„Kinder
brauchen Märchen“
Seminararbeit
Jänner
2008
Einleitung
„Kinder brauchen
Märchen“ von Bruno Bettelheim. Ein Buch, das bei uns im Bücherregal zu finden
war und das ich mit 13, 14 Jahren immer wieder beäugte, aber dann doch zur
Seite legte, war unsere Ausgabe doch in gar so kleinen Lettern gedruckt und
jedes Blatt dieses kleinen Wälzers dichtest beschrieben. Es interessierte mich,
weil ich immer schon Märchen gelesen hatte und es sogar so weit ging, dass mir
meine Oma mit 12 Jahren mein dickes Märchenbuch in der Annahme wegnahm, dass
ich nun schon zu alt für diese Kindergeschichten wäre. Meine märchenlose Zeit
sollte aber nicht lange währen, denn mit 15 machten wir im
Französischunterricht das Märchen vom Petit Chaperon Rouge durch und mein
Französischprofessor bediente sich dabei der Interpretation von Bruno
Bettelheim. Ich kann mich noch erinnern, wie beeindruckt ich von der
Symbolsprache war und wie einleuchtend es mir erschien, Märchen deuten zu
können. Von da an hat mich diese Thematik nicht mehr losgelassen: ich habe
Bettelheims Buch auszugsweise gelesen und bin dann recht bald auf Eugen
Drewermanns Interpretationen und später auf jene von Verena Kast oder Hans
Jellouschek gestoßen.
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Ich möchte in
dieser Arbeit von Bruno Bettelheims Buch „Kinder brauchen Märchen“ ausgehen und
seinen Erklärungen folgen, warum das denn so sei.
Bruno Bettelheim
Bruno Bettelheim
ist wohl der Pädagoge, der den Anstoß dafür geliefert hat, dass Kinder
einen intuitiven Umgang mit Märchen und Mythen haben und sie diesen auch als
frühe Wegweiser für die Bewältigung von Situationen brauchen. Er ist zwar nicht
der erste Therapeut, der Märchen tiefenpsychologisch gedeutet hat, das gab es
seit Freuds Zeiten und der Beschäftigung mit Träumen und bildhafter Sprache,
wie wir sie im Märchen finden, immer wieder.
Doch Bettelheim ist derjenige, der seinen Fokus in aller Deutlichkeit auf die
Kinder gelegt hat und gemeint hat, dass Kinder intuitiv spüren würden, was
Märchen bedeuten könnten und diese Wegweiser zur Selbstfindung sogar bräuchten.
Dass Bettelheim sich so intensiv mit Märchen befasste, hängt wohl mit seinem
eigenen Erleben von Märchen in seiner Kindheit ab. Er sagt, dass sie von
prägender Kraft und starkem Einfluss auf ihn gewesen wären und betont dabei
auch die Bedeutung seiner Mutter als Vorleserin. Wenn Literatur als
zwischenmenschliches Erlebnis erfahren wird, dann kann sich ihre
Bedeutungstiefe noch weiter intensivieren. Wie tief Märchen wirken, hängt also
auch vom erzählerischen Kontext ab. Beim Vorlesen von Märchen wird die
Eltern-Kind-Beziehung gestärkt, sofern das Interesse der Eltern daran ein
echtes ist.
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Milieutherapie geprägt; er verstand darunter die Gestaltung der Umwelt im Sinne
von architektonischen Gegebenheiten, in denen die Kinder lebten, ebenso wie die
Gestaltung von Handlungen und Ereignissen oder auch die Gestaltung von
Beziehungen.
Dabei steht er in einer Traditionslinie, die bei Johann Heinrich Pestalozzi und
seinem Begriff der „Wohnstube“ beginnt und die von seinem Schüler Friedrich
Fröbel mit dem Thema des „pädagogischen Ortes“ weitergeführt wurde.
Auch wenn es Bettelheim ein Anliegen war, mit seiner Orthogenic School bei
Chicago die für das Kind bestmögliche Umgebung zu schaffen, so soll hier nicht
unbemerkt bleiben, dass er an seinen pädagogischen Vorgaben selbst scheiterte
und Kindern auch körperliche Gewalt antat, obwohl er sich selbst ausschließlich
als einfühlsamen Heiler schwer gestörter Kinder darstellte.
