloss bestraft
werden kann wenn man sündigt.
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„In seinem Gehirn, das für lichte Gedanken so unwohnlich
geworden war wie ein Haus ohne Fenster für fröhliche Mieter, nisteten sich die
beiden Sätze ein und machten es sich behaglich.“
„Denn nun
dünkte es ihm, dass die Zeit seiner Geduld lange genug gedauert hätte und seine
Brüder nicht in Freude zu leben brauchten, wenn er in Elend und Alleinsein verkomme.“
Nun zieht er nicht nur sich selbst ins Verderben mit seinen
düsteren Gedanken, sondern will seine Nächsten, in diesem Fall seine Brüder,
auch reinziehen, bloß weil er bestraft wurde und die anderen nicht. Er will das
Leiden vergrößern, denn geteiltes Leid ist halbes Leid! Für ihn gilt dieses
eine Zitat viel zu ernst:
„Denn ihm schien es, als sei große Qual leichter zu
tragen als kleine.“
Obwohl seine Brüder ihn sehr liebevoll pflegen, gibt es
auch Grenzen. Schlussendlich werden sie dazu gezwungen, ihn in eine Anstalt zu
schicken, was völlig gegen seinen Willen passieren müsste.
„Dort
sind mehr Leute wie ich, dachte er, solche, die sich mit ihrem Elend abgefunden
haben, solche, die es besser tragen; dort werden wir versucht, Gott zu verzeihen,
dort gehe ich nicht hin.“
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Er kämpft
mit allen Mitteln gegen diese Einlieferung an! Einerseits will er seine Brüder
in den Wahnsinn treiben und extremes Mitleid erzeugen indem er einen Suizid Akt
inszeniert!
„Als die
Brüder fortgegangen waren, saß er noch lange in tiefem sinnen, und fünf
Minuten, ehe er sie zurückerwartete, öffnete er den Gashahn. Er machte ihn noch
einmal zu, als sie sich verspäteten. Aber als er sie auf der Treppe hörte,
öffnete er wieder und legte sich auf sein Bett. So fanden sie ihn und gerieten
in große Angst.“
Jedoch als
er sieht dass diese Einlieferung nun definitiv vollzogen wird, sieht er keinen
anderen Ausweg mehr als seinem Leben ein Ende zu setzen. Er will lieber sterben
als Gott vergeben. Der Blinde ist ein Opfer seines Selbstmitleides, er reitet
sich ganz alleine in all diese Misere. Er redet sich ein wie schlimm es um ihn
steht, wie unschuldig er bestraft wurde, und nun schlussendlich auch noch aus
dem Hause seiner Brüder gejagt wurde. Das sind die Folgen des Verhaltens,
welches der Blinde abgelegt hat. Er provozierte seine Brüder so sehr dazu, ihn
anzuschreien, bis er einen guten Grund hatte, zu fliehen. Somit ertrank er in
seinem Selbstmitleid und schlussendlich in einem Fluss wo er sehr wahrscheinlich
seinen Tod gefunden hat.
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Bezug auf Hygiene – Auslöser seiner Depression
Oftmals wird unauffällig über die Sauberkeit gesprochen. Der
Blinde legte sehr großen Wert auf Hygiene und Reinheit, war als kleines Kind
schon ein Vorbild für seine Brüder. Trotz seiner Behinderung gibt er sich Mühe
weiterhin zu waschen und sauber zu bleiben, bis eines Tages einer seiner Brüder
ihn konfrontiert. Er kritisiert den Blinden:
„[…] als der andere Bruder ihn gelegentlich fragte, ob er
sich mit dem Waschen schwer tue.“
Das ist die entscheidende Wendung! Für den Blinden gilt dies
als eine extreme Beleidigung, denn die Sauberkeit war ihm schon sein ganzes
Leben lang wichtig, und nun wird ihm gesagt er könne nicht mal waschen. Somit
stirbt seine letzte Freude und sein letzten Willen angemessen und fröhlich zu
leben.
„Von dem
Tag an hatte der Blinde vor dem Wasser eine Scheu wie ein toller Hund. Denn nun
dünkte es ihm, dass die Zeit seiner Geduld lange genug gedauert hätte und seine
Brüder nicht in Freude zu leben brauchten, wenn er in Elend und Alleinsein
verkomme.“
Er fühlt sich dazu auch noch völlig beleidigt von seinem
Bruder, auch unterschätzt. Seine Lust zum Leben ist gestorben, er beginnt sich
zu fragen wieso er überhaupt noch sich Mühe geben muss, den anderen nicht zur
Last zur Fallen. Es kann sein dass er so damit beschäftigt ist, sich selbst zu
bemitleiden und sich unfair behandelt zu fühlen, dass er vergisst dankbar zu
sein.
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Betten und Kleider befleckt, sich wie ein Tier benimmt und in die Hosen seines
Bruders uriniert. All dies tut er mit enormem Fleiß, er wird sozusagen seine
neue Leidenschaft anstelle der Sauberkeit.
„Als die Brüder darauf kamen, dass er dies mit Fleiß tue
hatten sie zunächst tiefes Mitleid mit ihm, und dann baten sie ihn, solches
nimmer zu tun, ihr Unglück sei groß genug.“
Schlussendlich will er sein Leben in einem Fluss beendet,
obwohl er eine große Angst gegen das Wasser entwickelte, eine ironische Aktion.
Gründe dafür kann es einige geben. Einerseits will er sein dramatisches und
trauriges Leben nun auch auf diese Weise beenden, indem er sich einer großen
Angst stellt, andererseits kann es auch sein dass ihm die Reinheit doch immer
sehr wichtig geblieben ist und er nun alles von sich abwaschen will in diesem
Fluss. Eine dritte Vermutung wäre. Man sieht, die Reinheit hat ihn durch
sein ganzes Leben begleitet und steht auch die ganze Zeit für seinen
psychischen Zustand.
Schlussfolgerung:
Trotz seiner Mühe ein normales Leben zu führen am Anfang,
stürzt er in tiefe Depressionen als sein Bruder ihn kritisiert, nicht mehr
fähig zu sein, seine Kleidung zu waschen. Er fühlt sich extrem unschuldig
bestraft, versteht Gott nicht und will ihm auch nicht verzeihen. Das Gegenteil
ist der Fall, er will alle anderen mit ins Verderben ziehen, seine Gedanken
werden düster und er versinkt in Selbstmitleid.
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