Der Begriff des
Umgreifenden bei Karl Jaspers
EINLEITUNG
1. Vorgeschichte des Begriffs
Wenn wir mit
Jaspers sagen Jede Philosophie war in der Tat eine Philosophie des Umgreifenden
so bedeutet das selbstverständlich, dass dieser Begriff zu verschiedenen Zeiten
und in verschiedenen Kulturen je eigentümlich gedacht oder erfahren wurde. In
der Philosophiegeschichte ist die unbedingte Realität des Umgreifenden unter
sehr verschiedenen Aspekten beschrieben und benannt worden als Atman (das
innere, unvergängliche Selbst) und Brahman (Weltgrund) in der alt-indischen
Philosophie, als Tao in der altchinesischen Philosophie, als Logos,
Unendliches, Wasser, Feuer, Luft, Sein und Gott bei den Vorsokratikern, als
Kern der sittlichen Persönlichkeit bei Sokrates, als 'Idee des Guten' bei
Platon, als 'unbewegter Beweger' bei Aristoteles, als 'das Eine' bei Plotin,
als Gott oder Substanz bei Spinoza, als absolutes Ich bei Fichte, als Gott bei
Jacobi, als absolute Indifferenz von Subjekt und Objekt und als Gott bei Schelling,
als Geist, Weltgeist oder absoluter Begriff bei Hegel, als das 'Umgreifende'
bei Jaspers, als transzendentale Intersubjektivität bei Husserl und als das
Sein des Menschen bei Heidegger -
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notwendig, das Denken durch seine eigene Reflexion aus dieser Verfestigung
wieder herauszuführen. Knauss meint, dies scheint schon bei Anaximander der
Fall gewesen zu sein, dessen Begriff des Apeiron dem Umgreifenden schon sehr
nahe käme.
Abgesehen von der Schwierigkeit, ob das Apeiron zu verstehen sei als
Unendliches oder als Unbestimmtes, so scheint doch soviel gesichert zu sein, dass
es von Anaximander in der Weise eines Umgreifenden aller in Ihm umfassten
Elementarstoffe gedacht wurde. Und zwar nicht nur als einfache Summierung aller
Dinge, sondern so, dass es alles durchdringt, beherrscht regelt. Das Sein wird
also wirklich als Sein und nicht als Menge aller seienden Dinge gedacht.
Platon gab dem Denken eine letzte große Einheit unter dem Begriff der Idee,
nicht in einem natürlich-kosmologischen Sinn, sondern logisch-ideal. Die Ideen
sind nicht Wirklichkeit, sondern gehören zu dem, was wir seither Idealität
nennen. Diese Idealität ist eine umgreifende Einheit des Sinnlichen. Das Denken
in Ideen stand für Plato aber noch einmal unter einem Umgreifenden, der
höchsten Idee des Einen und Guten. Diese Idee der Ideen ist gewissermaßen auch
ein Umgreifendes aller Umgreifenden.
2. Kant und
die Idee des Umgreifenden
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wurde mir Kants Verfahren deutlich: Die Idee denkt er erstens in ihrer
objektiven Bedeutung, zweitens als subjektive Triebkraft, drittens als
methodischen Ursprung systematischer Forschung, Diese Idee verschiebt in dieser
dreifachen Bedeutung, entsprechend dem Zusammenhang der Erörterungen, ihren
Sinn, aber derart, dass ein Ganzes erwächst, in dem die Idee diesen notwendigen
Wandel der Bedeutung durchmacht.
Damals schon
stellt Jaspers als beherrschendes Prinzip folgende Ideenbildung heraus: das
Unbedingte oder das Ganze zum Leitbild zu nehmen. Totalität und Unbedingtheit
sind das Wesen der Idee. Dieses Wesen der Idee ist das letztlich Umgreifende
von Subjekt und Objekt. Die Idee bildet so gesehen den höchsten Punkt im
Kantischen Denken, und diese Bedeutung der Idee wird von Jaspers ausdrücklich
gegen die damals übliche Kant-Interpretation hervorgehoben, in der Kant auf die
transzendentale Deduktion und die Kategorienproblematik beschränkt wurde. Für
Jaspers ist der Ideenbegriff Kants, der ihn letztlich von Platon ableitet, stets
Vorbild geblieben.
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Knauss meint: Der
Kantische Grundgedanke der Subjekt-Objekt-Spaltung und sein ’Schluss’ vom Reich
der Natur und der Freiheit auf ihre ’Einheit im Grunde’ jenseits aller
Erkenntnismöglichkeit (am Anfang der Kritik der Urteilskraft) und seine Rede
von der gemeinsamen Wurzel von Sinnlichkeit und Verstand rufen schließlich die
Konzeption des Umgreifenden fast natürlich hervor. Er bezeichnet Jaspers’ Philosophie
als die natürliche Entwicklung des Kantischen Denkens unter gegenwärtigen
Bedingungen...Was die Idee im Kantischen Sinn vom Umgreifenden unterscheidet,
ist das inzwischen veränderte subjektive Bewusstsein. Für Kant hat die
Philosophie den Charakter einer möglichen Wissenschaft, und ihre Begriffe -
also auch die Ideen - erheben den Anspruch einer objektiven Strenge. Sie sind
nicht wie bei Jaspers aus der Grunderfahrung des Transzendierens abgleitet.
Aber auch in seiner Ableitung des Begriffs, in dem Versuch das Umgreifende in
seiner Vielfalt zu erhellen, kommt die Nähe zum Kantischen Denken deutlich zu
Ausdruck. Es (das Umgreifende) sollte in Analogie zum kantischen
transzendentalen Denken als Bedingung aller Möglichkeit vergewissert werden.
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Denken in jedem Augenblick an Gegenstände gebunden ist, kann von diesem
Ungegenständlichen nur am Leitfaden gegenständlichen Denkens gesprochen werden.
Das ist mir wiederum zuerst klar geworden an Kants Methode, wie er sie faktisch
übt (ohne sie selber als solche auszusprechen). In seiner berühmten
transzendentalen Deduktion der Möglichkeit aller Gegenständlichkeit und allen
Erkennens geht er so vor, dass er am Leitfaden psychologischer, logischer,
methodologischer, metaphysischer Objektivierungen das denkt, was keine von
diesen Objektivierungen, aber Bedingung ihrer aller ist, das, was selber weder
Subjekt noch Objekt ist.
Diese Art die
Erscheinungshaftigkeit der Welt und des gesamten Daseins zu betrachten ist, so
sagt Jaspers, von Kant zum ersten Mal zur vollen Klarheit gebracht worden, nachdem
die Gedankenansätze dafür längst in Indien und im alten Griechenland da waren.
Die davon abgeleitete Unterscheidung in Wissenschaft und
Philosophie ist von Kant noch nicht in der Weise, wie sie Jaspers macht, gesehen
worden. Jaspers liegt es nicht daran zu trennen, vielmehr möchte er das, was
sozusagen wissenschaftlich vollziehbar ist, erhellen durch das, was über die
Wissenschaft hinausgeht, sie leitet und führt.
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