Dass sich
allerdings das Thema der symbolischen Ebene bei Bettelheim durchzieht, zeigt
sich an der Orthogenic School selbst. Auch an diesem Gebäudekomplex, das eine
neogriechische Kirche integriert und klosterähnliche Züge hat, erarbeitete
Bettelheim eine symbolische Bedeutungsebene und meinte, dass diese besonders
für psychotische Menschen wichtig sei, weil diese einen noch stärkeren symbolischen
Umweltbezug hätten als „normale“ Menschen.
Doch dass Symbolebenen für Menschen grundlegend von Bedeutung wären, zeigt sich
nicht zuletzt in Bettelheims Buch „Kinder brauchen Märchen“,
das 1976 in den USA unter dem Titel „The Uses of Enchantment“ erschien.
„Kinder brauchen Märchen“ von Bruno
Bettelheim
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solche Möglichkeit Wachstumserfahrungen zu machen, da es zur Auseinandersetzung
mit der eigenen Innenwelt anregt. Märchen sind Erzählungen, die auf bewusster,
vorbewusster und unbewusster Ebene Botschaften vermitteln, die dem Kind dabei
helfen können sein aufkeimendes Ich zu entwickeln.
Man sieht schon, dass diese Begriffe aus der Psychoanalyse kommen und dass
Bettelheim von Freud geprägt war. Den Weg zu den Märchen hätten ihm die Kinder
selbst gezeigt, weil Bettelheim aufgefallen ist, dass Kinder weit mehr Gefallen
an Volksmärchen als an Kindergeschichten finden würden. Offensichtlich würden
im Märchen jene inneren Spannungen, die ein Kind verspürt, so aufgezeigt, dass es
sie symbolhaft verstehen und auch Lösungsansätze finden könne. Je nach Märchen
werden verschiedene Lebensmotive angesprochen. Diese können das Bedürfnis nach
Liebe sein, Angst vor dem Verlassenwerden, das sich Bewährenkönnen auch wenn
man noch klein und schwächer ist oder das Ablösen von den Eltern und vieles
mehr. Fühlt ein Kind sich zu einem bestimmten Märchen hingezogen und will es
dieses immer wieder hören oder lesen, dann spiegelt sich vermutlich in diesem
Märchen eine Problematik wider, die dieses Kind gerade betrifft.
Und nun erfährt es in dem Märchen, dass diese Problematik lösbar ist! Es geht
dabei nicht um die Belehrung über richtige Verhaltensweisen, sondern darum,
über die Schilderung im Märchen das eigene Leben mit seinen eigenen Ressourcen
wahrzunehmen und eine eigene Lösung zu finden.
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sehr wichtig, eigene Entscheidungen treffen zu können. Das drückt sich auf ganz
anderem Gebiet auch in seiner Ambivalenz gegenüber Filmen aus, die zwar zu
großartigen Gefühlen hinreißen würden, aber diese so sehr vorgeben würden, dass
anschließend eher ein Gefühl von Manipulation als von eigener Entscheidung für
das jeweilige Gefühl entstünde.
Da Märchen stets
gut ausgehen, hat das Kind die Gewissheit, dass es für seine Lage auch wirklich
eine Lösung gibt. Wie Furcht erregend und mühevoll der Weg des Helden auch sein
mag, am Schluss kommt es immer zu einer Lösung. Das gibt dem Kind Vertrauen und
Zuversicht ins Leben und vermittelt ihm auch, dass sich diese Haltungen
gegenüber dem Leben lohnen. Auch wenn es zwischendurch Rückschläge gibt, so
zeigt das Märchen, dass man nicht aufgeben darf und darauf vertrauen kann, dass
die Dinge einen glücklichen Ausgang nehmen.
Dass Märchenfiguren
stets polarisierend dargestellt werden und nicht ambivalent wie im wirklichen
Leben, in dem wir wohl kaum auf jemanden stoßen werden, der nur gut oder nur
böse wäre, entspricht nach Bettelheim ganz dem kindlichen Denken, das auch auf
Polarisierung basieren würde.
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