Das
Zeitalter der Extreme:
Nun stehen wir
also am Beginn eines neuen Jahrtausends. Die Welt, die uns umgibt zu
betrachten, zu erfassen und zu beschreiben ist kein leichtes Unterfangen. Sie
ist zweifellos schnelllebig, hektisch und schwer zu verstehen. Wir leben in
einer Welt der Superlative.
Immer mehr! Scheller, höher und weiter soll es
gehen. Was die Zukunft bringen mag? Wer von uns wagt schon, eine Antwort darauf
zu finden. Wir können nur auf das zurückblicken, was hinter uns liegt. Für den
englischen Historiker Eric Hobsbawm stellt bereits das vergangene Jahrhundert
ein „Zeitalter der Extreme“ dar. In seinem gleichnamigen Werk versucht er, wie
er in der Einleitung kundtut, das „Kurze 20. Jahrhundert“, also die Zeit vom
Beginn des Ersten Weltkriegs bis zum Ende der Sowjetunion, zu verstehen. Er
will erläutern, weshalb passiert ist, was passiert ist und die verschiedenen
Ereignisse zueinander in Verbindung setzen. Er möchte begreifen, nicht
beurteilen. Denn
„was geschehen
ist, will das Publikum vom Historiker wissen, nicht was er meint, dass hätte
geschehen sollen, aber auch nicht, ob er das Geschehene für gut oder schlecht
hält.“
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Das Goldene
Zeitalter. Für Hobsbawm beinhaltet es die Jahrzehnte vom Ende des Zweiten
Weltkriegs bis zur großen Energiekrise des Jahres 1973. Da eine Periode
natürlich nie homogen und in sich geschlossen sein kann, zeigt er Zusammenhänge
auf, deren Wurzeln schon viel früher zu finden sind und nimmt auch auf die
Folgen, soweit zu dieser Zeit schon absehbar, Bezug.
Das Zeitalter
der Extreme überwältig durch seine unglaubliche Dichte an Information. Es ist
Alltagsgeschichte, Politikgeschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte in
einem. Eine Globalgeschichte im wahrsten Sinne des Wortes. Ein kurzer Blick auf
die einzelnen Kapitel bestätigt dieses Bild.
Mit einer
Betrachtung des Kalten Krieges leitet Hobsbawm den zweiten Teil seines Buches
ein. Eine der großen Fragen, die ihn beschäftigen, und welche er zum Teil auch
explizit nennt, ist jene nach der wirklichen Gefahr. Stand die Gesellschaft
kurz vor einem dritten großen Weltkrieg? Eine schwer zu beantwortende Frage,
wie er selbst einräumt. Seine Ausführungen vermitteln jedoch den Eindruck, dass
trotz mancher kritischer Situationen, nie wirklich die Gefahr bestanden hätte,
dass eine der Supermächte von ihren Atomwaffen Gebrauch macht. Vielmehr hätte
die gegenseitige Angst, obwohl der Kalte Krieg von Beginn an der zweier
ungleicher Gegner war, zu einer „stillschweigenden Vereinbarung“ geführt, und
somit auch zu einer gewissen Stabilität, zumindest in Europa.
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Was die
Schuldfrage betrifft, so schließt sich Hobsbawm den Vermittlern an, welche die
mutuelle Furcht als entscheidenden Faktor betrachten.
Für ihn hat der
Kalte Krieg die internationale Szene in dreierlei Hinsicht umgestaltet.
Konflikte, die
vor dem Zweiten Weltkrieg tonangebend waren, schienen eliminiert. Die
internationale Lage war eingefroren und die Welt mit Waffen angefüllt. Was
übrig blieb, stand auf wackeligen Beinen und die Gesellschaft vor einer
ungewissen Zukunft.
Der Ton der
darauffolgenden Kapitelüberschrift scheint da schon optimistischer: Die
Goldenen Jahre. Ein weltweites Phänomen, das den Lebensstandard der Menschen
verbesserte und die Wirtschaft boomen ließ.
Hobsbawm
erläutert, weshalb Kapitalismus und Liberalität zu schnellerem Wachstum geführt
haben und verweist auf die Bedeutsamkeit der technologischen Revolution. Neue
Transport- und Kommunikationstechniken machten die Expansion der industrialisierten
Welt rentabel und somit die Globalisierung möglich. Der Autor macht jedoch auch
deutlich, dass diese Stabilität der neu aufgetauchten Wohlfahrtsstaaten nicht
andauern konnte. Er weist auf Fehler im System hin. Produktivität auf Kosten
der Natur. Technisierung auf Kosten von Arbeitsplätzen. Produkte zu
Dumpingpreisen aufgrund von Überschussproduktion auf Kosten der Produzenten in
ärmeren Ländern.
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Im nächsten
Kapitel widmet sich Hobsbawm einem Umbruch ganz anderer Art. Die soziale
Revolution stellt für ihn die größte, dramatischste, schnellste und
universellste Transformation der Menschheitsgeschichte dar. Der Autor zieht
nachvollziehbare Schlüsse vom Untergang des Bauerntums über die Urbanisierung
und neue Anforderungen des Bildungssystems. Er erläutert die politische, wirtschaftliche
und gesellschaftliche Bedeutung einer veränderten Gruppe, der Studenten.
Hobsbawm erklärt anschaulich, wie eine ehemals geeinte Arbeiterschaft aufgrund
der neuen Möglichkeiten mehr und mehr gespalten wird. Er betrachtet eingehend
die neue veränderte Rolle der Frau und zieht eindrucksvolle Zusammenhänge. Ein
kapitalistisches System, welches auf Werten wie Loyalität unter Arbeitern und
der bislang stabilen Institution der Familie aufbaut, steht plötzlich einer
Gesellschaft gegenüber, in der das „wir“ kaum noch existiert.
In enger
Verbindung zur sozialen Revolution steht der kulturelle Umsturz welcher sich in
den sechziger und siebziger Jahren in Form von gesellschaftlicher
Liberalisierung vollzog. Diesem Phänomen widmet sich ein weiterer Abschnitt im
Werk Hobsbawms.
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dieser Gruppe hin und erläutert, wie kulturelle Einflüsse begannen sich zum
ersten mal von unten nach oben durchzusetzen.
Im nächsten
Kapitel wendet sich der Historiker einem Problem zu, das wir trotz der
offensichtlichen Dringlichkeit immer mehr in das Vergessen drängen. Hobsbawm
widmet sich der Dritten Welt. Er erläutert den Teufelskreis von
Postkolonialismus, Globalisierung und demographischer Explosion.
Modernisierung, die nicht im Einklang mit den Wünschen der Bevölkerung steht
und Analphabetismus spielen unter anderem eine große Rolle. Bedauerlicherweise gelingt
es dem Autor in diesem Kapitel nicht immer, seine Ideen verständlich zu Ende zu
führen. Man erhält den Eindruck er möchte mehr Information in Sätze pressen als
möglich und verfolgt keinen eindeutigen Argumentationsstrang.
Im letzten
Abschnitt des Teils „Das Goldene Zeitalter“ bespricht Hobsbawm den „real
existierenden Sozialismus.“ Er behandelt zunächst das sowjetische Kernstück um
dann auf andere kommunistische Staaten Bezug zu nehmen. In seinen Ausführungen
wird deutlich, dass die SU in vielerlei Hinsicht ihr eigenes Grab geschaufelt
hat.
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